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Konfrontation

,,Mögliche Eindringlinge etwa sieben Kilometer nordwestlich von euch``, meldete Magadonia über Funk.

Dawina bestätigte. ,,Habe verstanden, danke. Sind weitere Fakten bekannt?``

,,Nicht viel, tut mir leid. Vor einer Stunde ist der Gleiter, vor den wir euch danach gewarnt hatten, kurz gelandet. Wir dachten, sie würden irgendwelche Bodenmessungen durchführen oder so. Eben gerade haben wir ein Wärmebild empfangen, daß darauf deutet, daß sich euch eine einzelne Person nähert, es könnte aber auch ein größeres Tier sein, obwohl es dafür eigentlich zu gezielt läuft. Weiteres sage ich euch, sobald wir es wissen.``

,,Danke Magadonia.`` Dawina schaute auf. Die meisten Drak schliefen bereits, nur Icarus saß noch vor dem Rechner und las. Sie rief ihn zu sich.

,,Du hast mich bei einer interessanten Sache gestört. Was ist los?`` fragte Icarus einerseits mürrisch andererseits neugierig.

,,Wir haben einen wahrscheinlichen Eindringling. Sollen wir die anderen wecken?``

Icarus grübelte. ,,Wie weit ist er entfernt?``

,,Laut Magadonia knapp sieben Kilometer.``

,,Gut, wenn er bis auf fünf Kilometer ran ist, wecken wir Ruis und Dominga. Zu dritt sollten wir ihn überwältigen können, egal wer er ist.``

Dawina schaute verwundert. ,,Zu dritt?``

,,Ja, einer muß doch hier bleiben, um das Funkgerät zu hüten. Außerdem könnte er uns entwischen. Wir können es uns nicht erlauben, die Höhle unbewacht zu lassen, du mußt dann im Zweifel die anderen wecken, damit sie sich gegen den Angreifer zur Wehr setzen.``

,,Ja gut.`` Dawina war nicht wirklich begeistert darüber, daß sie in der Höhle bleiben mußte, während die anderen etwas erleben durften.

 

Wenig später hatte sich der Eindringling bis auf fünf Kilometer der Höhle genähert. Würde er seine jetzige Richtung beibehalten, würde er die Höhle wahrscheinlich entdecken.

Sie weckten Ruis und Dominga, die zwar wenig begeistert waren, jetzt aufstehen zu müssen, aber als sie hörten, was der Grund war, murrten sie nicht mehr, sondern zogen sich schnell um und bewaffneten sich. Jeder nahm ein Messer mit, sowie ein Funkgerät. Da sie nur ein Nachtsichtgerät hatten, ließen sie es bei Dawina, die damit den Eingang bewachen sollte.

Als sie die Höhle verließen, war der Eindringling nur noch vier Kilometer entfernt. Icarus, Ruis und Dominga gingen ihm durch den Wald entgegen, jeweils etwa fünfzig Meter voneinander entfernt.

Nach etwa einem Kilometer hielten sie an. An dieser Stelle gab es eine breitere Lichtung, die der Eindringling passieren mußte, wollte er zur Höhle.

Im Abstand von wiederum etwa fünfzig Metern versteckten sich Ruis und Dominga hinter großen Steinen, Icarus kletterte auf einen Baum. Wolken zogen vor den Mond, die Sicht wurde schlechter.

 

,,Er müßte gleich bei euch sein``, warnte sie Dawina vor.

,,Ich sehe nichts``, flüsterte Icarus zurück. Ruis und Dominga bestätigten.

,,Er kommt ganz langsam näher, vielleicht noch zwanzig Meter von deiner Position.``

,,Das kann nicht sein. Die Lichtung ist größer, dann müßte er doch schon auf der Lichtung sein.``

,,Zehn Meter!``

Icarus zweifelte gerade an der Zuverlässigkeit der Sensoren, als er schräg unter sich eine Bewegung sah. Er mußte sich genau darauf konzentrieren, da sah er, wie etwas unförmiges Schwarzes unter ihm durch kroch.

