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Gesang und Freude

Nach zwei Tagen hatten sie das Gebirge überwunden, und sie kamen in ein allen unbekanntes Land, das Land, in dem sich die Burg befand, in der wahrscheinlich Sheelanas Waffenbrüder gefangengehalten wurden. Auch auf dieser Seite war tiefer Waldwuchs, es schienen ein wenig mehr Nadelbäume zu wachsen, als auf der anderen Seite, jedoch waren die Unterschiede minimal.

Obwohl sie noch ein paar Stunden im Abendlicht hätten marschieren können, rasteten sie diesmal recht früh. Sie sammelten gemeinsam Holz, stapelten es zu einem Lagerfeuer und setzten sich davor. Obwohl, oder gerade weil ihr Zielpunkt so nahe lag, waren sie alle sehr fröhlich. Vielleicht kam auch dazu, daß sie endlich das Gebirge überwunden hatten.

Als die Dämmerung von der Nacht abgelöst wurde, und die Äste knisternd im Feuer verloderten, stimmte Stargazer mit ihrer klaren, hohen Stimme ein Lied an, das ihr damals ihre Großmutter beigebracht hatte.

Weiden im Wind

Ältester Glaube unserer Ahnen,
längst noch nicht tot, hier spürst du ihn noch.
Grausam und schrecklich, schier unerträglich,
zeigt sich die Nacht im schwarzen Bach.

Weiden im Wind, die Nacht ist erwacht,
fern heult ein Wolf sein Lied in die Nacht.
Asche ist auf die uralten Steine wie weißer Staub
geweht, ja geweht.

Uralte Stätten, machtvolle Steine,
Wesen von so unglaublicher Kraft.
Schlummern schon ewig, nahezu Äonen,
hier in dem Tal des schwarzen Bachs.

Schließet die Fenster, riegelt die Türen,
ist die Versuchung auch noch so groß.
Manch einer ist nie wieder gekommen
ruht in des Todes finsterem Schoß.

Weht von den Feldern, weit in die Ödmark,
frierend macht mich das Sturmbrausen taub.
Weit ist das alte Tor aufgesprungen,
leg dich im Mantel unter das Laub.

Flüsternd die Stimme, fordernd im Schatten,
spricht dir vom Schicksal und auch von Macht.
Wend dich zum Licht, erhelle die Schatten,
leicht umfängt dich die ewige Nacht.

Siehst du den Wächter, spürst du den Drachen,
greift eine kalte Hand an dein Herz.
Donnernd die Stimme ,,laß' ihn erwachen''
führst du das Land durch Leid, Tod und Schmerz.

Während des Liedes saßen alle andächtig um das Feuer herum, und sahen in die Flammen. Nur Moonpaw hatte seine Augen geschlossen. Er ließ seiner Vorstellungskraft freie Bahn. Er hörte den Wolf heulen und spürte den kalten Wind. Als er ein geflüstertes ,,Was ist das?'' hörte, öffnete er die Augen. Er sah verschwommene Schemen, die sich außerhalb des Lichtkreises bewegten. Als ihm klar wurde, daß das die Manifestationen seiner Phantasie waren, ließ er sie schnell und möglichst unauffällig wieder verschwinden.

Am Ende gab es Lob und Beifall für die Sängerin. Sheelana sagte bewegt: ,,Dein Gesang war so überzeugend, daß ich dachte, ich würde alles miterleben. Ich hab' tatsächlich gedacht, uns würden dunkle Gestalten umzingeln.''

Alle pflichteten ihr bei. Nur Moonpaw, der wußte, warum ihr Gesang so überzeugend gewesen war, schwieg und grinste still vor sich hin. Sie saßen noch lange zusammen und erzählten sich Geschichten. Irgendwann, tief in der Nacht übermannte sie dann aber doch der Schlaf.


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