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Abschluß

Eines Tages, wir waren wieder zu Untersuchungen angeschnallt, eröffnete uns der Doktor: ,,So, die erste Phase des Experimentes ist abgeschlossen. Sie haben sich tatsächlich innerhalb eines halben Jahres vom Menschen in eine bis dato unbekannte Spezies verwandelt. Jetzt muß die zweite Stufe erfolgen. Ich werde sie beide für kurze Zeit in eine gemeinsame Zelle legen. Dort werden sie sich paaren. Wenn aus dieser Verbindung wirklich Leben entstehen sollte, habe ich eine neue Lebensform geschaffen!''

In mir regte sich der Widerstand. ,,Und wenn wir uns weigern, wie Laborratten zu kopulieren?''

,,Seid ihr etwas Anderes als größere Wistaratten? Ich kann über euch verfügen, euch jederzeit bestrafen. Wie wäre es, wenn ich euch einsperren und keine Nahrung mehr geben würde. Nun'', mit diesen Worten wendete er sich Sonja zu, ,,es sollte dir klar sein, daß ich dich auch künstlich mit dem Sperma deines Freundes befruchten könnte. Ich wollte nur, daß ihr etwas Vergnügen vor seiner Vivisektion habt.''

,,NEIN!!'' schrie ich auf und mit einer mir bis dahin ungeahnten Kraft schlug ich mit meinem Schwanz nach dem Doktor, der völlig überrascht wurde. Er flog gegen die Wand und sackte zusammen. Ich riß mit aller meiner Kraft an den Fesseln, aber Sonja war schneller. Eine ihrer Fußfesseln zerriß mit einem lauten Knall. Mit den Krallen des Fußes befreite sie auch den anderen und damit dann die übrigen Gurte. Bevor ich auch nur eine Hand frei hatte, war sie aufgesprungen und half mir.

Da waren wir nun, der Doktor lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden, wir beiden saßen befreit, aber ohne Perspektive uns gegenüber. ,,Was sollen wir nun tun?'' fragte sie mich.

,,Fliehen! Was sonst? Du hast doch gehört, was er mit mir vorhatte. Ich lasse mich jedenfalls nicht bei lebendigen Leib zerstückeln! Wir sind für ihn keine Menschen, sondern nur 'größere Wistaratten', was das auch immer für Viecher sind. Auf alle Fälle etwas, das er ohne Skrupel töten wird, wenn es seinen Zweck erfüllt hat.''

,,Wohin sollen wir denn deiner Meinung nach fliehen? Wir können nicht so einfach auf die Straße hinaustreten und sagen 'Hallo Jungs, wir sehen zwar etwas anders aus, aber wir sind auch Menschen'''

,,Da hast du schon recht. Aber das sollten wir an einem sicheren Ort diskutieren, oder kannst du mir sagen, wie lange der Doktor bewußtlos bleiben wird? Ich weiß es auch nicht. Ich schlage vor, wir laufen erstmal auf's Dach, von da haben wir den besten Überlick und können dann entscheiden, was wir tun wollen.''

 

Als wir den Untersuchungsraum verließen, kamen wir auf einen kurzen Flur, von dem sechs Türen, zwei auf jeder Längsseite, je eine am Kopf- und Fußende ausgingen. Wir öffneten jede Tür, um einen Ausgang zu finden. Zwei Räume direkt gegenüber des Raumes, aus dem wir gerade kamen, entpuppten sich als unsere Zellen, der Raum am Fußende war anscheinend gleichzeitig Lager und technischer Raum. Neben einem Gerät, das offensichtlich zur Klimaanlage gehörte, standen mindestens zwei Dutzend Gasflaschen verschiedener Größen und Farben. Außerdem machte ein großes Dieselaggregat, das offensichtlich der Stromerzeugung diente, gehörig Geräusche. Die Auspuffrohre, sowie die Frischluftzufuhr führte nach oben zur Decke, es konnte also wohl nicht weit zum Dach sein.

Neben dem Untersuchungszimmer befand sich anscheinend der Wohnbereich des Doktors. Auf einer Seite stand sein Bett, die andere Wand wurde von einem Haufen Monitoren bedeckt, die jedoch zur Zeit alle ausgeschaltet waren. Auf dem Boden häuften sich Papiere, Plastiktassen und -teller, und alles strömte einen seltsam muffigen Geruch aus. Wir schlossen schnell wieder die Tür, bevor uns schlecht wurde. Hatte sich unser Geruchssinn auch verändert? Es würde wohl erst die Zeit zeigen, was sich außer dem Aussehen noch an uns verändert hatte.

