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Der Fund

Er machte sich auf den Weg zum Busbahnhof, um zurück zum Hof zu fahren. In einer kleinen Seitengasse, die er als Abkürzung nahm, um noch den letzten Bus zu bekommen, stieg er wie immer über die von den Katzen zerwühlten Mülltonnen hinweg. Plötzlich stolperte er über einen Gegenstand. Er wollte schon weitertorkeln, als seine Neugierde zuschlug. Martin hob den Gegenstand auf, der sich als Aktenordner entpuppte, und las die Aufschrift auf dem Ordnerrücken: 'Studie zur Kostenreduzierung beim Bau bemannter Weltraumprojektile'. Neugierig geworden, klappte er den Ordner auf. Was er dort fand, machte ihn neugierig. Im Ordner befanden sich mehrere Baupläne, Schaltpläne, detaillierte Bauteillisten und viele mit Schreibmaschine beschriebene Seiten, die anscheinend in irgendeinem Technikerlatein geschrieben waren.
,,Aufgrund meiner neuesten Forschungsergebnissen hat sich ergeben, daß der bisherige Weg, Raumschiffe zu bauen als Weg in die Sackgasse erwiesen. Ich weise in dieser Studie einen Weg auf, solche Projektile zu erstellen, ohne die vermeintliche Hochtechnologie zu besitzen und zu benutzen, die bisher als nötig empfunden wurde. Die Materialien und Arbeitsvorgänge könnten sogar von Laien mit einer gewissen Handfertigkeit ausgeführt werden.''
Martin stutzte.
,,Aufgrund neuester technischer Entwicklungen in der Antriebsforschung wird jetzt jedem der Griff zu den Sternen ermöglicht!''
Martin schaute verdutzt auf; in seinem von Alkohol umwölkten Geist bildete sich ein Plan. Hatte er sich nicht noch vorhin gewünscht, dieser Welt zu entfliehen? Sollte dies die einmalige Chance dazu sein? Er klemmte sich den Ordner unter den rechten Arm und lief, so gut er noch konnte, zum Busbahnhof. Auf der Fahrt zurück zu seinem Hof hielt er den Aktenordner zwischen seinen Händen auf dem Schoß, damit ihm ja keiner diese Chance, die sich ihm da zu bieten schien, streitig machen konnte. Auf dem Hof angekommen, ging er direkt in sein Schlafzimmer und fiel, noch angezogen in sein Bett, aber erst nachdem er die Akte so sorgfältig, wie er noch konnte unter sein Bett schob. Die Nacht schlief er fest, aber nicht traumlos; er träumte davon, seine Kindheitsträume wahr werden zu lassen. Er träumte lauter Science-Fiction, in denen er in seinem glanzvollen Raumschiff die Erde vor außerirdischen Bedrohungen schützte. Äufwachen Schlafmütze!'' Martin saß kerzengerade im Bett und faßte sich im nächsten Augenblick an seinen brennenden Schädel. Wie durch einen Schleier sah er Sandra, die junge Hofhilfe, wie sie ihn amüsiert betrachtete. Üm Gottes Willen, nicht so laut!'', kam es heiser flüsternd über seine Lippen. ,,Hast du etwa 'nen Kater? Sag' mal, was war denn los? Du trinkst doch sonst nie!'' Er erzählte ihr die Geschichte, ließ allerdings den Teil aus, der sich um den Aktenordner drehte, der unter seinem Bett lag. Zum einem weil nicht genau wußte, ob er das ganze nur geträumt hatte, zum anderen weil er niemanden einweihen wollte, falls die Sache keine Wahnvorstellung gewesen sein sollte. ,,Schöner Mist, aber trotzdem solltest Du mal langsam aufstehen, es ist fast acht Uhr und es wartet einige Arbeit auf uns.'' Nach einem mehr als dürftigen Frühstück, mehr als eine Tasse Kaffee schien sein Magen nicht zu vertragen, machte sich Martin an die Arbeit. Dank der weitgehenden Automatisierung des Hofes, Teile sahen eher wie eine Fabrik, als wie ein landwirtschaftlicher Hof aus, konnte er seine Zeit ein wenig freier planen, aber trotzdem fiel immer noch genug Arbeit an, um nicht an Langeweile zu sterben. Sein Vater war durch einen Unfall ein Pflegefall geworden und seine Mutter kümmerte sich aufopfernd um ihn. Aus diesem Grund hatten sie Sandra eingestellt, die im Laufe der Zeit praktisch zu einem Mitglied der Familie wurde. Da seine Mutter praktisch 24 Stunden am Tag ihren Mann pflegen mußte, kam es Martin häufig so vor, als ob ihm der Hof schon gehörte, und er mit Sandra alleine wäre. Nachdem die beiden ihr Vormittagspensum erfüllt hatten, Martin hatte während der gesamten Zeit kein Wort gesagt, aßen sie Mittag. ,,Nicht sehr gesprächig heute, oder?'', versuchte Sandra ein Gespräch anzufangen. ,,Ich fühl' mich wirklich nicht gut, mir ist schon den ganzen Morgen übel, kannst du mir einen Gefallen tun und alleine weiterarbeiten? Ich muß mich unbedingt hinlegen.'' Martin hoffte, daß sie ihm seine Ungeduld nicht allzusehr ansah. ,,Kein Problem, mach' ich, Hauptsache du fühlst Dich bald besser.'' Sandra war eigentlich froh darüber, denn in seinem Zustand war Martin ohnehin an diesem Morgen keine sonderliche Hilfe gewesen. Martin war sehr erleichtert, es stimmte zwar wirklich, daß ihm schlecht war, aber das hatte sich den Morgen über schon fast gelegt. Beim Arbeiten war er auch so still gewesen, weil er über den Ordner und dessen Inhalt nachgedacht hatte. War die Idee, ein Raumschiff zu bauen nicht nur ein Hirngespinst, oder sollte es zu realisieren sein, und wen ja, warum sollte er es tun? Er war zu dem Schluß gekommen, daß er das Material noch einmal durchsehen wollte, und falls es ihm danach immer noch machbar erschien, er das Raumschiff bauen würde.
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