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Der Frachter

Die alte Frau ging an Deck, sie ging immer um diese Uhrzeit an Deck, seit Jahren. Es war zehn Minuten nach Fünf, also kurz nach Mittag. Wie immer hatte sie gegen fünf Minuten vor Vier ihr Essen aus dem Tiefkühlgerät geholt und es dann in der Mikrowelle erhitzt, wie immer hatte sie dabei die mobile Steuerkonsole dabei, die sie warnen würde, sollte etwas mit der Steuerung oder der Schiffstechnik nicht in Ordnung sein. Wie immer war nichts gewesen.

Nun ging sie an Deck, um nach ihrem obligatorischen Rundgang zurück auf die Brücke zu gehen.

Sie liebte die salzige Luft, die ihr um die Nase spielte. Sie hatte die See schon immer gemocht, schon als sie noch eine ganz junge Pardin gewesen war. Ihr größter Wunsch war es immer gewesen, einmal der Kapitän eines Frachtschiffs zu werden.

Niemand hatte sie verstanden, niemand hatte sie jemals verstanden. ,,Kapitän eines Frachters ist ein einsamer Beruf.`` hatten alle immer wieder gesagt, ,,Du bist völlig allein auf dem Schiff, du triffst nur für wenige Stunden im Monat auf andere intelligente Wesen, die übrige Zeit bist du auf hoher See.``

Sie hatten es nicht verstanden genau das war es doch, was sie immer gewollt hatte. Das war vor dreißig Jahren gewesen. Zwei Jahre später hatte sie ihren Traum erfüllt, sie war der Kapitän der ,,Mondauge``, einem Frachter der frantisch-burmesischen Gesellschaft, einer Handelsorganisation mit Sitz in Frantika.

Was sie transportierte, das hatte sie nie interessiert. Den Frachtraum sah sie sich immer nur über die Monitore an. Betreten hatte sie ihn noch nie, denn während der Reise war er mit Schutzgas geflutet, das nicht atembar war, und verhindern sollte, daß die Fracht durch Atmosphäreneinfluß Schaden erleiden konnte.

Ferner sollte es verhindern, daß im Frachtraum Feuer entstehen konnte, und es hatte noch einen Nebeneffekt: Es verhinderte wirkungsvoll, daß Ungeziefer oder blinde Passagiere an Bord kamen, was für sie das selbe war.

Sie stand mittlerweile am Bug und schaute auf die spiegelglatte See hinaus. Es war absolut windstill und keine Wolke verhüllte die Sonne, die ihre Lichtspielchen mit den sanften Wellen spielte.

Es war wieder soweit, sie mußte es wieder einmal tun. Sie wußte, es war verboten, sie wußte, es war gefährlich. Sollte etwas passieren, konnte sie über die Konsole keine Hilfe rufen.

Sie wußte das alles, es war ihr egal, absolut egal. Sie ging zum Kran und setzte ihn in Betrieb. Sie senkte den Haken ab, bis sie ihn in die Halterung der ,,Mondkind`` einrasten konnte. Sie stieg in das Beiboot und ließ es mit Hilfe ihres Steuerpults über die Reling ins Wasser setzen.

Das ,,Mondkind`` war eigentlich dazu gedacht, um Inspektionsfahrten um den Frachter herum durchzuführen und um sich im Notfall retten zu können. Sie hatte anderes vor.

Sie setzte auf der Wasseroberfläche auf. Kurz danach hatte sie das Beiboot vom Haken befreit. Mit Vollgas fuhr sie vor dem Frachter her, der um einiges langsamer fuhr. Sie konnte die Geschwindigkeit der ,,Mondauge`` nicht herabsetzen, während sie ihren Ausflug unternahm, das wäre in der Zentrale aufgefallen, so fuhr also die ,,Mondauge`` weiter. Sie hatte in den Jahren mittlerweile die Technik derart perfektioniert, daß sie nicht mehr zu ihrem Schiff zurückfuhr, sondern sich einholen ließ. Sie mußte dann nur noch wenige Augenblicke vorher ihre Geschwindigkeit mit der der ,,Mondauge`` angleichen, dann konnte sie sich einhaken und wieder zurück an Bord gelangen.

Das Schiff war nun nur noch als kleiner Punk sichtbar. Sie stellte den Antrieb ab und ließ sich treiben. Nun spürte sie die Wellen, die ihr Boot sanft anhoben und absenkten.

