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Zhad

Tinka. Der Gedanke an sie ließ Icarus nicht mehr los. Der Flug hatte nicht lange gedauert, schon eine Stunde später hatte Icarus in seinem Zimmer unter der Dusche gestanden, um sich gründlich zu reinigen. Er schrubbte und rubbelte seine Haut ab, fühlte sich aber auch am Ende immer noch dreckig.

Seine Lederkleidung legte er in den Schrank. Dabei fiel sein Blick auf die Lederkleidung, die er mittlerweile aus Arridos bekommen hatte. Ein paar Tage nach seiner Aufnahme im Camp war eine Lieferung mit seinen Sachen aus der Wohnung Radifs gekommen. Darunter war seine alte Lederkleidung und seine Armbrust.

Er nahm die Weste aus dem Schrank und roch daran. Sie roch nach Leder und ganz, ganz entfernt glaubte er, Tinkas Duft zu riechen. Sie hatte so anders, so verführerisch geduftet. Er mußte wieder an das denken, was ihm Lonkas gesagt hatte, war Tinka wirklich tot? Er konnte es nicht glauben.

Laut der Aussage von Dawina und Sakak waren sie lediglich in einem anderen Camp untergebracht worden. Wahrscheinlich waren sie einfach noch immer dort und würden irgendwann wieder freigelassen werden. Der beste Beweis war doch Lonkas. Er selber war in der Hütte gewesen, als die Katak sie überwältigt hatten. Er war aber anscheinend recht schnell wieder freigelassen worden. Wieso sollte es nicht bei anderen länger dauern?

Er mußte sich das nur lange genug einreden, dann würde er es schon glauben. Eine andere Sache beschäftigte ihn auch: Was war im Norden? Laut Lonkas sollte dort ein Sperrgebiet sein - sogar für die auf Zhad Lebenden. Auch Sakak hatte ihm keine zufriedenstellende Antwort gegeben, er hatte nur gemeint, er würde es rechtzeitig erfahren, noch sei er aber nicht bereit. Er hatte sich auf keine Diskussion eingelassen, und Icarus hatte rechtzeitig aufgehört zu fragen, als er feststellte, daß Sakak unnachgiebig, ja fast störrisch war und kurz davor stand, wütend zu werden.

Diese zwei Fragen bohrten an ihm. Er ging zum Spiegel, um seinen Zopf zu flechten. Dabei sah er auf das Band der Jäger, daß ihm Donkas überreicht hatte. Er blickte schnell wieder weg und ergriff lieber das gelbe Band, das er fachgerecht einflechtete.

Er verließ sein Zimmer und ging zu Dawina. An der Tür klopfte er an. Augenblicke später öffnete sie. Sie hatte inzwischen auch geduscht und sich andere Kleidung angezogen.

,,Komm' rein!`` Sie schloß die Tür hinter ihm. Ihr Gesicht war ernst, als sie sich umdrehte. ,,Sag' mal, hast du das richtig gefunden, wie du vorhin mit Sakak umgegangen bist? Ich glaube, er war kurz davor, richtig wütend zu werden.``

,,Deswegen habe ich ja auch aufgehört, ihn zu fragen. Aber siehst du es denn nicht so wie ich? Wieso verrät er uns nicht, was in diesem Sperrbezirk vor sich geht?``

,,Er wird seine Gründe haben. Ich bin mir sicher, daß er es uns eines Tages sagen wird. Vielleicht sind wir einfach noch nicht reif genug, vielleicht möchte er es uns am Ende unserer Ausbildung sagen? Wer weiß das schon?``

,,Eben! Wer weiß das schon! Das ist mir zu ungewiß. Aber da du die Ausbildung ansprichst, im Moment bin ich mir gar nicht mehr sicher, zu was wir überhaupt ausgebildet werden. Wenn ich mir alleine diese Aktion ansehe, die wir gerade überstanden haben.``

Dawina versuchte, ihn zu beschwichtigen. ,,Ich glaube nach wie vor, daß wir zu Lehrern ausgebildet werden. Und diese Aktion war eine Ausnahme.``

,,Und wenn es andere Ausnahmen gibt? Sollen wir dann immer spionieren, lügen und betrügen?``

,,Selbst wenn wir noch einmal helfen müßten, was ich nicht glaube, dann ist doch unser Ziel klar, wir müssen versuchen, alles zu verhindern, was unserem Planeten, unserer Bevölkerung schaden könnte. Natürlich sind es ganz normales Wesen, mit denen du zu tun hast. Natürlich schließt du vielleicht sogar Freundschaft mit ihnen, aber eins darfst du nie vergessen. Du mußt immer wissen, welche Seite die richtige ist, dann wirst du nie Gewissensbisse haben.``

,,Welche Seite ist die richtige?``

,,Unsere natürlich! Welche sonst?``

,,Wer ist ,uns`? Wir Drak? Wir beide? Wir sind alleine!``

Langsam wurde auch Dawina wütend. ,,Du redest Unsinn! ,Uns` bezeichnet alle Bewohner Dabos, außer denen natürlich, die diesen Bewohnern schaden. Und glaubst du nicht, daß es der Bevölkerung geschadet hätte, hätten sie von dem Geheimnis der siebten Rasse erfahren?``

,,Findest du es richtig, daß andere versuchen zu entscheiden, was richtig für uns ist?``

,,Unsere Diskussion führt zu nichts. Bitte, laß' etwas Zeit vergehen. Noch stehen wir beide unter dem Einfluß der Ereignisse der letzten Tage. Die Zeit wird alles in das richtige Licht rücken, glaub' mir, bitte.``

Icarus sah ein, daß es wirklich keinen Sinn machte, jetzt mit ihr zu diskutieren. ,,Vielleicht hast du Recht. Dann laß' uns jetzt etwas machen, das uns ablenkt, wie wäre es mit Frühstück?``


Icarus versuchte, fröhlich zu wirken, er hoffte nur, daß Dawina nicht merkte, wie er tatsächlich empfand. Sie gingen zum Essen um festzustellen, daß Sakak dafür gesorgt hatte, daß sie noch etwas bekommen würden, obwohl die Essenszeit eigentlich schon vorüber war.

Gegen Mittag hatten beide Gespräche mit ihren Ausbildern, die ihnen mitteilten, welchen Stoff sie verpaßt hatten. Am Nachmittag hatte sie dann der Alltag eingeholt. Sie hatten Aufgaben bekommen, die sie bis zum nächsten Tag durchzuarbeiten hätten. Sie arbeiteten getrennt voneinander bis in den späten Abend, um dann relativ früh ins Bett zu gehen.

Erst als Icarus entspannt auf dem dem Bett lag, gingen ihm wieder rebellische Gedanken durch den Kopf. Er dachte an das Versprechen, das er Dawina gegeben hatte und versuchte, nicht mehr daran zu denken.

Es dauerte lange, bis er einschlief, und am nächsten Morgen war er dementsprechend müde. Den Tag über schaffte er es kaum, dem Unterricht zu folgen, mehrere Male schlief er mit offenen Augen. Auch diesen Abend hatte er wieder viel zu tun, so kam es, daß er nur kurz mit Dawina zu Abend aß, aber ansonsten alleine in seinem Zimmer war.

Mitten in der Nacht wachte er auf und war hellwach. Er ging zu seinem Schrank, nahm seinen alten Rucksack und packte ihn. Er nahm nur das Nötigste mit: den Schlafsack, der ihm schon so häufig geholfen hatte. Dazu packte er seine Armbrust und genügend Pfeile ein. Als letztes packte er noch Unterwäsche und Waschzeug dazu. Dann zog er sich an. Zuerst hatte er vorgehabt, sich ebenfalls seine alte Lederkleidung anzuziehen. Dann jedoch entschied er sich dagegen. Er hatte noch keinen einzigen der hiesigen Drak gesehen, allerdings bezweifelte er, daß sie sich noch so kleiden würden, wie in ihrem Dorf. Also nahm er die alte Kleidung, packte sie mit in den Rucksack und zog sich seine moderne Kleidung an. Dann öffnete er die Terrassentür, trat hinaus und flog davon.


Was wußte er? Er war im Süden der Insel und mußte nach Norden. Wenn er die Länge der Insel noch richtig kannte und seine Fluggeschwindigkeit als Grundlage nahm, würde er etwa zwei Tage benötigen, wenn er fast die gesamte Zeit über flog.

Er erreichte noch vor Sonnenaufgang das Gebirge. Draks flogen in der Regel nicht sehr hoch, höchstens wenige hundert Meter, da weiter oben der Wind unberechenbar wurde und es einfach zu kalt war. Jetzt allerdings mußte er dieses Gebirge überwinden, das sich steil vor ihm auftürmte und mit Auf- und Abwinden drohte.

Nun ja, es mußte getan werden. Der Wind war kalt und er blies kräftig, aber er kämpfte dagegen an. Er schlug so kräftig mit den Flügeln, wie er konnte, und er kam voran. Manchmal war es fast leicht, aufzusteigen. Dann jedoch kam eine Böe und drückte ihn nach unten.

Eine Böe drückte ihn fast an einen Felsen, er schaffte es gerade noch, ein Unglück abzuwenden. Dann landete er auf einem Felsvorsprung. Wie sollte er es schaffen, das Gebirge jemals zu überwinden? Es gab soviel er gesehen hatte keinerlei Pässe, keinen Pfad. Das Gebirge war nur schroff und kahl. Wie sollte er also darüber ...

Er schalt sich selber ein Trottel, das war die Lösung! Er stieß sich ab und versuchte möglichst schnell weg von den gefährlichen Felsen zu kommen. Als er etwa einen Kilometer entfernt war, flog er in Westrichtung immer mit dem Gebirge zur Rechten. Nach einer Viertelstunde erreichte er die See. Auch hier türmte sich das Gebirge steil auf, aber die Wellen peitschten dagegen. Einen Moment fühlte er sich an Drak zurückerinnert, wo die Wellen mit Urgewalt das Land auffraßen. Aber das Gefühl dauerte nur einen Moment. Zum einen waren hier die Wellen viel schwächlicher als Zuhause, zum anderen gingen ihm vielzuviele Gedanken durch den Kopf. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, und Dawina dürfte inzwischen wissen, daß er nicht mehr da war, nun gab es kein Zurück mehr.

Mit diesem Gefühl flog er nun auf dem Meer in Richtung Süden. Hier konnte er sich nun beeilen, so daß er nach kurzer Zeit schon ein Ende des Gebirges zu seiner Rechten absehen konnte - was würde ihn am anderen Ende erwarten?