Er sprang vom Baum und griff nach dem Gegner. Der sprang auf, Icarus sprang hinterher, grub seine Krallen in den gegnerischen Rücken. Aber bevor ihn Icarus mit der anderen Hand festhalten konnte, riß der Gegner sich hoch und fing an zu laufen, so schnell, wie es nur Parden können.

Icarus schrie in das Funkgerät: ,,Er ist an uns vorbei und läuft zur Höhle! Dawina, schnapp dir ein Gewehr und schieß ihn ab!``

,,Verstanden!``

Dawina nahm sich das Gewehr, setzte das Nachtsichtgerät auf und legte sich in den Höhleneingang. Von hier aus hatte sie die kleine Lichtung bis zum Waldanfang im Blickfeld. Sie hatte einen Schuß - nicht mehr. Und der mußte sitzen. In ein paar Sekunden mußte er da sein. Da! Eine schneller Schatten, ein Schuß.

,,Hast du ihn?`` rief Icarus in das Mikrofon, während er zur Höhle flog.

Keine Antwort.

,,Vielleicht hat sie das Funkgerät ausgeschaltet, um sich auf den Schuß zu konzentrieren. Wir sind doch gleich da``, beruhigte Dominga.

Dann waren sie da. Ein Schatten lag am Waldrand, ein anderer im Höhleneingang, beide bewegten sich nicht. Icarus flog zu Dawina, die anderen beiden flogen zu dem Körper.

Er landete, da rief ihm Dawina zu. ,,Alles in Ordnung, ich wollte ihn nur nicht aus den Augen lassen, bis ihr kommt. Wenn er sich noch einmal bewegt hätte, hätte ich geschoßen.``

,,Gute Idee, aber du hast mir einen Schreck verpaßt. Paß weiter auf ihn auf, ich schaue ihn mir mal aus der Nähe an.``

Icarus lief zum Parden, um den herum bereits Dominga und Ruis standen.

,,Der lebt ja noch!`` rief Ruis und riß ihn herum, dann trat er ihn in den Bauch, so daß der Parde vor Schmerzen aufstöhnte, Dominga setzte mit ihrem Fuß nach.

Dann war Icarus bei ihnen. Der Parde schaute ihn aus schmerzverzerrten Augen an. ,,Ic...ar...us``

Ruis holte gerade zu einem kräftigen Tritt aus, da dämmerte es Icarus, wer da vor ihm lag. ,,Wartet, hört auf! Ich glaube, das ist kein Feind!``

Er kniete sich neben ihn, nahm eine Taschenlampe und leuchtete in sein Gesicht. ,,Sakak! Was machst du denn hier?`` Er rief den anderen beiden zu. ,,Kommt, wir müssen ihn schleunigst in die Höhle bringen, ich hoffe, er ist nicht zu schwer verletzt.``

Als sie in die Höhle gingen, wurden sie von den Drak umringt, die durch den Lärm aufgewacht waren. Sie trugen den bewußtlosen Sakak zu einem Tisch, legten ihn darauf und zogen ihn behutsam aus. Dawina kam mit der Tasche mit den medizinischen Geräten.

Sie holte den Tiefenscanner heraus und fuhr ihn über seine Bauchdecke. ,,Gut. Anscheinend sind seine Organe in Ordnung, er hat auch kein Blut im Bauchraum, soweit ich das erkennen kann.``

Sie drehte ihn auf die rechte Seite. Er hatte eine blutige Stelle an der Hüfte. ,,Hier muß ihn meine Kugel gestriffen haben, oder es war ein Durchschuß. Die Kugel ist nicht steckengeblieben.``

Sie drehte ihn auf den Rücken. Dort blutete er aus einer langen Schramme, die die Hälfte seines Rückens vom Hals aus bedeckte. ,,Das ist nur oberflächlich, aber wahrscheinlich sehr schmerzhaft.``

Sie nahm ein Tuch und reinigte die beiden blutigen Stellen, soweit das immer noch austretende Blut dies möglich machte. Dann klammerte sie die Wunden und verband sie.

