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Frantika

,,...und vor zehn Jahren entdeckten wir den dimensionalen Antrieb, der es erstmals erlaubte, interstellare Entfernungen zurückzulegen``, erzählte Deborah.

Sie hatten gerade ihren morgendlichen Brei erhalten, der auch dieses Mal eine Art Milchsuppe gewesen war. Nach Auskunft von Karl gab es immer morgens den Milchbrei und abends diese Gemüsesuppe.

Sie saßen um den Tisch herum. Am gestrigen Tag hatte Icarus geschildert, wie er in diese Lage gekommen war. Er erzählte von der ersten Weihe, seinen Gefühlen dabei, dann die Hilfe, die er von den Parden bekommen hatte. Als er seine Erzählung beendet hatte, herrschte einige Augenblicke Stille.

Dann wollte Icarus von ihnen wissen, wie sie hierher gekommen waren. Da es schon spät war, verschoben sie es auf den heutigen Tag.

Deborah erzählte weiter: ,,Es ist eigentlich erstaunlich, daß wir es jetzt erst geschafft hatten, es lag wahrscheinlich daran, daß unsere Ressourcen im erdnahen Raum gebunden waren. Seit fast eintausend Jahren sind wir dabei, die Planeten und Monde unseres Sonnensystems zu besiedeln. Die Wirtschaft hatte deswegen keine wirtschaftlichen Interessen an der interstellaren Reise gehabt, da wir alles sozusagen vor der Tür hatten, also waren die Forschungsgelder spärlich. Ein Zufall half uns weiter, dann bauten wir unsere ersten Forschungsschiffe.``

Karl übernahm: ,,Wir bauten eine kleine Flotte, es waren drei Schiffe, Thor, Loki und Odin mit einer Besatzung von zehn Menschen. Sie waren viele Jahre unterwegs und katalogisierten und untersuchten die fremden Sonnensysteme. Einmal pro Jahr flogen sie zur Erde zurück, um ihre Ergebnisse zu übermitteln.

Vor fünf Jahren verschwand die Loki. Als sie sich auch nach einem weiteren Jahr nicht zurückmeldeten, vermuteten wir, daß etwas passiert sein mußte. Leider hatten wir immer noch keine weiteren Raumschiffe, also mußten wir warten, bis das nächste Schiff wieder einmal die Erde ansteuerte. Es war die Odin. Damit wir die anderen evakuieren konnten, falls sie überlebt haben sollten, verzichteten wir auf einen Großteil der Besatzung. Wir drei flogen los und machten uns vor drei Jahren auf die Suche.

Wir hatten ein System vereinbart. Das erste System, was sie anflogen, war von vorneherein bekannt. In jedem System, das sie erforschen wollten, hinterließen sie einen Satelliten, auf dem sie ihre Forschungsergebnisse und ihr nächstes Ziel angaben. So verfolgten wir ihre Spur bis hierher. Hier stießen wir auf die Spuren eurer Zivilisation. Wir hörten euren Funkverkehr ab und stellten fest, daß ihr unsere Sprache sprecht, was uns gelinde gesagt, sehr, sehr erstaunt hatte. In der Umlaufbahn dieses Planetens fanden wir denn den Satelliten. Er enthielt jedoch außer einer Notiz, daß sie auf diesem Kontinent landen wollten, keine weiteren Informationen. Sie hatten hier Spuren von Radioaktivität entdeckt, deswegen wählten sie Zhad als Ziel.``

,,Radioaktivität? Woher und wie stark?`` fragte Icarus interessiert.

Deborah antwortete, denn das war ihr Gebiet. ,,Nun, es stammt möglicherweise von einer Explosion eines Kraftwerks. In den meisten Teilen Zhads besteht keinerlei Gefahr, auch direkt an der Stelle dürfte ein kürzerer Aufenthalt mittlerweile nicht mehr gefährlich sein. Wir haben die Isotope und deren Halbwertszeit nur oberflächlich überprüft, aber die Explosion muß wohl vor etwa fünfhundert Jahren stattgefunden haben, mit einem Fehlerfaktor von etwa einhundert Jahren.``

,,Damals hatten wir noch keine Atomkraft! Die ersten Meiler haben wir vor etwa dreißig Jahren gebaut!`` Er entdeckte seinen Gedankenfehler selber und korrigierte sich. ,,Natürlich! Die Menschen, die uns erschaffen haben, brauchten ja auch eine Energiequelle. Ob damals ein Kraftwerk explodiert ist?``

,,Wir wissen es nicht. Es gibt auch andere Ursachen für Radioaktivität, zum Beispiel eine Atombombe.``

,,Atombombe? Wer wäre so kurzsichtig, soetwas zu bauen? Wofür? Für den Bergbau sind sie nicht geeignet, wofür sonst?``

Karl sah traurig aus, als er Icarus antwortete. ,,Für den Krieg. Für den Fall, daß sich zwei Völker bekämpfen.``

,,Krieg? Völker, die sich bekämpfen? Es gab bei uns Drak eine dunkle Zeit, in der die Nahrung manchmal knapp wurde. Damals sollen einige Clans andere überfallen haben, aber mittlerweile gibt es keinen Grund mehr für soetwas. Ich habe nie gehört, daß die Parden sich gegenseitig bekämpft haben. Schon alleine der Gedanke, eine Waffe einzusetzen, von der man weiß, daß sie noch über Jahre hinaus negative Folgen haben wird, das verstehe ich nicht.``

,,Bewahre dir deine Naivität. Bei uns gab es lange Zeit ständig irgendwo Kriege. Aber laß mich bitte weitererzählen. Die erste Gruppe entdeckte also diese radioaktiven Stellen und ein paar weitere Indizien, die dafür sprachen, daß sie am besten auf diesem Kontinenten in Kontakt mit der Bevölkerung treten konnten. Was dann geschah, haben wir bis jetzt nicht herausgefunden.``

Sabrina übernahm die Rolle des Erzählers. ,,Wir haben dann den Planeten kartografiert, das heißt, wir haben in vielen Umlaufbahnen hochauflösende Bilder des Planeten gemacht. Diese Bilder schickten wir später durch den Analysator, der nach Spuren des Raumschiffs suchen sollte, aber wir haben nichts gefunden. Sie mußten aber gelandet sein, sonst wäre die Nachricht im Satelliten anders gewesen. Wir vermuteten eine versteckte Gefahr, deswegen landeten wir diesesmal weit abseits von Zhad. Wir suchten uns eine Gegend aus, die spärlich bewohnt war, aber trotzdem in der Nähe lag. Wir entschieden uns für den Kontinent, den ihr Frantika nennt. Wir landeten in einem kleinen Tal, das von oben betrachtet unbewohnt aussah und das keinerlei Energieemissionen ausstieß. Wir programmierten den Analysator dann auf Wärmebilder, die Lebewesen unweigerlich erzeugen.``

,,Wärmebilder?``

,,Jedes uns bekannte Lebewesen ist zumindest etwas wärmer als seine Umgebung, auch wärmer als Pflanzen. Wärme wiederum durchdringt auch Mauern, so daß es mit einem Wärmescanner möglich ist, Lebewesen schon zu entdecken, bevor sie sichtbar sind. Und genau das geschah wenig später. Auf dem Scanner sahen wir, daß sich ein Zweibeiner näherte. Er verhielt sich sehr geschickt, so geschickt, daß wir ihn mit normalen optischen Mitteln niemals entdeckt hätten. Am Rand der Lichtung versteckte er sich hinter einem Gebüsch. Da wir wußten, wo er sich befand, konnten wir ihn dann auch mit der normalen Kamera entdecken. Daß er Kleidung trug, gab bei uns den Ausschlag, daß es sich um ein intelligentes Wesen zu handeln schien. Wir hatten bei allen unseren Reisen noch keine intelligenten Wesen getroffen und waren jetzt gelinde gesagt etwas verwundert, wie sie aussahen. Zweibeiner wie wir, aber mit einem grauschwarzen Fell und einem Gesicht, daß uns unweigerlich an eins unserer heimischen Tiere erinnerte, den Wölfen.``

Icarus runzelte die Stirn.

Sabrina erkannte die unausgesprochene Frage. ,,Ja, wir glauben, daß die Namensgleichheit zwischen Wulf und Wölfen kein Zufall ist. Nun, wir diskutierten, ob wir Kontakt mit ihm aufnehmen sollten oder nicht. Wir konnten uns nicht einigen, da entschloß ich mich einfach, es alleine zu versuchen. Ich ging zur Schleuse ...``

Karl warf ein: ,,Ohne meine Erlaubnis!``

,,Ja, ohne deine Erlaubnis, aber sie waren ja nicht unsere Feinde, ich hatte also Recht. Ich ging, wie gesagt zu der Schleuse und öffnete sie. Vorher hatte ich alles, was an eine Waffe erinnern konnte, abgelegt, ich trug nur noch meine normale Flugkombination. Ich trat hinaus und ging ihm entgegen. Auf halber Entfernung blieb ich stehen. Ich streckte die Arme in die Höhe, als Zeichen, daß ich unbewaffnet war. Ich mußte nicht lange warten. Wenige Sekunden später stieg er aus dem Gebüsch und kam ebenfalls näher. Er näherte sich mir bis auf etwa fünf Meter. Er fragte mich, wer ich sei. Ich antwortete ihm, daß ich aus dem All kam, der erste Kontakt war hergestellt.``

,,Und dann? Konntest du die anderen davon überzeugen, daß keine Gefahr bestand?``

Sabrina lachte. ,,Das war fast schwieriger, als die Verständigung mit dem Wulf, aber auch das schaffte ich. Wir blieben mehrere Tage bei den Wulf, die uns in dieser Zeit über Dabo informierten. Als wir Bilder der anderen Rassen sahen und uns die Schöpfungsgeschichte angehört hatten, war uns sehr schnell klar, was hier tatsächlich vor eintausend Jahren passiert sein mußte.``

Icarus stellte trocken fest. ,,Die Menschen haben uns erschaffen.``

,,Richtig. Wir vermuteten ferner, daß auf Zhad höchstwahrscheinlich immer noch die Nachfahren der Menschen lebten. Nun, wir hatten Recht. Wir sind dann entgegen aller gutgemeinten Warnungen hierher gereist. Resonio hat uns dann mit dem Dorfgleiter an die Küste gebracht. Dort besorgte er für uns ein Boot, mit dem wir bis kurz vor die Küste fuhren. Dann nahmen wir das Beiboot und fuhren mitten in der Nacht ans Ufer. Wir zogen das Boot an Land und tarnten es mit einem Berg aus Zweigen. Dann beseitigten wir alle Spuren, die das Boot hinterlassen hatte und machten uns auf. Wir suchten nach Überresten des Raumschiffs um so herauszufinden, was geschehen war. Dazu hatten wir ein Strahlenmeßgerät dabei. Unser Antrieb hinterläßt eine Strahlung, der Kernstrahlung nicht ganz unähnlich, aber erheblich harmloser. Diese Strahlung ist auch noch nach Jahren nachweisbar und auch auf größere Entfernung zu entdecken. Wir hofften, daß wir mit etwas Glück Spuren finden mußten. Allerdings ließ uns das Glück allein und lieferte uns lieber einer Patrouille aus, der wir direkt über den Weg liefen.``

