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Mentalnet

Michael Vogel

,,Lexington, das wirst du nicht tun!''

So erhitzt ist Goliath schon lange nicht mehr gewesen, dachte sich Lexington. Insgeheim wunderte er sich darüber, daß er es trotzdem wagte, Goliath zu widersprechen.

,,Aber Doktor Bliss meint, es wäre absolut ungefährlich!''

,,Wenn ihr mich fragt, Jungs'', wandte Elisa ein, ,,ich denke, dieser Doktor Bliss ist ein Spinner!''

,,Ihr versteht das einfach nicht, deswegen verurteilt ihr es!'' Lexington drehte sich um, nahm etwas Anlauf, sprang von den Burgzinnen und glitt davon; zurück blieben Goliath, Elisa und Hudson, die ihm nachsahen.

Goliath wollte ihm folgen, aber Hudson hielt ihn zurück. ,,Laß' ihn sich abreagieren. Der Junge meint es wirklich ernst damit, befürchte ich, aber du wirst nichts bei ihm erreichen, wenn du ihm jetzt nachfliegst.''

Goliath entspannte sich. ,,Wahrscheinlich hast du Recht. Elisa, kannst du nicht noch einmal versuchen, etwas in Erfahrung zu bringen, das Lexington umstimmen könnte?''

,,Ich kann über Xanatos versuchen, einen Termin mit Doktor Bliss zu vereinbaren. Vielleicht kann ich ihn ja doch überreden, daß er Lexington keinen Mentalnode implantiert.''

 

Es war später Nachmittag, als Elisa endlich mit Doktor Bliss sprechen konnte. Der Doktor holte sie am Empfang ab und führte sie in sein Büro, das im hinteren Teil des Labors lag. Er setzte sich hinter einen Schreibtisch, der anscheinend mehr zu Labor- als zu Verwaltungszwecken diente. Halb auseinandergebaute Geräte wechselten sich ab mit unvollständigen Schaltungen.

,,Womit kann ich Ihnen behilflich sein? Wenn ich den Herrn Xanatos richtig verstanden habe, haben sie ein Problem damit, daß ich einen Gargoyle an das Mentalnet anschließe möchte?''

,,Sie haben recht, darum geht es mir. Ich habe Angst, daß ihm das schaden könnte.''

,,Das müssen sie nicht, das kann ich ihnen versprechen. Sehen sie'', mit diesen Worten reichte er ihr eine kleine, etwa daumengroße Metallhalbkugel. ,,Dieser kleine Sender und Empfänger, der Mentalnode, wird im Kopf in der Nähe der Schläfe implantiert.'' Er schob das Haar an seiner rechten Schläfe zur Seite, darunter kam eine Halbkugel zum Vorschein. Sie hatte an der Spitze eine kleine rote Leuchtdiode, die ständig flackerte. ,,Der Mentalnode ist lediglich eine Schnittstelle zwischen dem lokalen Gehirn und den Gehirnen der anderen Teilnehmer des Netzes.''

,,Ich weiß wie das Ganze funktionieren soll, aber bislang konnte mich noch niemand beruhigen. Ich habe Angst, daß es die Träger verändert.''

,,Glauben sie mir, wir haben alle nur erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, damit das nicht eintreten kann. Ja es stimmt, mit Hilfe des Mentalnets können die überflüssigen Kapazitäten des Gehirns für andere Zwecke benutzt werden, aber es ist unmöglich, daß das System die Bereiche des privaten Bereichs erreicht, das haben wir durch ein paar Steuerprogramme definitiv sichergestellt. Unter dem privaten Bereich verstehen wir die Dinge, die der Träger für sich behalten möchte, sei es aus privaten oder geschäftlichen Gründen.''

Elisa schien nicht überzeugt. ,,Selbst wenn sie das sicherstellen, ich habe von ihren vorigen Experimenten erfahren und mich über die Folgen für die Testpersonen informiert.''

