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Das Erwachen

Als ich erwachte, war mein erster Gedanke, ,,Wo bist du?'' mein Zweiter, als ich versuchte, mich zu bewegen: ,,Oh, was für ein Brummschädel''. Ich kann ihnen sagen, die Nachwirkungen von Narkotika übertreffen jeden Alkoholkater. Ich fühlte mich matt, mir war schwindlig und übel. Als ich es endlich schaffte, meine bleiernen Augenlider zu öffnen, sah ich mich um. Zuerst sah ich alles nur durch einen Grauschleier, der sich aber nach kurzer Zeit lichtete. Dann fiel mir auf, daß ich nichts mehr bei mir trug. Keine Kleidung, keine Uhr, kein Schmuck.

Ich lag auf einem einfachen, etwas harten Bett mit einem weißen Laken und einer weißen Decke. Die Streben am Kopf und am Fußende waren ebenfalls weißlackiert, etwa so wie bei Krankenhausbetten. Der Raum war nicht groß, wahrscheinlich drei Meter breit, vier Meter lang und drei Meter hoch. Die Wände waren weiß gestrichen, auch das erinnerte mich an ein Krankenhaus...nein, nicht ganz, etwas war merkwürdig an der Tür, an den Fenstern...Moment, welches Fenster? Statt eines Ausblicks waren vier Lüftungsgitter in der Decke, jeweils eins in jeder Ecke.

Die Gitter waren etwa einen Meter breit und lang und mit dickem Stahlrohr gesichert. Die Tür war eine solide wirkende Stahltür mit einem Schlitz in Augenhöhe und einem Schlitz unten. Dieser Raum war kein Krankenzimmer, es war ein Gefängnis!

Ich versuchte, mich aufzurichten. Schon nach dem zweiten Versuch hatte ich es geschafft, nicht wieder zurückzusinken. Ich ließ die Beine von der Bettkante hängen, und ließ sie zu Boden sinken, während ich mich weiter aufrichtete.

Der Boden war eiskalt! Dieser Schock genügte, um mich munter werden zu lassen, ich konnte mich jetzt weiter umsehen.

Ich entdeckte in jeder Ecke eine Glasscheibe und dahinter etwas, das anscheinend eine Kamera war, ich wurde also überwacht und hatte keinerlei Möglichkeit, mich irgendwie zu verstecken, denn das einzige, das sich sonst noch in der Zelle befand, waren eine Toilette und ein Waschbecken mit Wasserhahn.

Ich setzte mich zurück auf mein Bett. Jetzt erst fing mein Verstand an zu funktionieren. Bisher hatte ich alles mechanisch aufgenommen und registriert, nun schwappte eine Flut von Fragen, gewürzt mit einer Prise Verzweiflung über mich her. Warum war ich hier? Wer hatte mich gefangengenommen? Wo war ich überhaupt?

Als ich darüber nachdachte, hörte ich ein Geräusch, als ob jemand einen Lautsprecher einschaltete und danach eine Stimme, die darüber zu mir sprach.

,,Guten Tag'', erklang es. ,,Sie werden sich sicherlich fragen, warum sie hier sind.''

,,Das ist mir egal, ich will ich hier einfach nur raus!''

,,Gedulden sie sich.'' antwortete die Stimme mit einer Mischung aus distanzierter Höflichkeit und Bestimmtheit. Mir wurde klar, daß diese Stimme zu einer Person gehörte, die daran gewöhnt war, daß man ihr mit Respekt begegnete. ,,Ich habe ein kleines Experiment mit ihnen vor. Wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, dann werden sie ein Meilenstein auf dem langen Weg der Wissenschaft zur Vollkommenheit. Wenn nicht, nun ja, der Wissenschaft muß von Zeit zu Zeit ein Opfer erbracht werden. Aber egal was im Verlauf des Experiments auch passieren wird, sie sollten stolz sein, hier sein zu dürfen!''

,,Stolz?'' antwortete ich, und ich hoffte, daß er die Verachtung hören würde und nicht die Verzweiflung. Ich entschloß mich, die Flucht nach vorne zu ergreifen. ,,Ich weiß nicht, was sie vorhaben und es interessiert mich auch nicht im Geringsten, aber wenn sie Experimente vorhaben, dann kaufen sie sich lieber Ratten, die werden ihnen weniger Schwierigkeiten bereiten als ich!''

,,Welche Schwierigkeiten wollen sie mir denn bereiten? Außerdem sind meine Versuche an Tiermodellen abgeschlossen, ich benötige jetzt anderes Material um meine Ergebnisse zu bestätigen.''

,,Material? Ich bin für sie nur 'Material'? Das ist menschenverachtend!''

,,Diskussionen über Humanität sind für den Erfolg des Experiments nicht von Bedeutung. Aber genug der Rede, ich muß sie jetzt untersuchen. Legen sie sich auf das Bett.''

,,Was passiert, wenn ich das nicht tue?''

,,Dann werden sie sich möglicherweise verletzen, wenn sie aufgrund des Gases bewußtlos werden, das ich in diesem Moment in ihre Zelle einleite.''

Ich merkte, wie mir schon wieder schwindlig wurde. Instinktiv versuchte ich noch, mich behutsam auf den Boden zu legen, doch ich wurde wohl schon vorher bewußtlos. Mein letzter Gedanke war: ,,Bitte lass' die Nebenwirkungen diesmal nicht so schlimm sein!''


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