,,Aber ihr seht doch aus wie die Menschen, hättet ihr euch nicht einfach für solche ausgegeben können?``

,,Wir wußten nicht mal, ob unsere Vermutung stimmte. Sie begegneten uns zuerst mir Respekt. Nur leider hatten wir es mit einem neugierigen Streifenführer zu tun, der uns ausfragte, aus welcher Stadt wir denn kämen, wohin wir wollten, und ähnliches, zu dem wir keine Antwort wußten. Wir speisten ihn recht barsch ab, und er tat auch so, als ob er uns wieder ziehen lassen würde. Aber als der Tag anbrach und wir uns im Schutz eines Felsen hinlegen wollten, landete auf einmal ein Gleiter, direkt vor uns. Wir versuchten uns zu verstecken, aber sie entdeckten uns. Diesmal waren es Menschen und sie stellten recht schnell fest, daß wir nicht zu ihnen gehörten. Sie führten uns ab und sperrten uns hier ein. Das war vor elf Tagen. Seitdem warten wir darauf, daß irgendetwas geschieht.``


Es war Mittag und Dawina und Dominga kamen von ihrem Einkauf zurück. Es war nicht viel, was sie eingekauft hatten, lediglich etwas Unterwäsche und eine weitere Kombination aus Jacke und Hose war in den Tüten, mit denen sie vor ihrer Unterkunft landeten.

Als sie damit in Dawinas Zimmer wollten, stellten sie fest, daß an der Tür ein Zettel hing: ,,Dawina, du hast Post, bitte melde dich bei mir, Vigo``. Dominga nahm den Zettel in die Hand.

,,Seltsam. Wer weiß denn, daß du hier bist?``

,,Der Integrator weiß Bescheid.``

,,Der schickt keine Briefe, der ruft an, sobald er eine Stelle für dich findet. Aber auch er wartet ein paar Tage, damit sich die Neuen eingewöhnen können.``

Sie stellten die Tüten in Dawinas Zimmer, dann gingen sie gemeinsam in Vigos Zimmer.

,,Hallo Dominga, hallo Dawina. Hier ist deine Post. Sie lag vorhin im Kasten, irgendjemand muß sie dort hingebracht haben, wie du selber siehst, steht außer ,Dawina` nichts auf dem Umschlag.``

Dawina nahm ihn in die Hand. Tatsächlich, außer ihrem Namen stand nichts auf diesem rechteckigen Umschlag. Er war aus starker Pappe hergestellt worden und Dawina hatte etwas Mühe, ihn aufzureißen. Als sie ihn offen hatte, fiel ihr eine Diskette und ein Zettel in die Hände. Genau wie der Name auf dem Umschlag, war auch dieser Zettel nicht mit der Hand geschrieben worden.

Dawina las laut vor: ,,Hallo Dawina, Icarus ist in großer Gefahr. Bitte frage nicht, woher ich es weiß, bitte frage auch nicht, wer ich bin. Glaube mir einfach, daß ich es gut meine. Auf der Diskette befinden sich Lagepläne des Gebäudes, in dem Icarus festgehalten wird. Außerdem eine genaue Landkarte, sowie alle Zeitpläne der Wachen. Desweiteren befindet sich eine Datei darauf, die Icarus interessant finden wird. Damit ihr ihn befreien könnt, müßt ihr die Halsbänder loswerden, deswegen habe ich den genauen Schaltplan und eine Anleitung wie sie zu öffnen sind beigelegt. Ihr habt nicht viel Zeit, wenn ihr nichts unternehmt, wird Icarus in wenigen Tagen ein schreckliches Schicksal erleiden.``

Dawina war gleichzeitig geschockt und verwundert. Wer war der unbekannte Wohltäter? Was waren seine Motive?

,,Habt ihr einen Computer, mit dem ich mir die Dateien ansehen kann?``

,,Natürlich! Bitte gib' mir die Diskette.`` Vigo griff gierig danach und ging zu einem Haufen, den Dawina als Schrotthaufen beschrieben hätte, bevor sie sah, daß dieser Schrotthaufen anscheinend ein voll funktionsfähiger Computer war. Vigo schob die Diskette in ein Laufwerk, das nur an ein paar Kabeln hing und locker auf dem Tisch lag. Vigo sah sich den Inhalt an. Als er die Beschreibung der Halsbänder entdeckt und geöffnet hatte, pfiff er vor sich hin.

,,Ah, so haben sie es getan! Ich war auf dem richtigen Weg, es ist wirklich ein magnetisches Schloß. Aber daß es mit einer magnetischen Befehlssequenz zu öffnen ist, das ist clever. Hmm, mal sehen.``

Er sah sich um. Dann stand er auf und durchwühlte die Elektronikberge.

Dominga nahm Dawina bei ihrer Schulter. ,,Lassen wir ihn lieber alleine. Er wird uns Bescheid geben, sobald er etwas erreicht hat. Wir können in der Zwischenzeit bei dir sauber machen und uns unterhalten.``


Sie gingen in Dawinas Zimmer, Dominga holte einen Eimer und einen Wischmob, sowie ein paar Staubtücher. Dawina war nicht bei der Sache, fragte sich immer wieder, ob Vigo sie wirklich von den Halsbändern befreien könnte, und ob sie es schaffen würden, Icarus rechtzeitig zu befreien.

Sie fragte Dominga, ob es nicht vergebene Mühe sei, hier sauberzumachen, da sie ja sowieso in ein paar Tagen nicht mehr hier sei. Darauf reagierte Dominga recht barsch. Sie meinte, daß es so oder so das Beste sei, wenn sie jetzt beschäftigt sei und außerdem könne sie ja gar nicht wissen, ob sie es wirklich schaffen würden, sich von den Halsbändern zu befreien, außerdem sei es ungewiß, ob sie überhaupt Icarus befreien würden.

,,Wenn ihr Icarus nicht befreien wollt, tue ich es eben alleine!``

,,Das wirst du nicht tun!`` Domingas rote Augen schienen Funken zu sprühen, Dawina wich unbewußt einen Schritt zurück. ,,Wenn du bei der Aktion erwischt wirst, wird das auf uns alle zurückfallen, dann werden wir alle dafür bestraft. Ich bin für diesen Clan verantwortlich, soetwas werde ich nicht zulassen!``

,,Das entscheiden immer noch die Ältesten, nicht du!``

,,Ich bin der gewählte Ansprechpartner für die Drak in Tutras, und wenn dir das nicht paßt, dann sperre ich dich lieber für den Rest deines Lebens ein, bevor du irgendeinen meiner Kameraden gefährdest!``

Dawina schlug die Augen nieder. ,,Entschuldige, du hast ja Recht. Aber bitte verstehe auch meine Situation. Ich liebe Icarus, und solange eine Chance besteht, ihn zu retten, möchte ich sie auch nutzen.``

,,Ich verstehe dich, und ich glaube auch ganz fest daran, daß es Vigo schaffen wird. Die anderen davon zu überzeugen, dir zu helfen, sollte mir auch gelingen. Aber wir machen uns nur verrückt, wenn wir noch länger darüber diskutieren, laß uns weiterarbeiten.``

Sie nahmen ihre Arbeit wieder auf. Nach einigen Minuten der Schweigsamkeit fragte Dawina: ,,Wie kommt es, daß du der Vertreter des Clans bist? Du bist doch viel jünger als die meisten anderen?``

,,Ich bin aber am längsten hier. Die älteren sind alle hierher verschleppt worden, ich wurde hier geboren, wie auch einige der jüngeren.``

,,Und deine Erzeuger? Wo sind die?``

Dawina hatte anscheinend in eine offene Wunde gestochen. Dominga hatte die Augen geschlossen und tief durchgeatmet. Sie öffnete die Augen wieder, und Dawina erschien es, als ob sie feucht waren. ,,Sie sind tot, genauso wie die Eltern der anderen. Vor neun Jahren ist es passiert. Eine Menschenfamilie hatte Lago und mich mit zu einem Strand genommen, ich war damals fünfzehn. Sie hatten eine Tochter in meinem Alter mit der ich spielen sollte. Lago, einer der Älteren, war dort zur Unterhaltung der Eltern, er sollte Flugkunststücke vorführen. Was genau passiert war, habe ich nie erfahren. Ich spielte mit der Tochter etwas abseits und wir hatten unseren Spaß. Sie behandelte mich tatsächlich nicht wie eine Dienerin, sondern wie eine Freundin. Auf einmal hörte ich Schreie und ein Brüllen. Als ich mich umsah, sah ich die beiden Eltern tot am Strand liegen. Lago stürmte an und wollte sich auf das Mädchen stürzen. Ich sprang sie an und beschütze sie mit meinem Körper. Dann hörte ich einen Schuß, Lago war von einem Katak tödlich getroffen. Noch niemals hatte jemand einen Menschen getötet, deswegen war die Bestrafung so hart. Alle Älteren wurden öffentlich hingerichtet, als Warnung, daß niemals wieder soetwas geschehen dürfe. Ich und die anderen Jüngeren wurden verschont, es wohl zum Teil daran, daß ich das Mädchen beschützt hatte, zum Teil glaubten sie vielleicht auch, daß wir jung genug waren, daraus zu lernen. Ich war die Älteste, also kümmerte ich mich von da an um alles. Ein paar Wulf kamen regelmäßig vorbei und halfen mir bei der Arbeit. Einen Monat später kam Vigo.``

,,Das tut mir leid. Jetzt verstehe ich auch, weshalb du dagegen bist, daß ich es alleine versuche. Ich werde die Entscheidung respektieren, wie auch immer sie aussehen wird.``

Die Tür sprang auf, Vigo stürmte herein. ,,Wir sind frei!`` Er hielt sein Armband wie eine Beute in der Hand.

Dawina und Dominga waren sprachlos.

