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Unterabschnitte

Flucht

Donnerstag, der 4. September 2042

Idioten, zukunftsfeindliche Idioten und schwachsinnige Technikfeinde. Sie verstehen einfach nicht, worum es bei der Wissenschaft wirklich geht.

Es geht um das Wissen. Wissen läßt sich nicht unterdrücken, nicht auf Dauer, wieso also sollten nicht wir es sein, die es erlangen? Wir können doch keine Schuld am Mißbrauch haben, oder? Alles läßt sich mißbrauchen, müßte dann nicht auch alles verboten werden?

Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen zu erzählen. Heute ist der 4. September 2042 und ich und meine Kollegen befinden uns an Bord der 'Pegasus', unserem Raumschiff. Dies sind die ersten Zeilen meines Berichts über unsere Zukunft, über unser Experiment, wegen dessen wir alle Strapazen und Gefahren bereitwillig auf uns nehmen.

Ich werde soweit es meine freie Zeit zuläßt, jeden Abend den Tag zusammenfassen, aber ich kann nicht garantieren, daß ich es wirklich immer schaffen werde.

Wir haben genügend Kameras mitgenommen, um die Experimente lückenlos zu überwachen und es wird sicherlich auch noch reichen, um der Nachwelt etwas von unserem übrigen Leben zeigen zu können.

Peter rief eben noch einmal kurz durch und meinte, der Transdim wäre einsatzbereit, wir könnten ihn jetzt jederzeit aktivieren. Peter, das ist Peter Zader, der wohl genialste Physiker unserer Zeit. Ich bin davon überzeugt, daß er wirklich großartige Arbeit geleistet hat, aber ganz wohl ist mir dabei trotzdem nicht, denn unser Antrieb, der Transdim, ist ungetestet und seiner Zeit weit voraus.

Dieser Antrieb wird - wenn er funktioniert - uns ermöglichen, innerhalb von kürzester Zeit von einem Punkt des Universums zum nächsten zu reisen. Die Sterne sind endlich greifbar geworden.

Peter hat auf der Erde alle Unterlagen vernichtet, so daß es unmöglich ist, daß uns jemand folgt. Er meint, wenn die Erde ihre unbegründete Technikangst beibehalten würde, bräuchte sie noch mehrere hundert Jahre, bis sie auf diesem Stand sein wird, was bedeutet, daß unsere Experimente sicher vor Störungen sein werden. Ich sollte mich freuen, ich habe aber trotzdem Angst, etwas könnte schieflaufen. In der Theorie ist dieser Antrieb genial. Ich verstehe nicht viel davon, ich bin Genetiker, kein Physiker, aber irgendwie bohren wir uns mit diesem Antrieb quasi ein Loch in die Dimensionen und überlisten so die Zeitdilatation.

Es klingt genial, aber froh wäre ich gewesen, wenn wir diesen Antrieb wenigstens einmal getestet hätten. Es war schon alles für einen Versuch vorbereitet. Das war unser Glück, als wir fliehen mußten, fliehen vor der Polizei, nur weil wir Visionäre der freien Forschung sind. Wir, das ist eine Gruppe von etwa fünfzig jungen Wissenschaftlern, Assistenten und Technikern, die ungestört von den Fesseln der Politik, finanziert durch einige fortschrittsfreundliche Großwirtschaftliche, ihren Forschungen nachgehen können. Wir sind alle zwischen dreißig und vierzig, also im besten Alter zwischen Erfahrung und jugendlichem Enthusiasmus.

Peter beschäftigt sich mit seiner Truppe mit der Erforschung alternativer Antriebe. Unsere Gruppe, um mich, Viktor Lutter, genannt Vik, hat sich als Ziel die embryonale und also die Veränderung unseres Erbguts durch die Manipulation an Samen und Ei, aber auch am Embryo. Juan möchte mit seinem Team die postnatale Manipulation durchführen, ich bezweifle aber, daß er erfolgreich sein wird, sein Ziel ist meiner Meinung nach einfach zu hoch gesteckt, aber ich lasse mich gerne überraschen, vielleicht hat er Glück. Fähig ist er auf alle Fälle, aber trotzdem erscheint mir die Manipulation des Erbguts einschließlich der Mutation eines ausgewachsenen Lebewesens eine unerreichbare Sache zu sein. - Aber haben das nicht auch alle Wissenschaftler über die Erreichbarkeit der Sterne gesagt?

 

Bei den Daten, die die Expedition in den Ruinen gefunden haben, waren viele Videoberichte, so können wir einen Einblick ihrer Flucht bekommen. Ich werde zukünftig keine Anmerkungen mehr machen, wenn ein übersetzter Bericht folgt. Ich habe den Personen Namen zugeordnet, soweit sie aus dem Kontext ersichtlich waren. Ihre Sprache entspricht in etwa unserer, jedoch gibt es natürlich auch Unterschiede. Bei der Analyse erschien es mir, als ob sie aus vielen unterschiedlichen Gegenden ihres Heimatplaneten stammen würden, denn die Unterschiede der Aussprache waren zum Teil sehr groß. Auch wechselten einige untereinander zum Teil Worte, die völlig fremd klangen, das meiste stellte aber zum Glück kein Problem da.

 

,,Achtung, Achtung, eine wichtige Durchsage. Die Polizeikarawane hat soeben das Dorf in unsere Richtung verlassen, jetzt wird es ernst.``

Viktor schaltete das Mikrofon ab, das auf seinem Schreibtisch stand und sackte zurück. Er hielt noch den Telefonhörer in der Hand. ,,Danke für deine Information, Claude. Wir sind dir auf ewig zu Dank verpflichtet. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute.`` Nach einer Pause, in der der andere sprach, antwortete er: ,,Vielen Dank, dir auch, Leb' wohl!`` Er legte auf.

,,Glaubst du, das unsere Entscheidung richtig war?``, fragte Juan, der ihm gegenüber saß.

,,Haben wir eine andere Wahl? Die Versuche, die wir hier durchführen, sind im höchsten Maß illegal. Wir würden nicht nur lebenslanges Berufsverbot bekommen, nein, wir würden auch garantiert dafür ins Gefängnis wandern. Nein, ich gehe nicht freiwillig zu Straftätern, du etwa?``

,,Nein, natürlich nicht. Aber wie sieht die andere Seite aus? Ich habe Angst, daß Peter noch nicht soweit ist, daß etwas schiefläuft oder daß wir keinen Planeten finden werden, der unseren Ansprüchen genügt und wir deswegen zwischen den Sternen elendig verrecken werden.``

,,Ich gebe dir Recht, die gesamte Aktion stellt ein Risiko da, aber Peter wollte doch sowieso bald einen Testflug machen, er ist also davon überzeugt, daß alles funktionieren wird. Aber laß' uns lieber den Abbau kontrollieren, Gedanken können wir uns noch an Bord machen.``

In diesem Moment durchlief ein dumpfes Zittern den Boden, wenige Augenblicke später piepste ein Funkgerät. Viktor nahm es in die Hand.

