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Tod

Am nächsten Morgen standen sie erfrischt und mit neuer Kraft auf. Fröhlich zogen sie in Richtung der Burg. Jetzt wurde die Angst vor der Konfrontation durch die Vorfreude auf etwas Neues abgelöst. Nur Sheelana, die schon zu viele dieser Momente erlebt hatte, blieb ruhig. Selbst Moonpaw konnte sich trotz seiner Abgeklärtheit nicht einer gewissen freudigen Erwartung entziehen.

Am späten Nachmittag machten sie auf einer Lichtung Halt. Laut Karte mußten sie sich direkt vor der Burg befinden. Die Burg sollte sich auf einem Hügel an einer Steilwand eines alten erloschenen Vulkans befinden. Die dichte Bewaldung verhinderte einen direkten Blick, also wurde Stargazer darum gebeten, sich im Gelände umzusehen.

Moonpaw lehnte sich ein weiteres Mal gegen einen Baum, er wollte sich in ihre Gedanken versetzen, wie er es schon häufiger auf dieser Reise getan hatte. Er konnte vom Gefühl des Fliegens nicht genug bekommen. Wieder stiegen in seinem Geist wirre Farben auf. Ihm schien, als ob er durch ein Meer aus Farben an die Oberfläche kam. Sein Blick klärte sich und er sah durch Stargazers Augen, hörte durch ihre Ohren, fühlte mit ihrer Haut und roch mit ihrer Nase.

Er spürte den Wind auf der Haut und hörte das Rauschen in den Ohren, als sie ihre Kreise zog. Dort, nur noch ein bis zwei Stunden entfernt sah er die Burg. Sie war an den Berg gekauert. Was war das für ein Blitzen, dort unten, direkt in der Nähe der anderen? Moonpaw merkte, wie sie hinabstieß, um sich das näher anzusehen.

Sheelana sah, wie Stargazer eine andere Flugrichtung einschlug, so, als ob sie etwas bemerkt hatte. Noch hatte sie nicht berichtet, was sie gesehen hatte.

Schmerz! Moonpaw fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust, dann nur noch Dunkelheit.

,,STARGAZER!!!'', rief Mor'Arukh, als er sah, wie sie wie ein Stein vom Himmel fiel.

,,Moonpaw!'', rief Sheelana, als sie entdeckte, daß er von Krämpfen geschüttelt am Boden lag.

Mor'Arukh stürmte zu Stargazer, die am anderen Ende der Lichtung abgestürzt war. Sheelanas Blick wanderte zwischen Moonpaw und Stargazer hin und her. Sie konnte sich nicht so recht entscheiden, wohin sie zuerst laufen mußte. Als sie sah, daß sich Moonpaw bewegte, entschied sie sich für Stargazer und schickte Zoahn und Smad auf Wache, damit sie nicht überrascht werden konnten.

Als Sheelana am Körper Stargazer ankam, sah sie, daß jede Hilfe zu spät kam. Ihr Blick war gebrochen, ihr Hals war mehrfach zertrümmert und wackelte bei jeder Bewegung Mor'Arukhs, der sie umklammerte, haltlos hin und her. Ihre Flügel waren zerbrochen und hingen in unmöglichen Winkeln an ihrem Körper herum. Die Ursache ihres Absturzes war ein Pfeil, der direkt in ihr Herz gegangen sein mußte.

Mor'Arukh umklammerte Stargazer und wollte es nicht wahrhaben. Voller Verzweiflung nahm er ihren Hals, und versuchte ihn zu richten. Er sah ihr in die Augen, er sprach mit ihr. Die Tränen rannen ihm in Strömen aus seinem Gesicht. Dann wurde seine Verzweiflung von einer Wut abgelöst, einer tiefen, tödlichen Wut. Mit den Worten, ,,Ihr Eber! Ich werdet das büßen, ich werde euch töten!'', die er kreischend ausstieß, stürmte er davon, nachdem er Stargazer vorsichtig abgesetzt hatte. Sheelana konnte ihm nachrufen, so lange und so laut wie sie konnte, aber er hörte nicht.

