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Kennenlernen

Die Bestie schlich durch die Savanne, sie war auf der Jagd. Immer wieder duckte sie sich zwischen das Gras, damit das Opfer nichts bemerkte. Immer näher schlich sie, immer näher. Das Zebra hatte immer noch keine Witterung des Feindes aufgenommen, also konnte sich der weiße Tiger noch weiter nähern. Als er fast auf Sprungweite heran war, spitzte das Zebra die Ohren, erkannte den Feind und wollte sich durch schnelle Sprünge in Sicherheit bringen.

Doch der Tiger war schneller. Er spannte seine Muskeln bis an ihre Grenze an, seine Sehnen traten hervor, und er sprang. Dieser Sprung brachte ihn so nah an das Zebra heran, daß er in der nächsten Sekunde seine langen Fänge tief in die Seite des Zebra grub. Blut spritze, doch noch war das Opfer nicht besiegt.

Mit der schier unmöglichen Kraft der Verzweiflung riß sich das Zebra los und floh. Doch die Wunde hinderte es daran, seine volle Geschwindigkeit zu erreichen, der Tiger hatte keine Mühe, ihm zu folgen. Ein weiteres Mal grub er seine Fänge in die Seite des Zebras, ein weiteres Mal floß Blut. Es versuchte noch, sich mit Bissen seines Jägers zu entledigen, doch seine Reaktionen wurden schon merklich schwächer. Dann beendete der Tiger die Leiden des Zebras durch einen tiefen Biß in den Hals seines Opfers.

Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, trottete der Tiger entspannt in Richtung des Mondsees am Mondfluß. Als das Wasser in Sichtweite geriet, beschleunigte er und wechselte seine Gangart. Je näher er kam, desto schneller wurde er. Schließlich, als er das Ufer erreichte, machte er einen langen Satz und landete mit einem Bauchklatscher mitten im See.

Im See tollte er dann herum, tauchte ab, tauchte wieder auf, schwamm hin und her und schwamm schließlich wieder ans Ufer. Nach einigen Minuten klettere er die Uferböschung herauf, kontrollierte sich, ob er sauber geworden war und schüttelte das Wasser von sich ab.

Befriedigt, denn nun hatte er gegessen, getrunken und sich gewaschen, trottete er in Richtung seiner Höhle. Als er schon fast am Eingang war, nahm er die Witterung von etwas Verletztem auf. Neugierig geworden, suchte er nach der Quelle. Da, nur etwa zehn Meter entfernt, aber verdeckt durch das tiefe Gras, lag etwas Schwarzes. Als er näher angekommen war, hatte er die Gelegenheit, sich das ,,Etwas'' näher anzusehen. Es war ein Panther, genauer gesagt eine Pantherfrau, noch genauer gesagt ein Zweibeiner. Hätte es sich um ein normales Tier gehandelt, wäre er wahrscheinlich in seine Höhle getrottet, so aber packte ihn sein Mitgefühl, das er schon fast wieder verteufelte. Mein Mitleid wird mir irgendwann noch mal zum Verhängnis werden, dachte er, tat einen langen Seufzer, stellte sich auf seine Hinterbeine, formte seine Klauen zu Händen und wurde ein Zweibeiner.

Moonpaw nahm die Pantherfrau auf seine Arme, und trug sie in seine Höhle. Dort angekommen, legte er sie auf sein Bett, entkleidete sie, sie trug nichts außer einem Leder-BH, einem Lederrock und einem Waffengurt, und betrachtete sie sich genauer.

Sie war etwa so groß wie er als Zweibeiner, ihr Fell war tiefschwarz. Ihr Körperbau verriet, daß sie es gewohnt war, sich durchzuschlagen. Ihre Muskeln waren ausgeprägt, die Sehnen traten teilweise hervor, sie schien kein Gramm Fett am Körper zu tragen. Trotz allem sah sie äußerst feminin und anziehend aus. Der Grund ihrer Verletzung war recht offensichtlich. Sie hatte Schnitt- und Beißwunden am gesamten Körper davongetragen und dadurch recht viel Blut verloren. Ihr Atem ging flach und sie schien in einer tiefen Bewußtlosigkeit zu schweben.

