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Die Töchter der Nacht

Lamnaor war eine typische Händlerstadt, die von handelstreibenden Parden gegründet worden war. Als Loel durch die Straßen ging, fiel er nicht auf, denn viele Einwohner waren Parden. Die Wulf zogen es vor, unter sich zu bleiben und hatten ein paar Kilometer von Lamnaor entfernt ihre Siedlung, das eigentliche Lamnaor, das dieser Siedlung den Namen gegeben hatte.

Es gab aber auch Wulf, die hier in der Stadt wohnten. Hauptsächlich waren es handelstreibende Wulf, die sich durch die Arbeit mehr mit den Parden als mit ihren Landsleuten verbunden fühlten. Aber auch die Priester Lotas wohnten hier. Und zu einem dieser Priester war Loel nun unterwegs.

Er wohnte in einem Wohnblock in der Nähe des Lotanas. Loel fuhr mit dem Fahrstuhl in den zehnten Stock. Vor einer Tür blieb er stehen. Er drückte auf den Klingelknopf, der beschriftet war mit ,,Darnio'".

Es dauerte eine Minute, da ging die Tür auf. Ein älterer Wulf, der offensichtlich schon geschlafen hatte, öffnete die Tür.

,,Sakak? Was machst du denn hier?``

Loel alias Sakak antwortete: ,,Kannst du mich hereinlassen? Ich habe Probleme.``

,,Aber natürlich, komm herein, mein Freund!``

Sie gingen in den Wohnraum. Um einen runden Tisch herum nahmen sie Platz.

,,Nun sag schon mein Freund, was ist dein Problem?``

,,Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Ich muß untertauchen. Die Katak sind hinter mir her.``

,,Das wissen wir.`` antwortete eine dunkle, weibliche Stimme hinter Sakak. Er fuhr erschrocken um. Hinter ihm stand eine dunkelfellige Pardin und schaute ihn aus ihren goldenen Augen an.

,,Deine Voraussage war richtig, Schwester. Du hattest gemeint, Sakak würde heute abend zu mir kommen und tatsächlich, hier ist er.``

,,Es war nur allzu logisch. Es gab nur vier Schiffe, die in die Nähe der Absturzstelle gekommen sind. Wenn dann auf einmal bei einem der Schiffe erheblich mehr Lebensmittel nachgefüllt werden, als dies normalerweise der Fall ist, sollte es wohl jedem klar sein, daß davon noch wer anders als der Kapitän gegessen hat. Daß Sakak wiederum zu dir kommen würde, war auch logisch, denn er kennt keine andere Bezugsperson in dieser Gegend. Ungewiß war nur, ob er es schaffen würde, zu dir zu gelangen.``

Sakaks Blick wanderte verwirrt von Darnio zur Pardin und zurück.

,,Sakak, mein Freund, darf ich dich mit Senora bekannt machen?``

Senora setzte sich neben Sakak. ,,Es freut mich, dich endlich kennenzulernen. Wir haben dich schon lange beobachtet. Nicht immer war uns klar, welche Absichten du verfolgt hast, aber ich denke, du warst dir selber nicht immer sicher, ob das, was du da tust wirklich richtig ist. Durch die Tatsache, daß du Icarus befreit hast, war uns aber endgültig klar, daß wir in unserer Einschätzung deiner Person richtig lagen. Und jetzt lese ich in dir, daß wir dir unser Geheimnis anvertrauen können.``

Sakak schaute verwirrt.

Senora fuhr fort. ,,Ich gehöre zu den Töchtern der Nacht. Seit einigen Jahrhunderten sammeln wir Informationen, um unser Ziel, die Befreiung Dabos zu erreichen. Noch nie waren wir unserem Ziel so nah wie jetzt. Ruhe dich aus, morgen früh wird dich ein Vertrauter abholen.``

Senora stand auf. ,,Darnio, ich verlasse euch beide jetzt, ich muß mein Erlebtes mit den Schwestern teilen. Gehe morgen ganz normal deiner Tätigkeit nach, alles weitere übernehmen wir. Ich wünsche euch beiden eine erholsame Nacht.``

