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Entführung

Als ich wieder erwachte, dröhnte mein Schädel. Wo waren wir, was hatten die Unholde mit uns gemacht? Wieso schwankte alles? Als ich meine Augen langsam öffnete, erkannte ich, daß ich auf einem Pferdekarren lag, der einen holprigen Weg entlang fuhr. Der Pferdekarren war vergittert. Zusammen mit mir lagen noch Sheelana und Mor'Arukh mit im Wagen. Vor uns fuhr ein weiterer Wagen, in dem ich Zoahn, Smad und Stargazer erkennen konnte. Die Karren wurden von jeweils zwei Pferden gezogen, auf jedem Kutschbock saß einer dieser wohlbekannten Eber.

Mor'Arukh war bereits erwacht und schaute sehnsüchtig zum anderen Wagen, in dem Stargazer noch besinnungslos lag. In diesem Moment schien auch Sheelana zu erwachen, sie war sofort wach.

,,Wie konnte das passieren? Bin ich zu alt für diesen Beruf? Wie konnte ich in so einen Hinterhalt gelangen?''

Jedes Wort, das sie so lautstark ausrief, dröhnte in meinen Ohren. ,,Bitte sprich' nicht so laut! Ich habe derbe Kopfschmerzen'', brachte ich mühsam zwischen meinen Lippen hervor.

,,Ja, schon gut. Aber man darf sich doch noch aufregen dürfen, oder? Wo sind wir überhaupt?''

,,Das weiß ich auch nicht, wir scheinen aber schon länger unterwegs zu sein, die Sonne neigt sich schon wieder dem Abend zu. Ich habe Durst.''

,,Ich auch. Hey Kutscher! Gib' uns Wasser!'', rief sie dem Eber zu.

Das drehte sich um und antwortete ruhig: ,,Keine Angst, ihr werdet nicht verdursten. Wenn die Sonne untergeht, rasten wir. Dann gebe ich euch etwas zu trinken.''

,,Ich habe jetzt Durst!'', antwortet Sheelana wütend.

,,Wenn du so störrisch bleibst, kann ich dir auch einfach gar kein Wasser geben. Du hast die Wahl.''

Ich merkte, wie sich Sheelana schon anspannte, sie war wirklich wütend. Ich sah ein, daß hier eine Konfrontation gar nichts brachte. ,,Warte, im Moment ist er der Stärkere. Schone deine Kräfte, wer weiß, wozu wir sie brauchen werden.'' In dem Augenblick sah ich, wie sich Zoahn im Nachbarwagen zu regen begann, auch Smad schien zu erwachen. Die einzige, die noch bewußtlos war, war Stargazer. Solange sie nicht aufwachte, war auch mit Mor'Arukh kein vernünftiges Wort zu wechseln.

,,Hey, wie lange seit ihr schon wach?'', rief Zoahn vom Nachbarwagen herüber.

,,Seit ein paar Minuten.'', rief Sheelana zurück. Immer noch dröhnte jedes Wort wie eine Glocke in meinen Ohren.

,,Smad ist auch schon wach, nur Stargazer ist noch bewußtlos. Du kannst Mor'Arukh aber beruhigen. Sie atmet tief und fest, sie wurde wohl nur etwas fester getroffen.''

,,Das wird ihn freuen. Was glaubst du, haben diese Eber mit uns vor?''

,,Hey Schampa, kannst du diesen Schreihälsen mal den Hals stopfen? Sind sie Gefangene oder Gäste?'', rief das rechts laufende Pferd des vorderen Wagens aus.

,,Ja, du hast Recht. Wenn ihr nicht das Maul haltet, bekommt ihr nichts zu essen und zu trinken! Also haltet jetzt den Mund!''

Da saßen wir also, zur Stille verdammt. Als ich mich weiter umsah, entdeckte ich, daß neben dem Kutschbock, aber unerreichbar für uns, unsere Sachen lagen. Aus einem Beutel lugte mein Bogen hervor. Auf dem anderen Wagen lagen anscheinend die anderen Sachen. Die Eber hatten alles mitgenommen, was wir mit uns geführt hatten, als wir überfallen wurden.

Später am Abend erwachte dann auch endlich Stargazer. Das war fast noch schlimmer für Mor'Arukh, der ja mit ihr kein Wort wechseln durfte. Aber unsere Bewacher waren keine Untiere, sie ließen es immerhin zu, daß sich die beiden versichern konnten, daß dem jeweils anderen nichts geschehen war, dann passierte es.

Ich hatte schon vorher beobachtet, daß das rechte Vorderrad des vorausfahrenden Wagens angefangen hatte zu eiern. Auf einmal gab es einen kräftigen Knall und der gesamte Wagen fiel auf die Seite. Die beiden Wagen kamen zum Stillstand.

,,Hab' ich dir nicht gesagt, daß wir die Räder vor der Fahrt untersuchen sollen?'', rief das eine Pferd aus, daß sich schon vorhin eingemischt hatte. ,,, aber einem einfachen Pferd will man ja mal wieder nicht glauben.''

,,Ja ja, die allmächtige Riba hat mal wieder Recht, da bist du auch jetzt stolz drauf, oder?'', rief Schampa vom vorderen Wagen, stieg ab und sah sich den Schaden an.

,,Ich bin da nicht stolz drauf. Ich sage nur, daß du auf mich hättest hören sollen.''

,,Mist, verflucht. Schau' dir den Schlamassel an! Die Achse ist hin, das Rad sowieso. Wir müssen einen längeren Halt machen.''

,,Das alles wäre nicht geschehen, wenn du auf mich gehört hättest.''

,,Halte endlich die Schnauze!'', rief Schampa und lief zum Pferd. ,,Das hilft uns jetzt auch nichts weiter!''

,,Haltet ihr beiden eure Schnauze!'', mischte sich der Fahrer ein, der auf unserem Wagen saß. Mit diesen Worten fuhr er neben dem halb umgestürzten Wagen, verließ den Kutschbock, und ging auf die beiden zu. ,,Wir kommen hier nur weiter, wenn wir gemeinsam überlegen und handeln. Ich schlage vor, daß sich einer von uns ein Pferd schnappt, und sich auf die Suche nach geeignetem Holz für eine neue Nabe macht. Ich werde mit einem meiner Pferde losreiten, die sind wenigstens diszipliniert.''

,,Das sind auch dumme Geschöpfe!'', rief Riba dazwischen.

,,Ja, deswegen plappern sie auch keinen Unfug und verrichten ohne Murren ihre Arbeit!''

Er ging zu einem seiner Pferde, entfernte das Zaumzeug, und ritt davon. Schampa blieb zurück, und beobachtete uns mürrisch. Riba schmollte ebenfalls. Da entdeckte ich, daß sich Smad am Schloß des Wagens zu schaffen machte. Als Schampa eine weitere Runde drehte, öffnete er das Schloß und Zoahn schlich sich vorsichtig heraus. Er schloß sofort wieder die Tür und versteckte sich zwischen den beiden Wagen.

Als Schampa seine Runde fortsetzte und an diese Stelle kam, sprang Zoahn auf, und schlug ihn mit einem mächtigem Faustschlag nieder. Bevor die Pferde recht bemerkten, was geschehen war, hatte Smad auch schon unser Schloß geöffnet, wir waren draußen, schnappten unsere Sachen und flüchteten.

Das andere Pferd lief in Panik davon, während Riba, behindert durch den defekten Wagen, uns nicht verfolgen konnte. Sie rief uns noch allerlei Verwünschungen hinterher, dann waren wir im Wald verschwunden.


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