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Die Metamorphose

Ich erwachte wieder in meiner Zelle. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Als ich noch überlegte, was passiert war, hörte ich eine weibliche Stimme, die aus den Lüftungsgittern zu kommen schien.

,,Rüdiger? Bist du jetzt endlich wach?''

,,Ja, ich bin hier und kann dich hören.''

Sie seufzte erleichert. ,,Wird ja auch Zeit, ich rufe dich schon seit ein paar Minuten. Ich hatte schon befürchtet, unsere Zellen wären zu weit voneinander getrennt, aber da habe ich dich rascheln hören.''

,,Es ist schön, deine Stimme zu hören. Ich fühle mich schon nicht mehr so verlassen.''

,,Das geht mir genauso. Ich friere. Der Doktor hätte uns wenigstens einen Schlafanzug geben können.''

,,Ich finde es eigentlich ganz warm, aber Frauen frieren ziemlich leicht, die Erfahrung habe ich schon gemacht. Ich habe Hunger.''

,,Frauen frieren vielleicht schneller, aber sie scheinen auch die besseren Augen zu haben, oder hast du etwa kein Essen bekommen?''

,,Was für Essen?''

,,Bei mir lag eine Schüssel direkt vor dem Schlitz in der Tür.''

,,Wo? Achso ja, jetzt sehe ich es auch. Was soll das sein?''

,,Haferschleim oder so etwas Ähnliches. Der Doktor sollte meiner Meinung nach ruhig Kochunterricht nehmen. Wenigstens sättigt es, außerdem hast du ja wohl Hunger und schließlich kennst du ja wohl auch den Spruch 'In der Not frißt der Teufel Fliegen'.''

 

Der Schleim schmeckte nicht besonders gut, mir schien es so, als ob er einen bitteren Beigeschmack hatte, aber das konnte Einbildung sein. Ich war satt, noch bevor ich alles aufgegessen hatte. Ich aß aber trotzdem zuende, ich wußte schließlich nicht, wann ich das nächste Mal etwas bekam.

Ich ging zum Wasserhahn, füllte die Schüssel halb auf und trank sie aus. So gestärkt, legte ich mich wieder auf das Bett.

,,Du hattest Recht, das Essen hat wirklich merkwürdig geschmeckt. Hast du eine Ahnung, was hier geschieht?''

,,Woher sollte ich? Ich bin ja eben auch erst erwacht. Ich weiß nur noch, daß der Doktor uns unendlich lange untersucht hat. Dann hat er mir eine Spritze gegeben und ich bin eingeschlafen. Dann bin ich hier aufgewacht. Haben wir Tag oder Nacht?''

,,Woher soll ich das wissen? Ich habe meine Uhr nicht hier, ich habe gar nichts hier. Was für Experimente kann er wohl mit uns vorhaben? Und wann fängt er damit an?'' meine Stimme begann sich zum Ende hin fast hysterisch überschlagen.

,,Beruhige dich. Er hat bei der Untersuchung gesagt, er würde morgen anfangen. Nur welchen Tag haben wir?''

In diesem Moment hörte ich wieder dieses Lautsprecherknacken. ,,Das Experiment hat bereits angefangen. Gleichgültig, was ihnen in den nächsten Wochen widerfährt, halten sie sich ab jetzt immer vor Augen, daß es sich um irreversible Alternationen handelt. Keine Macht der Welt, auch ich nicht, kann den Vorgang jetzt noch stoppen oder gar rückgängig machen. Sie werden zunächst kleine Veränderungen an sich entdecken. Fürchten sie sich nicht, und denken sie daran: Intelligenz und Leben sind nicht an den primitiven neolithischen Körper des Homo sapiens sapiens gebunden. Von Zeit zu Zeit werde ich sie untersuchen, um den Fortschritt zu dokumentieren. Ich wünsche ihnen noch viel Vergnügen bei ihrer Konversation.'' Mit diesen Worten beendete er die Ansprache.

,,Was kann er bloß meinen?'' fragte ich, recht hilflos.

