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Der Anfang

Ich wünsche dem Finder dieser Zeilen einen guten Tag. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, aber vorher möchte ich mich Ihnen vorstellen, ich nenne mich Wing. Sie werden sich jetzt sicherlich fragen, woher ich diesen Namen habe, wer mir diesen Namen gab, denn Wing ist ja schließlich kein normaler oder bekannter Name, wie zum Beispiel Martin, Jürgen, Holger oder Rüdiger. Und das war einmal mein Name, Rüdiger. Aber es scheint mir so lange her, fast als käme es aus einem anderen Leben. Und richtig, irgendwie stimmt es auch, denn dieser Name paßt heute nicht mehr zu mir, er klingt viel zu normal.

Vielleicht sollte ich jetzt zuerst erklären, wieso ich mich Wing nenne? Sie wissen, was das Wort bedeutet? Es heißt auf Englisch Schwinge, beziehungsweise Flügel. Ich trage diesen Namen zurecht, denn meine Schwingen sind beeindruckend. Ich kann mir schon fast vorstellen, was sie jetzt wohl denken müssen: ,,Schwingen? Seit wann tragen Menschen Schwingen?'' Richtig, ich bin kein Mensch, zumindest sehe ich nicht so aus, nicht mehr, obwohl ich einmal ganz normal war, normal aufgewachsen, normal zur Schule gegangen, einen normalen Job gehabt habe, nur dann hatte sich alles mit einem Schlag oder besser gesagt mit einem Stich geändert.

Aber ich schweife ab. Ich wollte jetzt endlich erklären, wer beziehungsweise was ich bin. Haben Sie sich schon mit Fabelwesen beschäftigt? Stellen Sie sich ein Wesen vor, etwa so groß wie ein Mensch. Mit zwei Armen und zwei Beinen, einem Kopf mit einer Nase, zwei Augen, zwei Ohren, einem Mund. Soweit, so menschlich.

Aber jetzt stellen Sie sich weiter vor, das Wesen hätte spitz zulaufende Ohren und blaue Haare. Außerdem stellen Sie sich bitte vor, daß sich statt der normalen weichen menschlichen Haut über die Knochen und Muskeln etwas spannt, das man entfernt als reptilienähnlich bezeichnen könnte, zum Teil ledrig, zum Teil schuppenartig, nur daß es statt grün rot ist. Auffallend, nicht war?

Stellen Sie sich bitte weiter vor, dieses hier beschriebene Wesen hätte einen langen Schwanz und Krallen an Händen und Füßen, und um die Beschreibung abzuschließen, Flügel. Flügel, die irgendwie an Fledermausflügel erinnern, nur daß sie dieselbe Farbe wie die Haut besitzen, rot. Interessantes Wesen, nicht wahr? Was würden Sie sagen, wenn so ein Wesen bekleidet mit nur einer Art Lendenschurz im Supermarkt an der Ecke auftauchen würde, um sich Lebensmittel zu kaufen? Sie wären doch sicherlich sehr verwundert, oder? Stellen Sie sich vor, Sie wären dieses Wesen, können Sie sich diese Problematik vorstellen? Ist nicht Ihr Problem, denken Sie jetzt bestimmt. Und da haben Sie recht, es ist wirklich nicht Ihr Problem, sondern meins, denn ich bin dieses Wesen.

Erschreckt? Das sollten Sie nicht sein. Ich bin nicht bösartig und ich bin kein Tier, außerdem werden Sie mich wahrscheinlich nie sehen, denn ich verstecke mich. Ich verstecke mich, seitdem Rüdiger starb und Wing geboren wurde.

Ich denke, daß Sie jetzt bereit sind, sich meine Geschichte anzuhören, vielleicht helfen Sie mir am Ende sogar? Lesen Sie sich die Geschichte gut durch, denn genau so etwas könnte auch jederzeit mit Ihnen geschehen.

 

Es war ein Frühlingsabend, wenige Tage nach meinem 32. Geburtstag. Ich wollte noch einmal mit Schnüffel, meinem Hund durch den Park gehen. Er heißt eigentlich anders, aber seit er dem Welpenalter entwachsen ist, hängt er seine Nase in alles, wirklich alles rein, was sich bewegt oder auch nicht. Keine Laterne wird ausgelassen, kein Hundehaufen. Das ist ziemlich anstrengend für den, der Gassi geht, zumal er ein Mischling aus Schäferhund und Dobermann ist und deshalb über eine nicht zu unterschätzende Kraft verfügt.

Aber jetzt zurück zum Thema. An diesem Abend ging ich mit Schnüffel spazieren und er ließ wieder keine Stelle aus, die irgendwie verlockend roch, und für einen Rüden schien es alle paar Meter etwas Verlockendes zu geben.

Es war schon später, kurz vor elf Uhr, ich mußte am nächsten Tag früh aufstehen, deswegen wollte ich den Weg abkürzen. Sie kennen diese Stelle in der Nähe des Nordausgangs? Leider hat die Stadtverwaltung dort nie Laternen aufgestellt, deswegen war es um diese Uhrzeit dort schon sehr dunkel. Ich kannte den Weg, deswegen hatte ich keine Probleme. Schnüffel hatte noch weniger Schwierigkeiten, denn er mußte sich den Weg lediglich erschnüffeln.

Auf einmal riß sich Schnüffel los, mir war so, als ob ich kurz zuvor ein Geräusch gehört hatte, vielleicht hatte er darauf reagiert? Vielleicht hatte er ein Kaninchen gewittert? Ich habe ihn natürlich gerufen, aber er reagierte nicht. Ich lief ihm hinterher, mehr stolpernd als laufend, immer den leiser werdenden Geräuschen nach.

Auf einmal hörte ich ein Geräusch direkt vor mir. War Schnüffel umgekehrt? Es war jetzt absolut finster, ich konnte wirklich nichts mehr erkennen, also hielt ich an. Als das Geräusch ganz nah war, erkannte ich, daß es etwas oder jemand anderes sein mußte, aber da war es schon zu spät.

Ich spürte noch einen Luftzug, einen Stich, und mir schwanden die Sinne. Das Letzte, was mir in den Sinn schoß war: ,,Mist, du mußt morgen arbeiten'', als ob das irgendwie wichtig wäre. Nun ja, es ist nun über ein Jahr vergangen, und die Firma existiert immer noch, ich scheine also ersetzbar gewesen zu sein.


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