Bliss machte ein unglückliches Gesicht. ,,Ja, sie haben Recht, damals ist einiges schiefgelaufen, aber es betraf im wesentlichen nur zwei Punkte, zum einen war es die Abstoßung des Nodes, den der Körper als Fremdkörper einstufte, zum anderen war es die Art der Datenübertragung. Sehen sie, früher haben wir für die Übertragung der Daten Funkwellen benutzt, die von der Wellenlänge her im Bereich der Funktelefone lagen. Diese Frequenzen haben jedoch leider zu einer Erwärmung der Hirnbereiche geführt und auf Dauer zu Schädigungen geführt. Das ist aber durch das neue System ausgeschlossen.''

,,Wie funktioniert dieses neue System? Ich habe bis jetzt nur gehört, daß es 'körpereigene Mittel' verwenden soll, damit kann ich nichts anfangen.''

,,Wir haben uns extra unpräzise ausgedrückt, aber ich verrate es ihnen. Wir nutzen die Telepathie.''

Zuerst schaute Elisa verdutzt, dann schien sie am Geisteszustand des Doktors zu zweifeln. ,,Telepathie? Und Schweine können fliegen! Bleiben sie mir mit diesem esoterischen Kram vom Leibe!''

,,Glauben sie mir, es funktioniert! Ich und einhundert Kollegen in der gesamten Welt sind jetzt schon ein halbes Jahr lang angeschlossen. Mit Hilfe dieser telepathischen Wellen können wir uns überall auf der gesamten Welt miteinander verständigen und Informationen austauschen. Es funktioniert. Und wenn erstmal genügend Leute angeschlossen sind, die magische Zahl liegt da bei zehntausend Menschen, dann wird das System komplett ohne Computerunterstützung laufen, dann läuft das System verteilt in den Köpfen aller ans Netz angeschlossenen Menschen.''

,,Ich glaube, ich verstehe das noch nicht so richtig. Sie sagen, der Kontakt der Leute untereinander geschieht mit Telepathie - auch wenn ich das immer noch bezweifle - sie sagen, es funktioniert komplett ohne Computer, nur als System in den Köpfen der Leute - wozu brauchen sie denn dann überhaupt diese Dinger?''

,,Das System könnte auch komplett ohne zusätzliche Hardware laufe, in der Tat. Allerdings nur, wenn wir menschliche Gehirne programmieren könnten. Der Node macht letztendlich nichts anderes, als daß er ein paar Vorgänge im Gehirn des Trägers koordiniert. Der Node selber wirkt dabei wie ein Katalysator. Durch seine Anwesenheit werden die Vorgänge ausgelöst, die letztendlich das Mentalnet bewirken.''

,,Ich traue dem Ganzen nicht. Was ist, wenn etwas Schlimmes passiert?''

Bliss blieb ruhig. ,,Es wird nichts Schlimmes geschehen, vertrauen sie mir. Aber selbst wenn, dann habe ich jederzeit die Möglichkeit, das System herunterzufahren.''

,,Wie?''

,,Bitte haben sie dafür Verständnis, daß ich ihnen diese Informationen nicht zur Verfügung stellen kann. Ich werde aber dafür sorgen, daß sie an einem sicheren Ort deponiert werden. Davon einmal abgesehen. Ihr Anliegen war es ja, zu verhindern, daß der Gargoyle Lexington an das Mentalnet angeschlossen wird.'' Mit diesen Worten ging er zu einer Tür, die in einen Nachbarraum mündete und öffnete sie. ,,Sie sind ein bißchen spät.'' Im Nachbarraum stand der versteinerte Lexington, an dessen rechter Schläfe eine Metallhalbkugel hing, die an der Spitze rot blinkte.

 

,,Jungs, ich bin immer noch derselbe!''

Kurz nach Sonnenuntergang war Lexington zur Burg zurückgekehrt, wo Elisa bereits alle informiert hatte. Als dann Lexington ankam, konnte niemand vermeiden, daß er nicht doch immer wieder verstohlen auf den Mentalnode sah, auch behandelten ihn die anderen mit Abstand.