Sie legte sich mit dem Rücken auf das Deck und genoß die sanften Bewegungen. Nach einiger Zeit stand sie kurz auf, um ihre Position und die der ,,Mondauge`` zu bestimmen. Ein Blick auf das Kontrollpult genügte, um festzustellen, daß sie westlich abgetrieben war. Sie setzte den Motor wieder in Betrieb und fuhr gegen die Strömung.

Treibgut - direkt voraus, nur wenige hundert Meter entfernt schwomm etwas im Wasser. Natürlich oder technisch? Es sah mehr nach Müll aus. Sie haßte ihre Artgenossen dafür, daß sie keine Rücksicht auf die Perfektion des Meeres nahmen. Gerne wäre sie ausgewichen, aber ihr Kurs führte sie direkt daran vorbei und da sie in wenigen Minuten wieder an Bord zurückkehren mußte, nahm sie lieber den direkten Weg.

Kein normaler Müll - Trümmer. Und noch mehr. Sie fuhr langsam heran, senkte die Geschwindigkeit, stoppte schließlich ganz.

Eine Leiche schwamm im Wasser, ein Parde. Er trug eine Schwimmweste und trieb bewegungslos zwischen den Trümmern. Sie hatte ihn nun erreicht, wollte seine Schwimmweste ausziehen, damit er in der tiefen See seine letzte Ruhe finden konnte.

Sie griff um seinen Hals, suchte nach dem Verschluß - er schlug die Augen auf!

,,H...il...fe``, kam es krächtzend aus seinem Mund. Die alte Frau fuhr erschrocken auf.

Noch einmal schlug der Parde die Augen auf, wollte etwas sagen, fiel dann aber bewußtlos zusammen. Für Minuten stand sie an der Reling, schaute diesen Fremdkörper im Wasser an, unfähig zu entscheiden, was zu tun sei.

Dann spürte sie eine andere Anwesenheit - die ,,Mondauge``! Sie war ihr bis auf wenige hundert Meter nahe gekommen, sie mußte nun den Motor wieder in Gang bringen. Weswegen hatte sie eigentlich gestoppt?

Der Parde! schoß es ihr noch in der letzten Sekunde durch den Kopf, bevor sie losfuhr. Er war mittlerweile etwas abgetrieben. Sie setzte zurück und zog ihn an Bord. Sie hatte jetzt kaum Zeit, sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen, denn nun mußte sie etwas Abstand vom Schiff gewinnen, um nicht zu sehr von den Bugwellen erwischt zu werden. Sie gab nun Vollgas und fuhr in Richtung des Hakens, der wenige Meter vor ihr in Höhe der Wasseroberfläche hing.

Dann war sie eingehakt und ließ sich an Bord ziehen. Sie ging von Bord. Im letzten Moment sah sie den bewußtlosen Parden auf Deck liegen. Sie ging wieder zurück, befreite ihn von seiner Schwimmweste und legte ihn sich auf ihre Schulter. Die ,,Mondauge`` war ein altes Schiff, ein Schiff aus der Zeit, als die Besatzung noch aus mehr als einer Person bestanden hatte.

Aus diesem Grund besaß sie auch eine voll ausgerüstete Krankenstation mit einer Liege. Jedes halbe Jahr einmal wurde ihr Schiff überprüft und gegebenenfalls neu ausgerüstet. Zu diesen Zeiten zog sie sich in ihre Kajüte zurück, um nicht anderen zu begegnen. Dieser Termin war gerade erst gewesen, so war die medizinische Abteilung nicht nur mit neuen Geräten und Medikamenten bestückt worden, außerdem war sie nun sauber.

Sie legte ihn auf die Liege ...und zögerte. Was jetzt? Es war Jahre her, daß irgendetwas ihre Routine durchbrochen hatte, daß irgendeine Situation verlangt hatte, daß sie handeln mußte. Ausziehen! schoß es ihr durch den Kopf.

Sie öffnete seine Fliegerweste und zog seine Arme durch die Ärmel, er stöhnte leise auf, dann fuhr sie fort, ihn komplett auszuziehen.

Dimina, auf deine alten Tage hin wirst du noch sentimental, fängst an, dich um andere zu kümmern.