Als sie die Wohnung verlassen hatte, ergriff Darnio das Wort. ,,Sakak, mein Freund, ich muß dir ein Geständnis machen. Ich bin nicht nur einfach ein Priester Lotas, ich bin ein Vertrauter der Töchter der Nacht.``

,,Was sind diese Töchter der Nacht?``

,,Es ist eine Gruppe schwarzer Parden. Sie befinden sich auf allen Kontinenten Dabos an allen wichtigen Stellen. Sie sitzen in den Firmen, sie sitzen unter den Tenga in den Verwaltungen. Es gibt sie sowohl bei den Katak als auch bei uns Limor. Sie halten ständig untereinander Kontakt, so daß alles, was eine Schwester erlebt, wenig später alle Schwestern wissen. Es sind Telepathen, mußt du wissen.``

,,Es gibt wirklich Telepathie?``

,,Ja, sie sind der lebende Beweis. Sie halten über tausende von Kilometern untereinander Kontakt und sie sind in der Lage, die Gefühle und alle offen liegenden Gedanken der Personen zu erkennen, denen sie in die Augen schauen.``

Darnio stand auf. ,,Aber das soll für heute reichen. Ich denke, morgen wirst du mehr erfahren, wenn du abgeholt wirst.``

 

Am nächsten Morgen wachte Sakak vom Lärm aus der Küche auf. Er hatte noch lange wachgelegen und hatte versucht, die Situation zu begreifen. Er, der er dachte, alle Geheimnisse der Welt zu kennen, war mit etwas konfrontiert worden, das so gewaltig war, daß er es kaum begriff. Da gab es seit Jahrhunderten eine Gruppe von Telepathen und sie saßen überall und wußten alles.

Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel ihm auf, daß die schwarzfelligen Parden, die er schon gesehen hatte, immer an den Stellen arbeiteten, an denen Informationen zusammenfloßen. Sie waren begehrte Analysten, denn ihre Prognosen und Auswertungen stimmten nahezu immer. Jetzt wußte er auch endlich, wieso sie sich so selten irrten. Wenn er das Wissen einer gesamten Welt hätte, könnte auch er viel besser abschätzen, was passieren würde.

Diese Gedanken hatten ihn noch lange wachgehalten, so torkelte er jetzt schlaftrunken in die Küche, in der Darnio etwas in der Pfanne briet.

Als er Sakak bemerkte, drehte er sich zu ihm um. ,,Ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen, mein Freund. Du siehst verschlafen aus, war etwas nicht richtig in deinem Zimmer?``

,,Dir auch einen guten Morgen. Nein, alles war wunderbar, wie immer. Aber ich konnte nicht einschlafen. Die letzten Tage ist einfach zuviel geschehen.``

,,Das kann ich verstehen. Als ich damals mit den Töchtern zusammentraf, erging es mir kaum anders. Du kommst drüber weg, das verspreche ich dir. Setz' dich schon einmal hin, das Essen ist gleich fertig.``

Sakak setzte sich. ,,Wie bist du zu ihnen gekommen?``

,,Oh, nicht ich bin zu ihnen, sondern sie sind zu mir gekommen. Sie suchen sich die Vertrauten sehr gut aus.``

Darnio nahm die Pfanne vom Herd und legte jeweils ein Fleischstück auf Sakaks und seinen Teller. ,,Du mochtest doch Randafleisch am Morgen oder?``

Er stellte die Pfanne ab und setze sich zu Sakak. ,,Nun, ich war noch auf der Hochschule, um Limor zu werden. Ein Schwarzfell arbeitete dort in der Registratur, ein wirklich hübsches Schwarzfell. Für die hätte ich fast alle Wulf stehen lassen.,, Er lachte kurz auf. ,,Natürlich nur fast. Nun, ich mußte zu ihr, um meinen Ausweis verlängern zu lassen. Mir ging an diesem Tag viel durch den Kopf. Ich rang mir mit, ob ich nicht die ganze Sache fallen lassen solle. Auf einmal erschien es mir nicht mehr sinnvoll, Limor zu werden und Lota zu preisen. Irgendwie erschien es mir - falsch. Ich kann dir nicht sagen, wieso ich dieses Gefühl hatte, ich hatte es einfach.``

