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Die Planung

Nach dem Mittag zog er sich in sein Schlafzimmer zurück. Er zog die Vorhänge vor die Fenster, setzte sich auf sein Bett und las im Aktenordner an der Stelle weiter, an der er gestern aufgehört hatte.
,,Um ein solches Raumschiff bauen zu können, benötigt man wie gesagt nur einfache Hilfsmittel, die leicht zu beschaffen oder herzustellen sind. Da allerdings eine Großindustrie von dem Bau von solchen Geräten lebt, und da dieses Material leider auch militärisch genutzt werden könnte, kann ich es nicht verantworten, diese Gedanken dem breitem Publikum zugänglich zu machen. Doch nun lassen Sie mich zu den detaillierten Ausführungen des Projekts schreiten.''
Mit diesen Worten endete die Einführung. Auf der nächsten Seite befand sich eine Zeichnung mit der Überschrift 'Das Grundchassis'. Auf der Zeichnung konnte man ein kastenförmiges Objekt erkennen, das durch seinen kantigen Aufbau mit der abgeflachten Front an ein typisches Requisit eines Science-Fiction-Filmes erinnerte. Es war zwölf Meter lang, dreieinhalb Meter hoch und vier Meter breit. Die fünf letzten Meter des Objekts trugen die Bezeichnung 'Aggregatkapsel'. Auf der nächsten Seite war zu lesen:
,,Alle angeführten Schweißarbeiten sowie die Klebearbeiten sind außerordentlich sorgsam auszuführen, da das Chassis der Konstruktion den Überlebensraum der Insassen darstellt und somit in der Konstruktion stabil und völlig Integer sein muß. Während der Konstruktionsphase ist unbedingt darauf zu achten, daß der auf das Gerät wirkende Druck seine Wirkung von innen, also aus dem Vehikel heraus, entfaltet. Der von außen auf die Konstruktion einwirkende Druck kann somit auf normalen atmosphärischen Druck zuzüglich der Sicherungstoleranz ausgelegt sein. Die in der umseitigen Darstellung angeführten Maße sind zwingend einzuhalten. Gewicht und Haltbarkeit der späteren Konstruktion hängen hiervon unmittelbar ab. Die entstandenen Schweißnähte werden (wie aus der Abbildung ersichtlich) mit dem Spezialkleber, dessen Rezeptur aus dem Anhang J ersichtlich ist, und einem umlaufenden Hartchromstahlband abgesichert. Dadurch ist die Haltbarkeit unter Luftabschluß gesichert. Die Konsistenz des Spezialklebers sichert einen luftdichten Abschluß und eliminiert auf chemischem Weg die eingeschlossenen Luftbestandteile, wodurch Oxidation und Schwächestellenbildung weitgehend gehemmt ist. Das Bugfenster (Figur 5c) muß von außen durch die abgebildeten Stahlstreben in angezeigter Weise vor dem explosiven Austritt bewahrt werden. Zu beachten ist dabei vor allem die Verankerung des Fensters durch die Nuten. Bei dem Fenster muß ebenso wie bei der Tür (siehe unten) darauf geachtet werden, daß für eine ausreichende Dichtigkeit gesorgt wird. Diese Dichtigkeit wird wiederum durch den einfach herzustellenden, aber außerordentlich wirksamen, Spezialklebstoff erreicht, der in ebenfalls angezeigter Weise anzubringen ist. Die Abdichtung der Tür wird dadurch erzielt, daß sie sich nach innen öffnet und die Verriegelung nur von innen durchzuführen ist. Durch den im Verhältnis zum Außendruck überaus hohen Innendruck wird die Tür dann luftdicht auf den anzubringenden Dichtungen versiegelt. Schleusenkonstruktionen wurden nicht eingeplant, da eine zum Ausstieg im luftleeren Raum benötigte Ausrüstung weder in der Herstellung noch in der Beschaffung akzeptable Kosten verursachen würden.''