Grün, viel Grün. Es sah nicht viel anders aus, als auf der Seite, von der er gekommen war. Er flog wieder ins Landesinnere in der Hoffnung, dort weniger schnell entdeckt zu werden als auf dem Wasser. Nach kurzer Zeit sah er unter sich immer wieder einzelne, große Häuser, die von vielen hohen Bäumen umgeben waren, so daß jedes Haus von dem anderen abgetrennt war. Es schienen auch keine Wege zwischen den Häusern zu geben, höchstens Trampelpfade, aber keine Straßen. Allerdings schien jedes Haus über mindestens einen Gleiter zu verfügen, auf dem Hof einer dieser Häuser hatte er sogar zwei gesehen.

Gleiter, die Gefahr war zu hoch, daß er von einem Gleiter entdeckt wurde, was sollte er machen? Als er höher flog, konnte er in der Entfernung eine Stadt entdecken. Selbst wenn er sie umflog, so wie er es schätzte, befanden sich diese Häuser überall um die Stadt herum. Außerdem machte es sich bemerkbar, daß er die letzte und vorletzte Nacht kaum geschlafen hatte, und er spürte die Anstrengung seiner versuchten Bergüberquerung.

In einiger Entfernung voraus gab es einen Ausläufer des Gebirges hinter ihm. Der Ausläufer war nicht hoch, nur wenige hundert Meter, aber er war genauso zerklüftet und unzugänglich. Als er näher kam, entdeckte er mehrere Höhlungen, die zu Fuß unerreichbar waren. In eine dieser Höhlungen flog er. Er mußte aufpassen, nicht mit den Flügelspitzen gegen die Felsen zu kommen, dann war er in der Höhle. Er landete und sah sich um. Sie war nicht groß, vielleicht gerade einmal zehn Meter in der Länge und sechs Meter an seiner breitesten Stelle. Er breitete seinen Schlafsack auf einer ebenen Stelle aus, die versprach, trocken zu sein. Dann schlüpfte er hinein und war wenige Minuten später eingeschlafen.


Sirr, Sirr, Sirr. Er verfluchte den Wecker, immer störte er ihn in seinen schönsten Träumen. Also auf zum Früh... Er brauchte einen Moment, um festzustellen, daß er nicht im Camp, sondern in einer Höhle auf Zhad war. Er schlüpfte aus dem Schlafsack und hängte ihn zum Lüften auf einen Felsen. Er nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und aß einen Energieriegel. Vor seiner Flucht hatte er noch den Automaten in der Küche regelrecht geplündert und soviel Riegel mitgenommen, daß es für einige Tagen reichen sollte.

Er trat hinaus, auf auf den schmalen Sims und sah hinaus. Am Horizont konnte er noch etwas rot der untergehenden Sonne sehen, aber sehr bald würde es sehr dunkel sein. Solange er noch etwas sehen konnte, flog er zu einem kleinen Bach, den er heute morgen überflogen hatte, um seine Wasservorräte aufzufüllen.

Nach seiner Rückkehr rollte er den Schlafsack ein und verstaute wieder alles im Rucksack. Dann schnallte er ihn sich auf, trat auf den Sims, entfaltete seine Flügel und flog davon. Bis auf das dämmrige Sternenlicht und das dumpfe Glimmen der Mondsichel beleuchtete nichts seinen Weg. Aber er sah, welche Richtung er einschlagen mußte. Immer dichter kam er der glänzenden, blinkenden, bunten Stadt.

Er näherte sich ihr weiter, sie hatte ihn in seinen Bann geschlagen, so wie anscheinend jede Stadt ihn faszinierte. Diese hier war anders, anders als Arridos, anders als Barmos. Sie war kleiner, die Gebäude waren flacher. Und sie war umgeben von Fabriken. Auch sie schien zu pulsieren. Aber als er noch näher kam, bemerkte er, was anders war. Es gab fast keine Fahrzeuge, die sich durch die Straßen bewegten, nur wenige Gleiter flogen durch die Häuserschluchten.

Er hatte mittlerweile die Lagerhallen überflogen und flog über die ersten Wohnhäuser. Die Bewohner dieser Stadt gingen zu Fuß oder fuhren mit Bussen durch die Gegend. Er flog höher als die höchsten Gebäude, so daß die Gefahr der Entdeckung äußerst gering war, denn selbst wenn jemand da unten nach oben sah, war er durch das Licht der Stadt viel zu geblendet, um jemanden zu sehen.


,,Hallo Fremder.`` Icarus stand vor Schrecken fast das Herz still. Er wendete im Flug. Hinter ihm flog eine Drakfrau. ,,Wer bist du, und wo möchtest du hin?``

Icarus mußte tief durchatmen. ,,Du hast mich wirklich erschreckt. Ich bin Icarus und ich möchte in den Norden.``

,,Hallo Icarus, ich bin Dominga. Folge mir doch bitte, dann können wir in Ruhe miteinander reden.`` Sie wendete, und Icarus folgte er ihr. Er überlegte kurz, ob er nicht lieber versuchen sollte, ihr zu entkommen. Aber sie kannte sicherlich die Stadt, sie würde auch die Umgebung kennen, vielleicht konnte sie ihm ja helfen.

Sie landete auf dem Dach einer der etwas höheren Häuser. Auf diesem Dach stand ein weiteres Haus, etwa so groß wie das Haus im Camp, in dem er sein Zimmer gehabt hatte. Sie öffnete die Tür, trat hinein in dem erleuchteten Flur, Icarus folgte ihr noch immer.

Vom Flur gingen mehrere Türen ab. Sie öffnete eine Glastür, hinter der sich eine Art Aufenthaltsraum befand. Hier standen mehrere Bänke und Tische herum. Sie setzte sich auf eine Bank und bedeutete Icarus, sich ebenfalls zu setzen. Er setzte sich auf die gegenüberliegende Seite.

Sie war nicht mehr ganz so jung wie er, vielleicht etwa dreißig Jahre alt, sah aber trotzdem nicht uninteressant aus. Sie trug eine ähnliche Kleidung wie er, er hatte sich also richtig entschieden.

Sie begann: ,,Icarus, ich habe dich noch nie hier gesehen. Bist du ein neuer Verbannter?`` Sie stockte. ,,Wo ist dein Halsband?``

Jetzt bemerkte es Icarus auch. Um ihren Hals befand sich ein ziemlich dicker Reifen aus einem silbernen Material. Der Reifen war etwa Fingerdick und doppelt so hoch. So wie sie sich gewundert hatte, schien es hier jeder zu tragen.

,,Ich habe keins, wieso? Was bedeutet es?``

Sie war erstaunt. ,,Du weißt es nicht? Du kannst kein Verbannter sein, wo kommst du her?``

Er ging auf volles Risiko. Er wußte nicht wieso, aber irgendwie traute er ihr. ,,Ich komme aus dem Süden, aus der Gegend hinter dem Gebirge.``

,,Was ist dort? Was ist dahinter?``

,,Dort ist ein Camp, in dem Jugendliche aller Rassen ausgebildet werden. Ich möchte nach Norden. Weshalb, daß ist eine private Angelegenheit.`` Zuviel wollte er ihr nun wieder auch nicht erzählen.

Als er das Camp erwähnt hatte, hatte sie kurz gestockt. ,,Gehörst du etwa zu diesen Menschenfreunden?``

,,Sind Menschen die siebte Rasse?`` Dominga nickte. ,,Ich habe sie noch nie gesehen. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, wer wirklich meine Freunde sind.``

,,Das ist keine gute Sache. Wenn Du niemandem vertraust, wie kannst du dann wissen, was falsch oder richtig ist?``

,,Genau das ist der Grund, weshalb ich in den Norden fliegen will. Ich habe Draks verraten, die vielleicht meine Freunde hätten werden können, und jetzt will, jetzt muß ich wissen, ob es ein Fehler war.``

,,Was hast du getan?`` Sie schien geschockt. ,,Bitte, erzähl' mir alles!``

Icarus bedauerte. ,,Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Ich muß weiter, ich muß in das Sperrgebiet an der Nordküste. Nur dort kann ich endlich herausfinden, wem ich wirklich vertrauen kann.``

,,Das Sperrgebiet. Ich habe Gerüchte davon gehört, niemand weiß aber genaues. Wenn ich dir helfe, schnell und unauffällig dorthin zu kommen, erzählst du mir dann, was du erlebt hast?``

,,Einverstanden, aber bitte erzähle mir dich erstmal, was es mit diesen Halsbändern auf sich hat.``

Sie faßte mit der Hand daran und rückte es zurecht.

,,Dieses Halsband bekommt jeder, der nach Zhad kommt oder hier geboren wird. Es ist ein Sender, anhand dessen jederzeit festgestellt werden kann, wo du dich gerade befindest. Wir dürfen die Stadt nicht verlassen, außer, daß es uns ausdrücklich erlaubt wurde. Diese Stadt hier dient nur einem einzigen Zweck, dem, daß wir den Menschen das Leben so leicht wie möglich machen. Diese Stadt hier gehört uns, dort reden sie uns nicht rein. Sie leben in kleinen Häusern um die Stadt herum.``

,,Ich hab' diese Häuser gesehen, aber einen Menschen habe ich noch nie gesehen. Wußtest du. daß sie uns alle erschaffen haben?``

Sie war nicht erstaunt. ,,Das weißt du? Ja, damit prahlen sie herum. Aber ich bin mir da gar nicht so sicher. Wenn sie uns wirklich erschaffen haben, wieso gibt es hier dann nicht eine bessere Technik oder bessere Fahrzeuge als woanders? Wenn sie uns wirklich vor eintausend Jahren erschaffen haben, dann muß ihre damalige Technik besser gewesen sein, als unsere heutige. Aber ich sehe nichts davon. Ich sehe nur faule, träge Wesen, die den gesamten Tag über nichts tun.``

,,Wer weiß, was damals passiert ist. Wie kannst du mir denn helfen, schneller in den Norden zu kommen?``

,,Vigo ist ziemlich fingerfertig. Ich schätze, er kann dir ein Halsband bauen, damit du hier nicht auffällst. Dann kannst du dich einfach in einen Bus setzen und in den Norden fahren.``

,,Und die Kontrollen? Wird denn gar nicht überprüft, ob jemand die Berechtigung hat, woanders hinzufahren?``

,,Wozu Kontrollen?`` Sie faßte an den Ring. ,,Diese Ding hier ist die beste Kontrolle. Wenn wir unangemeldet unseren Bereich verlassen, können wir ganz leicht aufgespürt werden.``

Das überzeugte ihn zwar noch nicht ganz, aber so ein Halsband würde ihn auf alle Fälle unauffälliger machen, also war er auf sie angewiesen. Er fing mit seiner Geschichte an. Er begann mit den Geschehen in seinem Heimatdorf vor einem Jahr.

