next up previous contents
Nächste Seite: Das große Gebirge Aufwärts: Der gelbe Diamant Vorherige Seite: Teufelsmoor   Inhalt

Nächtliche Streifzüge

Wenig später, es wurde gerade dunkel, erreichten sie den Mittelsee. Während Zoahn mithalf, das Lager aufzubauen, verschwand Moonpaw aus dem Blickfeld der anderen. Er legte seine Kleidung ab und verwandelte sich in einen Vierfüßler. Er streifte durch den Wald, der eben gerade von den ersten Strahlen des Mondes beleuchtet wurde. Moonpaw spürte das Mondlicht auf seinem Fell, er roch, spürte und hörte die Nacht. Er hörte das Nachtkäutzchen, wie es sich auf die Jagd machte. Er witterte die Mäuse, die durchs Unterholz zogen. Dies war seine Welt, das hatte er gebraucht, jetzt nachdem er sich jegliche Hoffnung auf Sheelanas Herz aus seinem Kopf geschlagen hatte. Hatte sie nicht Zoahn umarmt und geküßt? Nein, sie hatte keinerlei Verlangen nach ihm.

Er schlich langsam durch den Wald, da kam er am Seeufer an. Dort sah er Sheelana. Sie hatte ihre Kleidung abgelegt und schwamm durchs Wasser. Er sah ihre gleichmäßigen, ruhigen aber kräftigen Schwimmzüge, er sah die Eleganz, die in jeder ihrer Bewegungen lag. Dann kam sie aus dem Wasser. Er sah, wie das Wasser an ihrem schwarzen Fell perlte. Er sah, wie es aus ihren Haaren tropfte, wie die Tropfen kleine Bäche bildeten, wie die Bäche ihren Hals hinunterliefen, weiter um ihre festen Brüste, wie sich mit den Tropfen auf ihrem glänzenden Fell vereinten, wie die vereinten Bäche in ihren Schoß liefen und von dort aus weiter ihre Schenkel hinunter. Nein, diese Frau war es wert, um sie zu kämpfen. Zoahn war ein netter Kerl, sicherlich, aber dies war eine Sache, die er nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen entschied. Er vergaß darüber nicht den Auftrag, dazu war sein Pflichtbewußtsein zu hoch, aber er würde alle seine Fähigkeiten einsetzen, um Sheelana für sich zu gewinnen.

Er trottete langsam zu der Stelle zurück, an der er seine Kleidung gelassen hatte. Dort angekommen, führte er die Rückverwandlung durch, zog sich an, und ging zurück ins Lager. Mitten in der Nacht, als alle anderen schliefen, lag er immer noch wach. Seine Gefühle für Sheelana peitschten ihn so stark auf, daß er sie bald nicht mehr unter Kontrolle haben würde.

Er mußte etwas tun, bevor ein Unglück geschah. Er sprach einen Schlafzauber über Smad, der gerade Wache hielt, verwandelte sich in einen Vierbeiner und verließ das Lager. Seine Sinne waren bis aufs Äußerte geschärft, er war auf der Jagd.

Er sah einen Marder, der sich eben gerade an einem Vogel anschlich. Er stürzte sich auf ihn und zerfleischte ihn bis zur Unkenntlichkeit, danach griff er den Vogel an. Eine halbe Stunde später hatte er seinen Blutrausch ausgewütet, langsam begann sein Verstand wieder Kontrolle über seinen Körper ausüben zu können. Er sah, was er angerichtet hatte, und schämte sich für sich selber, wie konnte er nur das getan haben? Nein, niemand durfte jemals etwas von seiner tierischen Seite wissen. Er verwandelte sich wieder in einen Zweibeiner, wusch sich das Blut ab, das überall an seinem Körper klebte, und schlich zurück ins Lager, nachdem er Smad wieder zum Einschlafen gebracht hatte.

Als sie am nächsten Morgen weiter zogen, kamen sie an der Stelle vorbei, an der Moonpaw gewütet hatte. Überall lagen tote Tiere, zur Unkenntlichkeit zerfleischt.

,,Was kann das für eine Bestie gewesen sein?'', frage Sheelana entsetzt.

Zoahn untersuchte die Spuren und antwortete: ,,Es muß eine Raubkatze gewesen sein, aber sie kann nicht intelligent sein, kein intelligentes Wesen macht so etwas! Entweder es war ein Instinktwesen oder es war verrückt. Wir sollten diese Stelle so schnell wie möglich verlassen, wer weiß, ob sie zurückkommen wird.''

Moonpaw bekam einen Stich ins Herz, als er das hörte. Er hoffte nur, seine tierische Seite zukünftig besser kontrollieren zu können. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn er vor den anderen so wüten würde, vielleicht würde er sogar jemand von ihnen verletzen, vielleicht sogar Sheelana.

Am Mittag machten sie Pause auf einer großen Lichtung. Moonpaw legte sich etwas abseits auf den Boden und döste. Zoahn ging auf die andere Seite der Lichtung, auf der Blumen wuchsen. nach einiger Zeit kam er mit einem großen, bunten Blumenstrauß zurück. Moonpaw sah dies und wurde eifersüchtig. Per Gedankenkraft nahm er einen Stein, und legte ihn genau in Zoahns Weg. Der trat dagegen und geriet ins Stolpern und fiel nach vorne, genau auf die Blumen. Dies sah Sheelana, die daraufhin zu ihm stürzte.

,,Hast du dich verletzt? Nein, dann ist ja gut. Oh, was für schöne Blumen, waren die für mich? Wie schade, daß sie jetzt kaputt sind, aber danke für den Gedanken.'' Sie half ihm auf, und drückte ihm einen Kuß auf die Wange. Moonpaws Herzen bekam einen weiteren Stoß. Was sollte er tun, um ihr Herz für sich zu gewinnen? War der Kampf nicht schon verloren? War es nicht unsinnig, um ihre Liebe kämpfen zu wollen? Es mußte von ihr kommen, aber ihr Feuer leuchtete nicht für Moonpaw, leuchtete es für Zoahn? Was würde sie sagen, wenn er auf sie zugehen würde, und ihr seine Liebe gestehen würde? Würde sie ihn nicht auslachen? Sie hatte ihn doch schon vergessen, war nicht Zoahn viel mächtiger und eindrucksvoller? Diese Gedanken beschäftigten ihn noch, als sie wieder aufbrachen.

Wenig später erreichten sie die ersten Ausläufer des großen Gebirges. Schon jetzt aus der Ferne sahen sie, wie das dunkle Massiv seine Hand dem Himmel entgegenstreckte. Die Gipfel lagen im Dunst der Wolken, und obwohl die Sonne schien, hatten die Berge etwas düsteres, schweres und erdrückendes an sich. Diese Stimmung nahm auch Besitz von Moonpaw. Mehrmals am Tag hatte er ansehen müssen, wie Zoahn Sheelanas Hand ergriffen hatte, um ihr an schwierigen Stellen zu helfen. Seitdem er ihr Leben gerettet hatte, schien eine unsichtbare Bande zwischen den beiden geknüpft zu sein.


next up previous contents
Nächste Seite: Das große Gebirge Aufwärts: Der gelbe Diamant Vorherige Seite: Teufelsmoor   Inhalt
icarus@dabo.de