,,Hat schon jemand einen Arzt aus dem Dorf gerufen? Ich fühle mich nicht wirklich wohl in dieser Rolle!``

Icarus streichelte Dawina auf der Schulter. ,,Dafür machst du das aber sehr gut. Wird er durchkommen?``

,,Ich hoffe es, es sieht so aus. Aber das kann nur ein Profi wirklich sagen. Ist denn nun jemand unterwegs?``

Es war. Und wenige Minuten später erschien Lupio, den Magadonia aus dem Schlaf gerissen hatte, in der Höhle. Er schaute sich Sakak an.

,,Er hat ein paar wahrscheinlich schmerzhafte Schrammen und Prellungen Aber soweit ich es sehen kann, hat er keine inneren Verletzungen. Ich werde ihm jetzt noch ein Schmerzmittel geben, dann sollte er bis morgen schlafen, dann sehe ich ihn mir noch einmal genauer an.``

Er nahm eine Spritze und stach sie Sakak in den Arm. Dann drehte er sich zu den Drak um, die ihn umringten. ,,Ihr seid nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen, dafür, daß er ein Freund von euch sein soll. Also wenn ihr so mit euren Freunden umgeht, möchte ich niemals eurer Feind sein.`` Er grinste.

 

Sakak öffnete schläfrig die Augen auf. Es war Morgen, Icarus hatte gerade eine halbe Stunde zuvor die Krankenwache übernommen. ,,Langsam werde ich zu alt für diese Sachen`` stöhnte er. Er drehte seinen Kopf und bemerkte Icarus. ,,Hallo Icarus.``

,,Wie gehts dir? Es tut mir leid, wie wir gestern mit dir umgesprungen sind.``

,,Schon entschuldigt. Ihr konntet ja nicht wissen, daß ich kein Feind bin. Ich habe Schmerzen beim Atmen und meine rechte Seite tut weh. Aber am meisten merke ich meinen Rücken, der brennt, als stände er in Flammen. Wer auch immer mich gestern dort erwischt hat, hat ganze Arbeit geleistet.``

Icarus zuckte schuldig zusammen. ,,Tut mir wirklich leid.``

Sakak grinste. ,,Ach du warst es. Na ist ja schon gut. Ich hätte mich ja auch zu erkennen geben können. Aber als ich sah, daß da mindestens drei Personen am anderen Ende der Lichtung auf mich warteten, wurde ich nervös. Ich dachte, meine einzige Chance wäre es, irgendwie zu eurer Höhle zu kommen und dann zu hoffen, daß du oder Dawina mich erkennen, bevor mich jemand erschießt. Wie geht es ihr überhaupt? Hat mein Plan funktioniert?``

,,Dawina geht es gut. Sie war es, die dich gestern fast erschossen hätte.``

Sakak lachte auf, was einen Hustkrampf bei ihm auslöste und in einem Stöhnen endete. ,,Wen habe ich da eigentlich ausgebildet? Der eine reißt mich beinahe in Stücke, die andere erschießt mich fast.`` Er wurde wieder ernst. ,,Und deine Befreiung? Erzähl mal.``

Icarus berichtete in ein paar Worten, wie Dawina aus dem Ausbildungslager nach Tutras verschleppt wurde und dort auf den Stadtclan traf. Als er erzählte, wie Vigo anhand der Unterlagen, die Sakak geschickt hatte, in kurzer Zeit die elektronischen Halsbänder deaktiviert hatte, nickte er bestätigend. ,,Ich habe schon immer geahnt, daß viel in euch Drak steckt.``

Icarus fuhr fort zu erzählen, wie er befürchtet hatte, daß seine Läuterung kurz bevorstand, als der Mensch ihn untersuchte. Sakak verzog vor Mitgefühl das Gesicht, als Icarus von seinen Empfindungen während der Untersuchung erzählte. Als er dann hörte, daß bei der anschließenden Flucht alle entkommen waren und niemand sich verletzt hatte, atmete er erleichtert auf.

,,...und dann stiegen die Menschen in ihr Raumschiff und flogen zu ihrem Heimatplaneten. Wir sind jetzt dabei, die Höhle soweit auszubauen, daß wir drin leben können, das war es eigentlich. Und weswegen bist du hier? Wie hast du uns überhaupt gefunden?``

Sakak erzählte, daß er hatte fliehen müssen und wie er mit Hilfe der Töchter der Nacht die Spur hierher gefunden hatte.