Moonpaw ging in die Nachbarhöhle, und kam mit einem feuchtem Tuch und einer Ledertasche wieder. Mit dem Tuch reinigte er die Wunden von grobem Dreck, dann öffnete er seine Tasche und nahm einen Beutel heraus, in dem sich Kräuter befanden. Diese Kräuter zerstäubte er und legte sie der Pantherfrau auf die Wunden. Diese ganzen Maßnahmen waren zwar hilfreich, doch war es trotzdem fraglich, ob sie den Blutverlust überleben würde, also kniete er sich vor sie hin und ließ seine Hände flach über ihre Wunden kreisen. Dabei murmelte er unverständliche Phrasen vor sich hin, es schien sich eine Art bläuliche Aura um seine Hände herum zu bilden, die wie ein Blitz von ihm zu seinem Patienten übersprang. Nachdem er dies einige Minuten durchgeführt hatte, ließ er sich einfach auf den Boden sinken und schlief erschöpft ein.

Die nächsten Tage war die Pantherfrau immer noch bewußtlos. In dieser Zeit kontrollierte Moonpaw immer wieder die Wunden, die sich durch seine Unterstützung erheblich schneller schlossen, als dies normal möglich gewesen wäre.

Am dritten Tag waren die Wunden geschlossen, es blieben nur noch die Narben, die von harten Kämpfen vergangener Zeiten zeugten. Am Morgen des vierten Tages fing sie an, sich zu bewegen. Moonpaw war gerade im Nachbarraum, als sie erwachte.

Wie, wo, was ist los? Wo bin ich? Ist das der Himmel? Ich sollte zuerst einmal die Augen öffnen. Nein, das ist nicht der Himmel, oder der Himmel sieht aus wie eine Wohnhöhle. Meine Wunden! Wo sind sie? Sie sind weg! Wie lange habe ich geschlafen? Wer hat mich gerettet? Was ist bloß passiert? Ja, richtig, der Überfall. Ich hab' schon gedacht, es wäre mit mir aus.

Ah, jetzt kommt ja mein Gastgeber herein. Er ist ein weißer Tiger mit einem schönen Muster. Nun ja, er hat zwar nicht die ausgeprägte Figur wie wir Söldner, aber er ist auch nicht gerade untrainiert. Alles in allem sieht er gar nicht mal so schlecht aus.

,,Hallo, ich bin Moonpaw, wie heißt du und wie geht es dir heute?''

,,Ich bin Sheelana. Ich fühle mich etwas schwach, aber ansonsten geht es mir erstaunlich. Wie lange habe ich hier gelegen?''

,,Nur ein paar Tage, nicht lange.''

Verwunderung entstand auf ihrem Gesicht. ,,Ein paar Tage? Bei meinen Verletzungen hätte ich ein paar Wochen hier liegen müssen!''

,,So schlimm waren die Verletzungen nun auch wieder nicht. Du hattest etwas Blut verloren, deswegen bist du auch noch etwas schwach, aber mit den richtigen Kräutern und der richtigen Nahrung habe ich dich wieder aufgepäppelt.''

,,Ich danke dir dafür, aber jetzt muß ich weiter. Brock und Durack, zwei Kampfgefährten sind verschollen, und in Sasur gibt es jemanden, der mir dazu weitere Informationen geben wollte.''

,,Kampfgefährten? Bist du Söldnerin? Verzeih' mir meine Neugier, aber was ist überhaupt genau mit dir passiert?''

,,Ja, ich bin Söldnerin. Ich bin im Wald überfallen worden, ich schäme mich immer noch dafür, es hätte nicht passieren dürfen. Ich hatte die Eber einfach nicht kommen hören, sie hatten sich zu gut im Unterholz versteckt. Auf einmal waren sie vor mir, hinter mir, neben mir und über mir. Ich konnte noch mein Schwert ziehen. Ich habe ein paar von ihnen zu ihren Ahnen geschickt. Aber die Übermacht war einfach zu groß. Zuerst steckte ich Messerstiche ein, später Bisse und Tritte. Mich wundert nur eins. Zuerst habe ich gedacht, sie wollten mich nur gefangennehmen, nur als ich den Ersten getötet hatte, da griffen sie mich an wie wilde Tiere, die sie aufgrund ihrer Kleidung und Ausrüstung aber nicht waren.

