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Krater

Sie wurden durch das Tor getrieben. Dann schloß es mit einem lauten Knall und sie waren alleine. Vor ihnen erstreckte sich das Kratertal. Ringsherum war es von steilen Hängen umgeben, die unmöglich besteigbar waren. Das Tal selber war grün und dicht bewaldet. Als sie sich noch die Gegend ansahen, raschelte es in einem Gebüsch in der Nähe, und ein Luchs trat daraus hervor.

,,Sheelana, was machst du denn hier?'', rief er.

,,Brock! Ich bin hier, um dich zu retten!'', sprach sie aus. Dabei machte sie einen Schritt in Richtung Brocks und wäre zusammengesackt, wenn er sie nicht gestützt hätte.

,,Wer rettet hier wen?'', entgegnete Brock. ,,Kommt, ich führe euch in unser Lager, dann könnt ihr erzählen, wie es euch hierher verschlagen hat. Übrigens, auch Durack erfreut sich bester Gesundheit. Er wird sich freuen, dich zu sehen.''

Während sie in das Lager zogen, schilderte er Sheelana, Zoahn und Moonpaw die Situation. Im Talkessel befanden sich zur Zeit mit ihnen fast dreissig Gefangene. Alle waren sie von verschiedenen Auftraggebern hierher geschickt worden, um den Diamanten zu stehlen.

Einige waren gefangen genommen worden, als sie sich noch in ihrer Heimat befunden hatten, andere waren auf der Reise entführt worden. Ganz wenige waren bis zur Burg gelangt. Noch niemand hatte es bis jetzt allerdings geschafft, in das Innere der Burg zu gelangen.

Das Lager bestand aus einigen grob gezimmerten Holzhütten. Da die Eber ihnen keine Werkzeuge zur Verfügung stellten, hatten sie sich alles selber herstellen müssen. Die Wände der Hütten bestanden aus Baumstämmen, die Fugen waren mit Lehm verschmiert. Hölzerne Zapfen sorgten für Stabilität. In der Mitte des Lagers befand sich eine große Feuerstelle, um die sich die verschiedensten Wesen versammelt hatten, um ihr Morgenmahl zu sich zu nehmen.

Dort saßen Luchse, Füchse, Wölfe, Panther und Leoparden, eine Zebrafrau, ein Eber, sowie ein Bär. Der Bär stand auf, er war eine stattliche Erscheinung, überragte die anderen um Kopfeslänge und war recht massiv. Dabei bewegte er sich geschmeidig und elegant.

,,Sheelana! Was für eine Überraschung! Was machst du hier? Wolltest du uns befreien?''

,,Hallo Durack. Ich sehe, daß es dir den Umständen entsprechend gut geht. Bitte laß mich hinsetzen, ich fühle mich schwach.''

Die Gruppe nahm um das Feuer herum Platz. Sie wurden sofort von den anderen begrüßt und mußten ihre Geschichte erzählen. Brock verabschiedete sich vorzeitig, er mußte wieder zurück, um seinen Wachposten am Tor zu besetzen.

Als sie erzählten, daß sie es bis in die Burg geschafft hatten, lachte der Eber auf. ,,Hah, da haben meine Ex-Gefährten endlich mal einen Dämpfer bekommen, das geschieht ihnen recht!''

Zoahn schaute ihn an, und fragte: ,,Weshalb bist du hier, warst du auch hinter dem Diamanten her?''

,,Nein, ich habe nie vorgehabt, den Diamanten zu stehlen, da ich weiß was er verhindert. Ich gehörte zu einer Patrouille, die Abenteurer aufstöbern sollte. Nun, wir teilten unsere Gruppe auf, um den Wald zu durchkämmen. Ich hörte eine Geräusch vor mir, und da trat sie hervor, meine Lana.'' Mit diesen Worten umarmte er eine Zebrafrau, die neben ihm saß. ,,Ich brachte es nicht fertig, sie anzugreifen, geschweige denn, den anderen Bescheid zu geben. So saßen wir dort auf dem Waldboden, und ich erzählte ihr die Bedeutung dieses Amuletts für unser Leben. Sie sah es ein, deswegen wollte ich sie freilassen, dann trat unser Anführer aus einem Gebüsch. Er hatte die letzten Sätze unseres Gespräches mitbekommen.