Während seiner Erzählung spiegelten sich die verschiedensten Gefühle auf Domingas Gesicht wieder. Über Freude, daß ihm die Parden geholfen hatten, über Enttäuschung, als er von ihrem vermeintlichen Verrat hörte, bis hin zu Mitgefühl, als er seine Gefühle schilderte, die er seit seinem Verrat hatte.

Als er geendet hatte, atmete sie tief durch. ,,Ja, jetzt verstehe ich dein Mißtrauen. Du bist dir ja noch nicht einmal sicher, daß du Dawina vertrauen kannst. Laß' uns zu Vigo gehen, damit du morgen früh weiter kannst.``

Sie stand auf und verließ den Raum. Ein paar Türen weiter klopfte sie kurz an und öffnete dann die Tür. Ein Grummeln erklang von innen, dann ein paar beruhigende Worte von Dominga. Dann sah sie wieder zur Tür heraus und meinte: ,,Du kannst kommen.``

Das Zimmer sah seinem im Camp erstaunlich ähnlich. Die Erbauer schienen nicht besonders viel Fantasie zu besitzen. Allerdings war in diesem Raum alles zugestellt, es ähnelte eher einem Werkzeuglager als einem Schlafplatz.

Ein Drakmann, etwas älter und erheblich dicker als Dominga saß auf der Bettkante.

,,Icarus, das ist Vigo. Vigo, wir müssen ihm unbedingt helfen, vielleicht kann er uns ja auch einmal helfen.``

Vigo stieß einen Grummeln aus. ,,Wenn du meinst. Wie kann ich dir helfen?``

,,Dominga meinte, du könntest mir einen Halsbandattrappe bauen, damit ich mich ungestört bewegen kann.``

Vigo sah ihn interessiert an. Jetzt fiel ihm das Fehlen auf. ,,Du mußt mir unbedingt erzählen, wieso du keins trägst!``

Dominga schaltete sich ein. ,,Das kann ich dir im Zweifel auch erzählen, oder Icarus erzählt es dir, während du baust.``


Vigo war mit der zweiten Lösung einverstanden. So suchte er aus seinen Gerümpelhaufen die geeigneten Bleche zusammen, bis er zufrieden war. In der selben Zeit erzählte Icarus ihm das selbe, was er kurz zuvor schon Dominga erzählt hatte. Nach einer halben Stunde hatte er bereits etwas zusammengebaut, was einem Halsband sehr ähnlich kam. Dann holte er einen Lötkolben und fing an, Bauteile zusammenzusuchen.

Icarus wunderte sich. ,,Reicht nicht das Halsband, was soll die Elektronik?``

,,So einfach ist die Sache nicht. Es gibt überall Tests, ob die Halsbänder funktionieren. Das bedeutet für mich, daß ich etwas bauen muß, was sich ähnlich verhält. Es wird ein Signal ausstrahlen, daß zwar von den Testgeräten erkannt wird, aber in der Zentrale keine Beachtung findet, vertrau' mir.``

Damit hatte Icarus seine Probleme. Aber er sah ein, daß er keine andere Chance hatte. Nach einer halben Stunde schien er zufrieden. Er paßte die Platine in das Halsband ein und legte es Icarus um. Es war ungewohnt, anfänglich so kalt, dann einfach nur schwer. Er berührte es und hob es an.

,,Unangenehm, nicht war? Ich weiß gar nicht mehr, wie es ohne das Teil ist. Ich trage es jetzt schon seit neun Jahren. Ich bin wie du vor der Weihe geflohen. Ich bin irgendwie nach Arridos gekommen und lebte dort einige Jahre in einem Stadtclan. Dann wurde ich von den Katak dabei erwischt, wie ich ein Elektronikgeschäft ausräumte.`` Er grinste. ,,Sie nahmen mich mit und brachten mich in das Lotanas. Dann bekam ich eine Spritze und schlief ein. Als ich erwachte, war ich hier in der Stadt und trug dieses Halsband. Damals war Dominga noch ein kleines Drakmädchen, sie ist hier geboren worden. Unser Clan ist nicht groß, wir sind zur Zeit zweiundreißig und Geburten sind selten. Wo war ich stehengeblieben?``

Er kratzte sich am Kopf. ,,Ach ja, das Halsband. Wenn du von innen am Band herumgreifst, wirst du an einer Stelle eine kleine Vertiefung spüren. Wenn du sie drückst, dann öffnet sich das Band. Im geöffneten Zustand kannst du auch einen Schalter schließen, der den Tarnsender aktiviert oder deaktiviert.``

Icarus suchte die Vertiefung und fand sie schließlich. Mit einem leisen Klicken öffnete sich das Halsband. Er sah den Schalter, er war zur Zeit deaktiviert. ,,Ich danke dir vielmals, wie kann ich dich angemessen belohnen?``

,,Ist schon gut. Wir Drak müssen doch zusammenhalten. Ich bin übrigens guter Hoffnung, daß ich es bald schaffen werde, uns von den Halsbändern zu befreien. Ich hab' nur noch ein paar kleinere Probleme, dann können wir sie entfernen, ohne daß sie Alarm geben. Jetzt bin ich müde, wo möchtest du schlafen? Soll ich ein bißchen zur Seite rücken?``

Icarus zog es lieber vor, sich mit seinem Schlafsack in den Aufenthaltsraum zurückzuziehen. Dort breitete er ihn auf dem Fußboden aus. Er hatte schon am Tag geschlafen, so dauerte es lange, bis er einschlief.


Jemand rüttelte ihn wach. ,,Icarus, aufwachen.`` Er öffnete mühsam die Augen und sah auf. Es war Dominga.

,,Ich wollte dir eine Karte geben, damit du weißt, wie du am besten zu deinem Ziel kommst. Dann wollte ich dir noch ein paar Tips geben. Und nach dem Frühstück kannst du dich dann aufmachen.``

Er stand mühsam auf, und streckte seine Knochen. Als ihm Dominga irgendetwas erzählen wollte, unterbrach er sie und fragte nach einer Dusche. Sie führte ihn in ihr Zimmer. Wenige Minuten später stieg ein veränderter Icarus aus der Duschkabine. Er trocknete sich ab und zog sich an. Dann legte er sich das Halsband um. Jetzt nahm er sich auch Zeit, um sich ihr Zimmer anzusehen. Es war hübsch eingerichtet, ordentlich, in den Ecken standen bunte Pflanzen, an der Decke hingen mehrere Windspiele aus Pappe und Metall.

Als er wieder den Aufenthaltsraum betrat, schmunzelte Dominga nur. ,,Bist du jetzt ansprechbar?`` er nickte. ,,Gut. Das hier``, sie breitete eine Karte aus, die Zhad zeigte, ,,ist unsere Stadt, Tutras. Nordöstlich davon beginnt die tote Zone, das ist dieser schraffierte Bereich. Betrete sie auf keinen Fall. Soviel ich weiß, soll sie verseucht sein. Wovon, daß weiß ich nicht. Du nimmst sowieso am besten die Bahn, das geht am schnellsten und fällt nicht auf. Hier in Droschal steigst du aus. Dann sind es noch höchstens dreißig Kilometer bis zur verbotenen Zone. Von da an weiß ich auch nicht weiter. Hast Du Hunger?``

Was für eine Frage, dachte sich Icarus schmunzelnd. Er nickte. Sie verließ den Raum und kam nach ein paar Minuten mit einem Tablett wieder. Während sie aßen, kam ein weiterer Drak mit einem Tablett herein. Icarus grüßte und Dominga stellte ihn Icarus als Turf vor. Turf ging an einen Nachbartisch. Nur ein paar Augenblicke später kamen die nächsten und nach ein paar Minuten war dann der Raum voll und Icarus kannte den gesamten Clan.

Nach dem Frühstück verließen beide den Raum und gingen nach draußen. Vor der Tür gab Dominga ihm noch ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg.

,,Wenn du einen Menschen siehst, dann senke den Blick. Sie sind da ein bißchen eingebildet. Senke den Kopf bitte auch etwas, wenn du einen Sama siehst. Sie betrachten sich selbst auch schon halb als Menschen, wollen also auch genauso behandelt werden. Und noch etwas ganz wichtiges: Solltest du angesprochen werden, dann tu' einfach etwas blöd.`` Mit einem Schmunzeln meinte sie: ,,Wir Drak sind doch so dumm und hilflos.``

Sie verabschiedeten sich voneinander. Dominga wünschte ihm nocheinmal viel Glück und bat ihn, bei der Rückkehr doch hier Bescheid zu geben. Dann flog er ab in Richtung des Bahnhofs.


Auf dem Bahnhof traf er auf alle Rassen, die ihr Planet trug. Und jeder, den er sah trug einen dieser Halsbänder. Auch ein paar Katak liefen herum, jedoch längst nicht soviele wie in Arridos.

Icarus mußte fast eine Stunde warten, bis ein Zug in seine Richtung kam. Die Zwischenzeit nutze er damit, sich umzusehen. Alles war in hellen, freundlichen Farben gehalten. Es gab auch auf den Bahnsteigen und in den Gängen viel natürliches Licht und viele Pflanzen säumten den Weg. Aber trotzdem blieb irgendwie der Eindruck des Zwangs. Dominga hatte ihm gesagt, daß jeder Einwohner Zhads - abgesehen natürlich von den Menschen und den Sama - hierher verschleppt wurde oder als Kind Verschleppter geboren wurde.

Die Katak schienen sich planlos und willkürlich aus dem Fundus der ertappten Verbrecher zu bedienen. Vigo hatte erzählt, wie er selektiert wurde. Alle in der Nacht erwischten Verbrecher mußten in einer Reihe durch eine Tür durchgehen. Als er an der Reihe war, hieß es: ,,Den nehmen wir``, dann wurde er in einen anderen Raum gebracht. Er vermutete, daß diese Willkür die anderen davon abhalten sollte, ein weiteres Mal straffällig zu werden, zumal niemand wußte, wohin sie gebracht wurden. Eine Sache war ihm ebenfalls aufgefallen: Er ist in der gesamten Stadt nur auf Kriminelle mit geringen Delikten gestoßen, Betrügern, Räuber ohne Personenschaden und ähnliches.

Aber es war bekannt, daß auch und gerade die Schwerkriminellen, Mörder, Vergewaltiger, Entführer, ebenfalls verschleppt wurden, eine Frage blieb nur offen: wohin?

Sein Zug fuhr ein. Als er stand und sich die Türen mit einem Zischen geöffnet hatten, trat Icarus ein. In dem Abteil befanden sich natürlich einmal wieder keine vernünftigen Sitzplätze für Draks, sondern nur Reihen von engen, an die Körper der Parden angepaßte Sitze mit Lehnen. Icarus versuchte, das Beste daraus zu machen und setzte sich auf die Kante und ließ seine Flügel leicht ausgebreitet. So sollte es für einige Zeit gehen. Er stützte sein Kinn auf seine beiden Hände, seine Arme ruhten auf den Knien, und sah sich um.