Sie schmiß seine nassen, kalten Sachen in eine Ecke, holte ein Handtuch und rubbelte ihn trocken und zog ihm einen Universalschlafanzug an, den sie im medizinischen Lager gefunden hatte. Immer wieder stöhnte er kurz auf, als habe er einen Albtraum.

Und was jetzt? Ja, richtig, der Diagnosecomputer. Sie setzte sich an das Terminal und beschrieb dem System das Problem. Nach wenigen Sekunden erhielt sie eine genaue Anleitung. Sie holte die Analysegeräte aus dem angegebenen Schrank und begann damit, Blutdruck, Puls und Temperatur ihres Patienten zu erfassen. Die ermittelten Werte flossen direkt in das System, das eine Behandlungsmethode erstellte.

So, mein Patient ist also unterkühlt und ausgetrocknet. Jetzt soll ich auch noch eine Infusion setzen. Alte, was hast du dir da nur gedacht, als du ihn aus dem Wasser gefischt hast? Nachdem sie ihn von der Liege auf das Krankenbett gelegt hatte, holte eine Infusionslösung, hängte sie an das Gestell am Bett, nahm den Schlauch und brachte ihn an der Infusionsmanschette an. Wenigstens muß ich nicht selber nach der richtigen Einstichstelle suchen ging ihr durch den Kopf, als sie ihm die Manschette anlegte und aktivierte. Die Sensoren innerhalb der Manschette begannen daraufhin, den Arm nach der richtigen Stelle abzusuchen. Als sie wenige Sekunden später ein leises Zischen hörte, wußte sie, daß der Apparat die Kanüle erfolgreich angebracht hatte. Sie nahm die Manschette ab und achtete darauf, nicht aus Versehen die Kanüle aus dem Arm zu reißen und fixierte den Schlauch mit medizinischem Klebeband.

Abschließend brachte sie noch die Sensoren für Blutdruck, Herzschlag und Puls an, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß sie funktionierten, nahm sie seine Kleidung und verließ den Raum in der Gewißheit, daß der Computer von nun an alles überwachen würde.

Als sie im Waschraum die Taschen der Kleidung leerte, damit sie sie reinigen konnte, überfiel sie ein wenig die Neugier. Wen habe ich da eigentlich aus dem Wasser gefischt? Sie fand ein Messer, eine Signalpistole, Feuerzeug und Zunder, alles wasserdicht verpackt. Die Frau vermutete, daß es sich hier um eine Notausrüstung handelte, wie sie Flieger der Katak bei einem Einsatz bei sich trugen. Seine Kleidung, eine schwarze Hose, schwarzes Hemd und schwarze Weste, sprach ebenfalls dafür, daß er zu den Katak gehörte. Sie hatte als Kind einmal einen Einsatz der Spezialkräfte beobachtet, die hatten genauso ausgesehen.

Das gibt doch bestimmt noch Probleme, hätteste ihn doch im Wasser treiben lassen sollen. Auf einmal wurde sie vielleicht noch öffentlich gelobt, daß sie ihn gerettet hatte? Das war das Letzte, was sie wollte.

Sie leerte weiter die Taschen und fand ein Bild. Es zeigte zwei Pardinnen, vielleicht Mutter und Tochter. Dafür sprach die Schrift auf der Rückseite. ,,Wir vermissen dich jede Sekunde, die du nicht bei uns sein kannst. Paß auf dich auf!``

Weiteres fand sie nicht. Sie steckte die Kleidung in die Waschmaschine und aktivierte das Programm. Nachdem sie zu Abend gegessen hatte, würde sie sie fertig getrocknet aus der Maschine holen können.

Jetzt aber mußte sie unbedingt ihren nachmittäglichen Kontrollgang starten. Nicht daß sie nicht automatisch vom System gewarnt werden würde, sollte ein Problem auftauchen, aber sie machte jeden Nachmittag diesen Kontrollgang, also auch jetzt. Sollte ihr Patient aufwachen, würde sie das System sowieso informieren.

 

Ein lauter Piepton riß sie aus dem Schlaf. Alarm! schoß ihr durch den Kopf. Sie griff zum Computer, um die Art der Störung zu erkennen und las ,,Die Infusionslösung wird in einer halben Stunde entleert sein, bitte wechseln.`` Sie schaute auf die Uhr - es war ein Uhr Nachts - und verfluchte ein weiteres Mal ihre Gutmütigkeit.