Ich wurde zusammen mit Lana gefangengenommen, und hier eingesperrt. Das war jetzt vor zwei Jahren, seitdem versuchen wir, von hier zu fliehen.''

,,Aber wie?'', fragte Moonpaw, ,,Der Eingang ist stark bewacht, die Hänge sind unbezwingbar. Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?''

Durack beantwortete die Frage. ,,Dadurch, daß sie Unmar mit uns einsperrten,'' bei diesen Worten zeigte er auf den Ebermann, ,,begangen sie einen Fehler. Er kennt nicht nur die Gegend, sondern auch die Burggänge. Außerdem hat er Geschichten über alte Geheimgänge gehört, die aus diesem Krater herausführen sollen. Nun, meine Kameraden machten sich auf die Suche, und wurden schließlich nahe des Eingangs fündig.

Dort befindet sich eine Stelle im Felsen, an der das Wasser beim Regen nicht liegenblieb, sondern recht schnell versickerte. Als sie die ersten Felsen wegräumten, sahen sie, daß es sich um einen alten Gang handelte, der eingestürzt war. Seit nunmehr einem Jahr sind wir damit beschäftigt, ihn wieder passierbar zu machen.''

,,Entspannt euch für ein paar Tage, danach könnt ihr mitarbeiten, denn wir können immer helfende Hände gebrauchen.'', sprach Unmar.

Kurze Zeit später verließ ein Großteil von ihnen das Lager. Die einen gingen zum Eingang, um die tägliche Lieferung abzuholen. Einige sorgten für Obst und Gemüse, das sie selbst zogen. Andere blieben im Lager und sahen hier nach dem Rechten. Durack blieb bei ihnen, und sorgte dafür, daß es ihnen gut erging. Er besorgte Decken, die drei zogen sich daraufhin in eine der Hütten zurück, kuschelten sich ein, und waren wenig später übermüdet eingeschlafen. Vorher hatte Moonpaw noch einen weiteren Heilzauber über Sheelana gesprochen, damit sie schneller zu Kräften kam.

Am frühen Nachmittag wachten sie auf. Moonpaw kümmerte sich bereits wieder um Sheelana, die diese Behandlung sichtlich genoß. Zoahn schaute aufmerksam zu. Am Ende fragte er: ,,Warum hast du uns nie von deinen Kräften erzählt?''

Gemeinsame Erlebnisse schmieden zusammen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er keine Scheu, seine geheimsten Ängste und Nöte jemandem mitzuteilen. ,,Ich bin ein Einzelgänger. Nicht nur, weil ich das Alleinsein vorziehe, sondern auch, weil ich so niemanden verletzen kann. Ihr habt gesehen, zu was ich fähig bin. Ich kann zwischen zwei Formen wechseln, dem wilden Vierbeiner und dem nachdenklichen Zweibeiner. Als Vierbeiner tobe ich meine angestauten Emotionen aus, die ich als Zweibeiner nur unbefriedigend ausleben kann. Gleichzeitig mit meiner körperlichen Fähigkeit des Wechselns in einen Vierbeiner, habe ich auch teilweise die animalischen Instinkte eines wilden Tieres geerbt, die immer wieder ausbrechen, zum Beispiel, wenn ich enorme Angst oder Wut empfinde.

Was dann passiert, nun ja, ihr habt mitbekommen, was aus den Angreifern wurde, die Sheelana verletzt hatten. Ich hatte das nicht vorgehabt, und das ist mein Problem. Bitte mißversteht mich nicht, ich hasse meine andere Seite nicht. Sie gibt mir Möglichkeiten, die ich ohne sie nicht hätte. Ich spüre, ich fühle und rieche die Natur viel direkter, als dies als Zweibeiner möglich wäre. Ich genieße es, in der Nacht den Mondschein auf meinem Fell zu spüren, ratet mal, wie ich zu diesem Namen gekommen bin? Ich hoffe, daß ihr mich so akzeptieren könnt, wie ich nun einmal bin.'' Damit beendete er seinen Vortrag.

,,Ich akzeptiere - und liebe - dich so, wie du bist.'' Mit diesen Worten umarmte ihn Sheelana, und gab dem völlig verdutzten Moonpaw einen langen, tiefen Kuß direkt auf den Mund. Er konnte sein Glück nicht fassen.