,,Ja?`` Ein undeutliches Brummeln ertönte aus dem kleinen Lautsprecher. Viktor antwortete: ,,Prima. Warte nicht, bis sie dran vorbei sind. Stell' die Kamera auf, und komm' danach auf dem schnellsten Weg hierher, um beim Einräumen zu helfen.``

Juan sah Viktor fragend an: ,,Die Sprengung?``

,,Ja, der Paß ist verschüttet. Sie werden einige Zeit benötigen, um daran vorbeizukommen. Zu unserem Glück haben sie nicht an Luftunterstützung gedacht, wahrscheinlich meinten sie, daß sie uns auch so überraschen würden. Ich denke, wir haben eine halbe bis eine Stunde an Zeit gewonnen.``

Sie verließen das Büro und gingen gemeinsam über einen hohen und leicht dunklen Flur. An den Bögen über den Türen waren Verzierungen angebracht und es hingen Bilder an der Wand.

,,Ich werde das Schloß vermissen, es war so lange unsere Heimat``, meinte Viktor traurig, den Kamerabereich verlassend.

 

``Haben wir wirklich an alles gedacht?`` Sie standen im Kreis um Viktor herum, der diese Frage gestellt hatte. Bevor jemand die Frage beantworten konnte, drehte sich Viktor zur Kamera und fragte: ,,Nimmst du das alles auf?``

Eine Stimme: ``Ja, natürlich, wir können es später immer noch rausschneiden.`` Die Kamera schwenkte umher und zeigte Berge, die in Wolken getaucht waren, dann schwenkte die Kamera zurück, streifte das Haus, es war wirklich eindrucksvoll groß, und kurz das Raumschiff, eine silberne Fläche und dann wieder die Gruppe, die im Schatten des Raumschiffs stand.

,,Nun gut, stören wir uns nicht dran. Also, habt ihr alles?``

Er sah fragend von einem zum anderen. Jeder nickte, die meisten eher vorsichtig, während im Hintergrund noch fleißig Geräte und Kisten getragen wurden.

Eine Person kam hektisch angerannt. ,,Sie kommen! Eben sind die ersten Wagen über den Paß gekommen!``

Die Hektik sprang sofort auf die anderen über, lediglich Viktor behielt die Ruhe. ,,Beruhigt euch, sie werden erst in etwa zehn Minuten hier sein. In fünf Minuten können wir alle in der Pegasus sein. Ich werde hier warten und in fünf Minuten den Einstieg verschließen. Wer zu spät kommt, hat dann Pech gehabt. Geht noch einmal zurück, schaut, ob ihr etwas vergessen habt und sagt allen Bescheid.``

Die Menge stob davon, lediglich Viktor und Peter blieben zurück.

,,Peter, bitte bereite jetzt alles für den Start vor.``

,,Sandra ist schon die ganze Zeit oben, bislang läuft alles hervorragend, sonst hätte sie mir Bescheid gegeben.``

,,Bitte geh' trotzdem nach oben, wir können uns keine Panne erlauben.``

,,Warte bitte noch einen Moment.`` Peter kniete sich nieder und berührte den Boden mit seinen Handflächen. Dann schloß er kurz die Augen, richtete sich auf und stieg die Rampe hinauf, die im Heck angebracht war.

Viktor sah sich das Raumschiff an, die Kamera folgte seinem Blick.

 

Das Raumschiff, daß die Menschen benutzt haben, hatte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Zeichen Lotas. Die genauen Maße sind leider nicht überliefert, jedoch schien es gigantisch zu sein. Wie das Zeichen streckte es sich spitz in den Himmel. Die Außenhaut war fugenlos silbern. Der Eingang befand sich unter dem Raumschiff, mitten zwischen den Heckflossen, dort war eine Rampe ausgefahren, direkt neben mächtigen Triebwerken.

 

Nachdem die anderen eingestiegen waren, führte mein Blick noch einmal in die Ferne. Noch einmal fiel mein Blick auf das beeindruckende Panorama der Schweizer Alpen. Dann stieg ich die Rampe hinauf, die sich mit einem satten Ton schloß. Ich lief die Wendeltreppe hoch, die um den Antrieb herumführte. Bald erreichte ich den Zentralschacht. Ich nahm nicht den Lastenaufzug, sondern lief außen um ihn herum. Mein Weg nach oben führte mich an den wissenschaftlichen Abteilungen vorbei. Nun ja, eigentlich waren es Lagerräume, aber wir hatten sie mit unseren Instrumenten vollgestellt.

Wir hatten vorgehabt, während der Testflüge Ausschau nach Planeten zu halten, die unsere zukünftige Heimat werden könnten. Dann wollten wir diese Kugel verlassen, die so lange versucht hatte, uns zu zügeln. Die Geschwindigkeit, mit der das jetzt geschah, hatte uns allerdings überrumpelt.

 

Als ich meine Kabine erreichte, durchdrangen drei laute Pfeiftöne meine Gedanken. Eine Durchsage folgte: ,,Hier ist Peter. Sie haben eben das Tor passiert. Ich starte jetzt. Wer sich bis jetzt noch nicht auf sein Bett gelegt hat, der soll sich flach auf den Rücken legen.``

Das Vibrieren, das schon die ganze Zeit über die Pegasus in ihrem Zaum gehalten hatte, steigerte sich und wurde zu einem Crescendo. Ich warf mich gerade noch rechtzeitig auf das Bett, denn mitten im Flug ergriff mich die Schwerkraft und drückte mich in die Polster.

Mir wurde nicht schwarz vor Augen, aber es fehlte nicht viel daran. Ich war schon einmal mit einem Raumschiff gestartet, damals, vor sieben Jahren. Ich hatte einen Forschungsauftrag erhalten, in dem es darum ging, zu erforschen, wie man den Menschen endlich unempfindlich gegen die kosmische Strahlung und das Fehlen der Gravitation machen könnte. Schon schnell war mir klar, daß dies nicht mit konventionellen Mitteln geschehen konnte, keine Medizin konnte die Schäden der Strahlung so schnell beseitigen, wie sie entstanden, keine Mittel konnten die Muskeln davon abhalten, zu degenerieren.

Die Hilfe mußte von innen erfolgen, der Körper mußte dazu gebracht werden, sich selbst zu regenerieren. Ich experimentierte mit Wistaratten, die seit Jahrzehnten die Wissenschaftler bei ihrem Fortschritt begleiteten.

Ich schaffte es bald, Rattenembryonen ein Mutagen zu verabreichen, das die Selbstheilung bei Strahlenschäden deutlich steigerte. Das Problem blieb jedoch, daß diese Mutation an bereits ausgewachsenen Menschen durchgeführt werden müßte, damit wir alle etwas davon hätten.

In diesem Zusammenhang stieß ich auf Juan. Er war Professor an einer amerikanischen Universität und benutzte die Ausstattung der Universität dazu, seinen eigenen Forschungen nachzugehen. Damals begegneten wir beide der Kurzsichtigkeit der Öffentlichkeit.