Es waren nicht viele Personen in diesem Abteil. Er überschlug die Anzahl der Sitze pro Reihe mit der geschätzten Anzahl Reihen und kam auf etwa einhundert Sitzplätze. Tatsächlich saßen außer ihm höchstenfalls noch zehn weitere Personen in diesem Abteil. Kein einziger Drak, aber zwei junge Wulf, einem dicken Berin und ein paar Parden. Sie schienen alle darauf zu achten, nicht in Kontakt mit den anderen Fahrgästen zu geraten. Niemand schaute den anderen direkt in Augen, und alle saßen so weit wie möglich voneinander getrennt. Icarus befürchtete, daß es eine recht langweilige Fahrt werden würde.


Icarus behielt zu seinem größten Bedauern Recht. Der Zug hielt an vier Stellen an, und immer wieder stiegen einzelne Personen aus oder ein. Als sie nach zwei Stunden die Endstation, Droschal, erreichten, waren außer ihm nur noch das Wulfpaar im Abteil.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Droschal war ein sehr kleiner Ort. Der Bahnhof war nicht einmal überdacht und befand sich auf einem kleinen Hügel. Vom Bahnhof aus hatte Icarus einen guten Blick über die kleine Stadt. Der Aufbau der Stadt war ähnlich dem von Tutras. In der Umgebung konnte er die Lichter der Menschensiedlungen sehen, die aber auch längst nicht so zahlreich waren, wie um Tutras herum. Die Siedlung des Hilfspersonals war etwa ein Viertel so groß, schätze Icarus. Aber letztendlich war ihm das egal. Er ging zu einer etwas dunkleren Stelle, breitete seine Flügel aus, und flog davon.

Kaum daß er in der Luft war, entfernte er das Halsband. Er deaktivierte den Sender und verstaute das Gerät in seiner Tasche. Er atmete sichtlich auf. Diese Stunden, die er es hatte tragen müssen, hatten ihm schon gereicht. Nicht nur, daß es unbequem war, nein, war es nicht auch ein Zeichen der Unterdrückung?

Zu seiner Rechten konnte er das Meer erkennen. Er mußte es nur immer zu seiner Rechten lassen, dann würde er bald die Sektorengrenze zur Sperrgebiet erreichen.


Die Grenze war schon von weitem zu sehen. Sie schnitt sich wie eine Wunde quer durch das Land. Ein Drahtzaun, etwa fünf Meter hoch, trennte beide Seiten. Außerdem war vor und hinter dem Zaun eine etwa fünfzig Meter breite Schneise geschlagen worden. In einem Abstand von etwa einem Kilometer befanden sich Wachtürme, außerdem war die Grenze hell erleuchtet.

Niemand hatte eine Chance, diese Grenze unbeschadet zu überwinden. Icarus gab sich nicht der Hoffnung hin, daß er einfach hinüberfliegen könne, denn sicherlich hatten sie auch mit einer solchen Möglichkeit gerechnet. Er beschloß, das selbe zu tun, wie auch schon beim Gebirge, er würde die Grenze einfach von der Meeresseite umfliegen.


Die Luft über dem Meer war kalt. Durch den sternenklaren Himmel hatte er zwar keine Probleme, seine Höhe zu bestimmen, aber dadurch war es auch kalt. Er flog sehr flach die Grenze entlang, die weit in das Meer hinaus ragte. In etwa einem Kilometer Entfernung war dann endlich der beleuchtete Streifen mit einem Wachturm zu Ende. Der Aufwand, eine einen Kilometer lange Mole in das Meer zu bauen, mußte immens gewesen sein, was hatten sie hier zu verbergen?

Icarus wollte eine eine Schleife fliegen und mit der Grenze zu seiner Linken zum Festland zurückkehren, dann sah er, daß ein gutes Stück entfernt sich ein weiterer Wall zu befinden schien, er konnte auf dem Wasser einen leuchtenden Streifen erkennen.

Es hatte also keinen Sinn, hier schon wieder ans Land zu fliegen, er mußte stattdessen auch noch die zweite Grenze umfliegen.

Das Fliegen bei dieser Sicht strengte an. Zwar gewöhnten sich die Augen langsam an das diffuse Licht der Sterne und der Mondsichel, aber trotzdem forderte das Fliegen in weniger als zehn Metern Höhe erheblich mehr Konzentration als das Fliegen in größeren Höhen mit mehr Licht.

Nach einer ihm unendlich erscheinenden Zeit erreichte er die zweite Grenze. Zu seinem Glück schien es keine dritte zu geben. So flog er in sicherem Abstand wieder zurück an Land.

Alles war dunkel, es schien keine Zivilisation hier zu geben. Icarus konnte bis auf den Grenzstreifen keinerlei Spuren intelligenten Lebens erkennen. Das beruhigte ihn soweit, daß er am Rand einer großen Lichtung landete, die an einer Seite von Felsen begrenzt war und dort seinen Schlafsack ausrollte. Er stieg hinein und war wenig später eingeschlafen.


Schüsse! Icarus schreckte auf. Die Sonne strahlte ihn an, der Morgen war angebrochen. Da hörte er sie wieder, Schüsse und Motorenlärm, die sich aus dem Wald näherten, an dessen Rand er gerade noch geschlafen hatte. In Eile packte er alle seine Sachen schnell zusammen, stopfte sie notdürftig in den Rucksack, den er sich umschnallte. Sollte er losfliegen? Er entschied sich dagegen, er konnte zu leicht dabei entdeckt werden. Er kletterte einen Baum herauf, um einen besseren Überblick zu haben, und um trotzdem unentdeckt zu bleiben.

Die Schüsse näherten sich. Jetzt konnte er auch hören, daß sie von mehreren Seiten kamen. Der Motorenlärm schien von Geländefahrzeugen zu kommen. Wieviele es waren, konnte er nicht feststellen, aber es waren einige.

Etwas lief schnell unter ihm hindurch. Er sah durch die Zweige und Blätter nur Schatten, die entlanghuschten, es schien eine Herde zu sein. Als sie die Lichtung überquerten, sah er sie genauer. Parden? Ja, es waren Parden, eindeutig. Aber was taten sie da? Sie liefen auf allen vieren wie verschreckte Tiere über die Wiese hinweg. Icarus hatte einmal Tinka so rennen sehen, schon damals hatte sie auf ihn eher wie ein Tier als wie ein intelligentes Wesen gewirkt. Dann ertönten Schüsse von der entgegengesetzten Seite, sie drehten in Panik um. Sie wußten doch, daß von dieser Seite auch jemand kam! Icarus wurde aus ihrem Verhalten nicht schlau. Diese Gruppe von über fünfzig Parden verhielt sich tatsächlich wie die Herde Abusas, die er erst vor kurzem gejagt hatte. Noch etwas fiel ihm auf. Niemand von ihnen trug Kleidung.

Dann konnte Icarus die ersten Fahrzeuge sehen, die auf der anderen Seite aus dem Wald brachen. Es waren offene Geländefahrzeuge. Icarus konnte aus der Entfernung nicht erkennen, wer da am Steuer saß, er sah nur jeweils drei Wesen, die in jedem Fahrzeug waren. Einer von ihnen saß hinter dem Steuer, die beiden anderen standen aufrecht und hielten Waffen in ihren Händen.

Dann näherten sich Fahrzeuge von rechts und schnitten die Flucht in diese Richtung ab, die einzige Fluchtmöglichkeit war nun in seine Richtung, doch dann fuhren unter ihm ebenfalls Fahrzeuge hindurch. In vielen der Fahrzeugen standen Parden in roten Kutten, Sama, und feuerten auf die Herde, die sich jetzt zum Felsen zurückgezogen hatte.

Dann standen alle Fahrzeuge auf der Lichtung, etwa dreißig an der Zahl. Icarus wußte nicht, ob er sich dieses Abschlachten noch länger ansehen wollte. Er sah sich die Personen in den Wagen an. Das mußten Menschen sein. Sie sahen irgendwie so ...weich und verletzlich aus. Sie hatten Haare, aber in seltsamen Farben, rot, braun und schwarz konnte er erkennen. Und die Haut, dieses fahlweiße sah irgendwie ungesund aus.

Dann hörten sie mit dem Feuern auf. Icarus wagte es, wieder zu den Opfern zu blicken. Es war schrecklich. Viele lagen, durchsiebt von mehreren Kugeln tot auf der Lichtung. Einige zuckten unter großen Schmerzen. Direkt am Felsen war es am schlimmsten. Dort hatten sich die Kadaver regelrecht aufgetürmt.

Dann fuhren die Wagen davon. Die Menschen lachten und schienen guter Laune zu sein. Als Icarus nichts mehr von den Fahrzeugen hören konnte, siegte seine Neugier über seinen Ekel und er stieg vom Baum ab. Er ging auf die Lichtung. Wie eine Maschine setzte er Schritt vor Schritt. Er ging von Kadaver zu Kadaver. Gebrochene Augen, Blut, überall Blut aus unzähligen Wunden.

Dort hinten! Ein Zucken! Er lief hin. Ein männlicher Parde, er hatte einen Bauchschuß, der stark blutete, aber noch lebte er. Er kniete sich nieder, nahm seinen Kopf und richtete ihn auf. Der Parde sah ihn aus seltsam stumpfen Augen an.

Icarus fragte ihn: ,,Weshalb tun die das?``

Der Parde antwortete nicht. Er starrte Icarus weiterhin nur stumpf an, dann starb der Parde.

Icarus bettete seinen Kopf vorsichtig zurück und ging weiter, weiter auf den Felsen zu. Dort hinten lebte noch jemand! Er näherte sich ihm. Es war eine Pardenfrau. Sie hatte anscheinend nur eine Wunde am rechten Bein.

Icarus kam näher. Plötzlich sprang sie Icarus an. Er konnte gerade noch zur Seite ausweichen, dann griff sie erneut an. Icarus spreizte seine Flügel und stieg in die Luft. Die Frau blieb unter ihm, und versuchte, ihn zu schnappen. Sie knurrte und fauchte, wie ein wildes Tier.

,,Was tun sie da? Ich bin nicht ihr Feind!`` schrie er, aber sie schien ihn nicht zu hören oder zu verstehen. Was war nur los?

Die wilde Frau schien das Interesse an ihm zu verlieren und ließ ab. Icarus ging trotzdem kein Risiko ein und landete deswegen nicht an dieser Stelle, sondern flog zu den Felsen.

Tote Leiber, übereinander, nebeneinander, miteinander verwoben. Dort am Rand, es bewegte sich jemand, ein Weibchen, sie schien unverletzt. Icarus landete vor ihr, blieb aber sprungbereit, falls sie ihn ebenfalls anfallen sollte. Sie sah auf, Icarus sah in ihre Augen. ,,Tinka!``

Ein Flackern in ihrem Blick, dann war da wieder dieser stumpfe Glanz, diese ängstliche Apathie in ihrem Augen.

