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Der Flieger - eine wahre Geschichte

Michael Vogel

Es war 7:50, ich war ziemlich spät dran - mal wieder. Irgendwie bin ich jeden Morgen spät dran, ich sollte endlich mal früher losfahren, aber das schaffe ich sowieso nie.

Naja, ich fuhr von der A2 auf die A391, leider war ein Auto vor mir, so mußte ich vom Gas gehen, als ich in die Kurve fuhr. Wir kamen auf die Beschleunigungsspur, da sah ich es - Stau. Wir schlängelten uns in die wartenden Autoschlange ein - an dieser Stelle endet die 391 und führt in die B4. Im Radio trällerten die Pet Shop Boys ,,It's allright'', naja, so ,,allright'' war es nicht, nun würde ich definitiv zu spät kommen.

Wenige Meter und viele Minuten später sah ich, daß die Warteschlange die Abbiegung weiter schlängelte, die ich fahren mußte - na toll. Dann sah ich auch ihn - den Flieger. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich natürlich noch nicht, wer er war, noch wußte ich, was er da tat.

Er beobachtete den Verkehr. Mir fiel die Bauarbeiterampel ein, die vor ein paar Tagen in dem einem Ort aufgestellt worden war, durch den ich noch fahren mußte, vielleicht staute es sich deswegen? Vielleicht gehörte der Mann ja irgendwie zu dieser Baustelle und begutachtete die Folgen seines Tuns?

Ich warf ein Blick auf die Temperaturanzeige - noch war mein Motor nicht überhitzt, zum Glück war es nicht so warm draußen, ansonsten hätte er schon angefangen zu kochen. Der CD-Wechsler hatte mittlerweile Midge Ure aufgelegt - ,,Dear God'' - wie passend.

Ich bog von der B4 ab, rein in den Ort, immer im Minutentakt ein paar Meter weiter. Vor mir fuhren die Autos an einem anderen Wagen vorbei, einer alten Mercedes S-Klasse. Der Mann von der Böschung stand neben dem Auto, machte eine fragende Geste und führte die Hand an das Ohr - ich las daraus: ,,Hast Du ein Telefon''. Ich zog das Handy aus der Halterung, hielt es hoch, schaltete die Warnblinkleuchte an und fuhr zur Seite, damit die anderen an mir vorbeifahren konnten.

Er kam an meine Beifahrerseite, öffnete die Tür. Noch bevor ich fragen konnte, sprudelte er los.

,,Mein Wagen ist mir verreckt, ich bekomme die Motorhaube nicht auf.''

Ich stellte den Motor ab, stieg aus. Er erzählte weiter: ,,Ich hab' schon den ADAC angerufen, aber die sind an mir vorbeigefahren. Ich bekomme diese Haube nicht auf. Ich habe eine Prüfung im LBA'' - später erklärte er, LBA ist das Luftfahrtbundesamt, das in Braunschweig direkt am Flughafen liegt. ,,Ich habe mich auf die Prüfung ein halbes Jahr lang vorbereitet und jetzt spinnt der Wagen, der ADAC fährt an mir vorbei und ich bekomme diese Motorhaube nicht auf.'' Das hatten wir schon, dachte ich bei mir. ,,Ich hab' um acht Uhr die Prüfung'', fuhr er fort. Ich warf einen Blick auf die Uhr, viertel nach acht, so ganz pünktlich wird er wohl nicht mehr kommen können.

Er sah wohl meinen Blick und fuhr fort: ,,Als mein Handy noch lief, habe ich noch kurz Bescheid geben können. Aber jetzt läuft es nicht mehr und der ADAC ist an mir vorbeigefahren.''

Ich drückte ihm mein Telefon in die Hand - ein vergewissender Blick: Ja, es war noch halb aufgeladen. Während er mit dem ADAC telefonierte - er brauchte mehrere Anläufe, bis er jemanden erreichte - sah ich mir den Wagen an.

Eigentlich war doch die Mechanik immer irgendwie ähnlich. Man zieht einen Hebel im Innenraum, daraufhin öffnet sich die Haube ein Stück und man kommt an die Entriegelung heran. Soweit die Theorie, die Praxis sah anders aus. Auch ich fand den Hebel für die endgültige Entriegelung nicht.

Er hatte mittlerweile zu Ende telefoniert und kam zu mir. Er sah sehr verzweifelt aus. Ich machte den Vorschlag, daß wir doch mit meinem Wagen fahren könnten und ich ihn am Flughafen vorbeibringen könnte. Er nahm den Vorschlag freudig dankend an. Ich nahm meinen Rucksack vom Beifahrersitz und verstaute ihn im Kofferraum. Dann stieg ich ein. Als er gerade einsteigen wollte, fuhr ein 38-Tonner der Polizei an uns vorbei. Der Beifahrer rief uns etwas zu, was, das verstand ich nicht.

Der LKW hielt an, der Beifahrer sprang heraus, lief auf uns zu. Ich öffnete die Seitenscheibe.