,,Ich weiß es auch nicht, aber ab jetzt sollten wir vorsichtig in der Wahl unserer Worte sein. Wahrscheinlich belauscht er uns die gesamte Zeit. So wie ich mir den Mistkerl vorstelle, nimmt er auch jede Minute auf Videoband auf, damit er sich später daran aufgeilen kann!'' Ihre Beschimpfungen gingen noch weiter, aber ich schweifte in meinen Gedanken ab. Langsam begann ich, mir ein Bild von Sonja zu machen.

Diese Frau hatte etwas, eine Sicherheit und Bestimmtheit, die mir fehlte. Ich spürte instinktiv, daß ich ihre Kraft brauchen würde, um die kommenden Ereignisse durchzustehen.

,,Spürst du etwas von den Veränderungen, von denen er sprach?'' fragte ich.

,,Ich bin mir nicht sicher. Es juckt bei mir alles, ich könnte mich überall kratzen, aber besonders stark juckt es kurz über meinem Hintern.''

,,Am Steißbein? Dort, wo die Affen ihren Schwanz haben? Ja, da juckt es auch bei mir. Das muß ein Teil des Experimentes sein.''

 

Wir verbrachten die Tage in den Zellen damit, uns zu unterhalten. Ich erfuhr viel über sie und sie erfuhr viel über mich. Trotz der Zellenwände, die uns körperlich trennten, kamen wir uns immer näher. Im Laufe dieser nächsten Tage stellten wir dann auch weitere Veränderungen an uns fest. Unsere Haut wurde eigentümlich rauh und verlor ihre rosa Farbe, bei mir wurde sie irgendwie knalliger, bei Sonja veränderte sie sich eher ins Grünliche.

Über dem Hintern bildete sich etwas, das ich anfangs für einen großen Pickel hielt. Irgendwann war dieser dann so dick und fest, daß ich es aufgab, auf dem Rücken zu schlafen. Das war auch die Zeit, zu der ich ein merkwürdiges Ziehen im Schulterbereich feststellte.

Von Zeit zu Zeit wurden wir betäubt und vom Doktor untersucht. Zuerst lagen wir auf dem Rücken, später dann legte er uns auf den Bauch. Bei diesen Untersuchungen hatten wir die Gelegenheit, uns gegenseitig zu betrachten und uns nur durch den direkten Augenkontakt Mut zuzusprechen.

Die Veränderungen machten auch vor unseren Gesichtern nicht halt. Sonjas Gesichtszüge nahmen langsam etwas Dämonenhaftes an. Ich weiß nicht, wie ich das genau beschreiben soll, es war eher ein Gefühl. Vielleicht lag es an der Farbe ihrer Haut? Vielleicht auch daran, daß ihre Augen einen Rotstich bekamen? Möglicherweise lag es auch daran, daß ihre Züge härter wurden, die Nase und das Kinn spitzer, die Ohren länger? Ich weiß es nicht genau, aber wie sie mir bestätigte, geschah das selbe auch mit mir.

Bei all diesen Untersuchungen schien der Doktor recht zufrieden zu sein. Er nahm seine Proben und pfiff gelegentlich auch vor sich hin. Für ihn schien es ein großer Spaß zu sein. Wenn ich doch auch nur so fröhlich hätte sein können. Aber das wäre ich erst, wenn ich frei wäre, und wie sagte der Doktor: 'Es handelt sich um irreversible Alternationen', wir mußten also damit fertig werden, wie auch immer wir in Zukunft aussehen würden. Hätte ich dann überhaupt noch das Verlangen, frei herumzulaufen?

 

Wenige Tage später bekam ich dann eine Ahnung davon, wie ich einmal aussehen würde. Meine Haut hatte inzwischen ihre Transformation beendet und war jetzt knallrot und echsenartig glänzend und hart. Mein Schwanz, denn als solchen hatte ich ihn mittlerweile erkannt, wuchs und wuchs, er maß jetzt schon etwa einen Meter und wurde immer länger und kräftiger. Noch hatte ich keine rechte Kontrolle über ihn, allerdings ahnte ich, daß er sich einmal als recht nützlich erweisen könnte.