,,Starrt keine Löcher in die Luft, kommt lieber mit, dann kann ich eure auch entfernen!``

Er verließ den Raum wieder, die beiden folgten ihm. Als erstes war Dominga dran. Vigo führte eine Spule an ihrem Halsband vorbei. Die Spule hing an einem langen Kabel, das in einem unidentifizierbarem Aufbau endete. Dieser Aufbau gab auf einmal ein Pfeifgeräusch von sich, das lauter wurde, bis Vigo eine bestimmte Stelle erreicht hatte. Diese Stelle markierte er mit einem Stift. Dann nahm er eine zweite Spule, etwas größer als die andere, und hielt sie genau über die Stelle. Er drückte eine Taste, dann gab es einen Klickton, anschließend zog er die beiden Hälften auseinander und gab sie der fassungslosen Dominga, nachdem er sie wieder zusammensteckte. Die sah sich immer wieder das Halsband an, das sie so lange Jahre getragen hatte, betastete ihren Hals, der ihr auf einmal so leer, so leicht vorkam, sie konnte ihr Glück einfach nicht fassen.

In der Zwischenzeit hatte er auch Dawina befreit, die erleichtert aufatmete.

,,Danke Vigo, es ist ein gutes Gefühl, wieder ohne diesen Druck zu sein.``

,,Ich danke dir auch, Vigo. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle? Ich trage diese Halsbänder, solange ich denken kann. Mir wurde schon nach der Geburt eins umgelegt. Später wurde es durch größere Exemplare ausgetauscht, aber jedesmal wurde ich dabei betäubt, so daß ich nie herausbekam, wie sie es getan haben. Es ist so ...anders. Ich kann es nicht recht beschreiben, aber ich hatte zeitlebens das Gefühl, jemandem zu gehören, das Gefühl ist weg. Dawina, ich denke, niemand von uns wird sich dem Gefühl widersetzen können. Schon alleine, um sich wieder frei fühlen zu können, werden sie dich unterstützen.``

Sie konnten kaum abwarten, daß die anderen Drak von ihren Arbeiten kamen. Sie hatten alle verschiedene Arbeitszeiten, so daß einige Stunden dauerte, bis alle zweiundzwanzig Drak von ihren Halsbändern befreit waren. Dann versammelten sich alle im Gemeinschaftsraum. Dominga trat nach vorne.

,,Liebe Freunde, heute ist ein großer Tag. Durch die Hilfe eines Unbekannten konnten wir uns von dem Joch der Unterdrückung befreien. Wir sind nicht länger Sklaven der Menschen, wir sind frei! Wir sollten aber nicht vergessen, wem wir dies alles zu verdanken haben. Dawina, bitte komm' nach vorne.``

Dawina trat vor die anderen. ,,Wie ihr wißt, bin ich erst gestern angekommen. Heute bekam ich einen Brief, der unter anderem die Anleitung enthielt, wie das Halsband zu öffnen sei. Weiter stand in dem Brief, daß mein Freund, Icarus, in großer Gefahr sei. Ihr kennt ihn, er war vor ein paar Tagen hier. Er wird im Norden Zhads gefangengehalten, mitten im Sperrgebiet. Ich habe alle Daten erhalten, die wir benötigen, um ihn zu befreien. Ich bitte euch: Begleitet mich!``

Dominga merkte die Skepsis in den Augen der anderen. ,,Freunde, bitte bedenkt, weshalb uns die Freiheit geschenkt wurde. Unser unbekannter Freund wollte es Dawina damit ermöglichen, Icarus zu helfen. Icarus hat unter Garantie eine sehr wichtige Entdeckung gemacht, weshalb wurde er sonst gefangengenommen und Dawina hierher verschleppt, und wieso sollte sonst ein Unbekannter uns derart stark helfen? Außerdem bedenkt, daß ihr euch ohne das Halsband nicht draußen aufhalten könnt, ihr müßtet es also wieder anlegen, wollt ihr das wirklich?``

Der Apell half. Ein Großteil war überzeugt, und der Rest von ihnen wollte sich nicht widersetzen. Sie begannen zu planen, wie sie vorgehen wollten.

Es würde auffallen, wenn alle Drak mit dem Zug in den Norden fahren würden, also blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf eigenen Schwingen die Reise anzutreten. Dominga schätzte anhand des Plans, den Vigo ausgedruckt hatte, daß sie innerhalb von zwei Tagen an der Grenze sein konnten. Dann würde ein halber Tag ausreichen, um das Gefängnis zu erreichen. In den frühen Morgenstunden des dritten Tages würden sie angreifen. Die genaue Vorgehensweise wollten sie während der Reise planen, genauso wie sie erst dann sehen wollten, was sie danach tun sollten. Die Rückkehr war ihnen versperrt, aber sie waren guter Hoffnung, eine Lösung zu finden.


Es war mittlerweile später Abend. Die ersten mußten in einer Stunde bei ihrer Arbeit sein. Das bedeutete, daß sie sofort aufbrechen mußten, damit sie eine Chance hatten, unbemerkt zu entkommen und genügend Abstand zu eventuellen Verfolgern zu bekommen. Sie gingen noch einmal in ihre Zimmer und packten das Nötigste ein, was sie für die Reise brauchen würden.

Eine Viertelstunde später waren sie abflugbereit. Sie hatten ein letztes Mal in ihrem Gemeinschaftsraum gegessen, dann versammelten sie sich vor ihrer Unterkunft. Viele warfen noch einen letzten Blick zurück, dann gab Dominga das Zeichen für den Aufbruch. Sie entfaltete ihre Flügel und stieg auf. Wenig später befanden sich dreiundzwanzig Draks in der Luft, in Richtung Norden.


Icarus lag wach in seinem Bett. Seine Gedanken drehten sich um seine Zukunft, aber auch um Dawina. Was war mit ihr geschehen? Hatte Sakak sein Versprechen einhalten können? Er würde es nicht mehr herausfinden, denn in wenigen Tagen würde er nur noch ein Körper ohne Geist sein. Was nützte ihm das ganze Wissen, das er jetzt die letzten beiden Tage angesammelt hatte? Sicherlich, er wußte nun endgültig die Antwort auf die Frage ihrer Erschaffung. Sakak hatte nicht gelogen, sie waren wirklich von den Menschen erschaffen worden. Aber was nützte ihm das? Dieses Wissen würde in ein paar Tagen ebenso verschwinden, wie seine Neugier, sein Wesen. Ja, Icarus würde bald sterben, nur noch seine Hülle würde überleben. Würde er etwas davon merken? Würde er diesen Dämmerzustand erleben, würde er um seine Lage wissen, ohne die Möglichkeit zu haben, einzuschreiten, wie ein Gelähmter, der seine Beine nicht mehr bewegen konnte? Icarus versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Was nützte es ihm, daß er sich diese Gedanken machte?


Die Sonne ging auf. Domingas Clan machte eine Pause am Rand der toten Zone. Dazu hatte in den Notizen gestanden, daß ein kurzer Aufenthalt nicht weiter schaden würde, nur der inneren Zone sollten sie sich nicht nähern, diese war auf der Karte extra in einem intensiven Rot gezeichnet worden. Viele waren müde, also gewährte Dominga ihnen eine Pause von einer Stunde.

Nach dieser Stunde brachen sie auf. Sah die Landschaft zu Anfang noch aus, wie überall - Wälder wechselten sich mit Wiesen ab - nahmen die unbewachsenen Karstflächen immer weiter zu, als sie sich dem inneren Bereich näherten. Als sie sich dem Rand der inneren Zone näherten, glaubten sie, in einiger Entfernung Ruinen zu sehen. Außer trockenem Gras wuchs hier nichts mehr und die radioaktive Strahlung lud nicht zu einer Pause ein. Sie beeilten sich, diesen Bereich wieder zu verlassen.

Während des Flugs diskutierten sie immer wieder darüber, wohin sie denn nach der Befreiung fliehen sollten. Dawina schlug vor, daß sie sich einen Gleiter beschaffen sollten, mit dem sie in die Berge Draks fliegen konnten. Dominga bezweifelte, daß es jemand von ihnen schaffen würde, einen Gleiter zu steuern, noch dazu, auf einer so langen Strecke ohne Verfolger zu bleiben. Sie diskutierten darüber auch noch am Ende des ersten Tages.


Am zweiten Tag mußten sie mehrere Male sehr eng an Siedlungen vorbeifliegen, und zweimal rettete sie nur ein Sturzflug in die Baumkronen vor der Entdeckung durch Gleiter.


Am Nachmittag kamen sie. Icarus hörte die sich nähernden Schritte. Dann blieben sie vor seiner Zellentür stehen. Die Klappe öffnete sich, dann öffnete sich die Tür. Zwei Wachen standen da in ihren schwarzen Uniformen.

,,Icarus, mitkommen!``

Er hatte keine Wahl, also fügte er sich seinem Schicksal. Er verabschiedete sich von seinen neuen Freunden, den Menschen, dann verließ er die Zelle. Ihn schien eine Art Gleichgültigkeit erfaßt zu haben, die ihm half, sein kommendes Schicksal zu ertragen. Die beiden Wachen nahmen ihn in die Mitte. Sie führten ihn in die Gitterschleuse, dann ging ihr Weg weiter. Vor einer Stahltür blieben sie stehen. Einer der beiden Wachen öffnete sie, dann traten sie ein. Der Raum war etwa so groß wie seine Zelle. An der linken Wand standen mehrere Schränke voll von technischen Geräten, seine Aufmerksamkeit zog aber eine Liege auf sich, die in der Mitte des Raums stand. Er wurde dorthin gebracht, und ließ sich widerstandslos mit Lederfesseln an den Tisch binden.

Dann verließen die Wachen den Raum. Wenig später kam ein Mensch herein. Ohne ein Kommentar von sich zu geben, aktivierte er einige Schaltungen, woraufhin viele Anzeigen aufleuchteten. Dann ging er auf Icarus zu, in seiner Hand hatte er einen Helm, der in seinem Inneren Kontaktflächen besaß und an dem ein fingerdickes Kabel saß. Er setzte dem gefesselten Icarus den Helm auf, dann band er ihn mit einem Riemen derart fest, daß er sich nicht verschieben konnte.

Er ging zurück zu seinen Geräten. Icarus ahnte, daß jetzt sein Geist getötet werden würde. Seltsamerweise empfand er nichts dabei, keine Angst, keine Furcht, er war wie gelähmt und betäubt. Dann betätigte der Mensch einen Schalter, Icarus verlor das Bewußtsein.


Sie erreichten die Grenze. Es war mittlerweile Abend und der Streifen war hell erleuchtet. Ihnen war geraten worden, die Grenze auf dem Meer von der Westseite her zu umfliegen. Auf dieser Seite war der Abstand der beiden Grenzlinien längst nicht so hoch, wie auf der Ostseite, außerdem war das Gefängnis näher.


Helligkeit, ein Kribbeln und Prickeln, das vom Kopf ausging und den ganzen Körper zu packen schien. Das Kribbeln schien sich endlos auszudehnen, wurde zu einem Dauerzustand, wurde zeitlos.