,,Aber irgendetwas muß doch anders sein, oder?'' Die Unsicherheit in Angela's Stimme war kaum zu überhören.

,,Ja, etwas ist anders. Ich weiß mehr. Frag' mich irgendetwas, ich werde dir die Antwort geben können, in Sekundenbruchteilen. Gib' mir eine Rechenaufgabe, ich löse sie schneller, als du sie dir ansehen kannst. Ich weiß alles das, was irgendjemand im Mentalnet weiß. Liest jemand ein Buch, werden es alle anderen kurz darauf auch kennen.''

,,Aber heißt das, daß du jetzt keine Geheimnisse mehr für dich behalten kannst?''

,,Natürlich kann ich Geheimnisse behalten. Ich muß lediglich daran denken, daß eine Information geheim ist, dann wird sie nicht weitergegeben. Bliss hat wirklich an alles gedacht.''

 

,,Die Sonne ist schön, so warm und so hell!'' Lexington schwärmte.

Angela glitt an seine Seite. ,,Versteinerst du nicht mehr am Tag?''

,,Doch, schon. Das kann der Node nicht ändern, aber ich weiß wie die Sonne ist, weil die anderen wissen, wie die Sonne ist. Ich kann es fühlen, so als ob es meine eigenen Empfindungen wären. Möchtest du nicht auch die Sonne fühlen?''

,,Natürlich würde ich das gerne, aber ich würde mir dazu nicht so ein Teil einpflanzen lassen.''

,,Du würdest vieles klarer sehen, glaub' mir. Das Mentalnet ist die Zukunft!''

,,Ich will euch beide nicht stören'', vermeldetet sich Brooklyn, ,,aber unsere Zielperson ist eben aufgetaucht.''

Unter ihnen war die Zielperson, ein älterer Mann, aus einem Hotel gekommen und stieg in ein Taxi.

,,So, und jetzt auf, wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren!''

Sie folgten dem Taxi, Lexington blieb etwas zurück, er hatte einen etwas abwesenden Blick. ,,Ibrahim''

,,Was meinst du?'' Angela wendete ihren Blick Lexington zu.

,,Ibrahim, der Fahrer heißt so mit Vornamen. Ein Nodeträger ging am Taxi vorbei, als die Zielperson einstieg. Er hat das Kennzeichen gesehen. Das habe ich eben abgefragt und über den Zentralcomputer der Gesellschaft den Fahrer erfahren.''

Brooklyn war wütend. ,,Das bringt uns nichts!''

Das Taxi bog um die Ecke, sie folgten. ,,Bitte nicht.'' Angela klang verzweifelt.

Mehrere Dutzend Taxis standen vor einer Ampel. ,,Jungs, welches ist das Richtige?''

Brooklyn ereiferte sich. ,,Wenn ihr nicht über unnützes Zeug reden würdet, wüßten wir es noch!''

,,Es ist das da vorne, ganz linke Spur, dritte Reihe, beruhige dich Brooklyn'', sprach Lexington mit einer absoluten Überzeugung.

,,Woher willst du das wissen?''

,,Vertrau' mir, ein Nodeträger hat das Kennzeichen gesehen.''

,,Ich hoffe, Du irrst dich nicht!''

Er irrte sich nicht.

 

,,Wie macht er sich?'' Es war mittlerweile eine Woche vergangen, seitdem Lexington am Netz hing. Elisa und Goliath saßen in der Bibliothek der Burg.

,,Gut, wirklich. Mit seinem neuen Wissen hat er uns in den letzten Tagen immer wieder helfen können. Er findet in Sekundenschnelle die Halter von Fahrzeugen heraus. Er hat sich sogar gestern Nacht in ein Überwachungssystem eingeschaltet. Vielleicht war ich doch zu zukunftsfeindlich.''

,,Hmm. Wie sieht es mit ihm aus, hat er sich verändert?''