Mein Haar war mir am ganzen Körper ausgefallen und nur am Kopf schien neues zu wachsen. Aber diese Haare waren nicht mehr menschlich. Sie hatten sich dem gesamten Körper angepaßt und fühlten sich hart und widerspenstig an, fast wie bei einer harten Bürste. Die Farbe unterstrich diesen fremdartigen Charakter, denn meine Haare erstrahlten in einem kräftigen Blau. Bei Sonja war rotes Haar gewachsen, aber in einem Rot, das ebenfalls nichts Menschliches an sich hatte.

 

Eines Nachts hörte ich Sonja schreien. Diese langen, lauten, furchteinflößenden Schreie, nur unterbrochen durch leises Wimmern, brachen immer wieder so ab, als ob sie keine Luft mehr bekam. Ich bekam es mit der Angst zu tun.

,,Sonja, was ist los, was ist mit dir bloß los?''

,,Schmerzen, Schmerzen überall. Im Leib Schmerzen, es tut so weh. Ich kann nicht mehr.''

,,Gib' dich nicht auf, kämpfe gegen den Schmerz an, du bist stärker als er, halte dir das vor Augen!''

,,Ich will nicht mehr, ich will sterben'', kam ihre Stimme gepreßt über die Klimaschächte, ,,Ich will so nicht leben, ich kann so nicht leben, ich bin ein Monster!''

,,Gib' dich nicht auf. Solange du lebst, besteht Hoffnung!''

,,Hoffnung, was für eine Hoffnung? Leben als Monster, nein, ich will nicht!''

,,Aber ich liebe dich! Ich kann ohne dich nicht mehr leben, ich kann diese Situation ohne dich nicht durchstehen, ich brauche deine Stärke!'' Wo blieb bloß der Doktor? Schlief er? Er belauschte uns doch sonst ständig. Wo war er, wenn man ihn brauchte? Er war zwar ein Monstrum, aber er war der Einzige, der Sonja helfen konnte, zu überleben.

,,Doktor, wachen sie auf, melden sie sich!'' Ich hämmerte an den Wänden und an der Tür. Ich trat, und ich schrie, ich machte einen Lärm, der Tote geweckt hätte. Endlich - nach einigen Minuten hörte ich eine verschlafene Stimme: ,,Was ist?''

,,Sonja! Sie hat Schmerzen, helfen sie ihr!''

,,Moment, ich schaue nach.'' Ich hörte noch, wie er den Lautsprecher ausschaltette, dann trat Stille ein. Ich merkte erst jetzt, daß Sonja vor einiger Zeit aufgehört hatte zu schreien. Hatte sich ihr Körper in eine Ohnmacht geflüchtet, um den Schmerz nicht mehr aushalten zu müssen, oder war Schlimmeres geschehen?

Ich hoffte, sie würde es überleben, denn das, was ich ihr gesagt hatte, stimmte. Ich liebte sie, ich konnte ohne sie nicht mehr leben, diese Zeit nicht ohne sie durchstehen. Was sollte ich machen, ganz alleine? Ohne daß mir jemand die Kraft zum Leben gab?

Jetzt hörte ich, wie jemand in ihren Raum trat und anscheinend etwas Schweres, Plumpes auf einen Wagen hievte. Als ich mir vorstellte, was dieses plumpe Etwas war, wurde mir fast schlecht.

 

Die Zeit schien sich kaugummiartig in die Länge zu ziehen. Ich lauschte angestrengt, aber kein Laut war zu hören außer dem Schlagen meines Herzens und dem leisen Summen der Klimaanlage. Ich weiß nicht, wie lange ich tatsächlich gewartet habe, es können zehn Minuten oder zehn Stunden gewesen sein, aber auf einmal hörte ich wieder den Knackser aus dem Lautsprecher. ,,Sie wird es überleben. Ihr Körper hatte einen Nährstoffmangel, daraufhin reagierte er mit Krämpfen. In ein paar Tagen ist sie wieder vollständig genesen. Ich werde ab jetzt der Nahrung den betreffenden Stoff beimischen.'' Die Erklärung klang eher wie ein medizinischer Bericht, als nach einer Erklärung für mich.