In großem Abstand umflogen sie die weit ins Meer getriebenen Befestigungen. Dawina hoffte immer wieder mit aller Macht, daß Icarus noch wohlauf war. Bald erreichten sie das Festland auf der anderen Seite. Der anonyme Freund hatte ihnen geraten, trotz aller Müdigkeit eine Pause erst zu machen, sobald sie die Felsen sahen, die einige Kilometer im Landesinneren lagen, denn in der Nähe der Küste fanden immer wieder Patrouillengänge statt.


Jegliches Gefühl hörte auf. Ein Rauschen und Brummen, das sich immer weiter steigerte, zu einem Crescendo wurde, dann Stille. Dunkelheit, Stille, Gefühllosigkeit.


Bei den Felsen landeten sie erschöpft. Dies war die längste und gleichzeitig anstrengendste Etappe gewesen. Jetzt wollten sie zwei Stunden pausieren, sie waren nur noch eine Stunde von ihrem Ziel entfernt.


Dann ein Glimmen, leises Flüstern, ein Juckreiz. Wie ein Wasserfall stürzten die Gefühle auf ihn ein. Dann Helligkeit. Icarus spürte, wie ihm der Helm abgenommen wurde. Er schlug die Augen auf, fragte sich, ob es passiert sei. Er dachte noch! Es mußte mißlungen sein!

Eine Stimme: ,,Das heute war nur ein Test. Ich habe noch nie einen Drak geläutert. Ihr seid anders aufgebaut als die anderen Rassen. Während wir bei den anderen einfach nur ihr tierisches Erbe durch menschliches Erbgut überlagert haben, haben wir bei euch etwas völlig neues erschaffen. Dadurch wird die gesamte Läuterung auch etwas kniffeliger. Wenn ich es nicht ganz genau einstelle, stirbt dein Gehirn oder die falschen Gehirnsegmente werden lahmgelegt, das wollen wir doch nicht, oder?``

,,Wann wird es soweit sein?`` fragte Icarus mit krächzender Stimme.

,,Ach, du kannst schon wieder sprechen?`` Der Mensch war erstaunt. ,,Hmm, ihr scheint tatsächlich stabiler zu sein. Ihr seid uns näher, als ich gedacht habe. Bilde dir darauf nichts ein! Du bist und bleibst unsere Schöpfung, die wir nach Belieben auch wieder rückgängig machen können. Ihr gehört uns. Du fragst, wann deine Läuterung passieren wird? Ist die Unwissenheit nicht ein schönes Gefühl?``

Er drückte einen Knopf an einem der Geräte, Etwas später kamen zwei Wachen, die ihn losbanden. Als er versuchte zu stehen, knickten ihm seine Beine ein, so schliffen die Wachen ihn bis zu seiner Zelle.

Sie öffneten sie und warfen Icarus hinein. Die Menschen wachten auf und stürzten zu Icarus. Sabrina richtete sein Gesicht auf, sah ihm in die Augen.

,,Icarus, wie geht es dir? Kannst du mich verstehen?``

Er flüsterte. Zu mehr reichte seine Kraft nicht. ,,Ja, ich bin in Ordnung. Das war noch nicht die Läuterung, es war nur eine Untersuchung. Aber ich fühle mich so schwach. Bitte hilf' mir auf.``

Zu dritt halfen sie ihm hoch und trugen ihn auf sein Bett. Wenig später war er eingeschlafen.


Sie waren nur noch wenige Minuten entfernt. Dawinas Puls schlug höher und höher. Vor knapp einer Stunde waren sie aufgebrochen. Trotz aller Sorge um Icarus hatte sie doch noch in den Schlaf gefunden.

Dann sahen sie den Komplex. Er bestand aus drei Gebäuden. Dawina verglich den Plan mit der Realität. Ja, das längliche Gebäude dort rechts mußte die Mannschaftsunterkunft sein. Direkt daneben das Versorgungsgebäude mit der Küche und den Lagerräumen. Links davon das Verwaltungsgebäude mit der Waffenkammer. Und das alles überragende Gebäude mußte das eigentliche Gefängnis sein.

Um den ganzen Komplex herum befanden sich vier Wachtürme, die von nur jeweils einer Wache besetzt waren. Diese Wachen hatten untereinander Sprechverbot, außer im Gefahrenfall.

Dawina holte die Armbrust aus ihrer Tasche. Vigo hatte sie nach ihren Vorgaben in aller Eile gebaut. Sie konnte nur hoffen, daß sie so treffsicher war, wie die Tests es versprochen hatten, die sie während des Flugs gemacht hatten. Die Armbrust war komplett aus Metall gehalten, sogar die Pfeile waren eigentlich dünne Rohre gewesen, die jetzt an der Spitze einen Nagel hatten und hinten kleine Blechflügel zur Flugstabilisierung hatten.

Dawina zielte. Zwischen ihr und der nächsten Wache waren zweihundert Meter. Der Wind ging nur leicht von der Seite, er würde die Flugbahn kaum beeinflussen. Sie zielte, korrigierte noch einmal. Sie führte die Armbrust mit den Bewegungen der Wache mit. Dann blieb die Wache stehen. Dawina betätigte den Abzug.


Icarus wachte auf. Er fühlte sich zwar noch immer nicht ganz normal, aber das Stehen machte ihm keine Probleme mehr. Er ging zum Waschbecken und hielt sein Gesicht in den kühlen Wasserstrahl.


Dawina glitt zum zweiten Wachturm. Im Schutz eines kleinen Gebüschs spannte sie die Armbrust. Dann zielte sie auf die zweite Wache. Würde sie diese ebenfalls erwischen, wäre der Weg zur Waffenkammer frei. Dann konnten sich mit Gewehren, Handgranaten und Sprengstoff bewaffnen. Sie schoß, ihre Gedanken schienen auf dem Pfeil zu reiten. Sie fühlte mit dem Pfeil, spürte die Kraft des Windes, die versuchte, ihn abzulenken. Sie gab ihm den Willen mit, sein Ziel zu erreichen, egal, was sich ihm in den Weg stellen sollte. Dann tauchte er tief in den Körper der Wache ein.

Der Weg war frei. Sie stand auf, winkte den anderen. Nun hatten sie einen schmalen Korridor, der nicht eingesehen werden konnte. Der nächste Wachwechsel stand erst in einer Stunde an.

Sie schlichen sich gebückt an. Dann erreichten sie das Verwaltungsgebäude, in dem die Waffenkammer lag. Die Tür war verschlossen. Vigo nahm seine Tasche und holte einen kleinen Draht heraus und steckte ihn in das Schloß.

Dawina überwachte die Gegend, plötzlich öffnete sich die Tür der Mannschaftsunterkunft.


Icarus ging zu seinem Bett zurück. Ob er noch etwas Schlaf fand, bevor die anderen aufstanden? Was tat Dawina wohl jetzt gerade?


Der Parde war vor Schreck wie versteinert. Dawina breitet ihre Flügel aus und lief auf den Parden zu. Halb laufend, halb fliegend kam sie ihm näher. Der Parde hatte seinen Schrecken überwunden, er drehte sich um, wollten die anderen alarmieren, da bohrte sich der Pfeil, von Dawinas Hand getrieben, tief in seine Eingeweide. Er brach mit einem leisen Stöhnen zusammen. Dawina hatte zuviel Schwung, um noch rechtzeitig vor der Baracke zum Stillstand zu kommen. Sie breitete ihre Flügel komplett aus, schlug kräftig damit und hob ab. Mit den Füßen striff sie den Dachfirst, dann war sie darüber hinweg. Sie kehrte zu den anderen zurück.

Vigo hatte mittlerweile die Tür geöffnet. Dominga drehte sich zu Dawina um, als sie landete. ,,Danke Dawina, ich hab' schon gedacht, jetzt wäre es aus. Das war eine erstklassige Reaktion von dir.``

Sie erreichten die Waffenkammer. Sie war elektronisch mit einem Zahlenschloß geschützt. Aber das war kein Problem, denn ihre Unterlagen enthielten den richtigen Nummerncode.

Dominga las vor, während Vigo die Zahlen eintippte.


Die anderen standen doch schon auf. Bevor sie sich wusch, ging Sabrina zu Icarus. ,,Wie geht es dir?``

,,Es geht schon wieder. Ich fühle mich etwas schwach, aber ich glaube, das legt sich im Laufe des Tages. Laß' mich einfach noch etwas liegen, dann geht es schon wieder.``


Ein rotes Licht, die Bedeutung: ,,Code falsch``

Dominga war verwirrt. ,,Es kann sein, daß ich die Zahlen vertauscht habe. Versuchen wir es noch einmal.``


Karl stand nun ebenfalls auf. Er wollte zu Icarus gehen, aber Sabrina hielt ihn zurück.


Rotes Licht.

,,Das kann nicht sein!`` Dominga war verzweifelt. Sie hielt die Zahlen in den Händen.

,,Die Zahlen müssen richtig sein!`` Dawina riß ihr den Zettel aus den Händen und ging zum Zahlenschloß. ,,Seid alle still!`` befahl sie.

Sie schaute auf dem Zettel. ,1`, sie drückte die Taste mit der Zahl ,1`, ein leiser Piepton erklang.

,4`, sie drückte diese Taste, es piepte wieder leise.


Deborah stand auf. Sabrina hatte sich mittlerweile die Haare gewaschen und trocknete sie jetzt mit einem Handtuch ab.


,,Das ist die letzte Zahl, die ,9`, wünscht uns Glück!`` Sie drückte die ,9`, kein Piepen ertönte. Sie stutzte. Dann drückte sie die Taste noch einmal etwas kräftiger, der Bestätigungston erklang. Sie atmete tief aus.

,,Jetzt gilt es.`` Sie drückte die Abschlußtaste, eine Taste mit einem Haken.


Icarus zwang sich dazu, jetzt nun doch aufzustehen. Er schlurfte zum Waschbecken, und wusch sich gründlich. Die Kälte des Wasser trieb die Schwäche und die Müdigkeit regelrecht aus.


Grünes Licht, sie hörten, wie sich die Sicherungsbolzen zurückschoben, dann war der Weg frei. Dominga und Vigo gingen voran, machten Licht. Ja, hier waren genügend Waffen für sie alle. Dawina, die die einzige Erfahrung mit Waffen hatte, nahm jedes Gewehr aus dem Ständer, führte ein Magazin ein und gab es den anderen. Als alle ihre Waffen erhalten hatten, gab sie jedem noch jeweils zwei Handgranaten, außerdem nahm sie selber noch zwei Sprengsätze mit. Zwei weitere gab sie Dominga.