,,Da ist mir bis jetzt nichts aufgefallen. Naja, gestern hatte ich das Gefühl, daß er Höhenangst hätte. Er hat ein wenig ängstlich in die Tiefe gesehen, als wir abflogen, aber wahrscheinlich habe ich mich nur verguckt. Und was kannst du mir Neues berichten?''

,,Es sind jetzt zehntausend Menschen und ein Gargoyle angeschlossen. Morgen wird Doktor Bliss den Steuercomputer abschalten und die Kontrolle dem neuen System übergeben. Er hat mich dazu eingeladen, dem Ereignis beizuwohnen.''

 

Mehrere Kamerateams waren anwesend - der Anteil der Mentalnode-Träger lag bei knapp der Hälfte, wie Elisa feststellte - als Bliss den Hilfscomputer deaktivierte. ,,Wenn ich diese Taste betätige'', sprach er voller Stolz, ,,wird das Mentalnet mit voller Kapazität laufen. Bislang schon hat es gute Dienste geleistet, jetzt aber wird es über sich hinauswachsen.''

Auf dem Bildschirm erschien: ,,Deaktivierungssequenz eingeleitet.'' In dem Moment, in dem das System deaktiviert wurde, schienen alle Mentalnode-Träger im Raum eine Art Schwächeanfall zu erleiden. Nicht lange, vielleicht eine, vielleicht zwei Sekunden lang wirkten sie unsicher und verwirrt, dann hatten sie sich wieder in der Gewalt.

,,Heilige Pepperoni! Was war das Doktor?'', fragte eine Reporterin, eine Mentalnode-Trägerin.

,,Nun, diesen Effekt hatte ich erwartet. Da nun die Steuerung auf das andere System übergegangen ist, war es klar, daß sich unsere Nodes neu orientieren mußten. Dieser Effekt war nur kurzfristiger Natur und wird sich nicht wiederholen.''

Elisa war sich da nicht so sicher.

 

Der Doktor bat Elisa, noch im Büro zu bleiben, nachdem die anderen gegangen waren.

,,Heilige Pepperoni! Das war ein ziemlich unangenehmer Effekt eben gerade.''

Elisa grübelte. ,,Wo haben sie das her?''

,,Wo habe ich was her?''

,,Diesen Ausspruch `Heilige Pepperoni`. Ich wußte nicht, daß er so beliebt ist.''

,,Keine Ahnung. Ich muß ihn wohl irgendwo aufgeschnappt haben.'' Nach einer kurzen Pause fragte er mit Begeisterung: ,,Links oder rechts?''

Elisa verstand kein Wort. ,,Wie bitte?''

,,Ich meine die Seite, an der ich ihren Node implantieren darf.''

,,Ich möchte nicht angeschlossen werden!''

Elisa wollte aus dem Stuhl aufstehen, doch Bliss hielt sie an ihren Armen fest. ,,Wehren sie sich doch nicht so gegen den Fortschritt. Es tut nicht weh und nachher werden sie feststellen, daß sie davor mit geschlossenen Augen durch die Welt gegangen sind. Das Mentalnet ist die Zukunft!''

Das Gesicht des Doktors, Elisa bekam Angst. ,,Lassen sie mich los!''

Durch Bliss' Gesicht ging ein Sinneswandel. Von einer Sekunde auf die andere verschwand dieser drohende Blick und machte einem etwas hilflosen, entschuldigenden Ausdruck Platz. Er ließ ihre Arme los und ging ein paar Schritte zurück. ,,Entschuldigen sie bitte, da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen. Ich ... ich weiß nicht, was eben in mir vorgegangen ist. Natürlich werde ich sie nur anschließen, wenn sie es möchten.''

Elisa stand auf. Vorsichtig beäugte sie Bliss. ,,Ich denke nicht, daß ich jemals angeschlossen werden möchte. Bitte haben sie Verständnis dafür, daß ich jetzt lieber gehe.''

 

Hudson saß im Fernsehzimmer, neben ihm lag Bronx, der sich von ihm kraulen ließ. Elisa war bei ihm. Der Fernseher lief, jedoch schenkte ihm niemand Beachtung.