,,Tinka, was haben sie mit dir getan?`` Icarus stand fassungslos vor ihr, wollte sie nehmen, sie berühren, aber sie wich nur ängstlich zurück. Dann war der Felsen in ihrem Rücken, sie konnte nicht mehr ausweichen.

Icarus stand vor ihr, sie schaute nur ängstlich auf allen vieren zu ihm hoch. Sie ...jaulte! Sie sah aus wie Tinka, das war sie, aber was war aus ihr geworden? Sie verhielt sich nicht wie ein intelligentes Wesen, nein, absolut nicht. Sie war nicht mehr als ein Tier.

Tinka jaulte, dann eine harte Stimme: ,,Dreh' dich um, und versuch' nicht zu fliehen, ich erwische dich vorher.``

Icarus tat, wie ihm befohlen wurde. Nur ein paar Schritte von ihm entfernt stand ein Mensch. Er hatte ein Gewehr auf ihn gerichtet. Er wirkte nun gar nicht mehr so weich und verletzlich, fand Icarus. Der Mensch trug eine grüne Hose mit hellgrünen und schwarzen Flecken darauf. Die Jacke war aus dem selben Material. Neben ihm stand ein weiterer Mensch, weiter hinten stand der Geländewagen. Wie hatte er sie überhören können?

Der zweite griff nun zu einem Funkgerät. ,,Jungs, hört mal, wir haben hier einen Drak geschnappt.`` Eine Antwort, die Icarus nicht verstand, dann ein: ,,Gut, ich habe verstanden, bis gleich im Lager.`` Er schaltete das Gerät ab und hängte es in seinen Gürtel zurück.

,,Wir nehmen ihn mit. Die anderen sind neugierig darauf, ihn zu sehen.``

Der mit der Waffe hielt Icarus in Schach, während der andere ein Seil holte, und Icarus Hände auf dem Rücken zusammenband. Dann band er mit dem freien Ende noch eine Schlinge, die er um Icarus' Hals band. Sollte Icarus nur einmal versuchen, seine Flügel auszubreiten, würde sich das Seil spannen und ihn erwürgen.

Sie trieben ihn zum Wagen, wo er auf der hinteren Ladefläche niederknien mußte. Der mit der Waffe setze sich so hin, daß er das Gewehr die gesamte Zeit über auf Icarus gerichtet halten konnte.


Nach einer rumpeligen Fahrt von wenigen Minuten, stoppte der Wagen auf einer Lichtung. Dort standen die anderen Wagen, außerdem waren dort eine Menge Zelte aufgestellt. In der Mitte der Lichtung hatten sie eine Feuerstelle aufgebaut, die aber noch nicht entzündet war. Im Kreis um die Feuerstelle herum saßen die Sama und Menschen und lachten, tranken und unterhielten sich. Als der Wagen angehalten war, standen einige auf und kamen näher.

Icarus mußte aussteigen. Sie kamen näher, schauten ihn interessiert an, dann gingen sie wieder zurück. Ein Sama blieb. Icarus schaute auf. ,,Sakak!``

Sakak senkte seinen Blick, er klang traurig, als er sagte: ,,Icarus, was tust du bloß hier?``

Wütend antwortete er: ,,Ich habe gesehen, was du aus Tinka gemacht hast!``

,,Es ...es tut mir leid. Aber ...``

Einer der Menschen unterbrach ihn. ,,Du wirst früh genug merken, was mit ihnen geschehen ist. Sakak, ich glaube, du solltest jetzt wieder zurück.``

Sakak war vor Angst regelrecht zusammengezuckt, als ihn der Mensch angesprochen hatte. Dann drehte er sich um und ging gebückt wieder zurück.

Icarus sah ihm hinterher, dann bekam er einen Schlag mit dem Gewehrkolben in den Nacken, so daß er zusammenzuckte. Sie fesselten noch seine Beine aneinander, dann zwangen sie ihn dazu, sich auf den Bauch auf den Boden zu legen. Sie entfernten die Schlinge und banden damit die Beine mit den Armen zusammen. Dann ließen sie ihn allein.

Einer der Wagen fuhr davon, während ein paar Menschen versuchten, das Feuer zu entzünden.


Nach einer halben Stunde kam der Wagen zurück, gleichzeitig hörte Icarus, wie sich in der Ferne ein Gleiter näherte. Der Wagen hielt in seiner Nähe an, die beiden Menschen stiegen aus und gingen zu Ladefläche. Sie öffneten die Klappe und holten etwas heraus, Felle! Pardenfelle! Icarus schaute angewidert zur Seite.

Das Fauchen des Gleiters wurde lauter, er kam näher und landete. Zwei Katak stiegen aus und kamen näher. Sie gingen zu den zwei Menschen, die ihn gefangengenommen hatten und sprachen mit ihnen. Sie wirkten dabei selbstbewußt, aber gleichzeitig voller Respekt zu ihnen.

Bald darauf gingen sie zu Icarus. Ohne ein Wort zu verlieren, banden sie seine Beine los und zwangen ihn aufzustehen. Sie brachten ihn in den Gleiter. Es war ein Gleiter, der für Transporte von Gefangenen vorgesehen war. Zwei Bänke standen an den beiden Seiten des fensterlosen Raums. An den Wänden waren in regelmäßigen Abständen Ringe befestigt. Während einer der Katak Icarus mit einem Gewehr in Schach hielt, legte der andere Schellen um seine Füße, die er noch zusätzlich durch einen der Ringe auf dem Boden gezogen hatte. Dann entfernte er die Fesseln an Icarus' Händen und fesselte sie mit Handschellen, die er ebenfalls durch einen Ring gezogen hatte.

Als sie fertig waren, bestiegen sie die Führerkabine, während ihnen Icarus böse nachsah. Er gab den Versuch bald auf, an den Fesseln zu zerren, denn es brachte nichts. Die Schellen waren recht eng, so daß er bald ein taubes Gefühl in den Händen und Füßen bekam.

Er spürte, wie der Gleiter abhob und in den normalen Flugmodus ging. Wohin der Flug ging, konnte er nicht sehen, denn die Kabine hatte keinerlei Fenster.

Was hatten sie mit ihm vor? Sakak hatte ihn so bedauernd angesehen. Sakak, ja. Icarus fragte sich sowieso nach der Rolle Sakaks in diesem gesamten Zusammenhang. Er hatte immer so stark gewirkt, jetzt aber vor den Menschen hatte er gehorcht wie ein Diener. Hatte er es nur gespielt, um irgendetwas zu bewirken, oder hatte er wirklich Angst gehabt?

Aber die Frage nach seiner eigenen Zukunft drängte sich wieder nach vorne. Würden sie mit ihm das selbe machen, was sie mit Tinka getan hatten? Er hatte panische Angst davor, er wollte nicht so enden, nein!


Die Triebwerke änderten ihre Lautstärke, dann setzte der Gleiter auf. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, sein Herz ging rasend. Dann kamen die Katak aus der Führerkabine in diesen Raum zurück. Sie legten ihm andere Fesseln an, Ketten, die seine Hände und Beine zusammenbanden. Er konnte so nur gebückt gehen, außerdem konnte er aufgrund der Kettenlänge nur kurze Schritte machen. Er war versucht, im Freien seine Flügel auszustrecken um zu fliehen. Sollte er dabei erschossen werden, nun ja, es war besser, ein schnelles Ende zu finden, als dahinzuvegetieren.

Sie öffneten die hintere Klappe ins Freie, Icarus trat heraus und schaute sich erschüttert um. Sie waren in einer Halle, die kaum größer als der Gleiter war. Am Gleiter vorbei würde er es nicht schaffen. In der anderen Richtung gab es nur eine einzige Tür, und genau dorthin trieben sie ihn nun. Vielleicht führte die Tür hinaus?

Nein, die Tür öffnete sich in einen langen Gang, dessen Wände in einem seltsamen Grünton gestrichen waren. In unregelmäßigen Abständen befanden sich eiserne Türen in den Wänden. Der Gang machte einen rechtwinkligen Knick nach rechts, dann standen sie vor einer Art Gitterschleuse. Sie stießen Icarus hinein, dann schlossen sie die erste Tür. Als er sich in diesem Käfig befand, entfernten sie von außen seine Fesseln und gingen davon.

Auf der anderen Seite befand sich ein kleiner Raum mit einer Tür, sowie einem Regal und einer Kiste. Vor dem Gitter stand ein Katak, der Icarus befahl: ,,Ausziehen!``

Icarus tat, wie ihm befohlen wurde. Er zog sich Stück für Stück aus. Am Ende stand er, nur in Unterhose bekleidet, vor dem Katak.

,,Alles ausziehen!``

Nun zog er ebenfalls auch noch die Unterhose aus.

,,Hergeben!``

Icarus schob seine gesamte Kleidung zum Katak hinüber. Der zog sie durch die Schlitze des Gitters hindurch. Er nahm sie auf und warf sie achtlos in eine Kiste, die zu seiner Rechten stand.

Er griff in das Regal, das Kleidung enthielt, und holte mehrere Sachen heraus, die er durch das Gitter schob.

,,Anziehen!``

Icarus nahm die Unterhose, sie kratzte und war etwas zu eng. Dann zog er sich die hellblaue Stoffhose an, die nur durch einen Gummizug befestigt wurde, und wie ein Sack an ihm hing. Das Unterhemd, sowie das Hemd versuchte er gar nicht erst anzuziehen, es konnte ihm nicht passen, seine Flügel waren im Weg.

,,Alles anziehen!``

,,Es geht nicht! Ich habe Flügel!`` Icarus versuchte, möglichst gefaßt zu klingen, er wollte keine Angst zeigen.

,,Hmm.`` Der Katak legte den Kopf schräg. ,,Gib' her!``

Icarus schob die restliche Kleidung wieder zurück, der Katak nahm sie entgegen und legte sie in das Regal zurück.

,,Tritt zurück.``

Icarus gehorchte, dann trat der Katak vor, schloß die Tür auf und trat zur Seite. ,,Trete vor!`` befahl er.

Icarus verließ die Gitterschleuse, der Katak verschloß die Tür wieder. ,,Versuch' nicht, mich zu überwältigen. Ich habe nichts dabei, daß sich als Waffe eignet, und ich habe keinen Schlüssel für die zweite Schleusentür. Die anderen werden mich eher sterben lassen, als daß sie dich ziehen lassen würden. Dies hier ist der einzige Ausgang. Öffne die Tür!``

Icarus öffnete und kam in einen Flur, der nur von ein paar Lampen an der Decke beleuchtet wurde. Zu linken und rechten befanden sich jeweils etwa zehn Türen.