,,Ich kenne das Gefühl. Auch mich plagten damals ähnliche Gedanken, damals, kurz bevor ich bei dem Sama aufgenommen wurde.``

,,Nun, dann kennst du das ja. Ich bin bin wie gesagt innerlich aufgewühlt in den Raum gekommen, der verdunkelt war, wie alle Räume, in denen Schwarzfelle arbeiten. Ja, sie sind schon ein paar seltsame Wesen, zum einen sind sie uns geistig unheimlich überlegen, auf der anderen Seite sind sie absolut lichtempfindlich. Aber ich wollte ja was ganz anderes erählen. Ich bin also in diesen Raum, mit einem Kopf, der innerlich brüllte, so viele Gedanken kämpften gegeneinander. Ich gab ihr den Ausweis, bat darum, ihn verlängern zu lassen, da fragte sie mich, weswegen ich ihn denn verlängern würde, wenn ich mir so unsicher wäre, ob ich überhaupt weitermachen würde.

Ich muß sie total verwirrt angesehen habe. Ich schaute in ihre goldenen Augen und ich konnte nicht anders. Ich erzählte ihr, was ich empfand. Ich wollte Gutes tun, anderen Wesen helfen, aber gleichzeitig glaubte ich, daß der Weg der falsche sei, daß irgendetwas falsch daran war, Lota zu preisen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich erzählte, aber sie schaute mich die ganze Zeit einfach nur aus ihren großen Augen an und schien alles in sich aufzusaugen, was ich sagte.

Irgendwann wurde mir bewußt, daß ich gerade einem Fremden meine innersten Gefühle beichtete und stockte. Sie schaute mich nur verständnisvoll an und meinte, sie könne meine Gefühle verstehen und könne mir helfen, etwas Gutes zu tun. Sie gab mir eine Adresse, bei der ich mich melden sollte. Dort erwartete mich ein älterer Wulf und ein anderes Schwarzfell. Wir unterhielten uns stundenlang und irgendwann eröffneten sie mir, daß ich soeben als Vertrauter der Töchter der Nacht aufgenommen worden war.

Nun, sie rieten mir dann, mein Studium nicht aufzugeben und halfen mir, damit ich auf diese Stelle hier kam. Das wars.``

Sakak wollte noch fragen, ob es Zufall gewesen war, daß sie beide sich damals getroffen hatten oder ob da auch die Schwestern eine Rolle gespielt hatten, da klingelte es an der Tür.

Darnio sprang auf. ,,Das wird der Vertraute sein, mal sehen, wer es ist.``

Darnio ließ einen jüngeren Wulf herein. ,,Hallo Rubio, es freut mich, dich zu sehen!``

,,Die Freude ist ganz auf meiner Seite, mein Freund! Laß dich umarmen!``

Nach der Umarmungszeremonie kamen sie zu Sakak in die Küche.

,,Hallo Freund Sakak. Ich bin Rubio. Ich habe unauffälligere Kleidung für dich mitgebracht. Danach fahren wir zur obersten Tochter, sie hat wohl ein paar Analysen, die sie mit dir besprechen möchte.``

 

Die oberste Tochter lebte in einem Teil der Stadt, der nahe an den Wulfsektor grenzte. Die Häuser hier waren nach Wulf Art gebaut, das heißt, es waren flache Steinhäuser aus Naturstein. Vor einem der Häuser hielten sie ihren Wagen an. Rubio ging zur Tür, gefolgt von Sakak, der sich interessiert umschaute.

Rubio klopfte an die Tür, die daraufhin einen Spalt weit geöffnet wurde. Sakak konnte nichts erkennen, es war stockdunkel im Inneren. Dann schlüpfte Rubio ins Innere und winkte Sakak heran.

Im Inneren war es nahezu finster, die nur leicht glimmende Leuchtfolie an der Decke reichte gerade aus, damit sie erkennen konnten, wo Hindernisse im Weg standen, denen sie ausweichen mußten.