Als sie die Lösung austauschte, nutzte sie die Gelegenheit und betrachtete den Unbekannten genauer. Ein schöner Mann, kräftig gebaut, in der Blüte seiner Jahre. Sein Fell war kräftig und glänzte, seine Muskeln ausgeprägt, aber nicht zu stark. Und sein Gesicht, es sah so friedlich aus, wie er dort lag und sanft atmete. Sie konnte sich kaum vorstellen, daß dieser Mann zu den gefürchtesten Einheiten der Katak gehören sollte.

 

Diesmal erreichte sie der Alarm auf dem vormittäglichen Rundgang. Laut dem System zeigte der Patient Anzeichen, als würde er demnächst aufwachen. Sie beeilte sich, in die Krankenstation zu gelangen.

Als sie ankam, bemerkte sie schon, daß er nicht mehr so ruhig dalag, wie noch am Vortag. Es dauerte nur noch wenige Minuten, da öffnete er die Augen zunächst einen Spalt breit. Suchend schaute er sich um und entdeckte Dimina.

,,Wo ...wo bin ich?`` kam es flüsternd über seine Lippen.

,,Du bist auf meinem Schiff, ich habe dich aus dem Wasser gezogen.``

,,Danke, dafür ...dafür danke ich dir unendlich. Wie heißt du?``

,,Ich bin Dimina. Und wer bist du?``

,,Du kannst mich Loel nennen. Dimina, wo fahren wir hin?'begintex2html_deferred

,,Ich pendele zwischen Arridos und Lamnaor. Morgen mittag werde ich dort ankommen.``

,,Ich werde dich dort verlassen.``

,,Gut, dann rufe ich den medizinischen Dienst, damit sie dich holen können.``

,,Nein, bitte nicht. Ich gehe alleine.``

Dimina lachte laut auf. ,,Du kannst gerne versuchen aufzustehen. Spätestens nach dem zweiten Schritt wirst du vor Erschöpfung zusammengebrochen sein. Dann warte lieber noch ein paar Tage, bis wir wieder in Arridos sind. Da bist du dann auch wenigstens zwischen Parden und nicht bei diesen ungläubigen Wulf.``

,,Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne auf dem Schiff bleiben, bis du das nächste Mal wieder in Lamnaor bist, bitte.``

,,Hmm`` Ihr gefiel es nicht, noch ein paar Tage länger nicht alleine zu sein, aber andererseits konnte sie ihm diese Bitte aus irgendeinem Grund nicht ausschlagen. ,,Na gut`` grunzte sie ,,Dann habe ich jetzt die nächsten Tage einen Passagier an Bord. Willkommen auf der Mondauge.``

Loel erwiederte nichts darauf, er war bereits wieder eingeschlafen.

 

Zwei Tage später war Loel soweit wiederhergestellt, daß er normale Nahrung zu sich nehmen konnte - ein Umstand, der ihm sicherlich gefiel, aber Dimina ärgerte sich über die zusätzliche Arbeit, die sie dadurch hatte, zumindest gab sie das vor.

Als Loel kräftig genug war um aufzustehen, bereitete er sich sein Essen selber zu, Dimina war aber trotzdem häufig im Essensraum anwesend.

 

Dann kamen sie in Arridos an. Es war kurz nach Mittag, Loel stand an der Reling und sah sich die näherkommende Stadt an, Dimina kam aus dem Navigationsraum und stellte sich neben ihn.

,,Und du möchtest wirklich nicht hier von Bord?``

,,Ich habe gewisse Probleme, wegen denen ich lieber nicht mit den Katak zu tun haben möchte. Die Kontrollen in Arridos sind streng, ich werde nicht unbemerkt in die Stadt gelangen können.``

,,Was hast du denn getan, bist du desertiert?``

,,Desertiert?``

,,Nun, deine Kleidung ...Ich dachte, du bist ein Katak.``

Loel lachte auf. ,,Nicht wirklich. Zu der Truppe habe ich nie gehört.`` Schlagartig wurde er ernst. ,,Wo kann ich mich aufhalten, damit mich niemand bemerkt?``

,,In meinen privaten Räumen schaut nie jemand vorbei. Die wissen, daß ich ungestört sein möchte.``

 

Das Anlegen ging - wie auch die gesamte Fahrt - vollautomatisch, aber trotzdem war ihre Anwesenheit auf der Brücke vorgeschrieben. Ihre Aufgabe war es, den Autopiloten zu beobachten und diesen im Problemfall zu deaktivieren und das Steuer zu übernehmen. Ein solcher Notfall war in den vielen Jahren niemals aufgetreten und auch diesmal verlief alles problemlos.