,,Tür sieben, links!``

Icarus ging voraus. Die Türen waren aus massiven Metall und hatten eine Klappe im Fußbereich und eine Klappe in Augenhöhe. Das Schloß sah robust aus. Vor der Tür mit der Nummer sieben blieb er stehen.

,,Tritt zur Seite!``

Der Katak trat vor und öffnete die Tür mit einem seiner Schlüssel. ,,Eintreten!``

Icarus folgte der Anweisung, die Tür schloß sich mit einem dumpfen Knall.


Es war düster hier. Es gab kein Fenster, nur eine schwache Beleuchtung von der Decke versuchte, etwas Licht zu spenden. Die Lampe war hinter einer mit Draht verstärkten Glasscheibe angebracht. Icarus sah sich um. Direkt zu seiner linken stand eine Toilette, daneben ein Waschbecken. Auf der gegenüberliegenden Seite war etwas, das wohl ein Bett darstellen sollte. Es war tatsächlich ein Betonblock, so lang und so breit wie ein Bett, auf dem ein Laken und eine Decke lagen. Icarus hörte ein leises Rauschen von oben, deswegen schaute er sich die Decke noch einmal genauer an. Links und rechts der Tür befanden sich zwei schmale, vergittere Luftschlitze, die anscheinend zur Klimaanlage gehörten.

Icarus legte sich bäuchlings auf das Bett, auf dem sogar das Kopfkissen fehlte. Es war hart, sehr hart. Egal ob er in der Nacht überhaupt Schlaf finden würde oder nicht, erholsam wäre es nicht.

Was hatten sie mit ihm vor? Würden sie ihn auch verdummen und dann jagen? Würde er das selbe Schicksal wie Tinka erleiden? Tinka, er konnte es immer noch nicht fassen. Diese stumpfen, ausdruckslosen Augen. In ihm stiegen Erinnerungen hoch, Erinnerungen an die Zeit, als sie beide zusammen gewesen waren. Ihre Stimme, ihr Lachen. Ihre freche Art, ihr Kratzen und ihre kleinen, sanften Bisse.

Icarus glaubte, noch einmal das Lied von damals zu hören, als sie spontan mitgesungen hatte, damals, als sie die Artefakte entdeckt hatten. Es war eine so schöne Zeit gewesen, wie konnte er sie nur so schnell verdrängt haben, als er Dawina wiedergetroffen hatte?

Er hatte sich nur am Anfang nach Tinka und Ondo erkundigt, später dann hatte sein verletzter Stolz dafür gesorgt, nicht mehr an die beiden zu denken. Ondo, ob er heute unter den Toten gewesen war?

Wie war die Rolle von Dawina? Sie hatte ihm gesagt, Tinka und Ondo wären ebenfalls in einer Art Camp, hatte sie absichtlich gelogen? Oder war sie von Sakak belogen worden? Wem sollte er noch trauen, wer hatte ihn den noch nicht benutzt und hintergangen?

Ja, Ondo hatte wohl seine Hintergedanken gehabt, als er Icarus aufgenommen hatte, aber hatte er es nur getan, um ihn auszunutzen? War die Liebe, die ihm Tinka entgegengebracht hatte, wirklich nur gespielt gewesen?

Er wußte es nicht, konnte es nicht wissen, würde es vielleicht auch niemals erfahren. Wie hatte er nur in alle diese Dinge hineingeraten können?


Dominga! Der Name bohrte sich wie eine glühende Nadel durch seinen Kopf. Vigo hatte bei seinem Abschied noch einmal bekräftigt, daß er sehr kurz davor stand, die Halsbänder ohne Alarm entfernen zu können. Unter diesem Eindruck hatte er Dominga darum gebeten, bei Dawina Bescheid über sein Verschwinden zu geben, falls er sich nicht innerhalb von fünf Tagen wieder bei ihr meldete.

Ein Hoffnungsfunken flackerte auf, der aber schnell wieder erlosch. Selbst wenn Vigo es schaffen sollte, was ungewiß war. Dann mußte sich Dominga mit Dawina treffen, aber stand sie wirklich auf seiner Seite oder würde sie Dominga verraten?

Und selbst wenn sie beide versuchen würden, ihm zu folgen, sie würden ihn nie finden, er wußte ja nicht einmal selber, wo er denn war. Er war verloren, ja das mußte er sich eingestehen.


Schritte auf dem Flur. Sie verharrten vor seiner Tür. Dann öffnete sich die obere Klappe, ein kurzer Blick hinein, dann schloß sie sich wieder. Kurz danach öffnete sich die untere Klappe, ein Tablett wurde hereingeschoben. Icarus stand auf und sah sich an, was ihm da gebracht worden war. Ein Blechteller mit einem merkwürdig aussehendem breiähnlichem Etwas. Es roch nicht süß, aber nach was roch es?

Es lag kein Löffel oder anderes Besteck daneben. Also nahm er sich den heißen Teller und führte ihn an seinen Mund. Er probierte etwas davon. Es war heiß. Es schmeckte, als ob jemand verschiedenste Gemüse zusammen in einem Topf gekocht hatte, nicht unbedingt fade, aber auch nicht interessant. Er hatte keinen rechten Hunger, aber er wußte nicht, wie häufig es Essen gab, also zwang er sich dazu, den Inhalt des Tellers komplett aufzuessen.

Als er fertig war, stellte er ihn wieder auf das Tablett zurück. Nur wenige Minuten später wurde das Tablett wieder abgeholt.

Er hatte keine Uhr und keine andere Möglichkeit, die Zeit zu bestimmen, aber es schien ihm, als ob es jetzt Abend wäre. Er legte sich auf das Bett zurück und deckte sich zu.

Die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Die Ungewißheit über seine Zukunft, die Rolle Dawinas und nicht zuletzt Sakaks führte dazu, daß er sehr lange lag, bevor er einschlief.


Er wachte davon auf, daß sich die Klappe öffnete. Er brauchte einen Moment, um festzustellen, wo er war. Nein, es war kein Traum gewesen, es war die Wirklichkeit. Er stand auf, alle Knochen seines Körpers und noch einige mehr schienen ihm wehzutun. Er sah sich an, was auf dem Tablett stand. Es war wieder ein Teller. Diesmal jedoch schmeckte es leicht süßlich und war nicht grünlich, sondern weiß. Es war anscheinend eine Art Milchsuppe.

Auch jetzt wurde das Tablett abgeholt, kaum daß er fertig war. Er legte sich auf das Bett zurück, dämmerte vor sich hin. Wie lange konnte er es so aushalten, ohne verrückt zu werden? Bewegten sich die Wände nicht auf ihn zu? Wurde der Raum nicht immer enger?

Er schloß die Augen, atmete tief durch. Dann öffnete er die Augen wieder. Nein, der Raum war genauso groß wie zuvor. Er durfte nicht schwach werden, nicht schon jetzt. Was sollte er nur machen?

Icarus verlor langsam das Zeitgefühl. Schritte, die sich näherten. Sie gehörten zu zwei Personen. Sie hielten vor einer Zelle an. Seine Zelle? Nein, aber dicht neben ihm.

Die Tür wurde geöffnet. Eine hysterische Stimme: ,,Nein, ihr holt mich nicht, nein!`` Ein Schrei, der abrupt endete. Dann entfernten sich die beiden Personen wieder. Sie gingen langsamer, und Icarus glaubte, ein schleifendes Geräusch zu hören, so als sie jemanden mitnahmen, der sich nicht mehr wehren konnte. Dann wieder Stille.


Schritte, wieder von zwei Personen. Sie kamen näher. Dann hielten sie an, vor seiner Tür! Holten sie ihn jetzt? Icarus schoß auf, ging in die hinterste Ecke. Die obere Klappe öffnete sich, ein kurzer Blick, dann öffnete sich die Tür.

Es war Sakak, zusammen mit einem Wächter! ,,Icarus, hab' keine Angst, ich möchte dir nichts tun.`` Zu dem Wächter gewandt meinte er: ,,Schließ hinter mir ab, ich gebe Bescheid, wenn ich wieder herausgelassen werden möchte.`` Dann schloß sich die Tür.

Sakak nahm auf dem Bett Platz, Icarus stand immer noch in der Ecke. Sakaks Blick war glasig, traurig. Er senkte den Kopf.

,,Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich kann es nur immer wieder sagen und ich hoffe du glaubst mir.`` Er machte eine Pause, aber Icarus antwortete nicht.

,,Ich kann es dir nicht verdenken, du mußt glauben, ich habe dich betrogen und belogen. Du mußt glauben, ich hätte dich auch nur für meine Zwecke benutzt. Du hast Recht, ich habe dich benutzt, aber ich hatte auch Gutes vor. Ich wollte euch Draks eine Zukunft erschaffen, ich hatte soviel vorgehabt. Sie werfen mir jetzt vor, ich wäre sentimental, sagen mir, mein Experiment wäre gescheitert, die Draks hätten ihre Chance gehabt. Der Rat meinte, ich soll zugeben, einen Fehler begangen zu haben. Einige sprachen dafür, sofort Drak abzuriegeln und keinen Drak mehr herauszulassen, sie meinten die Draks wären eine Gefahr. Wenige, darunter ein paar Menschen sprachen sich dafür aus, euren Kontinent zu vernichten.``

Icarus sah Sakak voller Schrecken an. Das hatte er nicht gewollt!

,,Nein, hab' keine Angst. Ich kenne sie. Wenn sie sich beruhigt haben, wird keiner mehr etwas unternehmen wollen. Es wird wohl, so aussehen, daß das Programm eingestellt wird, aber mehr wird nicht geschehen. Es ist noch nicht entschieden worden, was mit Dawina geschieht. Vielleicht darf sie zurück in euer Dorf, aber wahrscheinlicher ist es, daß sie für ewig auf Zhad bleiben wird und in einem unserer Städte dienen wird.``

,,Wie Tutras?`` Icarus verfluchte sich dafür, den Namen gesagt zu haben. Nun waren der dortige Clan in Gefahr!

,,Du kennst es? Du bist bestimmt daran vorbeigeflogen, als du hierher gekommen bist. Ich schätze, die dortigen Drak haben dir geholfen. Nein, keine Angst, sie haben nichts zu befürchten. Ich kenne den dortigen Clan, ich habe viel über ihn gehört. Sie sind intelligenter, als sie nach außen hin tun. Sie haben mich erst darauf gebracht, daß ihr mehr könnt, als man glaubt.`` Er hielt inne, überlegte, dann sprach er weiter. ,,Ich werde alles versuchen, daß Dawina zu diesem Clan kommt, das ist das mindeste, was ich euch schulde. Außerdem werde ich versuchen, daß du aus dieser Einzelzelle herauskommst.``

Icarus schöpfte neuen Mut, aber ein Blick Sakaks verriet ihm, daß er sich nicht zu sehr freuen sollte.