,,Den Wagen können sie hier nicht so stehen lassen, fahren sie den aus dem Weg!''

Scherzbold, wenn er noch fahren würde, würde ich jetzt wohl nicht den Fahrer mitnehmen, oder?

Ich sagte ihm das, aber natürlich erheblich höflicher. Sein folgender Einwand war dann aber zugebenermaßen gerechtfertigt, er bestand darauf, daß wir ein Warndreieck aufstellten.

Wir taten es, auch wenn der Flieger es - vor Hektik - nicht schaffte, die Verriegelung ohne meine Mithilfe zu lösen.

Nach dieser Verzögerung ging es endlich weiter. Wir fuhren los. Naja, losfahren war das falsche Wort, denn der Stau war noch nicht zuende.

Durch den Stau hatten wir aber jetzt die Gelegenheit, uns auszutauschen. So erfuhr ich, was ihm passiert war und was er vorhatte. Er hatte wirklich derbes Pech gehabt. Er wollte, wie er schon gesagt hatte, zum Luftfahrtbundesamt. Dort hatte er eine zweitätige Prüfung für den Instrumentenflug vor sich, auf die er sich ein halbes Jahr lang vorbereitet hatte. Wie ich weiter erfuhr, war es wohl auch nicht ganz so einfach, die Prüfung zu wiederholen. Ich konnte es mir nicht verkneifen festzustellen, daß soviel Pech doch die ideale Grundlage für die Prüfung sei.

Dann erzählte er, was genau passiert war. Er war zum LBA gefahren und in diesen Stau gefahren. Ich muß an dieser Stelle übrigens kurz erwähnen, daß ich in der Zeit davor und danach niemals wieder einen solchen Stau an dieser Stelle gesehen hatte. Wie schon gesagt, er hatte wirklich derbes Pech.

Nun, er wollte im Stau die Zeit sinnvoll nutzen und schaltete sein Notebook an. In diesem Moment lief der Wagen so, als ob nur noch die Hälfte der Zylinder liefen, wenig später fiel der Wagen komplett aus und ließ sich nicht mehr neu starten. Er fügte hinzu, daß dies im Flugzeug ziemlich peinlich werden könnte, wenn der Motor durch soetwas ausfallen würde.

Ich muß zugeben, daß ich der Problematik zum Thema Notebooks und Flugzeuge jetzt etwas kritischer gegenüberstehe als zuvor.

Er wollte dann übrigens sein Notebook starten, war dann aber doch zu vorsichtug, und ließ es lieber.

Nachdem sein Wagen stand, hatte er den ADAC angerufen, nur leider der Wagen einfach an ihm vorbeigefahren, auch das hatte ich zuvor noch nie erlebt.

Er konnte noch beim LBA Bescheid geben, dann war sein Handy der Meinung gewesen, diesen Tag dadurch zu krönen, indem es ausfiel.

Er gab dann auch eine Vermutung ab, was diesen Stau verursacht haben könnte. Er hatte einen Krankenwagen gesehen, der an ihm vorbeigefahren war, er vermutete also, daß ein Unfall die Ursache sein könnte.

Als wir nach langer, wirklich langer Zeit endlich bei der Bauarbeiterampel ankamen, die schon Tage zuvor aufgestellt worden war, aber bis zum vorherigen Abend noch nicht aktiviert war, sah ich, wie die Polizei den Verkehr regelte.

Die lustig hin- und herschaltende Ampel vergessend, lotste der Polizist uns durch. Hinter dieser Ampel wurde es auch gleich viel flüssiger, weshalb ich vermute, daß der Stau wohl doch nur wegen der Ampel kam.

Auf der Gegenspur sahen wir übrigens einen ADAC-Wagen der kurz vor der Ampel im Stau stand, ob das vielleicht der Wagen war, den er angefordert hatte? Vielleicht war der andere ja für jemanden anderes gewesen? Keine Ahnung.

Der Verkehr lichtete sich ein bißchen. Wir fuhren um die letzte Kurve vor dem Flughafen - und standen. Das Licht im Andreaskreuz des unbeschrankten Bahnübergangs blinkte, ein Zug kam. In der Zeit, die ich jetzt bei dieser Firma arbeite, hatte ich es davor nur ein einziges Mal erlebt, daß ein Zug kam. Ja, der Flieger war wirklich ein Glückspilz.

Zum Glück kam der Zug wenig später, wir konnten weiterfahren. Kurze Zeit drauf bogen wir in Richtung des Flughafens ab und suchten das LBA, was wir tatsächlich kurz darauf fanden. Ich fuhr an den Straßenrand und ließ ihn raus. Er dankte mir noch einmal herzlich, dann lief er los.

Ich wendete und warf einen Blick zum Eingang. Dort stand er noch, trat ein, während ich durch die Glasfront im ersten Stock die Leute sah, wie sie vor ihren Rechner die Prüfung ablegten.

Ich hoffe, daß er die Prüfung noch geschafft hat.

Ich bin übrigens um 8:45 in der Firma gewesen, eine Dreiviertelstunde zu spät.


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