Die letzte Tür schließlich war der Ausgang. Zuerst schlug uns ein abstoßender, fauliger Geruch entgegen, dann paßten sich unsere Augen an die Dunkelheit an. Vor uns erstreckte sich ein langer Gang, der mit aufgeplatzem Linoleum bedeckt war. Dutzende von Räumen erstreckten sich zu beiden Seiten.

Wir öffneten probehalber einige von ihnen, sie boten alle dasselbe Bild: Leere Räume, an den Wänden zum Teil vergilbte Kalender und Pläne, blinde Fenster und überall dieser ekelhafte, faulige Gestank. Wir mußten hier raus!

Ich hielt es nicht mehr aus, mit einem lauten Schrei stürmte ich zu einem Fenster und stieß meine Fäuste mit aller Wucht hinein. Die Scheibe zerplatzte mit einem lauten Knall in tausende von Scherben, und kühle, frische Luft kam uns entgegen.

Ich zog mir, verwundert über mich und meine Reaktion, ein paar Splitter aus meinen Händen, ohne daß es schmerzte oder anfing zu bluten. Diese neue Haut war äußerst widerstandsfähig. Sonja näherte sich von hinten, und legte mir ihre Hand beruhigend auf die Schulter. Gemeinsam sahen wir aus dem Fenster.

Es war Nacht, aber durch den Vollmond war trotzdem alles gut zu erkennen, fast wie am hellichten Tag. Vor uns erstreckte sich ein großes Flachdach einer alten Fabrik, in deren Büroräumen wir also die letzten Monate gefangen gewesen waren. Im Hintergrund sahen wir das Lichtermeer der Stadt, das sich einem Teppich gleich bis zu den Bergen fortsetzte.

Sonja zwängte sich an mir vorbei, öffnete das Fenster, an dessen Rahmen noch einige große Scherben hingen, und kletterte hinaus. Ich half ihr bei ihren Flügeln, danach half sie mir ins Freie. Wir gingen über das mit Kies bedeckte Dach bis zum Rand und sahen uns weiter um.

Jetzt erst spürte ich die Nacht richtig, ich sah sie, ich roch sie, ich hörte sie und fühlte sie. Ich hörte die Grillen, die ihre Lockrufe zirpten, ich roch die Büsche, in denen sie saßen, ich fühlte die kühlende Sommerluft, es war sternenklar, und über uns leuchtete der Vollmond heller und klarer, als ich ihn jemals gesehen hatte. Ich liebte die Nacht und an diesem Abend verliebte ich mich endgültig in sie.

Sonja stand neben mir und genoß anscheinend ebenfalls das Gefühl, als mir plötzlich eine Erkenntnis in den Kopf schoß. ,,Ich kenne die Fabrik! Es ist die alte Keksfabrik. Weißt du noch? Sie wurde vor fast zwanzig Jahren geschlossen. Zuerst sollte hier ein Hotel entstehen, dann haben sich die Anleger mit der Stadt zerstritten und woanders gebaut, seitdem sitzen sie auf diesem Grundstück fest.''

Sie war aufgrund meines Ausrufs zusammengezuckt, hatte sich dann aber schnell wieder unter Kontrolle. ,,Ich bin erst vor zwei Jahren hierher gezogen, mir sagt das alles nichts. Aber viel wichtiger ist: Wie kommen wir hier weg? Ringsherum sind Wohngebiete und im Norden ist das Zentrum, dorthin können wir schon gar nicht! Wir kommen hier nicht weg, und selbst wenn, wohin sollen wir?''

,,Das hast du mich schon mal gefragt, und ich glaube, ich weiß jetzt eine Antwort. Warst du schon mal im Industriegebiet im Norden? Dort stehen doch einige alte Fabriken leer, dort können wir wenigstens eine gewisse Zeit lang unterkommen. Später fällt uns schon noch etwas anderes ein.''

,,Und wie kommen wir jetzt von hier weg? Soll ich schon mal auf die Straße und ein Taxi rufen?''

,,Scherzkeks! Nein, natürlich nicht. Wir fliegen dorthin!''

,,Fliegen?'' Sie kräuselte ihre Stirn und sah mich fragend an. ,,Machst du Witze?'' Als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte, fragte sie nur noch, ,,Das meinst du nicht im Ernst, oder?''

,,Doch, und ob ich das ernst meine. Wir haben Flügel, also warum sollten wir sie nicht nutzen können? Hattest du vorher schon jemals einen Schwanz? Nein, aber trotzdem kannst du ihn bewegen und steuern. Wieso also sollte uns das nicht mit den Flügeln gelingen?''