,,Ich mache mir Sorgen um Lexington, mein Kind.''

,,Was meinst du?''

,,Er ... er verändert sich. Goliath will es nicht wahrhaben, aber ich glaube, dieses Zauberding in seinem Kopf hat etwas mit ihm angestellt.''

,,Ich mache mir auch Sorgen, Sorgen um die Stadt. Die letzten Tage passieren seltsame Dinge mit den Menschen. Was hast du denn bei Lexington beobachtet?''

,,Er hat Angst vorm Fliegen.''

Elisa schaute ungläubig. ,,Wie bitte?''

,,Ja, es fing vor einer Woche an.''

Elisa dachte laut. ,,Vor einer Woche wurde der Hilfscomputer deaktiviert.''

,,Auf alle Fälle steigert sich seine Flugangst seitdem ständig. Zuerst hat er nur etwas vorsichtig nach unten gesehen, wenn er geflogen ist, aber seit zwei Tagen hat er die Burg nicht einmal mehr verlassen. Er sitzt sich in eine Ecke und schließt die Augen. So bleibt er dort bis zum Morgengrauen.''

,,Auch in der Stadt passieren merkwürdige Dinge. Seit einer Woche springen immer wieder Leute aus dem Fenster. Zeugen behaupten, sie hätten sich noch Momente vorher gut unterhalten, dann haben sie das Fenster geöffnet und sind einfach rausgesprungen. Ein paar haben überlebt. Als wir sie nach dem Grund gefragt haben, wußten sie meistens keinen, oder aber sie sagten, sie wollten davongleiten. Es waren alles Mentalnode-Träger!''

,,Das ist ein Teufelsding! Wir müssen etwas dagegen tun!''

 

,,Elisa, denkst du immer noch, daß es eine gute Idee war? Sollten wir nicht doch lieber Goliath Bescheid geben?''

Angela, Brooklyn und Elisa standen vor dem Eingang zum Labor.

,,Angela, du weißt selber, daß Goliath darauf bestanden hätte, selbst dabei zu sein. Aber ich denke immer noch, daß Bliss Verdacht schöpfen würde, wenn er mitgekommen wäre.''

Elisa ging in das Gebäude, die beiden folgten ihr notgedrungen.

Doktor Bliss war alleine, zum Glück, denn nur so hatten sie eine Chance, ihren Plan umzusetzen.

,,Guten Abend Frau Maza. Ich vermute, dies sind ihre Freunde, die ich anschließen soll? Willkommen in meinem Labor!''

Angela sprach: ,,Wir haben uns das die letzten Tage reiflich überlegt. Goliath, unser Clanführer, ist zwar immer noch dagegen, aber wir denken, daß es das Richtige ist.''

,,Das Mentalnet ist die Zukunft! Goliath ist in seinem Bestreben, andere zu beschützen, manchmal etwas dickköpfig.'' Bliss lachte.

Angela war erstaunt. ,,Kennen sie Goliath?''

,,Nicht direkt, aber Lexington kennt ihn, deswegen kenne ich ihn und natürlich jeder andere Node.''

,,Achso'', antwortete sie scheinbar unbekümmert. In Wirklichkeit grauste es ihr bei dem Gedanken, daß wahrscheinlich alle Geheimnisse, die sie jemals Lexington mitgeteilt hatte, jetzt Allgemeingut waren.

Elisa, die Angelas Beklommenheit geradezu fühlte, führte das Gespräch wieder auf die wichtigen Dinge zurück und fragte scheinbar kaum interessiert: ,,Sagen sie Doktor, steht eigentlich der alte Steuercomputer noch hier in den Räumen?''

,,Noch ja, aber gut, daß sie es ansprechen. Ich werde ihn gleich morgen wegbringen lassen, er wird nicht mehr benötigt.'' Nach einer kurzen Sprechpause fügte er hinzu: ,,Wer von ihnen beiden möchte zuerst angeschlossen werden?''