Nach ein paar Monaten Forschung erhielt ich Besuch. Es war ein Vertreter der Gesellschaft, für die ich forschte. Ich hatte mir zwar bei Vertragsabschluß jegliche Störung verbeten, jedoch sollte man die Hand, die einen füttert nicht wegschlagen, deswegen willigte ich ein.

Sie war keine Biologin, das stellte ich sehr schnell fest. Nun, ich zeigte ihr meine Ratten, die ich harter Strahlung ausgesetzt hatte. Sie schaute angewidert zur Seite, als ich ihr die unbehandelte Testgruppe zeigte, die deutliche Spuren in Form von Wucherungen und Blutungen zeigte.

Am Ende fragte sie mich, wie weit ich denn meiner Meinung nach wäre. Ich erklärte ihr, daß das Mittel natürlich noch am Menschen getestet werden müsse, daß ich dazu aber erstmal ein Weg finden müsse, um gezielte Mutationen an ausgewachsenen Lebewesen hervorzubringen. In diesem Moment schien sie erst zu realisieren, was ich ihr die ganze Zeit über gezeigt hatte.

Sie war entsetzt, ja geschockt. Sie meinte nur, daß Genmanipulationen an Menschen verboten seien - als ob ich daß nicht wüßte - und daß ich einen anderen Weg finden müsse.

Ich erklärte ihr, daß es keinen anderen Weg gäbe und klärte sie darüber auf, wen sie denn vor sich hatte, einen der wahrscheinlich besten Genetiker unseres Planetens.

Sie verließ mich zügig, als ihr klar war, daß mit mir nicht zu verhandeln war. Wenige Tage später erhielt ich die Nachricht, daß mein Auftrag gestoppt worden war.

Während der folgenden Zeit hielt ich den Kontakt mit Juan. Auch er bekam Schwierigkeiten, als bei Etatprüfungen auffiel, wo das Material geblieben war, das er für seine Experimente abgezweigt hatte.

Ein paar Monate später erhielten wir beide unabhängig voneinander Einladungen. Sie hatten keinen Absender, es stand dort lediglich, daß jemand, der an unseren Forschungen interressiert sei, sich mit uns treffen wolle. Ein Flugschein lag bei. Keiner von uns beiden zögerte lange, also machten wir uns auf in die Schweiz.

 

Ich bin etwas vom Thema abgeglitten, aber die Erinnerung hatte mich eben gepackt, als ich eigentlich nur den Start beschreiben wollte. Der jetzige Start war anstrengender, kräfteraubender gewesen als der damalige. Dies lag daran, wie die Pegasus startete.

Im Gegensatz zu den heute üblichen Shuttles war die Pegasus kein Horizontalstarter, nein, wir starteten wie die alten Raketen gegen Ende des letzten Jahrtausends. Dies mag anachronistisch erscheinen, hat aber mehrere einleuchtende Gründe. Zum einen hatte unser Tal nicht ausgereicht, eine Landebahn zu bauen, dies war aber nicht der Hauptgrund, nein, es war der Transdim, der neue Antrieb, der eine andere Bauform verbot.

Der Transdim zieht sich wie eine Art Spule um das Raumschiff herum. Einmal aktiviert, legte er ein Feld um das Raumschiff, das uns helfen würde, die Dimensionen zu überwinden. Als netter Nebeneffekt sorgte das Feld dafür, daß wir vor der harten kosmischen Strahlung sicher waren.

Damit das Feld optimal wirken konnte, durfte nichts sein Wirken beeinflußen. Deswegen durften sich keine Bullaugen oder Türen an den Seitenflächen befinden. Auch verbot sich jegliche Lackierung. Lediglich an der Spitze befanden sich Bullaugen, diese würden sich aber nicht störend auswirken.

Soeben durchlief ein Ruck die Pegasus, wir wurden schwerelos. Alles, was nicht ordungsgemäß befestigt war, würde jetzt unkontrolliert herumschweben, wie das Diktiergerät, auf das ich gerade spreche - hoffentlich haben die Techniker die Laborgeräte fest verstaut!

 

Schwerelosigkeit, ich war noch nie ihr Freund. Der Magen blähte sich auf, man verlor die Orientierung. Mir wurde nicht schlecht, wenigstens hatte ich die Monate in der Forschungsstation keine Probleme damit gehabt, jedoch das Essen. Das Essen in Schwerelosigkeit war grausam. Wieso Leute auch noch viel Geld dafür ausgaben, in Orbitalhotels einen solchen Fraß zu sich zu nehmen, den sie auf der der Erde nicht mal ansehen würden, kann ich einfach nicht verstehen. Hoffentlich schaffte es Janou, unser guter Geist, etwas Genießbares zu erzeugen.

Ich habe ein paar Minuten gebraucht, um das Diktiergerät wieder einzufangen. Zuerst hatte ich mich wieder an das Gefühl gewöhnen müssen - konnte man das überhaupt? Dann hatte ich versucht, die Flugbahn des Geräts mit meiner zu kreuzen. Eine unkontrollierte Bewegung und ich torkelte wie ein tauber Satellit. Nun ja, jetzt habe ich es geschafft, das ist die Hauptsache.

Keine Minute zu früh, denn eben hat Peter durchgegeben, daß jetzt der Transdim einsatzbereit ist und aktiviert wird. Ich bin unruhig. Ja, ich weiß, Peter hat sein Bestes getan, aber ich bin trotzdem nervös, ich liege hier und kann nichts tun, ich kann es nur über mich geschehen lassen.

Das ist das selbe grundsätzliche Dillema, das ich auch immer empfinde, wenn ich fliege. Im Grunde genommen, liegt es wohl daran, daß ich ein Problem dabei habe, die Fähigkeiten eines anderen anzuerkennen. Sobald ich mein Leben in die Hände eines anderen gebe, muß ich ihm vertrauen. Ich traue aber niemanden, das ist es. Das Wissen um diese Eigenschaft war zwar interessant - ich verdanke es meiner Ex, Sandra - aber es hilft mir nicht, es zu bewältigen.

Ich ...Eben kam der Gong, es ist soweit. Gleich werden wir erfahren, ob alles so funktioniert, so wie wir es gepl...

 

Wie soll ich das Gefühl beschreiben? Für Sekunden erschien es mir, als wenn ich in einen tiefen Abgrund fallen würde. Ich weiß nicht, ob ich bewußtlos geworden bin, oder nur kurz davor stand, auf alle Fälle habe ich einen kleinen Filmriss von ein paar Minuten, in denen das Diktiergerät nichts aufgenommen hat. Peter hatte uns schon davor gewarnt. Er meinte, daß die Initialisierung der Transdim-Spule etwas Restenergie ins Innere ableiten könnte, obwohl wir auf eine starke Isolation Wert gelegt hatten. Ich hoffe, unsere Geräte haben genügend Werte aufgenommen, so daß wir hoffentlich eine mögliche Gefährdung unserer Gesundheit ausschließen können.