,,Du spinnst, aber ich sehe keine andere Chance, von hier zu entkommen, laß' es uns versuchen.''

Wir breiteten unsere Flügel aus, und versuchten, damit zu flattern. Der Staub wirbelte auf, kleine Kiesel stoben durch den Luftzug zur Seite, aber nichts geschah, wir hoben einfach nicht ab, schließlich stellten wir den Versuch ein. Ich sah den verzweifelten Ausdruck auf Sonjas Gesicht, und entschied mich für eine Verzweiflungstat.

,,Wir können halt nicht aus dem Stand losfliegen, aber wir können bestimmt gleiten!'' Mit diesen Worten faltete ich meine Flügel aus, und nahm einen langen Anlauf.

Ich hatte so selbstsicher getan, tatsächlich aber wuchs meine Panik vor dem Abgrund mit jedem Schritt, den ich mich ihm näherte. Wir hatten zwar in unseren Zellen häufig über das Fliegen gesprochen, hatten uns überlegt, wie es denn sein könne, was für ein Gefühl es wohl wäre, jedoch war es etwas anders, darüber zu reden, oder kurz davor zu sein, es ausprobieren zu müssen.

Ich hatte Angst, schlichte Angst, es könnte nicht funktionieren, Angst, der Doktor hätte einen Fehler begangen, der jetzt unser Ende bedeutete.

Der letzte Schritt ging ins Leere, ich sackte um ein paar Meter ab. Als ich schon dachte, es wäre aus mit mir, erfaßte mich eine Böe und hob mich an. Ich fing an, mit den Flügeln zu schlagen, und merkte, wie ich weiter an Höhe gewann. Meine Angst nahm ab, je mehr Sicherheit ich gewann. Bald schien es mir, als ob ich spüren könne, wo mit Auf- beziehungsweise Abwind zu rechnen war. Ich fing an, das Gefühl zu lieben, wie der Wind über meine Haut strich, wie es in den Ohren pfiff, wenn mich eine Böe erwischte, ich liebte die Kraft, mit der sich meine Flügel diesem allen siegreich entgegenstellten.

Ein Pfiff von oben brachte mich zurück in die Realität. Verwundert schaute ich nach oben und entdeckte Sonja, wie sie souverän über mir dahinglitt.

,,Willst du noch lange hier herumtrödeln? Ich hab gedacht, wir wollten nach Norden!'' In einer schwungvollen Kurve glitt sie an mir vorbei. ,,Das Gefühl ist genial, nicht wahr?''

,,Ja, ich fühle mich wie ein Vogel, jetzt spüre ich die Freiheit, die Grenzenlosigkeit, die Unendlichkeit. Bei allem, was der Doktor uns auch angetan hat, dieses Gefühl ist fast die Entschädigung dafür.''

Sie überging meine Bemerkung und sagte: ,,Laß' uns jetzt Richtung Norden ziehen, wer weiß, wieviel Kraft wir dafür brauchen.''

 

Wir flogen also Richtung Norden in einer Höhe von etwa einhundert Metern und sahen die Stadt unter uns hinwegziehen. Wir sahen die Autos wie Spielzeuge unter uns herfahren. Wir sahen die Fußgänger, und hofften, sie würden nicht in den Himmel blicken, und uns zufällig bemerken, wobei es natürlich eine schöne Überschrift in unserer Lokalzeitung bedeutet hätte. 'Monster über der Stadt', das klingt doch gut, oder?

Am Ende der Reise merkte ich, daß meine Muskeln doch noch etwas untrainiert waren, das Fliegen strengte immer mehr an, aber da tauchte eine Fabrik vor uns auf und sah uns mit an tote Augen erinnernden dunklen Fensternhöhlen an. Wir landeten vorsichtig auf dem Dach und spähten in das Innere, aber weit und breit schien kein Mensch zu sein.

Wir flogen hinein. In einer Ecke waren Lagerräume oder ähnliches. Die meisten Türen waren von Trümmern verschüttet und ließen sich nicht öffnen, doch bei einer Tür hatten wir schließlich Erfolg. Die Halle dahinter war nicht besonders groß, vielleicht zwanzig mal dreißig Meter, aber sie war eine gute Zufluchtstätte. Wir schlossen die Tür wieder, verbarrikadierten sie und versicherten uns, daß es keinen anderen Weg in diesen Raum gab.

Dann fielen wir in einen langen, traumlosen Schlaf.


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