,,Kommt, setzt euch``, sagte eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund. ,,Hier, folgt einfach meiner Stimme.``

Als sie näher kamen, sahen sie daß eine Pardin auf einem halbrunden Sofa vor einem flachen Tisch saß. Sie nahmen auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Sofa Platz.

,,Ich hoffe, die Beleuchtung reicht euch aus. Ich habe sie extra ein wenig heller gemacht. Sie ist kurz davor, mich zu blenden.``

Sakak schaute verwirrt.

,,Ja Sakak, wir Töchter der Nacht zahlen unseren Preis für unsere Fähigkeiten. Wir haben den Namen nicht umsonst. Wir sind sehr lichtempfindlich. Bei den meisten geht es soweit, daß sie sich tagsüber mit einer starken Sonnenbrille bewegen können. Bei mir ist es leider so, daß schon geringe Helligkeit starke Schmerzen hervorruft.``

,,Das tut mir leid.``

,,Ich weiß. Aber wir sind wegen etwas anderem hier. Wir haben nahezu überall unsere Quellen, auf auf Zhad in den Städten der Menschen und im Ausbildungslager. Nur im Umfeld der Sama sind wir auf Mutmaßungen angewiesen. Wir hatten bislang niemanden, der uns informiert hatten. Ich hoffe, daß du uns mit Informationen versorgen kannst, über die wir derzeit nur mutmaßen können.``

,,Ich werde versuchen, euch soweit zu helfen, wie ich kann. Aber ihr wißt, daß ich geflohen bin, ich habe keinen Kontakt mehr.``

,,Das ist uns bewußt. Aber ich denke, wir werden trotzdem viele Fragen klären können. Bitte erzähle, was passiert ist, nachdem das Triadon zur Expedition in die Berge aufgebrochen ist. Wir wissen, daß es eine Aktion der Sakak gegeben haben muß, und daß Icarus in das Schulungsprogramm aufgenommen wurde, aber vieles dazwischen liegt im Nebel.``

,,Nun, das Triadon brach im zweiten Monat auf, um Ausgrabungen durchzuführen. Wir erfuhren leider recht spät, daß sie dieses Artefakt der Menschen entdeckt hatten, unsere Quelle beim Triadon war recht unzuverlässig. Als sie dann aufbrachen, erreichte unsere Quelle wenigstens, daß sie mitkam, so wurden wir über den Stand der Ausgrabung informiert. Zur Sicherheit hatten wir das gesamte Lager von Sakak beobachten lassen. Wir hofften, daß sie nichts weiter finden würden, wollten aber sicher sein, im Zweifel eingreifen zu können.

Als eine der Personen, Debra, aufgeregt aus der Höhle stürmte, die sie untersuchten, beging einer der Unterführer der Sakak einen folgenschweren Fehler. Er erkannte einen Notfall und befahl den Einsatz. Leider waren die Sakak nur allzu schießwütig, so gab es unnötige Verluste, Debra starb, andere wurden schwer verletzt.

Icarus und seine Freundin Tinka entkamen zunächst. Die Überwachung der Kommunikationseinrichtung ergab dann, daß sie sich in einem uns bekannten Notversteck treffen wollten. Leider kamen wir etwas zu spät und sahen noch, wie Icarus gerade aufbrach. Wir entschieden, mit dem Einsatz noch zu warten, bis er wiederkommen würde. Wären nur nur etwas eher gekommen, es hätte soviel verhindert werden können.

Icarus brach im Lotanas ein, tötete zwei Katak und entwand das Artefakt, das Debra kurz vorher gefunden hatte.``

Die Pardin unterbrach Sakak. ,,Um welche Art von Artefakt handelte es sich?``

,,Es ist ein Bild. Es zeigt einen Menschen, der ein Drakjunges in den Armen hält. Wenn dieses Bild an die Öffentlichkeit gekommen wäre, wäre es recht brisant geworden. Aber trotzdem halte ich die Aktionen, die gefolgt sind, nicht für richtig.