,,Ich habe alles versucht, um deine Läuterung abzuwenden, aber sie sind davon nicht abzubringen. In spätestens zehn Tagen wirst du genauso stumpfsinnig sein wie die Herde, die du beobachtet hast.``

Icarus wußte nicht, was er sagen sollte. Der letzte Schimmer von Hoffnung hatte sich aufgelöst. ,,Wieso tut ihr das?`` sprach er tonlos.

,,Wieso wir was tun? Die Läuterung? Die Menschen experimentieren. Sie sagen, ihre Vorfahren seien große Forscher gewesen, Wissenschaftler, die uns erschaffen haben, deswegen würden sie ihnen folgen, ebenfalls forschen. Durch Zufall hatte einer von ihnen bei Experimenten vor ein paar Jahren eine Methode gefunden, die bei uns alle höheren Gehirnfunktionen lahmlegt. Durch diese Methode werden wir wieder so, wie die Tiere, aus denen sie uns erschaffen haben. Sie waren fasziniert von diesem Gedanken. Sie verlangten von uns, daß wir ihnen Versuchsobjekte besorgen sollten. Wenn die Menschen uns etwas befehlen, dann gehorchen wir, also holten wie Schwerverbrecher. Sie probierten die Maschine aus und waren begeistert. Sie schufen den ,Tierpark` wie sie ihn nannten. Nach dort entließen sie die Geläuterten. Sie wollten immer mehr und irgendwann kam einer der Menschen auf die Idee, sie zu jagen. Das war die Erfindung der Jagd. Ich beteilige mich daran, weil ich hoffe, so diese armen Geschöpfe von ihrem schrecklichen Dasein befreien zu können.``

Er stockte. ,,Wenn ich daran denke, daß du bald ebenfalls ein solches Geschöpf sein wirst, nein!`` Er nahm seine Hände vor sein Gesicht. Weinte er?

,,Tinka und Ondo, sie hatten nichts Schlimmes getan. Ich habe mir den Fall angesehen und ich verstehe immer noch nicht, weshalb die beiden nicht einfach deportiert wurden. Vielleicht befürchteten sie, sie könnten eine Rebellion anstiften? Ich weiß es nicht. Ihre Läuterung fand statt, noch bevor ich eine Chance gehabt hatte, mich für sie einzusetzen. Dich hatte ich schon lange auf meiner Liste gehabt. Ich wollte euch beide, dich und Dawina wieder zusammenbringen, wußte aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Der böse Zufall half mir. Aufgrund meines Einflusses konnte ich mich für dich einsetzen.``

Er stockte wieder. Icarus schien es, als ob Sakak sich offenbarte, um endlich Verständnis zu finden. Wahrscheinlich hatte er niemandem, dem er dies alles erzählen konnte.

,,Ich werde bald keinerlei Einfluß mehr haben. Es gab schon immer Bestrebungen, mich kalt zu stellen. Sie werden mich nicht töten, nein, einen Sama tötet man nicht, aber ich werde nichts mehr entscheiden können. Ich werde im Rat keine Stimme mehr haben, ich werde Zhad nicht mehr verlassen können, ich werde meine kleine Sirina nicht mehr aufwachsen sehen. Ich hoffe nur, daß sie sie und ihre Mutter in Ruhe lassen werden.``

Nach einer Atempause fuhr er fort. ,,Ich werde versuchen, dir die letzten Tage interessanter zu machen, als hier in dieser Zelle. Wir haben hier Gefangene, die du sicherlich faszinierend finden wirst. Die letzten Tage wirst du mit ihnen verbringen.``

Er stand auf und rief nach der Wache. Dann schloß er mit den Worten: ,,Bitte glaube mir, daß es mir ehrlich leid tut.``

Die Tür öffnete sich, Sakak trat hinaus, warf noch einen letzten Blick zu Icarus, der schaute nur traurig zurück, dann schloß sich die Tür.


Wenige Minuten später öffnete sich die Tür erneut. Die Wache stand in der Tür. ,,Mitkommen!``

Icarus trat hinaus und wartete.

,,Geh' zu Zelle eins, rechts!``

Icarus befolgte den Befehl. Die Wache folgte ihm. Sie öffnete die Sichtluke, schaute hinein. Dann öffnete sie die Tür und befahl: ,,Eintreten!``

Hinter Icarus schloß sich die Tür. Er sah sich um. Die Zelle war größer, viel größer als seine alte. Und er war nicht alleine! Menschen!

Es waren drei, zwei Frauen und ein Mann. Auch sie trugen die Häftlingskleidung. Sie sahen ihn interessiert an, geradezu erwartungsvoll. Sie saßen um einen Tisch herum. Der Mann, er hatte gelbes Haar, das sogar in seinem Gesicht wuchs, stand auf, ging zu Icarus. ,,Hallo, sei gegrüßt. Wer bist du?``

Seine Stimme klang seltsam. Die Aussprache, die Betonung der Worte, sie klang irgendwie ...anders, fremd.

,,Ich bin Icarus.``

Der Mensch schien erfreut über die Antwort. Er streckte ihm seine rechte Hand entgegen. ,,Ich bin Karl Schöffer, nenn' mich Karl.``

Icarus wunderte sich über den Namen, der so wunderlich klang. Aber noch verwunderlicher fand er die Geste Karls. Er schien darauf zu warten, daß er irgendetwas mit der Hand tat, aber was?

Karl grinste und senkte seine Hand wieder. ,,Tut mir leid, ich schätze, ihr hier kennt unsere Höflichkeitsgesten nicht. Komm, setz' dich zu uns, und erzähl' etwas von dir, wir sind gespannt.``

Icarus folgte ihm. Zum Glück gab es einen freien Schemel, auf dem er Platz fand. Als er am Tisch saß, wurde er den anderen vorgestellt.

,,Zu deiner rechten sitzt Sabrina Lewis, nenn' sie einfach nur Sabrina. Sie ist unsere Ärztin und Biologin. So wie ich sie kenne, wird sie dich gleich ausfragen wollen.`` Sabrina grinste, sie fühlte sich anscheinend ertappt.

,,Hallo Icarus``, ihre angenehm sanfte Stimme hatte den selben fremden Klang. Sie hatte langes, braunes Haar, das in ihren Nacken fiel.

,,Rechts von dir sitzt Deborah Jennings, du kannst sie mit Deborah ansprechen. Sie ist unsere Naturwissenschaftlerin und Ingenieurin.``

,,Hallo Icarus, ich freue mich, dich kennenzulernen.`` Ihre Stimme klang etwas härter, aber nicht unangenehm. Ihr Haar war kürzer als Sabrinas und kräuselte sich auf ihrem Kopf.

,,Ich bin wie gesagt Karl, ich war der Leiter der Expedition.``

,,Welche Expedition?`` Icarus' Interesse war geweckt.

,,Nun, du wirst dich vielleicht schon über unsere seltsame Aussprache gewundert haben, dabei sind wir jetzt schon mehrere Monate hier auf eurem Planeten und haben versucht, uns anzupassen.``

,,Ihr kommt aus dem All?`` Icarus konnte es nicht fassen, da saß er am Tisch zusammen mit Wesen, die das All durchreist hatten!

,,Ja, wir kommen von einem anderen Planeten, wir nennen ihn Erde.`` Icarus grinste.

,,Wieso mußt du grinsen?`` fragte Sabrina verwundert.

,,Entschuldigt, aber ich dachte eben, was das für ein blöder Name ist.``

Sabrina schaute verdutzt, dann lachte sie auf. ,,Das hat uns noch niemand gesagt!`` Sie grinste. ,,Wieso ist der Name blöde?``

,,Das ist doch klar! Die Erde ist das, in dem unsere Pflanzen gedeihen, auf dem unsere Tiere weiden, aber es ist doch kein Name für einen Planeten!``

,,Wieso nicht?`` Sabrina bohrte nach. ,,Auf dieser Erde haben wir Gebäude und Straßen gebaut, wir leben auf dieser Erde, deswegen heißt unser Planet so.``

,,Wenn ihr meint.`` Icarus wußte nicht wieso, aber er hatte keine Angst, keine Scheu vor diesen Menschen.

,,Wie seid ihr hierher gekommen?`` wollte er wissen.

Karl antwortete: ,,Das erzählen wir dir gerne, aber kannst du auch unsere Neugier stillen? Wir haben noch kein Wesen mit deiner Erscheinung gesehen. Wir haben zwar gehört, daß es geflügelte Wesen geben soll, aber ich konnte es mir kaum vorstellen.``

,,Ich denke, wir werden hier genügend Zeit haben, deswegen erzähle ich euch die Geschichte von Anfang an, wenn ihr nichts dagegen einzuwenden habt?``

Niemand hatte etwas dagegen. Also erzählte Icarus. Er fing mit der Schöpfungsgeschichte an, erzählte, was er mittlerweile über Lota erfahren hatte und kam dann auf die Geschehnisse der Gegenwart zu sprechen.


An einem anderen Ort zur selben Zeit. Es war Mittag und Dawina saß auf ihrem Bett. Es war jetzt drei Tage her, seitdem Icarus verschwunden war. Niemand hatte gesehen, wie er davongeflogen war. Sie hoffte inständig, daß er keine Dummheit begangen hatte. Leider siegte seine Neugier immer wieder über seinen Verstand, das war schon immer sein Problem gewesen.

Sie hatte sein Verschwinden gleich morgens festgestellt, hatte aber niemanden benachrichtigt, sie hatte gehofft, er würde wieder zurückkehren. Nur dann wurde sie schon vor dem Mittag aus dem Unterricht gerufen. Seine Lehrer hatten sein Fehlen bemerkt und wollten von ihr wissen, wo er denn sei.

Sie hatte eine strenge Rüge erhalten, daß sie ihre Aufsichtspflicht verletzt habe. Sie bat darum, persönlich nach ihm suchen zu dürfen und hatte die Erlaubnis bekommen.

In seinem Zimmer suchte sie nach Spuren und bemerkte, daß sein Rucksack, seine Armbrust und ein paar Bekleidungsstücke fehlten. Sie ahnte Böses, sie wußte ja, welche Gedanken ihn beschäftigt hatten. Sie beeilte sich, ins Freie zu kommen. Sie stieg auf und flog in Richtung des Massivs.

Als sie das Gebirge erreichte, hielt sie nach ihm Ausschau, aber nichts, keine einzige Spur deutete auf ihn hin. Als die Dämmerung anbrach, brach sie die Suche ab.

Am nächsten Morgen suchte sie ihn erneut. Sie überflog den Wald in Zickzacklinien, in der Hoffnung, daß er vielleicht einfach nur in den Wald geflogen war, um die nötige Ruhe zum Überlegen zu finden.