Irgendwie muß ich es dann geschafft haben, der Meute zu entkommen. Nach einer kurzen Flucht habe mich dann unter einen Busch gelegt. Zum Glück war der Geruchssinn der Jungs genauso wenig ausgeprägt wie deren Intelligenz, sonst hätten sie mich sofort gefunden. Auf alle Fälle habe ich mich danach einfach nur noch davon geschleppt, bis ich kurz vor einem Felsen zusammengebrochen bin. Ich hab' wirklich gedacht, jetzt wäre es aus mit mir. Sie wollten mich anscheinend entführen, aber auf alle Fälle wollten sie mich nicht berauben.

Aber genug davon, jetzt bin ich an der Reihe, neugierig zu sein. Wenn ich das, was ich erkenne richtig deute, dann bist du ein Kräuterkundiger?''

,,So in etwa. Ich lebe hier ziemlich zurückgezogen. Nur gelegentlich gehe ich in die Stadt, um Lebensmittel und Gewürze zu kaufen, die ich hier nicht bekommen kann.''

,,Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mir den Weg nach Sasur zeigen könntest, denn ich kenne mich hier nicht aus.''

,,Ich werde sogar noch etwas weiter gehen, ich werde dich mit in die Stadt begleiten, damit ich sicher bin, daß es dir jetzt wieder gutgeht, außerdem ist mal wieder ein Einkauf fällig, ich wollte sowieso die nächsten Tage los.''

,,Einverstanden! Laß' uns gleich losgehen, nachdem ich mich angezogen habe.''

Moonpaw ärgerte sich. Wie konnte er so blöd sein, dieses Angebot gemacht zu haben? Hätte er ihr den Weg einfach nur gezeigt, hätte er wieder seine Ruhe gehabt, so aber ahnte er schon, daß das Ganze nicht ohne Komplikationen enden konnte. War ihre sexuelle Anziehungskraft so hoch, daß seine Vernunft davon ausgeschaltet wurde?

Er konnte sie davon überzeugen, sich noch etwas auszuruhen, bis sie losziehen würden. In der Zeit, in der sie sich ausruhte, machte er sich auf die Suche nach den von ihr verlorenen Sachen, dem Zweihänder und ihrem Rucksack. Dank ihrer detaillierten Beschreibung und dank seiner Ortskenntnis sowie seines guten Geruchssinns konnte er die Sachen recht schnell finden.

Der Zweihänder sah zwar etwas plump aus, verfehlte jedoch sicherlich seine Wirkung nicht. Die Klinge war recht scharf geschliffen, was zwar die Gefahr von Scharten erhöhte, jedoch auch die Wirkung bei Körpertreffern erhöhte. Auf dem Weg zu der Fundstelle hin war er als Vierbeiner gelaufen, zurück mußte er sich wegen der Last auf zwei Beinen fortbewegen.

Als er in seiner Höhle angekommen war, fragte er sich verzweifelt, über wieviel Kraft Sheelana denn wohl verfügen würde, denn die Sachen waren wirklich schwer.

,,Da bist du ja schon wieder,'' begrüßte Sheelana den Ankömmling, ,,ich war mir nicht sicher, ob du die Sachen wirklich finden würdest, sie waren doch bestimmt gut versteckt, oder?''

,,Die Suche war wirklich kein Problem. Die Sachen lagen genau da, wo du sie beschrieben hattest. Deine Gegner haben sich anscheinend nicht besonders dafür interessiert. Laß' uns jetzt essen und uns früh ins Bett legen, der Weg in die Stadt wird etwa zwei Tage dauern.''

,,Was gibt es denn leckeres zu essen?''

,,Ich habe heute morgen eine Kräutersuppe vorbereitet, sie ist nahrhaft und schmeckt.''