Als er weggerannt war, erinnerte sie sich an Moonpaw, dem zur selben Zeit ebenfalls etwas passiert war. Als sie zu ihm zurückkam, sah sie, daß er mittlerweile erwacht war, und entkräftet an einem Baum lehnte.

Er sagte: ,,Sie ist tot.'', es klang mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage.

,,Ja,'', antwortete Sheelana resigniert. ,,es tut mir leid um sie, ich habe sie sehr gemocht. Aber mein Leid ist nichts gegen das Mor'Arukhs. Ich befürchte, er wird eine Dummheit begehen. Aber bitte erklär' mir, was vorhin mit dir los war.''

,,Mich hat ihr Tod erschüttert.''

,,Das war mehr als ein Mitfühlen. Mir kam es so vor, als ob du körperlich gespürt hättest, wie der Pfeil in Stargazers Brust eindrang. Dieses Verhalten kommt mir an dir genauso seltsam vor, wie meine plötzliche Heilung vor ein paar Tagen. Ich denke, im Nachhinein betrachtet, daß meine Verletzungen damals erheblich schwerer gewesen waren, als du später zugegeben hast. Ich stand kurz vor dem Tod und mich konnte nur ein Zauber retten! Bist Du magisch begabt?''

Mit so einer direkten Frage konfrontiert, konnte Moonpaw nicht anders, als die Wahrheit zuzugeben. ,,Ja, ich habe eine gewisse Begabung, aber sie ist nicht besonders ausgeprägt.''

,,Wieso hast du bisher nichts davon erwähnt? Vielleicht hätten wir deine Fähigkeiten sinnvoll für die Gruppe einsetzen können.''

,,Meine Fähigkeiten sind meine Sache.'', antwortete er patzig, und er fügte ruhiger hinzu: ,,Und sie sind auch meine Probleme. Aber du hast mein Wort, daß ich meine Fähigkeiten dann einsetzen werde, wenn ich denke, daß sie der Gruppe etwas nutzen. Aber erhoffe dir keine Wunder, die kann ich nicht vollbringen.''

,,Was kannst du denn vollbringen?''

,,Zu wenig, um Nützlich zu sein, zu viel, um keine Probleme zu bereiten. Ich bitte dich darum, den anderen nichts davon zu erzählen, das würde nur Verwicklungen bringen.''

Mit diesen Worten stand er auf und ging zu Stargazers Leiche. Sheelana lief ihm sprachlos hinterher, sie fing an, sich ein anderes Bild von Moonpaw zu machen, denn ihre bisherige Vorstellung von ihm als harmloser Kräutersammler konnte sie nicht mehr aufrechterhalten.

Später versammelten sich alle um Stargazers Körper herum. Sie vermieden es, ihn direkt anzusehen. Zoahn und Smad bewachten die Gegend, Sheelana betrachtete Moonpaw, der wiederum mit einem leeren Blick den Boden betrachtete.

,,Was sollen wir nun machen?'', fragte Zoahn, ,,Wir können doch nicht die ganze Zeit hier rumsitzen.''

Sheelana antwortet: ,,Wir werden noch bis morgen früh warten. Wenn Mor'Arukh bis dahin nicht zurückkommt, werden wir Stargazer die letzte Ehre erweisen. Wir werden aber heute kein Holz mehr sammeln, diese Gegend ist nicht sicher genug, um alleine in der Dämmerung herumzulaufen.''

Sie legten sich schon relativ früh auf ihre Lager. Die Anwesenheit des toten Körpers direkt in ihrer Nähe förderte noch mehr die Niedergeschlagenheit der Stimmung. Nur wollten sie den Körper nicht ohne Bewachung liegen lassen, damit sich keine Aasfresser daran vergreifen konnten.


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