Sie erklärte kurz die Funktion des Gewehrs. Zehn von ihnen hatten schon mit Armbrüsten geschossen, zwei von ihnen waren erst vor einem halben Jahr nach Tutras gekommen und hatten nach eigenen Aussagen viel Erfahrung mit der Armbrust. Diesen beiden übertrug sie die Aufgabe, die Wachen in der Unterkunft zu bewachen und darauf zu achten, daß sie keinen Unsinn anstellten. Vier Drak würden in den Gefängniskomplex eindringen, um Icarus zu befreien. Die anderen siebzehn sollten dafür sorgen, daß ihr Rückzug gedeckt war.

Dawina ging, dicht gefolgt von Dominga, Vigo und Ageno. Sie trat in den leeren Flur. Bis zu seinem Ende konnte sie niemanden sehen.


Sabrina hatte es nicht unterlassen können, sie untersuchte Icarus. Sie bat ihn, sich auf ihren Finger zu konzentrieren, während sie ihn dicht vor seinem Gesicht hin- und herführte.


Sie erreichten die Ecke. Dahinter würde sich eine Wache befinden. Dawina überprüfte, daß ihre Waffe entsichert war, die anderen folgten ihrem Beispiel. Sie hielt vier Finger ihrer linken Hand hoch und zeigte sie in Richtung der anderen, während sie mit der rechten ihr Gewehr hielt. Sie senkte einen Finger, dann den nächsten, dann blieb nur noch ein Finger übrig.


Sabrina schlug mit ihrer Handkante auf Icarus' Knie. Der Reflex zeigte sich, wie sie erhofft hatte. Sie schien zufrieden. ,,Nach meinen oberflächlichen Tests bist du wohlauf und hast keinen Schaden zugezogen.``

,,Was nützt mir das, wenn ich in ein paar Tagen doch dran bin?``


Der letzte Finger hatte sich gesenkt. Dawina stürzte vor, die anderen folgten ihr. Die Wache erschrak sichtlich.

,,Keine Bewegung oder du bist tot!`` zischte Dawina.

Die Hand der Wache zuckte zu einem Knopf.


,,Es gibt immer Hoff...Schüsse! was ist da los?``

Jetzt war wieder Stille.


,,Er wollte es nicht anders``, meinte Dominga mit einem bösem Gesichtsausdruck.

,,Wir können nur hoffen, daß wir niemanden geweckt haben, der sich in diesem Gebäude befindet. Ageno, Vigo, haltet ihr beide nach hinten hin sauber, während Dominga und ich versuchen, das Tür zum öffnen zu bewegen?``

Sie ging zum Gitter. Die Wache lag zu weit entfernt, als daß sie den Schlüsselbund erreichen konnte, den die Wache fallengelassen hatte.

,,Was soll's, wozu gibt es Sprengstoff", murmelte sie. Sie nahm eine Stange und formte sie zu einer Kugel, die sie auf das Schloß preßte. Dann steckte sie den Zünder hinein. Sie befahl den anderen, Deckung hinter der Biegung zu nehmen. Dann zündete sie die Lunte. Sie lief los. Als sie die Ecke erreicht hatte, verhalf ihr die Druckwelle zu einem Flug, der sie an die Wand warf. Der Aufprall war hart. Sie stand auf und stellte fest, daß sie sich außer ein paar blauen Flecken anscheinend keine Blessuren geholt hatte.


,,Eine Explosion, ob uns da jemand befreien möchte?`` Icarus war nervös.

Karl versuchte, ihn zu beruhigen. ,,Das werden wir noch früh genug herausfinden, beruhige dich!``


Das Gitter stand offen. Als sie die Überreste der Wache sah, mußte sie kurz schlucken, Dominga mußte sich spontan übergeben. Das zweite Tor war noch geschlossen. Dawina näherte sich der zerfetzten Leiche mit Abscheu. Sie nahm den Schlüsselbund. Zum Glück waren die Schlüssel beschriftet, so fand sie recht schnell den richtigen.

Mit etwas Gewalt öffnete sich die Tür. Dawina und Dominga traten ein. Sie öffneten die erste Zelle.


Die Zelle öffnete sich. Icarus und die anderen spannten ihre Körper an, bereit für einen Sprung, falls sie ausweichen mußten.

,,Dawina!``

,,Icarus!``

Dawina ließ ihre Waffe achtlos fallen und stürzte ihm entgegen. Die beide hielten sich scheinbar endlos in den Armen. Dann bemerkte sie die Menschen. Sie versteifte. ,,Wer ist das?``

,,Keine Angst, es sind Freunde. Sie kommen aus dem All, sie wurden hier gefangengenommen. Es ist so schön, dich wiederzusehen. Wie hast du mich gefunden?``

Ein Ruf von Dominga: ,,Das hebt euch für später auf! Wir müssen los, bevor Verstärkung kommt!`` Sie drückte Karl den Schlüsselbund in die Hand: ,,Schau nach, ob sich jemand in den anderen Zellen befindet!`` Er gehorchte.

Sie verließen die Zelle, und gingen langsam zum Ausgang, als Karl sich von hinten im Laufschritt näherte. ,,Niemand da, wir waren die einzigen.``


Draußen wurden sie von den anderen erwartet, die in der Zwischenzeit die Wachmannschaft gefesselt hatten.

,,Was nun?`` fragte Dominga.

,,Ich habe gedacht, ihr wüßtet das?`` wunderte sich Karl.

Icarus hatte eine Idee. ,,Hier im Gebäude gibt es einen kleinen Hangar. Wenn wir etwas Glück haben, steht dort ein Gleiter.``

Sie liefen wieder hinein. Icarus erkannte die Tür. Er öffnete sie - sie hatten Glück. Dort stand immer noch der Gleiter, mit dem sie ihn hierher gebracht hatten.

Sie stiegen durch die hintere Klappe ein. Karl ging nach vorne zur Pilotenkabine durch, Icarus und Dawina folgten ihm, während die anderen versuchten, sich in den viel zu engen Raum zu quetschen.

,,Kannst du das Ding fliegen?`` fragte Icarus.

,,Ich hoffe es. Eigentlich gibt es nicht viele Möglichkeiten, wie so eine Maschine funktionieren kann.``

Er las die Beschriftungen der einzelnen Schalter und Knöpfe. Ein Knopf hieß ,,Tor`` und tatsächlich, das Tor vor ihnen öffnete sich. Der Knopf mit dem vielversprechenden Namen ,,Start`` löste die Triebwerke aus.

Karl zog etwas an einem Hebel zur linken, das Düsengeräusch steigerte sich, sie hoben etwas ab. Karl zog an dem zweiten Hebel daneben, sie schwebten langsam nach vorne. ,,Ist im Grunde genommen so ähnlich zu bedienen, wie ein Hubschrauber.``

Da waren sie aber beruhigt, zumal sie nicht wußten, was denn ein Hubschrauber genau war.

Karl zog die Maschine steil hoch, dann ruckte sie, als er vollen Schub nach vorne gab.


Sie flogen in Richtung Westen.

,,Wohin fliegst du?`` wollte Dawina wissen.

,,In Frantika liegt unser Raumschiff. Dorthin fliegen wir.``

,,Aber Frantika liegt im Süden, nicht im Westen!``

,,Ja, aber das offene Meer liegt im Westen näher, außerdem verwirren wir dann eventuelle Verfolger.``

Sie flogen in rasender Geschwindigkeit nur wenige Meter über den Wipfeln der Bäume in Richtung Westen. Icarus bewunderte es, wie Karl es schaffte, diese ihm unbekannte Maschine zu meistern. Er wollte ihm eine Frage stellen, merkte aber, wie angespannt er war. Sie folgten einige Zeit einem Flußlauf und machten jede Kurve mit, so daß sie zum Teil von einer Ecke zur anderen geschleudert wurden.

,,Seltsam, daß wir nicht verfolgt werden.`` Icarus wunderte sich.

,,Bitte beschreie es nicht. Ich denke, wir werden noch früh genug Probleme bekommen!`` Nicht, daß Dawina abergläubisch gewesen wäre, aber innerlich gab sie ja Icarus recht, es lief zu glatt.


Freies Wasser. Ohne ein einziges Mal verfolgt worden zu sein, erreichten sie die offene See. Außerhalb der Sichtweite der Küste wendete Karl die Maschine nordwärts.


,,Was ist das für ein rotes Licht?`` fragte Icarus vorsichtig nach. Er kam gerade aus der hinteren Kabine wieder, wo er sich normale Kleidung angezogen hatte, die Dominga für ihn mitgebracht hatte.

,,Was für ein ...Ich weiß es nicht. Moment, wenn ich diese Taste dort drücke, müßte er mir eigentlich eine Erklärung geben.``

Karl drückte einen Knopf an einer Anzeige in der Mitte der Instrumententafel. Eine Schrift flammte auf: ,,Achtung Reichweitengrenze! Nottank wurde automatisch aktiviert, maximale Reichweite fünf Minuten. Sofortige Landung wird empfohlen.``

,,Wie weit sind wir von Zhad entfernt?`` wollte Dawina wissen.

,,Zu weit. Burmasa liegt näher, aber auch das werden wir unter keinen Umständen erreichen. Die wußten, daß eine Flucht unmöglich war, deswegen haben sie nichts unternommen!`` Karl schien verzweifelt.

,,Steuer' sofort direkt die Küste Burmasas an, ich hab' 'ne Idee!`` Icarus stand auf und verließ die Steuerkabine.

Als die Anzeige ,,Zwei Minuten Restreichweite`` anzeigte und zusätzliche eine regelmäßiges Summen das baldige Ende ihrer Treibstoffzufuhr andeutete, kam Icarus zurück. Er hatte die Riemen eines Rucksacks in den Händen und reichte sie Karl.

,,Hier, zieh' sie dir über.``

,,Was hast du vor?`` Karl schöpfte Hoffnung.

,,Wir sind nicht mehr weit von der Küste entfernt, maximal hundert Kilometer. Das können wir schaffen.``

,,Ihr habt auch Flügel, wir nicht!``

,,Deswegen die Riemen. Die anderen in der Kabine knoten gerade alle Riemen zusammen, so daß sie Tragegestelle für euch ergeben. Jeweils drei Drak ziehen einen Menschen, das muß gehen.`` Icarus war selber nicht überzeugt von diesem Plan, eine so große Masse über eine so große Entfernung ohne Pause tragen zu wollen, aber er hatte keine andere Wahl, wollte er die Menschen nicht aufgeben.