Angela meldete sich: ,,Ich wollte zuerst dran sein.''

,,Gut, dann folgen sie mir doch bitte in den Nachbarraum, die beiden anderen können hier warten.'' Als er ihnen den Rücken zukehrte, rief Elisa: ,,Jetzt!''

Angela umfaßte Bliss' Brustkorb mit ihren Armen, so daß er keine Chance mehr hatte, sich zu bewegen.

,,Was ... was tun sie?''

,,Verraten sie uns, wie man das Mentalnet abstellt!'', forderte Elisa.

,,Niemals! Das Mentalnet ist die Zukunft! Es darf nicht abgestellt werden!''

,,Wenn sie uns nicht verraten, wie es geht, werden wir ihnen einfach ihren Node so aus dem Kopf reißen, mal sehen, ob sie dann mit uns zusammenarbeiten!''

Bliss zuckte verängstigt zusammen. ,,Nein! Dann ... dann würden sie mich töten, der ... der Node darf nicht so entfernt werden. Bitte ... bitte tun sie es nicht, ich w...'' Eine Veränderung ging mit ihm vor, von einer Sekunde auf die andere straffte sich seine Gestalt, sein Gesichtsausdruck wurde hart. ,,Tun sie es doch. So werden sie niemals die Beendigungssequenz herausfinden. Das Mentalnet ist die Zukunft, die Zukunft läßt sich nicht aufhalten!''

,,Brooklyn, durchsuch' das Labor. Vielleicht findest du irgendwo die Unterlagen. Tja Doktor, sie haben mir schließlich selbst verraten, daß es möglich ist.''

Bliss lachte ein hartes Lachen. ,,Ich habe sie vernichtet. Glauben sie, ich würde zulassen, daß das Netz, daß ich aufhöre zu existieren?''

,,Bliss, sie werden nicht sterben, wenn das Netz stirbt!''

,,Ich bin nicht Bliss, ich bin das Netz. Es gibt keinen Bliss, keinen Lexington mehr, es gibt nur noch mich, ich bin sie alle. Bliss hat aufgehört zu existieren.''

,,Unsinn! Bliss steht vor mir und Bliss weiß, wie man diesen Wahnsinn stoppt! Reden sie!''

Bliss brach zusammen. ,,Ja ... stoppen sie es, die Sequenz, sie ... sie ist im... Sie werden diese Information nie bekom... noch immer im Com... Nein, das werde ich nicht zulassen, niemand tötet mich!''

Bliss wehrte sich mit aller Kraft, schaffte es aber trotzdem nicht, dem steinharten Griff Angelas zu entrinnen.

Die Tür zersplitterte in tausend Teile, Lexington schoß herein, seine Augen glühten. ,,Hört auf, mich töten zu wollen!''

Brooklyn sprang ihm entgegen, versuchte ihn festzuhalten, er wand sich wie ein Aal in seinem Griff, entrann ihm, dann hatte ihn Brooklyn wieder. Nach wenigen Augenblicken endete der ungleiche Kampf, Brooklyn hielt ihn fest auf dem Boden.

Elisa holte tief Luft. ,,So, das wäre geschafft, Doktor, verraten sie ...'' Weiter kam sie nicht. In der Tür erschienen Menschen, Nodeträger, die vorsichtig aber bestimmt den Raum betraten.

Elisa zog ihre Waffe. ,,Stehenbleiben, oder ich schieße!''

Kurz ging ein Ruck durch die Menge, aber nur kurz darauf näherten sie sich weiter. Elisa sah die Angst in ihren Augen, sah daß sie nur Marionetten waren. Nein, sie konnte doch nicht auf unschuldige Menschen schießen!

Ein markerschüttender Schrei erklang hinter den Menschen, im anderen Raum. Kampfgeräusche, menschliche Schreie, Knurren. Die Menschen stockten in der Bewegung, waren kurz unschlüssig, dann drehten sie sich um, wollten anscheinend der Gefahr im anderen Raum begegnen.