Sheelana riß die Augen auf. ,,Kräutersuppe? Ich bin Fleischfresser, ich brauche Fleisch! Ißt du nie Fleisch?''

,,Doch natürlich, nur versuche ich, das Leben von Tieren zu schonen, und sie nur dann zu jagen, wenn es keine Alternativen gibt, beziehungsweise mein Appetit auf Fleisch einfach zu groß wird.''

,,Du kannst meinetwegen deine Suppe essen, ich mache mich auf die Jagd, vielleicht finde ich ja noch etwas. Darf ich deinen Bogen benutzen?''

,,Du darfst. Ich habe ihn allerdings lange nicht mehr benutzt, möglicherweise mußt du ihn mit einer neuen Sehne spannen.''

,,Schon geschehen. Ich habe auch das Holz neu eingeölt und die besten Pfeile herausgesucht. Wie lange hast du diesen Bogen nicht mehr benutzt? Er ist viel zu schade, um nur in der Ecke zu stehen. Wir werden morgen den Bogen mitnehmen, vielleicht können wir dann auf dem Weg etwas jagen.''

Mit diesen Worten ging sie in den Nachbarraum, holte den Bogen und den Köcher und nahm aus ihrem Rucksack ein Jagdmesser heraus. Dann ging sie zur Tür heraus und kam eine halbe Stunde später mit zwei Hasen wieder. Nachdem sie die Hasen gegrillt und verspeist hatten, legten sich die beiden schlafen. Sheelana legte sich widerstrebend ins Bett, weil Moonpaw darauf bestand, daß sie sich noch ausruhen sollte, während er sich davor auf den Boden legte.

Am nächsten Morgen ging es früh los. Sheelana nahm ihre Waffe sowie ihren Rucksack mit, Moonpaw trug seine Taschen mit seiner Ausrüstung sowie den Bogen, auf den Sheelana bestanden hatte.

Die Reise verlief recht unspektakulär. Moonpaw verspürte immer mehr Sympathie für dieses anmutige Geschöpf, während sie auf Distanz blieb. Er versuchte sich zwischendrin im Umgang mit dem Bogen, den er schon seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Die ersten Schüsse waren noch recht ungenau und schwach, nach einigem Üben hatte er aber wieder seine alte Genauigkeit wiedererlangt. Wieviel Jahre war es jetzt schon her, daß er den Bogen nicht mehr in die Hand genommen hatte? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Irgendwann hatte er entdeckt, daß es einfacher war, die Beute als Vierbeiner zu jagen, außerdem war es immer immer wieder eine willkommene Gelegenheit, um sich abzureagieren. Manchmal hatte er allerdings auch Angst vor seinem animalischen Erbe, das immer wieder hervorbrach und versuchte, Kontrolle über ihn zu erlangen.

Sheelana beobachtete die Schießversuche mit einem Schmunzeln im Gesicht. Sie hielt Moonpaw für einen zwar recht ansehnlichen und interessanten aber definitiv verweichlichten Mann.

,,Mit wem willst du dich denn eigentlich in Sasur treffen? Das hast du noch gar nicht verraten'', fragte Moonpaw irgendwann.

,,Mein Kontakt ist ein Händler mit dem Namen Marick, kennst du ihn?''

Moonpaw verzog das Gesicht. ,,Und ob ich den kenne! Wenn man ihm zur Begrüßung die Hand gibt, sollte man darauf achten, ob man danach noch alle Finger hat. Er ist ein gerissener Fuchs. Aber er ist ein Geschäftsmann. Solange man vorsichtig ist, kann man mit ihm auch Geschäfte machen. Was genau ist denn deinen Freunden passiert?''

,,Das mit Marick klingt ja nicht gerade vertrauenerweckend! Meine Freunde haben wohl irgendeinen Auftrag für ihn durchgeführt, von dem sie nicht mehr zurückgekommen sind. Um was für einen Auftrag es sich handelt, und wo sie ihn erfüllt haben, das weiß ich noch nicht, das wird er mir hoffentlich verraten.''


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