Als Icarus mit dem Artefakt wiederkam, schlugen wir zu. Ich schaffte es durch meinen Einfluß, Icarus in das Ausbildungszentrum zu bringen, aber damit hatte ich meinen Kredit verspielt. Ich konnte nicht verhindern, daß Tinka und ihr Vater Ondo in die Läuterung geschickt wurden.``

,,Was ist diese Läuterung tatsächlich? Wir wir haben die seltsamsten Dinge darüber gehört, aber wissen nichts konkretes.``

Sakak schnaubte verächtlich. ,,Diese Läuterung ist ein großer Spaß für die Menschen. Ich bin mir nicht sicher, wie das Verfahren funktioniert, aber die Wirkung ist, daß die geläuterten Wesen auf ihre Urinstinkte zurückgesetzt werden, sie sind keine intelligenten Wesen mehr und verhalten sich wie wilde Tiere! Es ist einfach nur schrecklich, aber noch schrecklicher ist es, was dann anschließend passiert. Anschließend werden die Geläuterten in Gehegen freigelassen und von den Menschen auf Jagden gestellt und erschossen!``

,,Das ...das ist unglaublich! Das ist schlimmer als alles, was wir uns dachten!``

,,Sie betrachten uns als ihre Schöpfung. Und so denken sie, können sie auch über uns bestimmen. Dabei sehen sie doch überhaupt nicht, daß die Menschen nur noch ein degenierter Haufen sind, die nur noch überleben, weil wir Sama eine solche Ehrfurcht vor ihnen haben. Diese Situation ist so krank, es muß unbedingt etwas geschehen!``

,,Es wird etwas geschehen, das verspreche ich dir. So kam also Icarus in das Ausbildungslager. Dort traf er auf Dawina, korrekt?``

,,Ja, Dawina war uns einige Monate vorher aufgefallen. Auf der Suche nach Icarus ist sie bis nach Arridos gekommen. Dort geriet sie in die falschen Kreise. Wie auch bei Icarus geriet sie in einen Blutrausch und tötete fünf Parden. Die Parden waren mit Messern bewaffnet, sie selber war unbewaffnet. Die Drak haben ein so unglaubliches Potential. Wir müssen es für uns entwickeln, denn wenn sie es gegen uns einsetzen, haben wir keine Chance.``

,,Das sehen wir ähnlich. Keine Rasse kann derart gewalttätig sein und entwickelt derartige Kräfte. Ist das der Grund, weswegen die Drak immer noch so leben, wie zu Urzeiten?``

,,Ja, die bisherige Politik zielte darauf ab, die Drak dumm zu halten. Aber es war klar, daß wir auf Zeit spielten. Irgendwann mußten wir einen anderen Weg einspannen. Als ich Dawina und Icarus in das Ausbildungsprogramm aufnahm, war dies ein Test. Leider mißlang dieser teilweise. Icarus ist neugierig und diese Neugierde hat ihm nicht nur einmal beinahe das Leben gekostet. Auf der Suche nach Tinka fand er die Städte der Menschen. Dort entdeckte er auch Tinka. Leider waren die Menschen gerade auf der Jagd und entdeckten ihn. Ich war ebenfalls anwesend, aber ich konnte nichts tun.``

,,Du warst bei der Jagd anwesend? Oh, es war grausam für dich, das anzusehen, merke ich.``

,,Diese Jagden waren mehr als grausam, es war bestialisch. Nun, Icarus wurde inhaftiert. Ich überlegte, wie ich ihn noch retten könne. Durch Icarus Dummheit wurde das Ausbildungsprogramm für die Drak für gescheitert erklärt und Dawina wurde in eine der Städte Zhads verbannt, wo sie ihr Leben als Hilfskraft fristen sollte. Ich schaffte es, daß sie zu einem Drak-Clan geschickt wurde, desweiteren schickte ich ihnen alle notwendigen Informationen, um Icarus zu befreien. Den letzten Rest meines Einflußes verwandt ich darauf, daß Icarus in die Zelle der inhaftierten Menschen kam.``

,,Inhaftierte Menschen? Ja, das macht Sinn. Sie stammen nicht von Zhad, sondern von ihrem Heimatplaneten, richtig?``