Karl aktivierte den Autopiloten, dann begann er, sich die Riemen umzulegen. Die eine Schlinge legte er unter der Anleitung Icarus' wie eine Hose an, das heißt, zuerst legte Icarus den Riemen einmal um sein Becken, dann legte er eine Schlinge um sein linkes Bein, dann um sein rechtes Bein. Alle drei Schlingen waren miteinander verknotet, so daß sie kaum verrutschen konnten und hoffentlich keine Gefahr bestand, daß lebenswichtige Blutbahnen abgequetscht wurden.

Den zweiten Riemen legte er in ähnlicher Weise um seine Schulter. Eine Schlinge um den Brustkorb herum, eine um den rechten Arm, eine um den linken Arm. Bevor er die beiden Enden zusammenknotete, überprüfte er noch einmal den Sitz. Dann verließen sie die vordere Kabine.

Neun Drak - die stärksten - hatten sich die Riemen in ähnlicher Weise um die Schultern gebunden, jetzt begannen sie damit, die Enden mit den Riemen von Sabrina und Deborah zu verknoten. Jetzt trugen nur noch Dominga und Vigo Rucksäcke, die anderen hatten sie wegen der Riemen opfern müssen.

Karl öffnete die Heckklappe. Der Fahrtwind zerrte stark an ihnen, alles, was sie nicht befestigt hatten, wurde herausgewirbelt. Kleidung, Decken, Proviant. Die ersten drei Drak gingen, mit Sabrina in der Mitte, zum Rand der Klappe. Bevor sie sich richtig darauf vorbereitet hatten, zog sie der Fahrtwind heraus. Sie entfalteten ihre Flügel, versuchten, Abstand voneinander zu halten, was besonders für die beiden schwierig war, die vorne flogen. Sabrina hing derweil wie ein hilfloses Bündel unter ihnen.

Die nächsten drei versuchten ihr Glück. Auch sie wurden kräftig herumgewirbelt, aber sie schafften es, sich zu stabilisieren.

Die Düsen stockten, zogen anscheinend teilweise Luft.

Dann kam Karl an die Reihe. Icarus konnte seine Angst fast riechen. Als die drei Drak sich herausstürzten, blieb Karl vor Angst stehen. Icarus nahm Anlauf und stieß ihn mit sich hinaus, und war dann ebenfalls draußen. Karl fiel zwischen den drei Drak hindurch und blieb mit einem Ruck hängen, als sich die Seile spannten.

Icarus drehte sich um. Die letzten verließen jetzt den Gleiter. In den letzten Sekunden hatte sein Antrieb wiederholt ausgesetzt, mehrere Male war die Maschine abgesackt.

Jetzt fiel der Antrieb endgültig aus. Die Maschine stürzte steil dem Meer entgegen. Dann schlug sie auf und zerbrach in viele Teile, von denen die meisten sofort sanken.

Icarus sah sich noch einmal die Absturzstelle an, auf der leichte Trümmerstücke schwammen und außerdem ein Ölfilm zurückgeblieben war. Er hoffte inständig, daß niemand auf den Gedanken kommen würde, daß sie es geschafft hatten. Aber noch hatten sie es ja nicht geschafft, ein anstrengender Flug lag vor ihnen.


Immer noch war kein Land in Sicht. Die Flügelschläge der neun Lastenträger wurden lahmer, schwerfälliger. Mehr als einmal sackte eine Gruppe ab, weil jemand aus der Gruppe nicht mehr konnte und einfach nur noch seine Flügel ausstreckte, um ein Stück zu gleiten.

Sie behalfen sich damit, mit kraftvollen Flügelschlägen möglichst viel Höhe zu gewinnen, um dann ein paar Sekunden gemeinsam zu gleiten. Aber diese Entspannung war nur scheinbar. Die Kraft, die sie für den Aufstieg benötigten, erschöpfte sie bald mehr.

Wann waren sie losgeflogen, wie lange mußten sie diese Tortur noch durchstehen?

Auch die Menschen in den Trageseilen hatte Probleme. Immer wieder verschoben sich die Riemen und sorgten dafür, daß Blutbahnen gequetscht wurden.

Icarus wollte am liebsten helfen, aber wie konnte er das? Sie konnten sich den drei Gruppen nicht nähern, ohne die Gefahr einzugehen, mit ihnen zusammenzustoßen.

Dann kam er erlösende Ruf: ,,Land!`` Ein junger Drak, den Icarus noch nicht kannte, hatte etwas am Horizont entdeckt. Nach einer Minute war es sicher, es war Land!

Das mobilisierte die letzten Kräfte. Nocheinmal holten sie mit kräftigen Flügelschlägen aus. Das Land kam näher, eine steile Felsküste.

Nur noch wenige hundert Meter, die Flügelschläge wurden lahmer, jeder Schlag wurde von einem Gewaltschrei begleitet.

Dann, endlich, Land unter ihnen! Die Spitze der Klippe war mit weichem Gras bewachsen, in das sich jetzt die neun Kräftigen einfach fallen ließen. Die Menschen bereiteten sich auf die Landung vor. Fast zeitgleich prallten die drei Gruppen auf. Zuerst erreichten die Menschen den Boden. Sie versuchten mitzulaufen, damit sie nicht über den Boden geschliffen wurden. Die Drak zogen ihre Flügel an und ließen sich einfach fallen. Auf dem Boden angekommen, brachen sie regelrecht zusammen.

Die anderen landeten und befreiten sie von den Riemen. Auch sie waren erschöpft, aber das war nichts im Vergleich zu den anderen, die wirklich bemerkenswertes erreicht hatten.

Sie konnten sich keine lange Pause gönnen. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, daß die Küsten nach ihnen abgesucht wurden, um sicherzustellen, daß sie es wirklich nicht bis zum Ufer geschafft hatten, sie mußten weiter.


Nach wenigen Minuten bewegte sich eine erschöpfte Karawane von Drak und Menschen zu Fuß der Gebirgskette entgegen, den Negras, die sich von der Ostküste aus weit ins Landesinnere erstreckten. Nur vereinzelte Bäume säumten ihren Weg durch diese Steppenlandschaft mit dem trockenen, harten Gras.

Sie begegneten bald den ersten Ausläufern dieses mächtigen Gebirgszuges, obwohl sie noch etwa einen Flugtag von den wirklich großen Bergen entfernt waren.

Soweit sich Icarus erinnern konnte, war dieser Landstrich Burmasas nur sehr dünn besiedelt. Die Negras waren stark zerklüftet und es gab keine Straßen, die hinein führten, und es gab auch gar kein Interesse, Straßen zu bauen, denn die Negras boten nichts Interessantes. Es gab dort nichts von wirtschaftlichem Interesse, keine seltenen Erze, keine Mineralien, nichts. Das einzige, das es gab, waren die ständigen starken, kalten Winde, die zwischen dem Eon, dem Gebirge, das zwischen Burmasa und Frantika lag und dem Nordteil der Negras aus Richtung des Nordpols wehten. An Ackerbau war nördlich der Negras nicht zu denken, außerdem war die Bevölkerungsdichte Burmasas war zwar hoch, aber nicht so hoch, daß jeder Landstrich ausgenutzt werden mußte.

Dies war gleichzeitig ein Vorteil und ein Nachteil für sie. Der Vorteil lag darin, daß sie kaum Gefahr liefen, entdeckt zu werden. Die wenigen Städte lagen an der Küste, an denen sie einfach herumfliegen mußten. Das Inland war unbesiedelt. Der Nachteil lag aber darin, daß es ihnen schwerfallen würde, Nahrung für sie alle zu finden, denn das einzige was wuchs, war dürres Gestrüpp und wenige krüppelige Bäume.

Aber noch ein anderes Problem bestand. Wie sollten sie zu Fuß die Negras überwinden? Es gab keine Pässe, soweit Icarus wußte.

,,Und wenn wir fliegen?`` war Dawinas Lösung.

,,Und was machen wir mit den Menschen?``

,,Die nehmen wir mit.``

,,Das wird zu anstrengend. Du hast doch schon gesehen, wie es uns auf dieser Strecke ergangen ist. Nicht nur diejenigen, die die Menschen getragen haben, haben gelitten. Nein, auch die Menschen hatten ihre Probleme. Glaubst du dann, irgendjemand würde es für eine noch längere Zeit aushalten?``

Vigo mischte sich ein. ,,Das ist doch kein Problem. Ich hab' mir schon ein paar Gedanken gemacht. Wenn wir statt der drei Drak pro Mensch auf fünf Drak pro Mensch gehen, ist die Gewichtsbelastung schon erheblich geringer. Dann müssen wir uns nur noch eine bessere Vorrichtung für die Menschen einfallen lassen. Ich denke, eine Holzlatte, auf der sie sitzen können, entlastet sie genügend. Die Menschen können wir dann so sichern, daß sie sich auch während des Flugs entspannen können. Wir brauchen nur noch Material für die zusätzlichen Seile und für die Latten. Dann dürften wir innerhalb von drei oder vier Tagen dort sein.``

Eine gute Idee, wie Icarus und Dawina fanden, aber dieses ,,Nur noch``, das klang so leicht. Wie sollten sie in dieser Gegend stabile Seile finden?


Auf ihrem mühsamen Marsch hatten sie mittlerweile die ersten großen Felsen erreicht. Direkt vor ihnen befand sich nun eine etwa fünfzig Meter hohe Steilwand, von der irgendwann ein großer Vorsprung abgefallen war. Dieser Vorsprung ergab zusammen mit der Wand, die immer noch einen Überhang hatte, einen Schutz vor dem gesehen werden von oben. Der Spalt zwischen den beiden Felsen war mehrere Schritte breit und so lang, daß alle hereinpaßten.

Jetzt endgültig erschöpft, setzten sie sich auf Steine oder lehnten sich gegen die Wände. Aber nicht alle. Dominga ging zu Dawina, die es sich gerade auf einem Stein bequem machte.

,,Fang nicht an zu faulenzen. Wir müssen die Gegend erkunden. Du siehst noch nicht so erschöpft aus.``

Dawina murrte, aber Dominga kannte keine Gnade. Dawina stand auf und folgte Dominga zum Ausgang.


Eine halbe Stunde später kamen die beiden zurück. Dominga betrat freudestrahlend den Unterschlupf. ,,Freunde, ihr könnt euch freuen. Nur ein paar Flugminuten entfernt verläuft ein Bach, der klares Wasser führt, und direkt an diesem Bach befinden soviele Büsche und Bäume, daß wir für ein paar Tage mit Früchten versorgt sind.``

,,Wir sind übrigens Idioten.`` Die Aufmerksamkeit lag auf Icarus.