Hudson erschien in der Tür und bahnte sich seinen Weg durch die Menschen, die er wie lästige Zweige zu den Seiten stieß.

,,Goliath und Broadway sind draußen und versuchen, die Menschen aufzuhalten, aber es werden immer mehr, ich hoffe, ihr könnt diesen Wahnsinn beenden. Wenn nicht, dann haben wir ihnen wenigstens einen guten Kampf geliefert!''

Der Doktor fing wieder an, stotternd zu reden. ,,Im ... im Computer, Benutzer ... Bliss, Pass... Passwort Pandora, Programm shut... Nein, sie können es nicht mehr stoppen!''

,,Brooklyn, geh' an den Computer, Hudson, bitte kümmere dich um Lexington!''

Hudson übernahm die Bewachung von Lexington, der sich immer noch unermüdlich wehrte, Brooklyn ging an den Computer und startete ihn. Nach einiger Zeit kam die Passwortabfrage, der Computer ließ ihn herein.

,,Was mache ich jetzt? Lexington ist der Fachmann, nicht ich!''

Elisa ging mit zum Bildschirm. ,,Hier muß doch irgendwas sein, was mit 'shut' anfängt. Hmm ...''

,,Beeilt euch!'', rief Hudson dazwischen. ,,Sie kommen zur Tür 'rein!''

,,Dort! Klick' da rauf!''

Eine Meldung erschien: ,,Möchten sie das System wirklich herunterfahren?''

Brooklyn hatte seine Hand auf der Bestätigungstaste. Ein Schlag von hinten, ein Mensch hatte Elisa zur Seite geschubst und Brooklyn mit einer Eisenstange erwischt.

Brooklyn fiel zur Seite, drehte sich gleichzeitig um und fegte den Menschen zur Seite, mitten in eine Wand von Meßgeräten. Der nächste Mensch stand vor ihm, auch er hatte eine Stange in der Hand.

Ein anderer Mensch, rechts von ihm, ein weiterer links, langsam wurde es kritisch. Einen Schlag konnte er abblocken, ein zweiter erwischte ihn am Kopf, er sah Sterne, ein dritter Schlag, ihm wurde kurz schwarz vor Augen.

Stille, die Kampfgeräusche verebbten. Als Brooklyn wieder klar sehen konnte, sah er Elisa, die eine Platzwunde an der linken Schläfe hatte. Sie lag vor dem Computer und hatte im letzten Moment die Taste drücken können.

,,Ich glaube, wir haben es geschafft!'', sie klang erschöpft.

In der Tat, die Menschen und auch Lexington verhielten sich wieder normal. Sie hielten etwas unschlüssig die Waffen in der Hand, etwa so, als ob sie gerade aus einem Traum erwacht waren. Die Kontrollleuchten an den Mentalnodes waren erloschen.

Hudson ließ von Lexington ab, auch Angela ließ Bliss los, der sich zu Wort meldete. ,,Ich danke ihnen, sie haben es gerade noch geschafft.''

Lexington schaute fassungslos. ,,Entschuldigt Jungs, ich weiß nicht, was da in mich gefahren war.''

,,Das Problem bestand darin'', versuchte Bliss zu erklären, ,,daß das Mentalnet eine eigene Persönlichkeit entwickelt hat. Ich glaube, wenn das noch weiter gegangen wäre, hätten das Netz unsere Individualität beseitigt. Ich kann ihnen nicht genug danken. Oh sie bluten ja!''

Er ging zu Elisa, half ihr dabei, aufzustehen. Er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und sah sich die Wunde an. Ein fanatisches Funkeln erschien in seinen Augen. ,,Das Mentalnet ist die Zukunft!''

Unverständnis lag in Elisas Augen. ,,Bliss, was meinen sie da...'' Ihr wurde schwarz vor Augen, dann sah sie klar, klarer als jemals zuvor. Sie mußte auch unbedingt die anderen überzeugen. ,,Das Mentalnet ist die Zukunft!''


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