,,Woher wißt ihr das?`` fragte Sakak erstaunt. ,,Das war unser größtes Geheimnis!``

,,Nun, Im Jahr 964 vermerkten wir ein paar seltsame Radarbilder. Es schien uns, als wenn ein Objekt aus dem All auf Zhad niederging. Die Geschwindigkeit war zu niedrig für ein natürliches Objekt und es war auch keiner unserer Satelliten. Dann, in diesem Jahr, gab es ähnliche Radarbilder, diesmal über Frantika. Jetzt vor ein paar Tagen, am 17.05., vernahmen wir wieder diese Bilder, allerdings stieg das Objekt wieder auf. Ich vermute, daß die Menschen wieder in ihre Heimat geflogen sind.``

,,Sie haben es wirklich geschafft! Oh wie ich mich für sie freue. Ich hoffe nur, daß es Icarus und Dawina auch geschafft haben!``

,,Wir werden es herausfinden. Wir können das Startgebiet bis auf wenige Kilometer eingrenzen. In der dortigem Gegend in der Nähe des Eon gibt es nicht viele Ortschaften, es kommt nur eine in Frage. Um deine Erzählung abzuschließen, vermute ich, daß du zum Zeitpunkt der Befreiung der Menschen und Icarus geflohen bist?``

,,Ja. Ich wußte, daß sie mich in Verdacht haben würden und ich lag richtig. Mein Gleiter wurde bei der Flucht getroffen und ich mußte in der See notlanden. Und der Rest müßte euch bekannt sein.``

,,In der Tat. Dann werden wir uns jetzt beraten.`` Sie schloß die Augen und verharrte völlig ruhig.

Ein paar Minuten später schlug sie die Augen wieder auf. ,,Wir Töchter haben einen Entschluß gefaßt. Das Potential der Drak ist zu hoch, als das wir es ungenutzt lassen dürfen. Außerdem befürchten meine Schwestern, daß sie etwas Unüberlegtes tun könnten. Deswegen wirst du noch heute zusammen mit Rubio aufbrechen, um dich mit den Drak zu treffen. Wir müssen sie zu unseren Verbündeten machen und die Menschen von diesem Planeten vertreiben. Rubio, ich schicke euch eine genaue Ortsbeschreibung und Biografie der wichtigsten Personen des Wulfdorfs hinterher, brecht schon einmal auf. Es war ein sehr aufschlußreiches Gespräch. Sakak, ich danke dir für deine Kooperation und Ehrlichkeit.``

 

Das Wulfdorf das sie besuchen sollten, lag in einer mit Landfahrzeugen nahezu unzugänglichen Gegend, deswegen fuhren sie zunächst in Rubios Firma vorbei, einer Leihfahrzeugfirma.

,,Ich denke, deswegen hat sie mich für den Auftrag ausgewählt``, meinte Rubio. ,,Ich habe alle Arten von Fahrzeugen im Angebot. Und da ich auch immer wieder selber steuere, wenn der Kunde keine Erlaubnis dazu hat, fällt das nicht mal auf, wenn ich selber dabei bin.``

,,Bedenken die Töchter immer jede Kleinigkeit bei ihren Plänen?``

,,Meinst du, sie hätten es sonst geschafft, die Jahrhunderte unentdeckt zu bleiben?``

,,Aber früher oder später muß ihnen doch einmal ein Fehler unterlaufen. Was wäre denn, wenn ich ein Verräter wäre?``

,,Das hätten sie festgestellt`` war Rubio überzeugt.

,,Aber wenn ich nicht an den Verrat gedacht hätte? Soviel ich über die Töchter weiß, können sie nur das sehen, was man gerade denkt, oder?``

,,Nun, so ein Fall ist noch nie aufgetreten, soviel ich weiß.``

,,Dann hoffen wir, daß so ein Fall nie eintreten wird.``

Wenig später wurden ihnen die vermuteten Koordinaten des Zielgebietes übermittelt.

 

Kurz nach Mittag erreichten sie das Zielgebiet.