Danach lehnte er, etwas abwesend, an der Hüttenwand. Seine einzige, vorsichtige Frage war: ,,Ich dachte, du liebst Zoahn?''

,,Dummerchen. Ich mag Zoahn, das stimmt. Ich mag ihn als Gefährten, als Freund, als Kameraden, aber, obwohl er verlockend aussieht,'', mit diesen Worten musterte sie Zoahn mit einem Blick, der ihn verschämt zur Seite blicken ließ, ,,ziehe ich dich als Liebhaber vor. Ich mußte mir erst über meine Gefühle im Klaren sein, aber jetzt bin ich mir sicher.''

Am nächsten Tag fingen sie an, für die Gemeinschaft zu arbeiten. Zoahn half am Geheimgang mit, er reihte sich die Kette derer ein, die die Steine aus dem Loch hinaustrugen, und an einem unauffälligen Ort deponierten.

Sheelana und Moonpaw halfen bei der Landwirtschaft. Da erwartet wurde, daß bald der Geheimgang freiliegen würde, waren alle Kräfte abgezogen worden, die nicht unbedingt woanders erforderlich waren. So halfen die beiden zum Beispiel bei der Apfelernte. Aber anstatt eine Leiter zu benutzen, hielt Moonpaw Sheelana viel lieber an ihrer Hüfte hoch, so hatten sie mehr Spaß.

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Zwar war die Arbeit hart, und sie fielen Abends in einen tiefen Schlaf, jedoch genossen sie es, zusammen zu sein. Sie lernten sich in dieser Zeit genauer kennen. Sheelana erzählte ihm Dinge aus ihrer Vergangenheit, die sie lange für sich selber bewahrt hatte. Er wiederum offenbarte ihr alle seine Sorgen und Ängste. Und immer wieder zogen sie sich in den Pausen zurück, um sich zu lieben.

Dann, eines Tages, Sheelana und Moonpaw waren gerade auf dem Feld bei der Kartoffelernte, da kam Zoahn angerannt. Schon von weitem konnten sie sehen, daß er aufgeregt mit den Armen winkte. Sie ließen alles fallen, und liefen ihm entgegen.

Als sie ihn erreichten, waren sie alle außer Atem, so schnell waren sie gerannt. Zwischen zwei Atemzügen, stieß Zoahn aus: ,,Wir sind durch!''

Sie stürmten sofort zum Gang. Dort standen alle am Eingang herum. Man konnte in ihren Gesichtern gleichzeitig den Stolz, als auch ihre Erschöpfung sehen. Sie hatten in den letzten Wochen buchstäblich die Nächte durchgearbeitet, damit sie noch vor dem Winter fertig würden. Brock kam Sheelana entgegen, und nahm ihre Hand.

,,Wir haben es geschafft! Vorhin, wir hatten gerade wieder große Brocken abtransportieren müssen, da brach die Wand vor uns zusammen. Dahinter offenbarte sich uns eine große Höhle. Am anderen Ende setzt sich der Gang fort. Ich wollte auf dich warten, damit wir beide den Rest des Weges erkunden können.''

Sie rüsteten sich mit Fackeln aus, und nahmen zwei Stöcke mit, die sie gegebenenfalls als Waffe gebrauchen wollten, dann rückten sie in den Gang vor. Sheelana hatte jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, sich den Fluchtweg von innen anzusehen. Meistens war er so breit, daß zwei Leute sich passieren konnten. An einigen Stellen wurde es jedoch recht eng. Sie fragte sich, wie Durack dort durchpassen würde, und stellte diese Frage auch gleich Brock, der nur schmunzelnd meinte, sie würden ihn wie einen Korken aus der Flasche ziehen, falls er sich verklemmen sollte.

An einigen Stellen hielten nur grob gezimmerte Planken die Steinmassen davon ab, sie zu begraben. Sheelana hatte kein rechtes Vertrauen in diese Konstruktionen, und beeilte sich, an diesen Stellen vorbei zu gelangen. Dann kamen sie in die Höhle. Von jetzt an war der Gang Neuland für beide. Es konnte durchaus sein, daß er blind endete, es konnte sein, daß vor ihnen ein weiterer Einbruch lag.

Der Weg war eng und feucht. An einigen Stellen floß das Wasser direkt von den Wänden, und bildete schmierige, glitschige Flächen zu ihren Füßen. Dann machte der Gang eine scharfe Rechtskurve, und Sheelana konnte einen erstaunten Aufschrei nicht unterdrücken.