Als der Frachter bewegungslos im Hafenbecken lag und die Halteklammern ausgefahren waren, um es zu fixieren, meldete sie sich über Funk ab.

,,Hier ist die Mondauge, der Kapitän meldet, das Boot ist verankert, ich melde mich ab.``

,,Einen Moment noch Kapitän.`` kam die Antwort. ,,Hier sind ein paar Leute, die gerne mit ihnen sprechen würden.``

,,Aber meine Untersuchung war doch gerade erst!``

,,Es geht nicht um die Tauglichkeitsprüfung, die Herrn sind Katak.``

Ein Schock durchfuhr sie. Was wollten sie? Ging es um Loel? Sie hoffte, daß ihre Stimme gefaßt klang, als sie antwortete. ,,Was wollen sie denn von mir?``

,,Tut mir leid, das haben sie mir nicht gesagt. Aber wenn es beruhigend wirkt: Sie haben heute schon zwei Schiffe besucht, die die selbe Strecke fahren.``

,,Nun gut, sie sollen kommen.``

 

Wenige Minuten später kamen zwei Katak an Bord. Der eine schien gerade erst seine Ausbildung beendet zu haben, der andere war in ihrem Alter. Sie führte sie zur Brücke.

,,Sie werden sich sicherlich fragen, was wir von ihnen möchten`` begann der Ältere das Gespräch.

,,Und ob!`` Dimina bemühte sich, erboßt zu wirken.

,,Wir möchten sie auch gar nicht lange stören. Ist ihnen auf ihrer Fahrt etwas Ungewöhnliches aufgefallen?``

,,Was ist für sie etwas Ungewöhnliches?``

,,Nun, Trümmerstücke zum Beispiel.``

,,Trümmerstücke? Von was? Worum geht es denn? Was suchen sie?``

,,Nun, ich will ehrlich sein. Vor ein paar Tagen ist ein sehr gefährlicher Krimineller entkommen. Er ist mit einem Gleiter geflohen. Bevor er außer Reichweite war, konnten wir seinen Gleiter mit ein paar Schüssen treffen. Wir vermuten, daß wir den Antrieb dabei teilweise beschädigt haben. Seine vermutete Flugbahn führte über ihre Fahrtroute. Da wir ihn irgendwann im Radar verloren haben, vermuten wir, daß er abgestürzt ist.``

,,Lota sei seiner Seele gnädig`` antwortete Dimina. ,,Sollte er wirklich über der See abgestürzt sein, können wir nur für ihn hoffen, daß er beim Absturz gestorben ist. Langsam verdurstend im Wasser zu treiben, ist eine der grausamsten Todesarten, die ich mir vorstellen kann.``

,,Er hätte es verdient.``

,,Was hat er denn getan, wenn ich fragen darf?``

,,Ich weiß auch nichts Genaues, aber er soll eine der gefährlichsten Personen Dabos sein.``

,,Es tut mir leid, ich kann ihnen leider nicht helfen. Es wäre sehr unwahrscheinlich, daß mir auf der Fahrt überhaupt Trümmer eines Gleiters aufgefallen wären. Sie sind viel zu klein für das Radar und ich stehe nicht den ganzen Tag auf der Brücke.``

,,Nun gut. Dann möchten wir sie nicht weiter behelligen. Ich danke ihnen für ihre Kooperation. Und wenn ihnen irgendetwas auf der Rückfahrt auffallen sollte, sagen sie bitte Bescheid, wir würden uns darüber freuen.``

,,Das werde ich machen`` versprach sie.

Die beiden Katak verabschiedeten sich und verließen das Schiff.

Sie verließ die Brücke und ging in ihre Kabine. Sie war leer!