,,Und jetzt?`` fragte Rubio.

,,Nun, ich dachte mir, wir schauen nach, ob hier wirklich ein Raumschiff gestartet ist, machen ein paar Wärmebilder und so. Dann landen wir beim Dorf und erklären, daß wir Freunde von Icarus sind.``

Rubio lachte haltlos auf. ,,Wievielen Wulf bist du in deinem Leben bislang begegnet?``

,,Nun, es waren einige, hauptsächlich Priester, wieso?.``

,,Wulf, die dem falschen Glauben angehören und ihn sogar ausüben, sind keine Wulf. Diese Wulf dort, das sind wahre Wulf. Wulf sind mißtrauisch, Wulf trauen nicht einmal den Leuten aus den Nachbardörfern. Du aber bist ein Parde, du zählst überhaupt nichts in ihren Augen. Sie werden dir nicht glauben, egal was du behauptest.``

,,Aber du vertraust mir doch? Und du bist ein Wulf.``

,,Das ist etwas anderes. Die Töchter vertrauen dir, die Töchter sind meine Freunde und ich vertraue ihnen, deswegen vertraue ich dir. Hier aber wirst du niemanden kennen, deswegen wird dir niemand glauben. Nein, wir brauchen einen anderen Plan.``

Sakak grübelte. ,,Wo würdest du eine Gruppe von Drak unterbringen, die zu dir geflohen sind?``

,,Hmm, innerhalb des Dorfes können sie leicht von Gleitern entdeckt werden. Ich würde also versuchen, sie außerhalb unterzubringen.``

,,Gut, dann also außerhalb. Und wo?``

,,Irgendwo, wo es nicht auffällt, irgendetwas natürliches.``

,,Höhlen`` warf Sakak ein.

,,Ja genau.``

,,Na bitte. Dann weiß ich, was wir tun. Wir überprüfen erstmal die Gegend darauf, ob hier wirklich etwas gestartet ist. Danach setzt du mich ab und startest wieder. Ich werde mich dann möglichst unauffällig den Höhlen nähern und hoffen, Icarus dort zu finden.``

Rubio blickte zweifelnd. ,,Der Plan ist nicht gut. Sie werden dich vorher entdecken.``

,,Was sollen wir sonst tun? Ich denke, wir haben keine andere Wahl.``

 

Gegen frühen Abend waren sie sich sicher, ja, hier war etwas gestartet. Die Spuren waren gut beseitigt worden, aber die Wärmebilder zeigten eindeutig, die vom Antrieb verbrannten Stellen. Außerdem hatten sie leicht veränderte Strahlenwerte gemessen.

,,Ja, hier war es. Das war leicht zu finden`` meinte Sakak. ,,Aber wenn wir es so einfach gefunden haben, müssen es doch auch die Katak leicht finden?``

Rubio grinste breit. ,,Ja, wenn sie in der richtigen Gegend suchen würden, dann vielleicht. Auch wenn deren Sensoren nicht so empfindlich sind wie unsere. Die hier sind eine Spezialkonstruktion der Töchter.``

,,Wieso sollten die Sakak in der falschen Gegend suchen, sie haben doch die selben Inform...Nein, ich schätze, sie werden seltsamerweise falsche Koordinaten übermittelt bekommen haben?`` Sakak grinste ebenfalls, Rubio nickte nur bestätigend.

,,Na gut, dann haben wir wenigstens nicht dieses Problem.``

Rubio setzte Sakak wenige Kilometer von dem vermuteten Höhlensystem ab. Ein weiteres Mal zeigte sich, daß die Töchter der Nacht exzellente Planer waren. Sie hatten dafür gesorgt, daß sich in Rubios Gleiter eine komplette Kampfausrüstung der Katak befand, die aus der schwarzen Kleidung inklusive Schwanzschutz, Schuhen, Tarnfarbe für das Gesicht, sowie Nachtsichtgerät, Wärmesucher, Funkgerät und Funkscanner bestand. Waffen hatte er nicht, aber er war ja auch nicht zum Kämpfen hier, er wollte Kontakt aufnehmen.


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