Dawina schaute ihn fragend an. ,,Wieso?``

,,Wir müssen nicht alle nach Frantika. Es reicht, wenn ein paar zum Landeplatz eures Raumschiffs fliegen. Die anderen können hier bleiben und später vom Dorfgleiter abgeholt werden.``

Karl stand auf und ging zu Icarus. ,,Ich glaube nicht, daß die Wulf euch trauen werden. Der Dorfleiter, er hatte uns nach der Landung damals als erster entdeckt, erschien mir doch recht vorsichtig.``

,,Deswegen wirst du uns auch begleiten. Wir haben genügend Riemen hier, um einen Menschen bequem zu transportieren. Dann kannst du sie überzeugen, daß sie die anderen abholen können, denn er wird dir doch wohl trauen. Der Gleiter ist doch groß genug, oder?``

,,Ich denke schon. Es ist ein Lastengleiter, mit dem sie ihre Ware in die Stadt bringen. Ich schätze, da passen wir alle sehr gut hinein.``

,,Dominga, wie findest du die Idee?``

Dominga grübelte. ,,Wenn uns nichts anderes einfällt, dann nehmen wir sie. Aber was ist, wenn der Gleiter entdeckt wird?``

,,Was wäre, wenn wir entdeckt würden, wie wir drei Menschen fliegen? Was ist wohl auffälliger, ein Gleiter oder eine große Gruppe Drak? Außerdem dürfte der Gleiter unbemerkt bleiben, wenn er durch das Hinterland fliegt.``


Sie diskutierten noch, bis die Dämmerung anbrach, aber sie hatten keine andere Lösung mehr gefunden. In der Zwischenzeit waren ein paar von ihnen aufgebrochen, um Feuerholz zu besorgen, das sie jetzt entzündeten. Ruhe kehrte ein. Wenig später schliefen alle, abgesehen von den beiden Wachen, die die Ausgänge bewachten.

Am nächsten Morgen ging Dominga ihren Pflichten als Clanleiterin nach. Sie teilte ihren Clan in verschiedene Gruppen ein, so daß sie hier einige Tage überleben konnten. Jede Gruppe mußte abwechselnd die Wasserflaschen füllen, Früchte ernten und Wache halten. Sechs würden mit Karl aufbrechen, so blieben achtzehn Drak und zwei Menschen zurück, die nur hoffen konnten, daß weder sie noch der kleine Trupp entdeckt wurden.

Dominga würde den Trupp anführen, Vigo sollte sich um die anderen kümmern. Zur Expedition gehörten desweiteren Icarus und Dawina, sowie Ageno, Ruis und Ana.

Sie verknoteten nun sorgfältig die Riemen, diesmal hatten sie aber genügend Zeit, so daß die Knoten sicher saßen und keine Druckstellen hinterlassen würden. Auch besorgten sie einen flachen Ast, auf dem Karl sitzen würde.

Noch am Vormittag brachen sie auf. Sie hatten sich vorgenommen, daß jeweils einer von ihnen vorausfliegen sollte, um die Gegend zu erkunden. Nach jeder Pause würde dann jeweils ein anderer diese Aufgabe übernehmen.

Dominga war die erste. Die anderen legten ihre Riemen an, dann ging Dominga reihum und kontrollierte, ob alle Riemen gut angelegt waren und ob Karl sich ebenfalls fest angeschnallt hatte. Dann gab sie das Startzeichen. Fünf Drak entfalteten ihre Schwingen und hoben auf Kommando ab. Gleich darauf stieg Dominga, von den guten Wünschen der anderen begleitet, ebenfalls auf. Als sie die fünf überholte, betrachtete sie sie von oben. Die Flugformation sah ein bißchen wie ein fünfeckiger Stern aus. Dawina flog an der Spitze, schräg links hinter ihr flog Icarus, dahinter Ana. Auf der anderen Seite flog Ageno seitlich hinter Dawina, hinter dem Ruis flog. In der Mitte dieser Formation saß Karl auf seinem Ast und war zusätzlich mit zwei Riemen um die Brust und die Hüfte gesichert, so daß er nicht abrutschen konnte.

Dann überholte sie die fünf und flog voraus. Sie hatten verabredet, daß die Träger immer die eingeschlagene Richtung weiterflogen, egal welche Richtung der Kundschafter einschlug, außer er signalisierte, daß sie ihm folgen sollten.


Sie waren jetzt schon in den Ausläufern der Negras, immer wieder überflogen sie große Gesteinsbrocken, die wild durcheinanderlagen. Sie wirkten wie gigantische Murmeln, die von übermächtigen Wesen hierher gebracht worden waren. Tatsächlich war sich Icarus aber bewußt, daß es Überreste der Gletscher waren, die es hier vor langer Zeit gegeben haben mußte. Je näher sie den Negras kamen, desto häufiger überflogen sie tiefe Schluchten und steil aufgetürmte Erdschollen, die ihn daran erinnerten, daß es immer wieder Erdbeben in dieser Gegend gab.

Nach einer knappen Stunde machten sie ihre erste Pause. Dominga und Dawina lösten sich ab, die anderen blieben auch in der Pause angeschnallt. Noch waren sie guter Laune und fühlten sich kaum angestrengt.

Als die Dunkelheit kam, war die Landschaft unter ihnen öde und wüst. Sie konnten keine Pflanzen mehr entdecken, auch keine Bäche, nichts, was auf Leben hindeutete. Sie landeten auf einer schmalen Felsplatte, inmitten von Schluchten und Steilwänden. Sie hatten die Negras erreicht. In der Dunkelheit sahen sie noch bedrohlicher aus als am Tag. Sie schienen fast den Himmel auszufüllen, wie Icarus fand. Er kam sich klein und bedeutungslos vor. Er hoffte, daß sie eine Möglichkeit finden würden, den Winden zu trotzen.


,,Paßt auf, der Felsen!`` Karl schrie gegen den Wind an. Nur wenige Handbreit unter seinem Sitz zog die Felsspitze vorbei. Ein Abwind hatte die Truppe einige Meter nach unten gedrückt. Es war nicht das erste Mal, aber es war die bisher gefährlichste Situation.

Nur wenige Minuten davor hatte ein Wirbel versucht, ihre Seile zu verknoten, fast wären sie miteinander kollidiert, konnten es nur knapp verhindern. Icarus war auf diesem Abschnitt der Kundschafter, aber er konnte nichts Gutes berichten. Soweit er auch flog, welche Umwege er auch nahm, er fand keinen leichteren Weg. Sie mußten noch ein gutes Stück hinauf, hatten gerade einmal ein Drittel geschafft, obwohl es schon fast Mittag war.

Sie hatten noch am Morgen geplant, gegen Mittag auf einem der Gipfel zu sein, um dann den Abstieg zu wagen. Nun sah es eher danach aus, als ob sie erst gegen Abend am höchsten Punkt sein würden.

Der Wind zerrte in den knarrenden Riemen, Karl wurde hin- und hergeschleudert und wäre unzählige Male von seinem Sitz gerutscht, hätte er sich nicht fest daran angebunden.

Icarus flog voraus, die Situation verfluchend. Er hatte vor einer halben Stunde planmäßig die Führung übernommen und seitdem war es nur schlimmer geworden. Sie mußten es schaffen, bald die Spitze zu erreichen. Die Winde verhinderten, daß sie kontrolliert landen konnten, um sich zu erholen. Aber selbst wenn es windstill gewesen wäre, in diesem Irrgarten der Schluchten und Steilwände wäre es schwierig gewesen, eine Stelle zu finden, die groß genug für alle gewesen wäre.

Schräg links voraus führte ein langer Einschnitt im Felsen bis hoch zum Gipfel. Icarus spürte, wie ihn die Luftströmung dorthin trieb. Vorsichtig gab er ihr nach.

Der Einschnitt war mehrere Meter breit und tief, und er führte wirklich ohne Unterbrechung nach oben, das konnte Icarus sehen, als er sich ihm weiter näherte. Icarus spürte den Auftrieb, verursacht durch den Wind, der gegen den Berg getrieben wurde und dessen einziger Ausweg nach oben führte. Icarus flog in den Spalt und wurde von der Strömung erfaßt. Sie war stark, aber nicht so stark, daß sie gefährlich wurde. Er stieg schnell auf und seine Geschwindigkeit wuchs immer weiter.

Er versuchte, sich aus der Strömung zu befreien. Er setzte seine volle Kraft ein, brauchte aber trotzdem ein paar Minuten. Als er es geschafft hatte, konnte er sich umsehen. Er war fast am Gipfel angelangt, seine Kameraden waren tief unter ihm, er konnte sie kaum noch erkennen. Er flog wieder hinab. Weiter vom Einschnitt entfernt, erwischte er einen Abwind, den er nutzen konnte. Einige Minuten später war er angekommen.


,,Wie ist die Strömung?`` fragte Dominga. Die Kameraden hatten natürlich gesehen, was er getan hatte und hatten abgewartet.

,,Stark aber zuverlässig. Ich denke, wir können es wagen.``

Sie schauten sich gegenseitig an, niemand hatte einen Einwand, also flogen sie vorsichtig in den Einschnitt.

Icarus flog wieder voraus und ließ sich als erster von der Strömung in die Höhe tragen. Wie auch beim ersten Mal wurde er schnell nach oben getragen, und die Geschwindigkeit nahm ständig zu. Er schaute sich ständig um, suchte nach Gefahren, vergewisserte sich, daß die anderen ihm folgten, aber alles schien in Ordnung.

Die Luft wurde kühler, je höher sie stiegen. Dann hatten sie es geschafft. Die Strömung riß sie über den Gipfel hinweg auf die andere Seite. Auch auf dieser Seite waren die Negras öde und es erwarteten sie noch einige Höhenzüge, aber das Schlimmste hatten sie hinter sich. Wenn sie in dieser Höhe bleiben könnten, würde es leicht werden, aber die Luft war hier oben zu dünn, als daß sie es lange aushalten würden, also mußten sie bald wieder den Abstieg wagen.


Icarus sah sich nach einem Landeplatz um, aber Dominga war die erste, die einen entdeckte. Nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt, befand sich ein Plateau, das groß genug war. Zuerst landeten die Träger, kurz danach landete Icarus. Es war jetzt Mittag und sie hatten die Hälfte ihrer geplanten Strecke geschafft. Sie aßen und tranken etwas, ruhten sich ein paar Minuten aus, dann ging es weiter.

Ana wechselte sich mit Icarus ab. Er legte die Trageriemen an, sie würde bis zur nächsten Pause Kundschafter sein.

Es ging weiter. Bis zum Abend schafften sie es, die Negras hinter sich zu lassen. Die Gegend zwischen den Negras und dem Eon war noch karger, noch trockener und wüster als dort, wo sie die anderen zurückgelassen hatten. Sie hatten bis jetzt noch keinen einzigen Bach entdeckt. Anscheinend regneten sich die wenigen Wolken auf der anderen Seite ab, so daß kein Wasser für diese Gegend übrigblieb. Icarus verstand, wieso diese Gegend unbesiedelt war.