Martin beschloß, an diesem Punkt nicht weiterzulesen, sondern sich anhand der beiliegenden Checkliste daran zu machen, seine vorliegende Werkstattausrüstung auf Vollständigkeit hin zu überprüfen, da ihn jetzt endgültig das Weltraumfieber gepackt hatte, und er sämtliche Bedenken aus seinem Kopf gewischt hatte. Schweißgerät? Ist vorhanden, er bräuchte nur neue Gasflaschen. Dichtungen? Von der Renovierung im letzten Jahr waren noch einige Meter übriggeblieben. Scharniere und Verschlüsse? Irgendwo im Keller hatte er welche gesehen. Bleche? Die müßte er besorgen, ebenso wie das Bugfenster. Bauplatz? Die alte Scheune war ideal, dort befand sich sogar ein Flaschenzug und außerdem würde dort niemand herumstöbern und eventuellen Fragen gegenüber fiele ihm schon etwas ein. Jetzt müßte er nur noch das Glas und die Bleche bestellen und die vorhandenen Teile mit der Checkliste abgleichen. Er stand vorsichtig vom Bett auf und schlich zur Tür, die er, dort angekommen, vorsichtig öffnete, um gleich danach zum Telefon zu schleichen. Nachdem er das Telefon und das Telefonbuch in sein Zimmer geholt hatte, atmete er auf. Es wäre ein ganz schön peinlicher Augenblick gewesen, erklären zu müssen, warum er, angeblich schlafend, im Flur entdeckt worden war. Er schlug das Branchentelefonbuch bei 'G' auf und fuhr die Spalten mit seinem Finger entlang, bis er bei 'Glaserei Schmidt' anlangte. Er wählte die daneben stehende Nummer und bestellte eine, den im Aktenordner dargelegten Forderungen entsprechende Scheibe. Nachdem dies erledigt war, suchte er sich noch die Nummer der Eisenwarenhandlung Ellert heraus und vereinbarte einen Besprechungstermin um die notwendigen Schritte zur Herstellung der in der Anleitung beschriebenen Stahlteile zu vereinbaren. Auf die neugierige Frage nach der Verwendung erzählte er etwas von einer kleinen Bastelei, die er als Freizeitbeschäftigung betrieb. Nachdem er auch dieses Gespräch erfolgreich beendet hatte, brachte er das Telefon vorsichtig wieder an seinen Platz und zog sich in sein Zimmer zurück. Er legte sich auf das Bett, schloß die Augen und atmete erleichtert auf. Das einzige was er jetzt noch haben mußte, war etwas Geduld und ein paar gute Ausreden, um die Lieferungen und die 'Besetzung' der Scheune zu erklären. Auf dem Bett liegend dachte er erneut über die einmalige Chance nach, die sich ihm nun bot. Er hatte schon früh angefangen, sich stark für Physik und Science-Fiction zu interessieren. Nach seinem Abitur wollte er eigentlich Physik studieren, mußte aber auf Grund der schweren Erkrankung seines Vaters den Hof übernehmen. Die nächsten Tage verliefen, abgesehen von der Tatsache, daß der Spezialpflug endgültig nicht zugelassen werden würde, recht ereignislos. Aber dies war für ihn gar nicht mehr so interessant. Das Zurückschiffen des Pflugs, sowie die Erstellung einer schmaleren Spezialversion und das spätere Wiedereinschiffen würde ohnehin erst einmal mehrere Monate in Anspruch nehmen, so daß das Gerät erst zur nächsten Ernte verfügbar sein würde. Als, nach Abwicklung aller notwendigen Gespräche und Planungen, in den folgenden Wochen die Bauteile für den Flugkörper geliefert wurden, kam es zum Streit zwischen Martin und seinen Eltern. Sie wollten wissen, wofür die Lieferungen wären. Als er die Antwort darauf verweigerte, kam ein Wort zum anderen. Um die ansonsten gute Stimmung in der Familie nicht zu trüben, beschlossen seine Eltern, ihn nicht mehr nach den Dingen zu fragen, die er in der Scheune vorhatte. In den nächsten Wochen machte er es sich zur Regel, jeden Abend drei bis vier Stunden in der Scheune zu arbeiten.
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