Ich war beruhigt. Jetzt trat zwar wieder Stille ein, aber sie war weniger aggressiv, eher voller Hoffnung. Irgendwann hörte ich, wie sich Sonjas Zelle öffnete und sie auf das Bett gelegt wurde. Wenig später stieß sie diese leisen Stöhnlaute aus, die ihr Erwachen ankündigten.

,,Wie geht es dir?'' war meine erste Frage.

,,Schwach, sehr schwach. Ich war wohl wirklich am Rande des Todes. Sag' mal, das, was du mir vorhin gesagt hast, meinst du das ehrlich?''

,,Ja, es stimmt, es stimmt aus vollem Herzen, ich liebe dich. Spürst du es auch?''

,,Ja, irgendwie schon. Aber trotzdem. Irgendwie verliere ich immer mehr die Hoffnung. In was haben wir uns verwandelt? In Bestien, in Monster. Selbst wenn wir jemals wieder hier raus könnten, wir könnten uns nie mehr zeigen. Man würde uns jagen, uns töten, uns in Laboratorien stecken, nur weil wir anders sind. Ich hatte früher einen so schönen Körper, ich war durchtrainiert, meine Haut war sonnengebräunt, er hatte nicht einen Makel. Und jetzt?''

,,Jetzt hast du einen Körper, der etwas Besonderes ist! Du bist immer noch schön. Vielleicht nur in meinen Augen, ich weiß es nicht, aber du hast immer noch etwas Anziehendes an dir. Du hast wahrscheinlich erheblich stärkere Muskeln, als du jemals hattest, obwohl du hier nicht trainieren kannst. Du hast eine makellose Haut, auch wenn Grün etwas gewöhnungsbedürftig ist. Du bist einfach besonders. Wie meinte noch der Doktor: Die Intelligenz ist nicht an eine Form gebunden.''

,,Der Doktor, der Doktor. Das klingt so, als ob du ihn bewundern würdest'', kam ihre Antwort schläfrig zurück.

,,Irgendwie...vom rein Technischen gesehen...schon. Er hat es geschafft, die Gene eines Menschen am lebenden Menschen zu ändern, das ist eine großartige Tat. Allerdings empfinde ich nur Verachtung für seine Methoden!'' Ich erwartete noch eine Antwort, aber Sonja war anscheinend schon eingeschlafen.

 

In der nächsten Zeit komplettierte sich unsere Metamorphose. Unsere Füße und Hände entwickelten Krallen mit enormer Kraft, auch lernte ich, meinen Schwanz zu steuern, der mittlerweile aus fast zwei Metern enorm muskulöser Masse bestand.

Unsere Ohren liefen oben spitz zu. Unsere Zähne waren uns zwischenzeitlich ausgefallen und wurden von etwas verdrängt, das martialischer aussah, spitze Reißfänge in einem allerdings sehr ordentlichen Gebiß.

Die Schwellung am Rücken hatte sich als Flügel herausgestellt, mit einer enormen Spannweite von etwa fünf Metern bei einer Flügelhöhe von einem Meter. Es dauerte lange, bis ich mich nicht mehr in der Nacht unbewußt auf den Rücken legen wollte, viel eher hatte ich es schon als ein Teil meines neuen Körpers akzeptiert, im Gegensatz zu Sonja, der ich immer wieder Mut zusprechen mußte. Ich wußte nicht einmal, ob diese Schwingen mehr waren als Dekoration, aber ich würde es herausfinden, das nahm ich mir vor.

Mit der Zeit hatte auch Sonja ihre Kraft wiedergefunden, sowohl physisch als auch psychisch. Sie war genauso groß wie ich und mindestens genauso stattlich anzusehen. Ich konnte regelrecht spüren, wie ihr Körper arbeitete, wie ihre Muskeln rebellierten, wenn wir an die Untersuchungstische gefesselt waren.


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icarus@dabo.de