Daß wir jetzt gesprungen sind, bedeutet, daß sich unsere Astrophysiker auf ein Zielsystem einigen konnten. Renoir's Theorie legt ein paar Eckpunkte fest, anhand derer ein System klassifiziert werden kann. Durch diese Klassifizierung werden wir hoffentlich recht schnell ein System finden, auf dem wir unsere Forschungen fortsetzen können. Unsere Ansprüche sind hoch, er muß in vielen Punkten unserer Erde entsprechen, lediglich in einem nicht: Es sollte keine Zivilisation geben, höchstens eine primitive Zivilisation wäre noch ertragbar. In diesem Fall könnten wir uns wohl ohne Probleme zu Göttern erheben. Eine beschwingende Aussicht, ich glaube, ich wollte schon immer ein Gott sein. ,,Oh großer Lutter, befehle, so werden wir dir folgen`` Das hat doch was, oder?

Was würde jetzt wohl Sandra dazu sagen? Sie hatte damals als wir für einige Monate zusammen waren, immer versucht, mich zu analysieren. Sie konnte einfach nicht in ihrer Freizeit abschalten - beruflich ist sie Psychoanalytikerin.

Dieses ewige herumstochern in meinem Geist, in jedem was ich sagte, das gab dann in mir schließlich den Ausschlag, sie zu verlassen. Ja, ich denke Sandra würde jetzt gleich ihre Schlüsse ziehen, die natürlich zu meinen Ungunsten ausfallen würden, was sonst? Dabei ...wo liegt denn das Schlechte darin, ein Gott zu sein? Es wäre uns möglich, die Geschicke unserer Schützlinge zu bestimmen, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Das wäre doch sicherlich zu ihrem Vorteil. Wir könnten alle Fehler vermeiden, die unsere Gesellschaft begangen hat, wir könnten alles besser machen.

Genug philosophiert, ich denke, ich werde jetzt in die Kommandozentrale gehen. Gehen, naja, das ist nicht unbedingt das richtige Wort, gleiten, fliegen, ja sogar torkeln wäre wohl besser.

 

,, Komm' nur herein``, rief Peter fröhlich von seinem Kommandosessel aus, in dem er festgeschnallt war. Wenige Augenblicke zuvor hatte ein Ton wie der Klang einer Glocke den Raum erfüllt, jemand war offensichtlich mit zuviel Schwung gegen die Luke geflogen.

Die Tür öffnete sich mit einem sanften Zischen und Vik kam herein. Er hielt sich die linke Schulter, mit der er anscheinend unsanft gegen die Luke gekommen war. ,,Da habe ich noch ein paar Tage etwas davon``, meinte er in dem Versuch, den Schmerz mit Humor zu bekämpfen.

Seinen Schmerz vergaß er aber auch so wenige Momente später, als er einen Blick durch die Glaskuppel warf, die in der Spitze angebracht war.

,,Hast Du das schon gefilmt?``, fragte er Nicole, die neben Peter saß und bis dahin einige Geräte kontrolliert hatte.

,,Noch nicht, Moment.`` Sie schnallte sich ab und flog zu der Kamera, die die Einstiegsluke und die Kommandosessel gefilmt hatte. Das Bild veränderte sich, jetzt zeigte es die beiden Astrophysiker, Tabata und Thomas. Sie schwebten kurz vor der Glaskuppel und betrachteten das All. Sie hatten anscheinend nicht einmal bemerkt, daß jemand eingetreten war.

Das All hatte eine seltsame Farbe. Auf den ersten Black sah es einfach nur schwarz aus, aber je länger der Blick verweilte, desto mehr wirkte es wie ein dunkelviolett. Auf alle Fälle fehlten jegliche Sonnensysteme, es schien, als wenn sich nichts dort draußen befände.

,,Sieht faszinierend aus, da draußen, oder?`` fragte Peter in diesem Moment. ,,Ich hatte mich schon gefragt, wann du in die Zentrale kommen würdest.``

,,Ich mußte erstmal wieder aufwachen. Bist du auch bewußtlos geworden?``

,,Ja. Ich habe stichprobenartig verschiedene Kabinen angerufen, als ich wieder aufgewacht bin, das Phänomen scheint uns alle erwischt zu haben. Was dich interessieren wird: Die Medizinische hat bestätigt, daß die Strahlung nicht zu Dauerschädigungen führt. Wenn ich Juan richtig verstanden habe, hat das Transdimfeld nur zu einer temporären Orientierungslosigkeit geführt, aber das kann er dir sicherlich besser und genauer erläutern.``

,,Ich werde auch gleich zu ihm gehen, dann nehme ich auch gleich einen Einblick in die Aufzeichnungen. Aber bitte erklär' mir jetzt erstmal, was ich da draußen sehe, und ob hier alles in Ordnung ist.``

,,Wenn ich wüßte, was das da draußen ist, wäre ich schlauer. Wir befinden uns jetzt nicht mehr im Einsteinschen Universum, hier scheinen andere Gesetze zu gelten. Möglicherweise ist das, was wir hier sehen, das Hintergrundrauschen der Sterne. Durch die hohe Geschwindigkeit, mit der wir reisen, hat eine Verschiebung der Frequenzen der elektromagnetischen Wellen stattgefunden, so daß die langwelligen Signale plötzlich sichtbar werden. Allerdings kann es auch sein, daß wir hier die Auswirkungen des Transdim-Feldes beobachten, genaues weiß ich, wenn ich in mein Labor gehe, hoffe ich.``

Viktor machte nicht den Eindruck, als wenn er alles verstanden hätte. ,,Und, ist alles sonst soweit in Ordnung?``

,,Keine Probleme. Der Antrieb läuft ohne zu murren. Ich werde ihn aber trotzdem auf unserem Zielplaneten komplett auseinandernehmen, damit wir sicher sein können, daß wir auch wieder zurückkommen.``

,,Wo geht's denn jetzt hin?``

,,Nach Magrathea``, kam Tabatas Stimme von der Decke.

,,Wer ist denn auf diesen Namen gekommen?``, fragte Vik erstaunt. Er hatte wohl gedacht, technische Daten zu erfahren, stattdessen wurde er mit einem Namen konfrontiert.

,,Ich``, war Tabatas knappe Antwort. ``Wir haben in der Zentrale gelost, in welcher Reihenfolge wir die Namen vergeben dürfen. Ich habe gewonnen.``

,,Dann folgen ich, Nicole und Peter``, fügte Thomas hinzu. ,,Aber du möchtest bestimmt lieber wissen, wo unser Ziel liegt. Es ist zwanzig Lichtjahre von der Erde entfernt und liegt noch ein bißchen näher am Außenrand der Galaxis als die Erde. Nach Renoir ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir auf einen Class-M System treffen, bei 80%, die Wahrscheinlichkeit, daß dieser Planet Leben tragen kann, liegt bei 20%. In einigen Tagen werden wir wissen, ob er Recht hatte.``

,,Ich finde es trotzdem noch zu ungewiß. Ohne dich angreifen zu wollen Peter, aber wie ist denn die Situation? Wir sitzen hier in einem ungetesteten Raumschiff mit einem ungetesteten Antrieb und fliegen zu einem unbekannten Ziel. Wir wissen weder, ob wir das finden, was wir suchen, noch, ob wir aus diesem seltsamen Zwischenzustand jemals wieder in unsere Dimension zurückkehren können. Es sind mir einfach zuviele Unbekannte, die da auf uns treffen.``