,,Loel, bist du hier? Die Katak haben das Schiff verlassen.``

Der Kleiderschrank öffnete sich, Loel trat heraus. ,,Ich war mir nicht sicher, ob sie nicht auch die Räume durchsuchen würden, da habe ich mich hier versteckt.``

,,Was hast du wirklich getan? Ich habe gerade für dich gelogen, da mußt du jetzt auch ehrlich mit mir sein!``

,,Ich habe nichts getan, aber ich weiß etwas, das das Leben aller Wesen auf Dabo für immer verändern könnte. Ich kann es dir wirklich nicht verraten, es tut mir wirklich leid. Aber wenn die Zukunft es so will, wirst du es erfahren.``

Sie merkte, daß er jetzt nicht mehr erzählen würde, aber vielleicht würde er ja irgendwann auf der Fahrt nach Lamnaor etwas gesprächiger sein. Seltsamerweise hatte sie keine Angst vor ihm. Sie verstand es selber nicht, aber irgendwo tief in ihr drin sagte ihr etwas, daß dieser Parde kein Verbrecher war. Vielleicht irrte sie sich, vielleicht war das ja das Gefährliche an ihm, daß er so vertrauenswürdig erschien? Sie verbannte diesen Gedanken aus ihrem Kopf und ging zum Terminal, um den Ent- und Beladevorgang zu beobachten.

 

Gegen Abend legte die Mondkind ab. Dimina atmete auf, als sie den Hafen verlassen hatten und sie sich sicher sein konnte, daß sie nicht mehr aufgehalten würden. Zur Sicherheit hatte sie sogar das Schiff auf ungebetene Besucher hin kontrolliert.

Das Abendessen nahmen sie schweigend ein. Die nächsten Tage verliefen ebenso ereignislos.

 

Zwei Tage vor der Ankunft in Lamnaor stand Loel an der Reling und beobachtete den Sonnenuntergang. Dimina kam hinzu.

,,Ich glaube, wir haben ein Problem.``

,,Inwiefern?``

,,Wie möchtest du unbemerkt von Bord kommen? Ich kann mir gut vorstellen, daß die Katak auch in Lamnaor wachsam sein werden.``

,,Ja, das ging mir auch schon durch den Kopf. Es ist Nacht, wenn wir ankommen, oder?``

Dimina nickte.

,,Gut. Dann werde ich kurz vor der Ankunft von Bord gehen. Das Wasser ist warm genug. Ich werde auf der landabgewandten Seite ins Wasser gehen, dann kann mich niemand beobachten.``

,,Du weißt, daß du ganz leicht in die Schrauben kommen kannst? Ich kann die Geschwindigkeit nicht runtersetzen, das fällt zu sehr auf!``

,,Das ist mir schon klar. Ich muß das Risiko eingehen. Ich kann dich nicht weiter hineinziehen als du schon drinsteckst. Die Gefahr einer Entdeckung ist zu hoch. Ich habe meinen Entschluß gefaßt.``

 

Den nächsten Tag verbrachte Loel damit, die Karte des Hafens zu studieren, um die ideale Ausstiegsstelle zu finden. Dann war es Abend und sie hatten fast den Hafen erreicht. Loel stand an der Reling. Er zog sich aus und packte seine Kleidung in einen wasserdichten Beutel, den er gleichzeitig als Schwimmhilfe nutzen wollte.

Dimina war auf der Brücke und überwachte die Einfahrt in den Hafen. Sie hatten sich kurz zuvor voneinander verabschiedet. Dimina hatte das Gefühl, einen guten Freund zu verlieren, Loel erging es ähnlich. Er nahm sich vor, sie zu besuchen, sollte sich in Zukunft die Gelegenheit dazu ergeben.

Jetzt sprang Loel von Bord. Er beeilte sich, vom Schiff wegzuschwimmen, bevor das Heck mit den Schrauben in seine Nähe kam. Dann hatte ihn das Schiff passiert. Bis zum Ufer waren es wenige hundert Meter, die Strömung war nur leicht vorhanden.

Wenige Minuten später hatte er das Ufer erreicht. Er stieg erschöpft die Böschung hoch. Er hatte sich diesen Punkt auf der Karte ausgesucht, weil es hier ein kleines Wäldchen gab, das zu dieser Zeit unbevölkert sein sollte. Er öffnete den Beutel, nahm ein Handtuch heraus und trocknete sich. Danach zog er sich an und vergrub den Beutel. Danach ging er in die Stadt.


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