Icarus schaute fassungslos. ,,Die Welt ist voller Geheimnisse. Glaubt man, alle entdeckt zu haben, zeigt sich das Nächste, noch Größere.``

,,Wem sagst du das? Rate mal, wie ich mich gefühlt habe, als ich das erfahren habe. Laß uns darüber aber noch Stillschweigen bewahren. Ich weiß nicht, ob die Töchter es gut finden, wenn ich ohne ihr Einverständnis etwas über sie erzähle. Kannst du mir mein Funkgerät bringen? Rubio wollte in der Nähe auf eine Nachricht von mir warten.``

Sakak informierte Rubio über seinen Erfolg und was Icarus und den anderen geschehen war, ließ aber die Begleitumstände seiner Ankunft aus. Nach der Erlaubnis gefragt, die Drak über die Töchter zu informieren meinte er: ,,Du solltest vorerst niemanden sonst einzuweihen. Ich werde die Töchter umgehend informieren, ich denke, sie werden sich dann gegebenenfalls mit euch in Verbindung setzen.``

 

Zwei Tage später, Sakak war wieder soweit bei Kräften, daß er herumlaufen konnte, landete gegen Mittag ein Gleiter direkt vor der Höhle. Rubio hatte sich einige Minuten vorher über Funk angekündigt, so waren sie nicht in Deckung gegangen, stattdessen warteten Sakak, Icarus und Dominga zur Begrüßung auf der Lichtung. Rubio hatte nur kurz angedeutet, daß er etwas mitgebracht hatte, hatte aber nicht erzählt, was es denn sei, so waren sie sehr gespannt.

Als sich die Gleitertür öffnete, entstieg ihr zuerst Rubio. Er ging zu Sakak und umarmte ihn wie einen alten Freund. Dann musterte er Icarus und Dominga vorsichtig, und umarmte sie dann ebenfalls.

Dann stand sie in der Tür. Ihr schwarzes Fell schimmerte in der Sonne mit einem leichten bläulichen Schein. Ihre Augen waren durch eine dunkle Sonnenbrille verdeckt, die in der Form zweier Halbkugeln die Augen umschlossen. Festgehalten wurden die Halbkugeln durch ein schwarzes Band, das um den Kopf der jungen Pardin führte. Sie trat auf Icarus zu. Mit ihrer dunklen, weichen Stimme meinte sie: ,,Hallo Icarus, es freut mich, dich kennenzulernen. Einige meiner Schwestern waren eifersüchtig auf mich, als die Wahl auf mich fiel.``

Rubio erklärte. ,,Ich möchte euch Modena vorstellen. Sie wurde von den Töchtern beauftragt, euch in Zukunft zu begleiten, um zu beraten und Kontakt zu den Töchtern zu halten.``

,,Es freut mich, dich kennenzulernen``, meinte Dominga.

Auf dem Weg zur Höhle erklärte Modena, weswegen die Wahl auf sie gefallen war. ,,Ich bin offiziell Schülerin an der Hochschule und studiere die unterschiedlichen Rassen Dabos. Im Rahmen dieses Studiums besuche ich natürlich auch die Rassen, über die ich etwas lernen möchte, ich mache also offiziell ein Praktikum in einem Wulfdorf.``

,,Tut dir die Sonne gar nicht in den Augen weh?`` fragte Icarus.

,,Nicht mit der Sonnenbrille. Ich bin nicht so stark wie viele andere Töchter, dafür bin ich aber auch nicht so lichtempfindlich. Wenn ich Kontaktperson sein soll, kann ich euch nicht zur Last fallen.``

Icarus musterte sie von unten nach oben. ,,Bist du deswegen auch so durchtrainiert?``

Sie lächelte geschmeichelt. ,,Ja, aber nicht nur deswegen treibe ich Sport. Ich habe keine Lust, körperlich so abzubauen wie viele meiner Schwestern, die nur in ihren dunklen Zimmern rumsitzen und irgendwelche Daten sichten.``

 

In der Höhle angekommen, rief Dominga alle Drak zu sich.


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icarus@dabo.de