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Die Untersuchung

Als ich wieder aufwachte, lag ich auf einer harten, flachen Unterlage. Ich wollte mich aufrichten, um mich umzusehen, aber meine Hände, die Füße und der Oberkörper waren auf dieser Unterlage festgeschnallt, von der ich annahm, daß sie eine Art Untersuchungstisch war.

Der Raum, in dem ich mich diesmal befand, hatte wieder diese sterile weiße Farbe, habe ich schon erwähnt, daß ich Weiß hasse? Naja, nicht so wichtig, aber langsam ging mir diese Geschichte auf die Nerven. Ich wünschte mir um alles in der Welt, wieder zu Hause zu sein. Verschwendete Gedankenkraft, viel wichtiger war es jetzt, Informationen zu sammeln, das lenkte vielleicht die Panik ab, die sich mir auf leisen Sohlen näherte, und vielleicht konnte es mir sogar später helfen.

Dieser Raum war etwa fünf mal zehn Meter groß. Es standen dort allerlei seltsame Apparaturen herum, die ich schon in irgendwelchen Arztserien gesehen hatte. Irgendwie sah das alles nach einer Mischung zwischen OP und Labor aus. Zu diesem Eindruck trug auch der große Labortisch an der rechten Wand bei, auf dem sich haufenweise Reagenzgläser, Flaschen und ähnliches Zeug türmte. Links von diesem großen Tisch, in der Ecke, stand ein großer Schrank, vielleicht war es ein Kühlschrank. Aber das Wichtigste habe ich noch nicht erwähnt. Ich war nicht allein!

Links neben mir, nur zwei Meter entfernt, stand ein weiterer Untersuchungstisch. Darauf lag, ebenfalls angeschnallt, eine Frau. Ihre Augenlider flatterten, so als ob sie gerade erwachte, aber noch waren die Augen geschlossen. Ihre langen, pechschwarzen Haare hingen in Bahnen den Tisch herunter. Die Beleuchtung zauberte auf ihnen ein Wechselspiel der Reflexionen, fast wie ein Regenbogen.

Ihre dunkle, randfrei sonnengebräunte Haut schuf einen scharfen Kontrast zu dieser hellen Umgebung. Sie war groß, ich schätzte sie auf mindestens einen Meter achtzig, ebenso wie ich. Sie drehte mir ihr Gesicht zu, das eine zierliche, kleine Stupsnase zierte, die nicht so recht zu diesem durchtrainierten, muskulösen aber trotzdem feminimen Körper zu gehören schien.

Auf ihrem rechten Oberarm hatte sie eine kleine Tätowierung, ein grüner, feuerspeiender Drache. Ich weiss nicht, woran es lag, vielleicht war es dieser Kontrast zwischen der kalten Umgebung und dieser Frau, die eine Insel der Wärme darstellte, vielleicht war es auch etwas anderes, aber ich fühlte mich zu ihr hingezogen.

Wir waren beide unbekleidet, und ich betrachtete mich, soweit es mir möglich war. Ich sah eine blasse Haut mit leidlich wenigen Muskeln, einem Bauchansatz und einer mäßigen Körperbehaarung, ich sah unscheinbar ihr gegenüber aus. Seltsam, wieso konnte ich in dieser Situation solche Gedanken haben?

Sie stieß ein paar leichte Stöhnlaute aus, dann öffneten sich ihre Lider und zwei große, dunkelbraune Augen schauten sich glasig um. Als sie mich fanden, sprach ich sie an.

,,Hallo! Bist du wach?''

,,Ja, ich glaube schon'', hauchte sie die Worte mehr als sie sie sprach. ,,Wer bist du, wo sind wir, und warum sind wir hier?'' fragte sie mit einer kräftiger werdenden, tiefen Stimme.

,,Ich heiße Rüdiger. Ich weiß leider auch nicht, wieso wir hier sind. Wie heißt du, und wie bist du hierher gekommen?''

,,Ich bin Sonja. Heute morgen, so gegen halb vier bin ich durch den Wald gejoggt, da hörte ich auf einmal ein Knacken im Gebüsch und spürte einen Stich in der Seite, dann bin ich auch schon bewußtlos zusammengebrochen.'' Sie sprach immer noch langsam und schleppend. Vielleicht lag es an den Medikamenten, aber ich hatte das Gefühl, daß sie die Situation noch nicht vollständig erfaßt hatte.

,,Erinnert mich daran, wie es mir ergangen ist, mich hat es am Abend im Park erwischt. Hattest du auch schon eine Begegnung mit unserer Stimme?''

,,Welche Stimme? Du meinst denjenigen, der uns gefangengenommen hat?''

,,Ja. Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber er hat mir irgendetwas mit Forschung und Experimenten erzählt, bevor er mich wieder betäubt hat.''

 

Der ,,Doktor'' trat in den Raum. Er hat sich uns nie mit Namen vorgestellt, deswegen bleibe ich bei dieser Bezeichnung. Er maß zwischen einssechzig und einsiebzig, hatte grauschwarze Haare. Ich schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre. An sich sah er ganz normal aus - solange man nicht in seine Augen sah. Diese Augen, sie hatten etwas Stechendes, Fremdes, Unheimliches, erinnerten mich sofort an die Gruselfilme, die ich so gerne sah. Ich weiß nicht, wieso mir das jetzt einfiel, aber ich wußte, daß es mir nicht gegen die Angst half, die mich in diesem Moment befiel. Wahrscheinlich hätte ich jetzt nicht einmal wegrennen können, wenn ich nicht angeschnallt gewesen wäre.

,,Guten Tag, meine Dame, mein Herr'', aus der Nähe ohne Lautsprecher dazwischen, klang seine Stimme noch energischer. Wenn man nicht aufpaßte, tat man automatisch alles, was einem diese Stimme befahl. ,,Ich werde jetzt mit den Untersuchungen beginnen, schließlich wäre es ja schade, wenn ich meine Energie an sie verschwendete, obwohl sie vielleicht krank sind und möglicherweise bereits vor dem Ende des Experiments sterben könnten? Morgen fangen wir dann mit den Experimenten an. Haben sie keine Angst, ich habe die Tierversuchsphase bereits erfolgreich abgeschlossen, und ein nicht unbedeutender Teil von ihnen hat es übrigens auch überlebt'', fügte er hinzu, anscheinend um uns zu beruhigen. Nun ja, bei mir hatte das keinen Erfolg.

,,Nun kann ich endlich in die klinische Phase eintreten, doch für die benötige ich menschliches Material. Leider werden in unserem Land der Forschung immer wieder Hemmschwellen in den Weg gelegt, deswegen mußte ich mir sie beide auf etwas ungewöhnlichem Weg beschaffen.''

Er fing mit seinen Untersuchungen an. Er nahm wohl so ziemlich jede Probe, die zu entnehmen war. Blut, Urin, Stuhl, einen Hautfetzen, eine Haarwurzelzelle. Ja, er nahm sogar Abstriche von den Schleimhäuten ihrer Vagina und bei mir nahm er eine Spermienprobe. Wir wurden geröntgt und mit Ultraschall untersucht. Ich weiß nicht mehr, wie lange es ging. Ich merkte nur noch, wie er mir eine Spritze setzte. Während ich in die Bewußtlosigkeit versank, dachte ich noch: ,,Schaffst du es irgendwann einmal wieder, normal einzuschlafen?''


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