Heute war der dritte Tag. Gestern Abend hatte sie der leitende Limor zu sich gebeten. Er hatte ihr erklärt, daß sie die Suche einzustellen hatte und daß sich ab jetzt die offiziellen Stellen darum kümmern würden. Er befahl ihr, ab heute wieder am Unterricht teilzunehmen.

Jetzt war es Mittag. Sie war den Morgen über nicht aufnahmebereit gewesen, ihre Gedanken waren bei Icarus. Dann klopfte es an der Tür.

Sie öffnete. Es waren zwei Katak. Dawina hatte sich noch nie an diesen Anblick gewöhnen können. Die schwarze Kleidung sah eigentlich schon eindrucksvoll genug aus, das Bedrückenste war aber nach wie vor, daß man keine Gesichter sehen konnte, da sie durch die schwarzen Kappen verdeckt waren.

,,Dawina? Bitte folge uns.`` Sie drehten sich um. Das mußte etwas mit Icarus zu tun haben! Sie beeilte sich, ihnen zu folgen. Sie gingen direkt zum Landeplatz, auf dem ein schwarzer Gleiter stand.

,,Bitte steig' ein.`` Dawina nahm auf einer der Bänke Platz, auf der normalerweise die Gefangenen saßen, während die beiden Katak weiter nach vorne durchgingen.

Sie ließen die Maschinen an und hoben ab. Die wildesten Gedanken und Vermutungen schossen durch Dawinas Kopf. Aber eine Sache schien ihr klar: Es mußte etwas mit Icarus zu tun haben.


Sie landeten. Wie lange der Flug gedauert hatte, konnte Dawina nicht sagen, aber es war noch hell, als sie den Gleiter in Begleitung verließ. Sie sah sich um. Sie war in einer Stadt, die ihr unbekannt war. Sie konnte viele Hochhäuser sehen, sie waren jetzt in einer Art Innenhof gelandet, der von mehreren Gebäuden begrenzt war. In einiger Entfernung konnte sie ein Gebirgsmassiv sehen, daß half ihr jedoch auch nicht dabei, sich zu orientieren.

,,Bitte folge uns.`` Die Katak gingen voran in ein hohes, weißes Gebäude. Sie führten sie in einen kleinen Raum mit weißen Wänden und einer Tür. In diesem Raum stand nur ein einziger Stuhl, auf dem sie Platz nahm.

Wenig später öffnete sich die Tür, eine Wulffrau in einem weißen Kittel trat herein. Sie hatte zwei metallene Halbkreise in der Hand. ,,Hallo! Du mußt Dawina sein, richtig?``

,,Ja, das bin ich. Wieso bin ich hier? Ist etwas mit Icarus?``

,,Ich kenne keinen Icarus, aber halte bitte kurz still, es wird nicht lange dauern.`` Sie näherte sich Dawina, mit den Kreisen in der Hand.

,,Was haben sie damit vor?`` Sie verstand nichts mehr.

,,Bitte hab' keine Angst, es tut nicht weh.`` Sie legte Dawina den Ring um den Hals und drückte die beiden Hälften aufeinander, die mit einem metallischen Klicken einrasteten.

,,So, war doch gar nicht schlimm. Warte bitte hier, es wird gleich jemand kommen, der sich um deine Integration kümmern wird.`` Sie drehte sich um und wollte den Raum verlassen.

Sie war schon an der Tür, als Dawina fragte: ,,Was für eine Integration? Weshalb bin ich denn überhaupt hier?``

Die Frau drehte sich um. Erst jetzt bemerkte Dawina, daß auch sie einen solchen Ring um den Hals trug, wie der den sie ihr eben angelegt hatte. Die Frau schien verwundert. ,,Ja, hat man dir denn gar nicht gesagt, warum du hier bist? Ich habe es schon tausendmal vorgetragen, aber immer noch findet keine vernünftige Vorbetreuung statt. Ich werde es weitergeben, du wirst gleich informiert werden.``

Sie verließ den Raum und eine überfragte Dawina. Sie faßte sich an den Hals, betastete das seltsame Ding. Es war dick und schwer und drückte auf ihre Schultern. Sie tastete das gesamte Ding ab, konnte aber außer den zwei Graten, die die beiden Hälften trennten keinen Unterschied erkennen, es schien keinen Öffnungsmechanismus zu geben! Sie faßte mit beiden Händen am Ring an und versuchte, ihn auseinanderzureißen.

,,Das würde ich lieber nicht tun.`` Ein älterer Berin stand in der Tür. ,,Hallo Dawina, ich bin Sak'Lor, ich soll mich um deine Integration hier in Tutras kümmern.``

,,Wieso bin ich hier?``

,,Du bist hier, weil du noch einmal die Möglichkeit erhalten hast, dich zu bewähren. Was du genau getan hast, daß mußt du selber wissen. Ich erhalte immer nur den Namen und muß mich dann darum kümmern, daß ihr unterkommt, das heißt, daß ihr eine Wohnung und Arbeit bekommt.``

,,Ich verstehe nicht.`` War das ganze vielleicht ein Mißverständnis?

,,Ich kann dir nur erzählen, wie es bei mir vor zwanzig Jahren gewesen ist. Ich habe ein paar Einbrüche gemacht, nichts großes. Ich wurde dann erwischt. Auf der Station waren ein paar Katak. Sie wählten mich von mehreren aus und brachten mich hierher. Ich bekam das Halsband und eine Aufgabe.``

,,Das muß alles ein Mißverständnis sein! Ich habe nichts getan!``

,,Nun, selbst wenn, dann ist es jetzt zu spät. Du trägst das Halsband. Es läßt sich nicht entfernen. Solltest du unerlaubt die Stadt verlassen, wird ein Alarm ausgelöst und du wirst innerhalb kürzester Zeit wieder aufgegriffen. Was sie dann mit dir machen, entzieht sich meiner Kenntnis. Mach' das Beste daraus. Es ist eine schöne Stadt, und du wirst hier bis zu deinem Tod leben.``

Dawina verstand immer noch nicht. Hatte das ganze doch etwas mit Icarus zu tun, hatte er eine so große Dummheit begangen, daß sie sogar dafür büßen mußte?

,,Komm' jetzt, ich bringe dich zu deinem neuen Clan.`` Sie verließen den Raum, während Sak'Lor erzählte. ,,Es ist leicht bei euch Draks. Ihr lebt in Clans, und es gibt nur einen einzigen Clan bei uns in der Stadt. Auch eine Arbeit zu finden, wird mir sicherlich leicht fallen. Ihr könnt jegliche schwere körperliche Arbeiten ausführen, ohne daß ihr euch beschwert.``

Sie waren mittlerweile in der U-Bahn angelangt. Sie fuhren einige Stationen, dann stiegen sie aus.

Sak'Lor deutete auf ein Hochhaus, als sie die Treppe ins Freie bestiegen. ,,Dort oben ist dein neues Zuhause. Auf diesem Hochhaus ist ein weiteres Haus, in dem der Clan wohnt. Fliege einfach hinauf, ich werde mich dann in den nächsten Tagen bei dir melden, sobald ich eine Arbeit für dich habe. Leb' wohl!`` Er drehte sich um und ließ Dawina alleine zurück.


Was immer auch geschehen war, jetzt mußte sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Sie entschloß sich, erstmal mitzuspielen, und später zu reagieren, wenn sie mehr Informationen hatte.

Sie spreizte ihre Flügel und stieg auf. Im Nu erreichte sie das Hochhausdach und sah dort tatsächlich ein Haus in der Art wie das, daß sie gerade im Camp verlassen hatte. Sie flog zum Eingang und trat in einen Flur ein. Niemand war zu sehen.

Dann öffnete sich eine der Türen und eine Drakfrau ging heraus. Sie sah zufällig in Dawinas Richtung und entdeckte sie.

,,Hallo! Ich bin Dominga, wer bist du?``

,,Ich bin Dawina.``

Neugierde stand auf ihrer Stirn. ,,Dawina? Kennst du zufälligerweise einen Icarus?``

Jetzt wunderte sich Dawina. ,,Ja, ich kenne ihn, er ist mein Freund, woher kennst du ihn? Wo ist er?``

,,Er ist vor ein paar Tagen hier gewesen. Er meinte, er müsse etwas herausfinden. Dann reiste er weiter in den Norden. Bevor er abreiste, bat er mich noch, eine Dawina aus dem Camp im Süden zu benachrichtigen, falls er sich nicht in ein paar Tagen melden würde.`` Sie sah sich Dawina an, ihr Blick fiel auf das Halsband. ,,Ich glaube, Icarus hat keinen Erfolg gehabt. Wir können nur hoffen, daß es ihm trotzdem gut geht. Leider können wir nicht nach ihm suchen, du wurdest ja über die Funktion des Halsbandes informiert oder?``

Dawina nickte traurig. Irgendetwas war mit Icarus geschehen und aufgrund dieses seltsamen Geräts würde sie vielleicht niemals die Möglichkeit haben, herauszufinden, was geschehen war.

,,Komm' wir haben noch ein freies Zimmer, da kannst du unterkommen. Und morgen kümmern wir uns darum, daß es gemütlich wird.``


Das Zimmer lag am Ende des Gangs. Es roch etwas muffig und es war staubig. Der Aufbau erinnerte sie an das Camp zurück. Gemeinsam machten sie das Zimmer bewohnbar. Dawina öffnete das Fenster, da kam Dominga schon mit zwei Besen zurück.

Es staubte recht intensiv und sie mußten zwischendurch eine Pause einlegen, weil der Staubschleier zu stark geworden war. Aber nach wenigen Minuten sah es schon besser aus.

,,Morgen kannst du ja wischen, dann ist auch noch der Rest weg``, sprach Dominga, die die Besen mitnahm und wenig später mit Bettzeug wiederkam.

,,Du hast ja auch keine Ersatzwäsche dabei, ich kann dir erstmal von mir geben, ich denke, sie paßt. Wir werden morgen losziehen und ein paar Sachen für dich besorgen. Neuankömmlinge bekommen einen Einstandskredit, den sie erst viel später zurückzahlen müssen. Wenn du Hunger hast, können wir noch etwas besorgen.``

Dawina hatte keinen Appetit, also wünschte Dominga ihr eine gute Nacht und verließ den Raum.

Dawina legte sich auf das Bett. Das Halsband drückte unangenehm auf ihr Brustbein. Wenn sie es höher schob, hatte sie das Gefühl, es würde ihr die Luft abschnüren. Wenn sie ihren Kopf auf einen Unterarm legte, war der Ring soweit entlastet, daß es angenehmer wurde, aber trotzdem hatte sie das Gefühl, einen Fremdkörper an sich zu haben.


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