,,Was sind die Alternativen?``, wandte Nicole ein. ,,Wir haben für den Antrieb einen Kernreaktor gebaut und dafür illegal spaltbares Material besorgt, ihr Biologen habt Embryonen und Föten entwendet. Wir alle haben illegale Experimente durchgeführt. Wenn wir auf der Erde geblieben wären, wären wir für Jahre ins Gefängnis gegangen, und selbst, wenn wir danach wieder zusammengekommen wären, es ist zweifelhaft, ob wir dann noch einmal etwas zustandebringen könnten, unser Wissen wäre schlicht gesagt einfach nicht mehr auf dem Stand. Und schließlich müßten wir erst wieder Geldgeber finden. Vergiß' es, die Flucht war der einzige, der richtige Weg.`` Nach einer kleinen Pause fügte sie dann noch mit einem zärtlichen Blick zu Peter hinzu: ,,Außerdem vertraue ich dem, was Peter und ich entworfen und gebaut haben.``

,,Vielleicht brauche ich auch einfach nur deinen Optimismus. Warten wir die Tage ab, wir haben sowieso genügend zu tun, ich denke, wir werden kaum Gelegenheit haben, uns Gedanken zu machen.``

Mittwoch, der 10. September 2042

Die vergangenen Tage waren wir damit beschäftigt gewesen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Keiner hatte sich davon ausgeschloßen, auch ich nicht. Aus diesem Grund habe ich das Tagebuch etwas schleifen lassen. Ich gebe zu, das ist ein schlechter Anfang, aber ich gelobe Besserung.

Nicole,Peter, Tabata und Thomas arbeiteten in der Kommandozentrale und überwachten die Flugparameter. Dabei machten sie Zwölfstundenschichten, wobei nach jeweils sechs Stunden einer von beiden ausgewechselt wurde.

Wir anderen waren damit beschäftigt zu erfassen, was wir überhaupt mitgenommen hatten, ob wir überhaupt das Material dabei hatten, eine Kolonie zu eröffnen. Andere brachten ein paar der Laboratorien in einen funktionsfähigen Zustand und werteten die Flugdaten aus, sowohl medizinisch als auch physikalisch.

Es sah gut aus, zumindest in einer Richtung. Es gab anscheinend wirklich keine gefährliche Strahlung und auch der Antrieb lief wie erwartet. Dafür hatten wir andere Probleme, die mir Ludi mitteilte, als ich in der technischen Abteilung vorbeischaute. Ludi, eigentlich Ludwig, ist unser 'Mädchen für alles'. Er leitet die technische Betreuung, ohne die wir niemals hätten forschen können. Er und seine Kollegen hatten uns die letzten Tage unter ihrer Aufsicht Kisten und Geräte schleppen lassen, ein ungewohntes Bild, aber da waren sie uns einfach überlegen. Dabei hatten sie nicht nur Ordnung in dieses angehäufte Chaos gebracht, sondern auch erfaßt, was wir überhaupt mitgenommen hatten.

 

,,Wir haben keinen Strom für die Siedlung!``, meinte Ludi und brachte damit das Problem auf den Punkt.

,,Wie sieht es mit den Notstromgeneratoren aus?``

,,Das kannst du dir abschminken. Notstromgeneratoren sorgen zur Not für Strom, so wie es ihr Name schon sagt. Unser normaler Strombedarf liegt weit über dem, was sie erzeugen können. Außerdem, weißt du, wie weit die nächste Tankstelle entfernt ist?``

,,Wer nicht sarkastisch, was schlägst du vor?``

,,Wir müssen unbedingt noch weitere Versorgungsflüge durchführen. Uns fehlt es an unheimlich vielen Dingen. Wir haben keine Zelte, keine Hütten, nichts, wo wir die empfindlichen Geräte vor Wettereinflüssen schützen können. Es fehlen außerdem die banalsten Dinge. Wir haben nur zwei Beile, drei Äxte, und nur eine Schaufel. Das Lächerlichste ist diese eine verrostete Kettensäge, die wir besitzen. Peters Crew wird wohl ein paar Flüge durchführen müssen. Die beste Lösung für das Energieproblem wird ein Reaktor sein, groß genug, um uns auch in Zukunft mit Strom versorgen zu können.``

,,Hättet ihr nicht an soetwas denken können, als wir alles für die Flucht zusammengeräumt haben?`` Viktor wurde ärgerlich.

,,Wir hatte alle Hände damit zu tun, für euch die Kisten zu schleppen, ihr habt uns dirigiert, wir konnten uns keine weiteren Gedanken machen, das hättet ihr machen müssen, aber ihr hattet natürlich nur eure Geräte im Kopf.``

,,Ohne die wäre auch alles sinnlos gewesen!`` Nach einer Pause fügte Vik hinzu. ,,Hätten wir denn überhaupt transportable Geräte gehabt? Unseren Reaktor hätten wir ja nicht mitnehmen können.``

Ludi grinste. ,,Nee, du hast Recht, wir haben uns hier um nicht vorhandene Dinge gestritten. Ich denke, wir müssen bei den Versorgungsflügen auch daran denken.``

,,Ich frage mich da nur, wie wir bei diesen Flügen die Flug und Raumüberwachung austricksen wollen, aber das werden wir besprechen, wenn es an der Zeit dazu ist. Ich denke, wir sollten auf dem neuen Planeten nach Höhlen suchen. Dort wären die Geräte erstmal geschützt. Wie lange werden uns denn die Generatoren versorgen können, solange wir noch keine andere Energiequelle haben?``

Ludi griff sich an das Kinn und grübelte. ,,Es gibt noch eine Möglichkeit. Wir könnten versuchen, für die Anfangszeit ein Aufwindkraftwerk zu bauen. Dafür dürften wir wohl alles dabeihaben und das Prinzip ist genial. Es wird wohl kaum für viele Experimente reichen, aber wir werden unser Lager beleuchten können, außerdem wird es uns beim Aufbau helfen.``

,,Wie funktioniert so ein Kraftwerk? Bitte erkläre es langsam, Schritt für Schritt, dann erkläre ich dir im Gegenzug auch gerne wie du deinem Pheromonaustoß erhöhen kannst, um besser bei Frauen anzukommen.``

,,Danke, aber ich glaube, ich bin erfolgreich genug. Ich werde es dir auch ohne Gegenleistung gerne erklären. Stell` dir so ein Kraftwerk wie eine Art rundes Gewächshaus vor, das in der Mitte einen Kamin hat, und an den Kanten offen ist. Wenn die Sonne scheint, erwärmt sich die Luft unter dem Glasdach und steigt zur Mitte. Am Kamin steigt sie dann recht schnell auf. Eine dort angebrachte Turbine kann dann erstaunlich viel Strom produzieren. Der Nachteil ist der große Platzbedarf. Der Vorteil liegt im einfachen Prinzip. Das Beste ist, daß wir alles dafür hier haben.``

,,Gut, wir halten noch eine große Versammlung ab, sobald wir einen geeigneten Planeten erreicht haben, aber es klingt schon mal gut.``

 

Der Sprungalarm unterbrach das Gespräch. Ludi eilte in seine Kabine, ich in meine. Ich legte mich wieder auf mein Bett, schnallte mich an und erwartete wieder eine Ohnmacht. Ich wartete immer noch darauf, als mich Peter in die Zentrale rief.

