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Flucht

,,Und was jetzt?'', fragte Moonpaw, als sie einige Zeit blindlings in den Wald geflohen waren.

,,Gute Frage'', antwortete Sheelana. ,,Als erstes sollten wir feststellen, wo wir sind, danach sollten wir unseren Auftrag ausführen und zwar so schnell wie möglich. Die Eber wissen jetzt, daß wir unterwegs sind. Nun, da wir geflohen sind, können sie auf ihren Pferden viel schneller vorankommen. Das bedeutet für uns, daß sie sich auf uns vorbereiten können. Das verkompliziert die Aktion, macht sie allerdings nicht unmöglich. Wir sollten so schnell wie möglich in Richtung der Burg aufbrechen.''

,,Und was wird aus mir? Ich habe keine Lust, euch zu begleiten. Eure Probleme sind nicht meine Probleme.''

,,Nun, wie lautet noch der schöne Spruch: 'Mitgehangen, mitgefangen'. Wenn du möchtest, kannst du natürlich zurück in die Stadt. Du mußt allerdings damit rechnen, daß sie dir auf der Straße auflauern, das heißt, du mußt durch den Wald fliehen. Wir wissen aber nicht, wo wir sind und können dir keinerlei Unterstützung geben. Ich denke, du mußt uns begleiten. Außerdem, bitte denke daran, wir haben jetzt keinen Heiler dabei. Falls wir in Schwierigkeiten gelangen und einer von uns verletzt ist, benötigen wir jemanden, der ihm hilft, aber diesen jemanden haben wir jetzt nicht. Ich bitte dich also, begleite uns.''

,,Du hast zwar Recht, aber trotzdem begleite ich euch nicht gerade freudig, aber ich sehe ein, daß ihr mich braucht, also komme ich mit.''

,,Eine weise Entscheidung.''

Sie gingen weiter. Als es dunkel wurde, kamen sie an einer Lichtung an und legten sich schlafen. Abwechselnd hielt einer Wache, damit sie nicht überrascht werden konnten.

Am nächsten Morgen bekam Stargazer den Auftrag, aufzusteigen, um zu sehen, ob sie irgend etwas identifizieren kann. Moonpaw legte sich an einen Baum und schloß die Augen, so daß Sheelana dachte, er würde schlafen.

Stargazer trat auf die Mitte der Lichtung und entfaltete ihre Flügel. Das Sonnenlicht der Morgensonne brach durch die Federn. Als sie mit kräftigen Bewegungen ihrer Schwingen aufstieg, sah es so aus, als würden ihre Flügel brennen.

Wirre Farben begannen in Moonpaws Kopf aufzutauchen. Erst unklar, dann immer klarer erschienen Bilder. Er flog, nein Stargazer flog über den Wald, aber es kam ihm so vor, als ob er es selber wäre. Es war ein herrliches Gefühl, so frei und der Erdanziehungskraft trotzend dahinzugleiten. Er spürte den Wind im Gesicht und er spürte die Kraft der Schwingen. Aber jetzt ging es nicht um sein Vergnügen, sondern es war ernst, also konzentrierte er sich auf Stargazers Gesichtssinn.

Aus weiter Entfernung sah er die Berge, er sah, wie ihre Spitzen in den Wolken verschwanden. Weiter vorne, etwa auf einem Drittel der Entfernung, sah er einen mittelgroßen See. Das mußte der Mittelsee mitten im Schattenwald sein. Sie mußten nur genau in diese Richtung gehen, dann wären sie auf dem richtigen Weg.

Als er die Augen wieder öffnete, stand Sheelana vor ihm und erschien amüsiert. ,,Noch nicht genügend geschlafen?''

,,Doch, natürlich, ich habe nur etwas überlegt. Hat Stargazer etwas gefunden?''

In diesem Moment landete sie. Sie berichtete: ,,Kann mir jemand die Karte geben? Ja, danke. Ah, ja, hier sind wird. Wir sind etwa zwei Tagesmärsche süd-süd-westlich von Sasur. Etwa zwei Tagesmärsche in nordwestlicher Richtung liegt der Mittelsee. Weitere drei Tagesmärsche werden wir wohl bis zum Zielgebiet brauchen. Im Laufe des Abends werden wir das Teufelsmoor erreichen, das sollten wir dann westlich umgehen. Noch am Vormittag werden wir auf einen kleinen Bach stoßen, dort können wir unsere Wasservorräte ergänzen. Ich werde gelegentlich aufsteigen, damit wir unseren Weg kontrollieren können.'' Egal, was man sonst über Stargazer sagen konnte, als Kundschafter schien sie eine andere Person zu sein, selbstsicher und kompetent.

Sie machten sich auf den Weg. Sheelana ging an der Spitze, flankiert von Zoahn, dem ihre Nähe sichtlich gefiel. Hinter den beiden ging Stargazer und gab von Zeit zu Zeit Ratschläge über einzuschlagende Richtungen. Hinter ihr ging Mor'Arukh, der sie nie aus dem Blickfeld ließ. Neben ihm ging Smad, der sich immer wieder etwas ängstlich umsah. Hinter Smad folgte dann als Schlußlicht Moonpaw.

