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Das große Gebirge

Diesmal lagerten sie schon vor Sonnenuntergang. Sie waren jetzt mitten im Gebirge, der folgende Tag würde hart werden, besonders für Mor'Arukh, der zwar im Flachland allen überlegen war, der aber durch seine harten Hufe immer wieder Gefahr lief, irgendwo abzurutschen. Die anderen hatten weniger Schwierigkeiten, lediglich Smad stellte sich äußerst ungeschickt an. Man sah ihm an, daß er ein Kind der Stadt war, es war überhaupt bewundernswert, daß er bisher so gut mithielt. Mehrmals am Tag beschwerte er sich, was er für ein hartes Los habe, wie schön es doch in der Zelle gewesen wäre, und ob sie nicht einfach umkehren könnten. Stargazer hatte am wenigsten Schwierigkeiten. Immer dann, wenn sich Hindernisse auftaten, faltete sie ihre Flügel auseinander und flog darüber hinweg.

Am darauffolgenden Mittag stießen sie auf den Steinschlag. Wenige Minuten zuvor hatten sie noch ein mächtiges Rumpeln gehört, jetzt sahen sie Ursache des Geräusches.

Der Weg war hier recht schmal, vielleicht zwei Meter. Zur Linken war die Felswand, zur Rechten ging es eine Schlucht hinab. Die Felswand war über eine Länge von etwa fünfzig Metern abgerutscht.

,,Hier kommen wir nicht weiter'', sprach Zoahn. ,,Wir können die Steine nicht wegräumen, und es ist zu gefährlich, auf so einem Untergrund diese Strecke überwinden zu wollen. Wir müssen zurück.''

,,Wenn wir vorsichtig sind, kann es funktionieren. Wir sollten es versuchen!'', antwortete Sheelana trotzig, ,,Im Zweifel klettern wir über die Steilwand, sie ist nur etwa zwanzig Meter hoch!''

Mit den Worten: ,,Das kannst du vergessen!'', schaltete sich Moonpaw in die Diskussion ein. ,,Was wird aus Mor'Arukh? Selbst wenn wir anderen es schaffen, diese Strecke auf den lockeren Steinen zu überwinden, was ich nicht glaube, dann ist es immer noch eine Unmöglichkeit für ihn. Auch den Aufstieg über die Steilwand kannst du vergessen, das kann nicht gehen, denn wir haben keine Seile, mit denen wir ihn hochziehen könnten.''

Mor'Arukh, dessen Miene im Laufe der Diskussion immer düsterer geworden war, explodierte. ,,Ich bin immer nur ein Hindernis! Ich kann nichts und stehe immer nur im Weg! Ich bin zu schwer oder zu ungeschickt oder beides! Ihr wärt besser ohne mich aufgehoben. Zieht ohne mich weiter, ich wünsche euch Glück!'' Mit diesen Worten drehte er um.

,,Bitte warte!'', rief Stargazer ihn an, ,,Du stehst nicht im Weg, du bist kein Hindernis! Ohne dich würde Sheelana schon gar nicht mehr leben. Sie verdankt dir ihr Leben! Jeder in unserer Gruppe hat seine eigenen Stärken und unsere Schwächen, mit denen wir leben müssen. Aber wir sind eine Gemeinschaft, die die Stärke des Einzelnen für sich ausnutzen kann, und hilft, die eigene Schwäche zu bewältigen.''

,,Meine Schwächen sind viel zu zahlreich. Der Gruppe hätte auch ein dummes Tragetier gereicht, aber sie haben mich nur genommen, weil sie dich wollten!''

,,Du redest Unsinn! Ein dummes Tier hätte nie so schnell reagieren können wie du. Außerdem ist ein Tier viel zu instinktiv, es könnte die Gruppe ungewollt verraten. Sie brauchten uns beide!''

,,Abgesehen davon'', fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu, ,,haben wir uns verpflichtet, die Gruppe zu begleiten. Selbst wenn du jetzt vorhast, die Gruppe zu verlassen, ich werde nicht wortbrüchig, dann kannst du ohne mich zurückreisen!''

Mor'Arukh, der so eine Reaktion von seiner Frau nicht kannte, war sprachlos. Nach einigen Augenblicken hatte er sich schon wieder beruhigt. ,,Du hast wohl Recht. Ich kann nicht so einfach wortbrüchig werden.''

,,Abgesehen davon, wäre es sowieso Wahnsinn, das Hindernis nicht zu umgehen!'', beendet Moonpaw die Diskussion.

Sie sahen auf der Karte nach, wo sie waren, und wie sie den Steinschlag umgehen konnten. Sie hatten Glück im Unglück. Sie würden wohl weniger als einen halben Tag verlieren.

Gegen Abend übernachteten sie in einer schmalen Schlucht. Die Gegend war so karg, daß sie kein Feuerholz gefunden hatten, so hielten sie sich gegenseitig warm und aßen ihre mitgebrachten Vorräte.

In der Nacht wurde es empfindlich kalt, und als sie aufwachten, hatte sich Tau auf ihren Decken niedergeschlagen. Die Temperatur nahm immer weiter ab, je mehr sie sich dem Gipfel näherten. Da die Gruppe überfallen wurde, bevor sie sich ausgerüstet hatten, waren sie schlecht bestückt. Abgesehen von ihren Waffen und ein paar Decken, besaßen sie nur noch das, was sie anhatten. Besonders Smad litt darunter, da er nur Sommerkleidung trug und ein verhältnismäßig dünnes Fell besaß.


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