Mit der Zeit kam die Übung, so schlimm empfand ich die Schwerelosigkeit schon nicht mehr und ich bewegte mich schon erheblich geschickter, zumindest glaubte ich es.

In der Zentrale erwartete mich bereits die gesamte Flugcrew, keiner hatte diesen Moment verpassen wollen.

 

,,Sind wir da? Wie sieht es aus?`` Viktor stellte die Frage ungeduldig in den Raum.

,,Immer mit der Ruhe``, antwortete Tabata vom Kommandosessel aus. ,,Wir tangieren Magrathea jetzt in einem Abstand von zehn Parsec, unsere Scanner sind auf der Suche nach Planeten, aber bis jetzt wissen wir noch nichts genaues.``

,,Wie lange wird es deiner Einschätzung nach dauern, bis wir Bescheid wissen?``

,,Frag' mich 'was leichteres. Wenn wir Glück haben, dauert es nur noch ein paar Minuten. Haben wir Pech, versteckt sich der geeignete Planet hinter der Sonne, dann wird es noch bis zu einer Woche dauern. Jetzt bist du aber an der Reihe, Dinge zu erklären. Wieso sind wir nicht bewußtlos geworden?``

Viktor grübelte. ,,Da ist Juan der bessere Ansprechpartner, aber nachdem wir festgestellt haben, daß die Bewußtlosigkeit bei Aktivierung des Transdim durch das Energiefeld kommt, das die Abschirmung durchschlägt, war fast zu erwarten, daß wenn wir das Feld deaktivieren, ein solcher Effekt eben nicht zustande kommen würde. Ich wußte es aber auch nicht vorher.``

,,Jetzt wissen wir Bescheid und sind wieder etwas klüger als vorher``, meinte Peter.

Freitag, der 12. September 2042

Der Tag begann für mich damit, daß mich Peter über Interkom aus dem Schlaf riß. Er meinte, ich solle sofort in die Zentrale kommen, ließ sich aber nicht aus, weshalb ich das tun solle. Auf dem Weg dorthin traf ich auf Tabata und Thomas, die er ebenfalls geweckt hatte und die genausowenig wußten.

Wir vermuteten, daß es um die Auswertungen der Planeten gehen würde.

 

,,0:1 gegen Renoir``, meinte Peter traurig.

,,Wieso?``, fragten einstimmig Viktor, Tabata und Thomas.

,,Dieses System hat acht Planeten. Vier Gasriesen, vier feste Trabanten. Nummer eins ist zu heiß, genau wie Nummer zwei. Nummer drei hat keine Atmosphäre und Nummer vier ist wohl schon zu kalt. Es können sich keine weiteren inneren Planeten in diesem System befinden, also heißt es weiterreisen.``

,,Weiter nach Damian!`` meinte Thomas aufmunternd.

,,Damian?`` fragten vier Münder gleichzeitig.

,,Ja! Ich habe das Recht, einen Namen zu vergeben, also nutze ich es auch aus!`` meinte Thomas.

 

Ich ging in meine Kabine, Thomas und Tabata führten die notwendigen Berechnungen durch und folgten eine halbe Stunde später. Zehn Minuten danach ertönte wieder der Sprungalarm, ein paar Minuten später waren wir wieder bewußtlos.

Es ist unangenehm, unerwartet wegzutreten, noch unangenehmer ist es jedoch, wenn du weißt, was gleich geschehen wird. Das Unangenehmste muß es jedoch wohl für den Piloten sein, der dieses Ereignis ja auslöst. Ich muß mal beizeiten die Flugcrew fragen.

Dieses System - Damian - das jetzt unser Ziel darstellte, lag etwa zwanzig Lichjahre von Magrathea und zehn Lichtjahre von der Erde entfernt, wir würden unsere Heimat - unsere ehemalige Heimat - in kurzem Abstand passieren. Ich versuchte, mir über meine Gefühle zu ihr klarzuwerden, aber vergeblich.

 

Zwölf Tage vergingen nun, bis die Crew um Viktor den nächsten möglichen Zielplaneten erreichten. Die Stimmung an Bord war laut den Tagebucheinträgen nicht schlecht. Kaum einer hatte anscheinend erwartet, daß schon der erste Anlauf erfolgreich sein würde.

Das Leben an Bord war zur Routine geworden und alle schienen zufrieden, ja auch Janou hatte das Kunstück geschafft, Viktor so zu bekochen, daß dieser zufrieden war.

Jetzt am zwölften Tag, es war der 24. September in ihrer Zeitrechnung, befand sich Viktor mit Thomas in der Zentrale, um den Vorstoß in den Normalraum mitzuerleben.

 

Thomas legte einen Schalter um - den Hauptschalter des Transdim - Plötzlich stand die Zentrale in einem gleißenden Schein. Dieser Schein kam von außen, die Ursache war aber nicht zu erkennen, da die Kamera nicht nach außen gerichtet war.

Diese Erscheinung war nicht normal, das konnte man an den entsetzten Gesichtern der drei Menschen in der Zentrale sehen.

Thomas rief: ,,Was ist das?``

,,Schalt sofort den Transdim an!``, befahl Nicole.

,,Aber wir haben kein Ziel!``

,,Egal! Mach das Teil an, oder wir werden gebraten!``

Das Grelle wich wieder dem dumpfen Glühen, und Ruhe trat ein, denn die Menschen in der Zentrale waren wieder bewußtlos zusammengesackt.

,,Was bei allen Göttern des Universums war das?``, wollte Viktor wissen, als er wieder erwacht war. Er hielt sich die Stirn, mit der er während seiner Bewußtlosigkeit angeeckt war.

,,Warte bitte noch ein paar Minuten, dann kann ich es dir hoffentlich sagen.`` meinte eine heftig atmende Nicole.

Eine halbe Stunde lang rechnete Nicole, verglich Werte, schrieb kleine Auswertungsprogramme. In der Zeit sprach niemand ein Wort, die Welt schien um sie herum stillzustehen. Dann entschlüpfte Nicole ein kleines 'Hups', sie hatte fertiggerechnet, jetzt wußte sie ihre jetzige Position und was genau passiert war.

,,Ähem, entweder haben wir uns verrechnet, oder einige Theorien sind falsch. Diese Nova ist definitiv aus den Resten von Damian entstanden. Eigentlich sollte es sich um einen Sonnentyp handeln, der zu einem schwarzen Zwerg wird, nicht zu einer Nova, seltsam. Abgesehen davon sah das Spektrum noch sauber aus, es wurde praktisch nur Wasserstoff fusioniert, kein Kohlenstoff oder höhere Elemente. So oder so war Damian ein Fehlschlag.``

,,Wo sind wir jetzt und wie ist der Zustand des Schiffs?``, fragte Viktor besorgt.