Tatsächlich passierten sie bald einen kleinen Waldbach. Sie füllten ihre Flaschen auf, machten eine kurze Pause und marschierten weiter. Sie nutzten die Zeit, die sie nun hatten, und erzählten sich Geschichten über ihr Leben, so daß sie sich näher kennenlernten.

Smad hat ein Leben lang sein Geld nur auf unehrliche Weise verdient. Er war als Straßenkind aufgewachsen und mußte sich durchkämpfen, seine Eltern hatte er nie gekannt. Statt dessen waren seine Eltern die größeren Kinder auf der Straße gewesen. Um Essen zu bekommen, mußte es geraubt oder erbettelt werden, so fing er an, Dieb zu sein. Dies setzte sich fort bis in die heutige Zeit. Obwohl er offen und freimütig erzählt hatte, hatten die anderen immer noch ein vorsichtiges Gefühl, wenn man ihn nicht wenigstens im Augenwinkel überwachen konnte.

Mor'Arukh erzählte, wie er aufgewachsen war. Er hatte schon früh sein Elternhaus verlassen, da er sich nicht seinen Eltern verstanden hatte. Jede Arbeit, die er anfing, schmiß er nach einiger Zeit wieder hin. Er reiste von Ort zu Ort, aber war nie zufrieden, bis er Stargazer fand. Sie selber kam aus einem behüteten Elternhaus. Ihre Eltern hatten jede Gefahr von ihr ferngehalten. Das rächte sich, als sie dann doch beschloß, auf eigenen Füßen zu stehen. Da sie über keine Hände verfügte, benötigte sie schon dann Hilfe, wenn sie etwas aus ihrem Gepäck nehmen wollte. Das nutze ein Räuber aus, den sie darum gebeten hatte, ihr etwas aus ihrem Rucksack zu geben. Bevor sie recht begriffen hatte, was passiert war, lief er auch schon mit einem Großteil des Gepäcks davon. Aber da stellte sich ihm Mor'Arukh in den Weg und nahm ihm sein Diebesgut ab. Von da an waren die beiden eine untrennbare Einheit. Sie waren jetzt schon zehn Jahre gemeinsam unterwegs. Sie lernten, ihre jeweiligen Vorteile für sich auszunutzen, das war bei Stargazer ihre Fähigkeit des Fliegens und ihr scharfer Blick, bei Mor'Arukh war es sein Verstand, seine Kraft und sein Verhandlungsgeschick. So reisten die beiden quer durchs Land, trieben Handel mit entlegenen Orten und nahmen Kundschafteraufträge jeglicher Art an.

Zoahn war ein Abenteurer und Glücksritter. Er sollte eigentlich die Schreinerei seines Vaters übernehmen, aber es hatte ihn schon immer in die Ferne gedrängt. Eines Tages war eine Gruppe von Goldsuchern durch sein Dorf gezogen, die einen ortskundigen Führer gesucht hatten. Zoahn stahl sich über Nacht weg und hinterließ seinem Vater lediglich einen Abschiedsbrief. Seitdem hatte er sich nicht mehr nach Hause gewagt. Er zog mit dieser Gruppe einige Wochen durchs Land. Am Ende des Auftrages begleitete er die Gruppe in den nächsten größeren Ort. Dort fand er schnell weitere Aufträge. Seit diesem Zeitpunkt arbeitete er als Jäger, Fährtensucher, Kundschafter, Bote und einmal auch als Söldner. Damals hatte er dann allerdings festgestellt, daß das Söldnertum nicht seine Bestimmung war.

Sheelana war verschlossener als die anderen. Sie weigerte sich, etwas über ihre Kindheit zu erzählen, statt dessen erzählte sie von ihre diversen Aufträgen und Raubzügen an denen sie teilgenommen hatte. Sie tat für Geld fast alles, es gab aber auch Ausnahmen. So kämpfte sich nicht gegen Gegner, die sich nicht wehren konnten, außerdem kämpfte sie nicht gegen Gegner, die gerade davor ihre Auftraggeber gewesen waren und schließlich ließ sie sich nicht gegen Geld von ihrem Auftrag abbringen. Sie hatte ihren eigenen Kodex, den sie strikt einhielt.

Bevor Moonpaw an die Reihe kam zu erzählen, wurde es Abend und sie schlugen ihr Lager auf. Sheelana und Zoahn gingen auf die Jagd und kamen mit einigen Kaninchen zurück. Nachdem sie diese gegessen hatten, legten sie sich recht bald schlafen.

Als Mor'Arukh an der Reihe war, Wache zu halten, wurde er plötzlich so müde, daß seine Augen zufielen. Er bemerkte nicht, wie Moonpaw sich davonschlich. Kaum war Moonpaw außer Sichtweite, wurde er plötzlich wieder wach. Etwa eine Stunde später, kurz vor der Ablösung, überfiel ihn wieder diese seltsame Müdigkeit, so daß er wiederum nicht sah, wie Moonpaw sich zurück schlich. Ihm fiel ein, daß Stargazer ihm ein ähnliches Phänomen gestrige Nacht geschildert hatte, als er sie ablösen wollte.


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