Sie waren an eine Weggabelung. Ein Teil setzte sich nach links fort, ein weiterer nach rechts. Sheelana erkannte sofort die Kreuzung. Als sie sich in die Burg geschlichen hatten, hatten sie diesen Gang benutzt. Sie erklärte Brock die Situation, dann setzten sie ihre Erkundung fort.

Nach einer kurzen Zeit erreichten sie den Ausgang. Sie spähten vorsichtig über den Rand. Sheelana erkannte die Stelle, an der sie ihren Angriff begonnen hatten. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, und davon gerannt, aber sie mußte an die anderen denken, besonders an Moonpaw. Wenig später traten sie die Rückkehr an.

Als sie wieder aus dem Tunnel traten, dämmerte bereits der Abend. Aber obwohl sie über zwei Stunden unterwegs gewesen waren, hatte keiner den Platz verlassen, es warteten immer noch alle auf ihre Ankunft.

Unmar rief ungeduldig, kaum das Brocks Kopf sichtbar wurde: ,,Was ist? Was habt ihr entdeckt?''

,,Wir sind wirklich durch! Der Weg ist passierbar, nur Durack muß wohl gelegentlich seinen Bauch einziehen. Er endet genau an der Stelle, an der unsere Neuankömmlinge in die Burg eingedrungen sind. Wir könnten sofort aufbrechen!''

,,Nur mit der Ruhe! Wir haben jetzt so lange gewartet, einige von uns fast drei Jahre, dann kann ein einziger weiterer Tag nicht die Welt bedeuten. Wir werden heute Abend ein Abschiedsfest geben, dann werden wir morgen in Ruhe unsere Sachen packen, und im Laufe der folgenden Nacht den Weg in die Freiheit antreten.''

Gesagt, getan. Sie zogen gemeinsam in ihr Lager, und bereiteten alles für ein Fest vor. Spieße wurden aufgebaut, an denen sie Fleisch grillten. Dazu gab es Schmorfrüchte, und als besondere Spezialität tranken sie Wein und Met, den sie selbst hergestellt hatten, um ihn bei besonderen Ereignissen zu trinken.

Sie saßen gemeinsam um das Feuer herum und hatten viel Spaß. Aber diese Feier war nicht nur von Freude geprägt. Auch Trauer und Kummer spielten eine Rolle.

Langjährige Freundschaften würden zerbrechen, außerdem gedachten sie der Toten, die niemals mehr nach Hause zurückkehren würden.

Zum Gedenken an die vielen Toten, stimmte Sheelana das Lied an, das Stargazer damals, am Vorabend ihres Todes, voller Freude den anderen vorgetragen hatte. Moonpaw hatte sich am nächsten Tag von Stargazer den Text diktieren lassen. Nun nahm Sheelana das Blatt Papier in die Hand, las es sich im Geiste vor, summte die Melodie, und fing schließlich an zu singen.

Ihr Gesang klang bei weitem nicht so sanft und so lieblich, aber er bewirkte, daß am Ende des Liedes den meisten die Tränen in den Augen standen. Damit beendeten sie den Abend und legten sich ein letztes Mal auf ihre Schlafstätten in ihren Hütten.

Der nächste Morgen begann spät. Da sie erst in der Nacht losmarschieren konnten, mußten sie Kräfte sparen. Also standen sie in Ruhe auf, später genossen sie ein Frühstück, bei dem sie ein einziges Mal keine Rücksicht auf ihre Vorräte nehmen mußten.

Später packten sie in Ruhe ihre Bündel mit Lebensmitteln, Waffen, Decken und zusätzlicher Kleidung. Viele wanderten noch ein letztes Mal durch den Krater und sagten geliebten Stellen 'auf Wiedersehen'. Es verband sie mehr mit diesem Ort, als sie zugeben wollten. Dadurch, daß die Eber ihnen absolute Handlungsfreiheit gelassen hatten, war dieser Ort eher eine Heimat als ein Gefängnis gewesen. Einzig das Gefühl der fehlenden Freiheit ließ sich nicht unterdrücken, und hatte letztendlich den Anstoß zu den Fluchtgedanken gegeben.


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icarus@dabo.de