,,Wir sind ein paar Lichtwochen von der Nova entfernt, nicht weiter. Du siehst ja selber, wie stark sie auch noch hier den Himmel überstrahlt. Ich glaube, wir haben Glück gehabt. Kein System meldet einen Fehlzustand, auch der konventionelle Antrieb scheint ohne Probleme zu funktionieren. Wie die Außenhülle tatsächlich aussieht, können wir allerdings erst nach einer Landung sehen. Das ist auch der einzige Grund, der mich davon abhält, Damian genauer zu untersuchen.`` Nach einer Pause, in der ihr Gesichtsausdruck von Bedauern in Trotz mutierte, fügte sie hinzu: ,,Ich denke, jetzt kommt Davos dran``.

Wohl um jeglicher Frage nach dem Grund der Namensgebung vorwegzunehmen, fügte sie weiterhin hinzu: ,,Ich wollte immer in Davos meinen Winterurlaub erleben, hab' es aber nie geschafft. Ich will aber wenigstens einmal dagewesen sein.``

Peter, der inzwischen die Zentrale betreten hatte, meinte dazu kurz und knapp: ,,Frauenlogik``, was ihm eine Attacke von Nicole einbrachte. Die beiden kugelten sich innerhalb der Zentrale und brauchten ein paar Minuten, um sich wieder zu beruhigen.

 

Die Nachricht über diesen Fehlschlag hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet und hat zu einem Stimmungsumschwung geführt. Noch gestern freuten sie sich darüber, eine neue Welt aufzubauen, eben habe ich die ersten unzufriedenen Gesichter gesehen, und Juan hat mir von einem Gespräch erzählt, das vorhin zwei Techniker geführt haben. Sie waren nicht nur unzufrieden, nein, sie meinten auch, daß sie besser auf der Erde aufgehoben wären, als auf ewig zwischen den Sternen zu treiben, oder das Opfer unbekannter Gefahren zu werden. Die Techniker sind eben nicht so in die Projekte eingebunden, daß sie sehen, daß sie alle Opfer wert sind, es sind halt nur Techniker, keine Forscher.

Bevor diese negative Stimmung noch weiter ausufert, werde ich gleich eine Versammlung einberufen, ich hoffe, ich kann alle noch einmal motivieren.  

,,Liebe Freunde``, ergriff Viktor das Wort. Sie hatten sich alle im Mittelgang versammelt und sahen fragend zu Viktor, der vor dem Eingang der Zentrale schwebte. ,,Ich habe euch hier zusammengerufen, um euch über den aktuellen Stand unserer Suche zu informieren. Wie ihr wisst, war Magrathea ein Fehlschlag. Leider ist Damian in einer Nova verglüht, also blieb uns nichts anderes übrig, als uns gleich das nächste System, das von Nicole so getaufte 'Davos' anzufliegen. Ich hoffe, daß wir dort fündig werden. Habt ihr dazu Fragen?``

,,Werden wir ewig weiterfliegen?``

,,Was machen wir, wenn wir keinen Planeten finden?``

,,Wollen wir nie mehr zur Erde zurück?``

Ein wahres Fragengewitter ergoß sich über Viktor.

,,Bitte nicht alle auf einmal!`` Er versuchte verzweifelt, wieder etwas Ruhe hineinzubringen. ,,Nach zwei weiteren Systemen werden wir alle zusammen über die Zukunft abstimmen. Sollten sich einige für einen Rückflug zur Erde entscheiden, werden wir versuchen, sie dorthin zu bringen. Aufgrund der von uns durchgeführten Experimente und den dafür auf der Erde drohenden Strafen hat sich die gesamte Führungscrew für eine Fortsetzung der Suche ausgesprochen, das heißt, wir würden die Rückkehrwilligen auf der Erde absetzen und dann mit reduzierter Crew weiter auf der Suche sein. Das soll aber niemanden davon abhalten, für sich persönlich zu entscheiden, zurückzukehren. Aber noch haben wir Davos. Ich hoffe, daß dies die Endstation unserer Suche sein wird.`` Damit schloß er die Versammlung.

 

Für einen Moment habe ich gedacht, daß mir die Kontrolle entgleiten würde. Ich konnte nicht anders, ich mußte sie vertrösten, hoffentlich sind sie für den Moment beruhigt. Hoffentlich werden wir jetzt auch fündig, denn ich glaube nicht, daß sich viele für eine Weiterreise entscheiden werden. Ja, natürlich werden wir Forscher weitermachen, wir haben keine andere Chance, aber bei den Technikern sehe ich schwarz. Ich hoffe, Davos wird ein Erfolg.

Donnerstag, 2. Oktober 2042

Der große Moment steht kurz bevor. Wir stehen kurz vom dem Wiedereintritt ins Normaluniversum an den Grenzen des System mit dem Namen Davos.

Davos liegt etwa fünfzehn Lichtjahre von den glühenden Überresten von Damian entfernt. Die Erde liegt etwa zwanzig Lichtjahre in südwestlicher Richtung, wenn man das Zentrum der Galaxis als Nordpol annimmt.

Die Stimmung an Bord ist auf einen nie erreichten Tiefstand gesunken. Insgeheim bezweifle ich, ob unsere Moral einen weiteren Tiefschlag überstehen wird. Aus der Sicht der meisten anderen sind sowieso nur wir Forscher diejenigen, die etwas von den Behörden zu erwarten haben. So wird immer offener über eine Rückreise und hinter versteckter Hand von Meuterei gesprochen. Es steht nicht gut, wir brauchen den Erfolg, dringend!

 

Nicole betätigte den Rücksturzalarm, die Augen der versammelten Gruppenleiter folgte gebannt ihrer Hand. Sie ging zum Transdim, deaktivierte ihn, das Raumschiff fiel zurück in den Normalraum. Das Glimmen vor den Scheiben erlosch, wurde schwarz und viele Sterne zeigten sich, die einen besonders großen einrahmten, Davos.

,,Immerhin ist er noch nicht verglüht!`` Nicole übernahm anscheinend die Aufgabe, für die Erheiterung der versammelten Menschen zu sorgen.

,,Beeilt euch mit der Auswertung!``, drängte Viktor.

,,Wenn ihr uns jetzt in Ruhe laßt, geht es um so schneller``, beschwerte sich Nicole.

Daraufhin verließen alle bis auf Thomas und Nicole die Zentrale.

Nicole betätigte noch einen Schalter, dann erlosch das Bild.

 

Die Kamera wurde wieder angeschaltet, als Viktor in die Zentrale zurückkam.

Kaum hatte er die Luke vollständig geöffnet, rief Thomas ihm zu: ,,Bingo! Wir haben's!``

,,Beruhige dich. Und wenn du das getan hast, kannst du noch einmal alles von vorne erzählen.``

,,Jajaja``, meinte Thomas und fuhr ruhiger fort: ,,Davos III ist geeignet. Er liegt in der richtigen Entfernung, hat eine Vegetation auf Kohlenstoffbasis, und es gehen keine Signale von ihm aus, die auf höhere Zivilisation schließen lassen!``

,,Das ist zur Abwechslung tatsächlich eine wirklich gute Nachricht und das so kurz nach der Ankunft. Wie schnell wissen wir mehr?``

,,Tabata errechnet gerade die notwendigen Parameter und füttert Eddy damit.``

,,Eddy?``, fragte Viktor nach.

,,Tabata war der Meinung, unserer Computer bräuchte einen Namen und ihr gefiehl 'Eddy` eben gut.``

,,Und wann ist Eddy bereit?``

,,Jetzt``, kam es von hinten, wo Tabata an der Tastatur hing. ,,Ich muß nur noch den Alarm geben, dann sind wir in ein paar Sekunden dort.``

 

Wie ich den Anmerkungen Viktors entnehmen konnte, die er an diesem Abend machte, war dieser kritischer gewesen, als alle anderen zusammen. Bislang waren sie immer über Lichtjahre hinweg gesprungen, da war eine Sekunde länger oder kürzer nicht entscheidend gewesen. Hier aber hätte eine einzige Sekunde zuviel möglicherweise ihren Tod bedeuten, deswegen übernahm der Computer - Eddy - die Kontrolle und hätte auch sofort Ausweichmanöver eingeleitet, falls sie in eine kritische Situation geraten wären, während sie noch bewußtlos waren.

 

Tabata löste den Alarm aus und betätigte eine Taste am Computer. Ein Countdown ertönte, der von zehn abwärts zählte, was ihr ein ,,Spielkälber!`` von Viktor einbrachte.

Bei ,,Null`` wurden alle Anwesenden wieder bewußtlos. Diesesmal dauerte die Bewußtlosigkeit aber nicht sehr lange. Schon wenige Augenblicke später erwachte Tabata, die die Überwachungskamera abnahm und auf den Ausblick richtete.

Ein blaugrüner Planet füllte fast das Blickfeld aus. Sie machte einen Schwenk in den Raum. Alle schauten andächtig hinaus, dann befestigte sie die Kamera wieder am alten Platz.

Thomas fing mit den Untersuchungen des Planeten an, unterstützt durch Tabata. Wenige Minuten später erstatteten sie Viktor Bericht, der anscheinend immer noch fasziniert vom Ausblick war, denn brauchte mehrere Rufe, bis er reagierte.

,,Bist du jetzt aufnahmefähig? Gut. Der Planet hat keine künstlichen Trabanten, lediglich ein Mond, etwas kleiner als unserer umkreist Davos. Davos ist etwas kleiner als die Erde und ist von allen Umweltbedingungen her absolut mit ihr zu vergleichen - wenn Du mich fragst, ist es der ideale Planet, genau diesen Planeten haben wir gesucht!``

 

Die Gruppenleiter reagierten auf diese Nachricht mit Erleichterung, die übrige Besatzung zum Teil mit Entäuschung, aber zum größten Teil waren sie auch zufrieden, daß unsere Suche beendet war.

Freitag, 3. Oktober 2042

Am 3. Oktober 2042 um 11:37 GMT nahmen wir Besitz von Davos. Wir hatten einige Zeit gebraucht, um den idealen Landeplatz zu finden. Nun hatten wir ihn. Am Südende eines Kontinents, nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. (Genaue Ortsbeschreibung folgt)

Dort waren Höhlen, in denen wir vorübergehend unsere Apparaturen unterstellen konnten und dort waren große Bäume, deren Holz uns beim Bau der Unterkünfte helfen konnte.

Vor der Landung hatten wir noch einmal unsere gesamte Ladung kontrolliert und sichergestellt, daß sie nicht verrutschen konnte. Dann gingen wir in unsere Kabinen, schnallten uns fest und übergaben die Verantwortung für uns und unser Leben der Flugcrew, die sich mit der Zeit zu einem echten Team entwickelt hatte.

Ich hatte es vorgezogen, die Landung in der Zentrale mitzubekommen. Es wurde ein Erlebnis, daß ich nie zuvor gehabt hatte und ich bezweifle, daß ich es jemals wieder so empfinden werde.

Nicole tauchte die Rakete in die Atmosphäre ein, wir begannen tiefer zu sinken, dabei wurde die Luft vor unserem Bugfenster immer heißer, bis sie schließlich glühte. Irgendwann gab sie einen mächtigen Schub mit den Steuerdüsen, um uns umzudrehen. Von da an bremste sie uns mit viel Schub aus den Haupttriebwerken ab. Wir sanken immer weiter, dem unbekannten Planet entgegen. Wir wurden durchgeschüttelt, Nicole konnte wahrscheinlich kaum noch die Anzeigen erkennen, aber wir sanken unbeirrbar weiter. In diesem Moment fühlte ich zum ersten Mal richtig Respekt für die Arbeit eines anderen. Es war seltsam, aber ich vertraute ihr. Ich hatte keine Angst, daß etwas schief laufen könnte, daß wir eine Bruchlandung hinlegen konnten, nein, als ich sie so arbeiten sah, war ich mir sicher, daß alles glücklich verlaufen würde.

Nur noch wenige hundert Meter und wir sanken weiter, nur noch wenige Dutzend Meter, wir wurden langsamer. Dann erschütterte uns ein Stoß, wir waren gelandet!

Nun folgten die abschließenden Untersuchungen, die aber nur noch bestätigten, was wir bereits wußten: Der Planet war ideal für unsere Zwecke.

Es dauerte noch etwa zwei Stunden, dann betrat der erste Mensch einen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems.

 

Viktor entriegelte die Rampe und fuhr sie aus. Kaum daß sie ganz den Boden berührt hatte, lief Viktor, dicht gefolgt von Ludi hinaus, die Kamera folgte.

Sie richtete sich auf Viktor, anscheinend in der Hoffnung, er würde ein paar historische Worte sprechen. Stattdessen war es Ludi, der die ersten Worte sprach.

,,Nach was stinkt das hier?``

Viktor, dem man nicht ansah, ob er sich ärgerte, daß nicht er es war, der die historischen ersten Worte gesprochen hatte, antwortete: ,,Hier wird es noch einiges geben, das uns seltsam vorkommen wird. Denk' dran, diese Welt hier hat nie einen Menschen gekannt, sie konnte sich nicht an uns, und wir konnten uns nicht an sie gewöhnen. Wir müssen zuerst sehen, auf welcher Basis diese Pflanzen und Tierwelt aufgebaut ist, damit wir wissen, ob wir diese Fauna als Basis für unsere Arbeit zu gebrauchen ist.``

 

Bis wir diese Frage klären konnten, würde viel Zeit vergehen. Zuerst mußte das Lager aufgebaut werden, unser provisorisches Kraftwerk mußte funktionieren und die übrige Infrastruktur mußte existent sein - bis dahin würde viel Zeit vergehen, für einige, wie mich einfach zuviel Zeit, aber sie würde mit viel Arbeit ausgefüllt sein.


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