Dieser Eindruck vertiefte sich auch am nächsten Tag. Zum Glück entdeckten sie gegen Mittag einen kleinen Bach, an dem sie ihre Wasservorräte auffüllen konnten.

Am Abend erreichten sie den Eon. Im Vergleich zu den Negras war der Eon klein, er wirkte geradezu freundlich. Auch er war trocken, so wie alles in diesem Landstrich, aber die Felsen waren nicht schwarz und düster, sondern leuchteten sie nun im Glanz des roten Sonnenuntergangs an.

Die Winde waren nicht so stark, daß sie das Fliegen behinderten, im Gegenteil, sie luden geradezu dazu ein, sich ihnen hinzugeben.

Im Licht der untergehenden Sonne fanden sie dann sogar noch eine Passage, die sie in nicht allzugroßer Höhe sicher auf die andere Seite brachte. Als sie dort ankamen, war es dunkel, deswegen beschlossen sie, noch ein letztes Mal zu übernachten, bevor sie das Dorf suchen gingen, in dessen Nähe das Raumschiff der Menschen gelandet war.


,,Keine Bewegung!`` Eine geflüsterte Stimme direkt neben Icarus' Ohr, eine Klinge an seiner Kehle, eine Erinnerung, die wiederkam? Nein, das Messer war Realität.

Dann eine Stimme, es war die Karls. ,,Wartet, es sind meine Freunde!``

Das Messer wurde zurückgezogen. Icarus drehte sich vorsichtig um. Er sah acht Wulf, die sie prüfend betrachteten. Es war noch dunkel, aber im Feuerschein konnte Icarus sehen, wie Karl zu einem der Wulf ging, dessen langes Fell schwärzer war, als das der anderen.

,,Sei gegrüßt, Norsanio.``

Der Wulf antwortet mit einer hohen, heulenden Stimme. ,,Sei ebenfalls gegrüßt, mein Freund. Du sagst, ich kann diesen Drak vertrauen?``

,,Ja, glaube mir. Sie haben uns befreit.``

,,Wenn du ihnen traust, dann tue ich es auch. Wo sind die anderen?``

Dominga stand auf, vorsichtig beäugt von den Wulf. ,,Sie sind in den Negras, zusammen mit dem Rest meines Clans. Sind alle unverletzt?" Die letzte Bemerkung war nicht an Norsanio gerichtet gewesen.

Er antwortete trotzdem. ,,Wir haben niemanden getötet. Ihr seid uneingeladen in unser Gebiet gekommen, das berechtigt uns dazu, vorsichtig zu sein, aber gibt uns nicht das Recht, euch zu verletzen.``

,,Wie hast du uns gefunden, Freund?``

,,Die Sensoren unserer Melder haben angeschlagen und meldeten einige Wesen, wahrscheinlich Drak, die sich unserem Dorf näherten. Wir brachen dann auf, um die Meldung zu überprüfen.``

Icarus war mittlerweile aufgestanden, wie alle anderen auch. ,,Ihr habt Melder um euer Dorf verteilt? Wieso?``

,,Wir sind vorsichtig, habt dafür Verständnis. Zum Glück bietet uns die moderne Technik genügend Möglichkeiten, unser Heim zu schützen.``

Icarus hatte Schwierigkeiten, sich moderne Technik in Verbindung mit diesen Wulf vorzustellen. Durch ihr dickes Fell und ihre spitzen Gesichter, die noch spitzer waren, als die der Parden, wirkten sie noch eher wie Tiere. Dem widersprachen aber die Messer in ihren Händen. Durch ihre Kleidung, die aus kaum mehr als einem dunkelbraunen Schurz bestand, vermittelten sie ihm aber trotzdem einen Eindruck von Primitivität, der aber sofort zerstört wurde, als Norsanio zu einem Funkgerät griff, das am Gürtel seines Schurzes hing. ,,Hier ist Norsanio, Magadona, hier ist alles in Ordnung, ich bringe Gäste mit.``

Dann sprach er wieder mit den anderen. ,,Es ist kurz vor Sonnenaufgang, laßt mich euch in unser Dorf einladen.``

Dominga nahm die Einladung an. ,,Wir würden uns freuen, euch begleiten zu dürfen.``


Karl und Norsanio gingen voran, dicht gefolgt von Dominga. Kaum das sie ein paar Schritte gegangen waren, stimmten die Wulf ein Lied an. Es dauerte nicht lange und Icarus war gefangen von diesem melodischen Gesang. Wenn Wulf sprachen, hatten ihre Stimmen immer einen seltsamen summenden Klang, nicht richtig störend, aber anders. Dies setzte sich in ihrem Gesang fort. Etwas so schönes, melodisches hatte er noch nie gehört. Keine andere Rasse Dabos konnte so schön singen, davon war er jetzt überzeugt.

Als der Tag sich durch den rot leuchtenden Himmel ankündigte, erreichten sie das Dorf.

Es lag in einem Tal, umgeben von sanft abfallenden Hügeln, auf denen keine Bäume wuchsen, nur grünes, saftiges Gras.

Das Dorf wurde von einem hohen Steinwall umgeben, der nur an einer Stelle einen schmalen Einschnitt hatte.

,,Wovor habt ihr Angst?`` wollte Icarus von der Wulffrau wissen, die neben ihm ging.

,,Die Winter hier sind lang und kalt und es gibt nichts zu essen. Damals, als der Wall angelegt wurde, gab es immer wieder Banden, die herumzogen und Dörfer überfielen, statt selber für Vorrat zu sorgen. Heute gibt es diese Banden nicht mehr und auch im Winter können wir mit dem Gleiter Nahrung aus der Stadt besorgen.``

,,Wenn heute diese Gefahr nicht mehr existiert, wieso habt ihr überall die Sensoren aufgestellt?``

Die Wulf grinste, dabei zeigte sie ihr scharfes Gebiß, ein erschreckender Anblick für jemanden, der nicht wußte, wie friedfertig die Wulf waren. ,,Wir sind lieber vorsichtig. Wir haben ein paar Probleme mit den Priestern. Vor ein paar Monaten waren sie tatsächlich so frech und schickten uns einen Abgesandten, der uns davon überzeugen wollte, daß nur in Lota der einzig wahre Glaube liegt. Wir haben ihm die Macht unserer Mutter Mond gezeigt und ihn davongejagt.``

Sie traten durch das Tor ein. Das Dorf bestand zum größten Teil aus kleinen, einstöckigen Steinhäusern. Die Häuser waren alt, wie der Wall, aber auf den zweiten Blick war der Einfluß der Technik zu sehen. Die Fenster waren glatt, die Rahmen bestanden aus Kunststoff. Die steingepflasterten Gassen wurden von unsichtbar kleinen Strahlern beleuchtet, und nun kamen sie auf einen großen Platz zu, auf dem sich nicht nur ein Gebäude mit vielen Antennen, sondern auch der Dorfgleiter befand. Es war ein aktuelles Modell, wie Icarus feststellte.

Aus einem der beiden Hecktriebwerke ragten zwei Beine, und geschäftiges Klappern und Fluchen war zu hören. Die Wulffrau, die neben Icarus gegangen war, Yaillia, löste sich von der Gruppe und schlich sich vorsichtig an. Als sie die Beine erreicht hatte, griff sie eines der beiden mit ihren Händen.

Der Wulf im Inneren des Triebwerks zuckte vor Schrecken zusammen und stieß sich von einem lauten Dröhnen begleitet den Kopf.

,,Ich bin's doch nur, Yaillia.`` Icarus sah, daß es ihr leid tat.

,,Mutter Mond!`` ertönte es von innen, als der Wulf aus dem Triebwerk kletterte. Als er auf dem Boden stand, hielt er sich den Hinterkopf, den er sich gestoßen hatte. ,,Yaillia, du weißt doch, daß ich schreckhaft bin.``

,,Entschuldige Frasenio. Was machst du so früh schon an der Maschine?``

,,Als du gestern abend aufgebrochen bist, habe ich versucht, einzuschlafen. Als ich zwei Stunden später noch immer wach lag, habe ich beschlossen, die Zeit sinnvoller zu nutzen. Du weißt doch, das linke Triebwerk hat immer wieder Aussetzer. Ich habe den Fehler gefunden, es war der sekundäre Kompr...`` Jetzt erst hatte er bemerkt, daß sie nicht alleine waren. Er schaute die Drak fragend an, dann bemerkte er Karl.

,,Hallo Karl, mein Freund, sei gegrüßt. Ich vermute, die Drak sind deine Freunde?``

,,Sei gegrüßt Frasenio, ja es sind gute Freunde, die uns geholfen haben.``

,,Wo sind die anderen?``

Norsanio antwortete. ,,Sie sind in den Negras. Ist der Gleiter einsatzbereit? Wir müssen sie abholen.``

,,Kein Problem, ich wollte sowieso einen Probeflug durchführen. Ich muß nur noch ein paar Abdeckungen festschrauben, dann kann es losgehen.``


Eine halbe Stunde später flogen sie ab. Dominga und Karl begleiteten Frasenio, die anderen blieben in Onidas zurück.

Norsanio lud sie in den Gemeindesaal ein, ein Gebäude das schon von außen imposant groß erschien. Von innen aber wirkte es fast noch größer. Auf den breiten hölzernen Sitzbänken fanden alle sechshundert Einwohner Platz, wie ihnen Norsanio versicherte. Hohe schmale Fenster sorgten für eine düstere Beleuchtung dieses hohen, langgestreckten Raums.

,,Als Karl zum ersten Mal hier im Saal gewesen war, meinte er, es würde ihn ein wenig an Zuhause erinnern. In der Stadt, in der er aufgewachsen war, gab es ein Gebäude, das so ähnlich ausgesehen hatte, eine Kirche.``

,,Was ist eine Kirche?`` fragte Icarus.

,,Das ist ein Ort, an dem die Menschen ihrem Gott huldigen.``

,,Was macht ihr hier?``

,,Wenn du fragen möchtest, ob wir hier der Mutter Mond huldigen, nein, wir müssen keine Rituale durchführen, es reicht, daß wir wissen, daß sie über uns wacht, und ihr reicht es, wenn sie uns in den klaren Nächten sieht, wenn sie in voller Stärke erstrahlt.``


Er führte sie in einen kleinen Nebenraum, in dem die Tische im Rechteck angeordnet waren. Er bat sie, sich zu setzen, dann verließ er sie kurz.

Nach ein paar Minuten kam er wieder. ,,Gleich werden wir erstmal etwas kräftiges Essen und dann schlage ich vor, daß wir die Zeit damit verbringen, uns kennenzulernen.``

Das Essen bestand aus Rührei mit viel Speck. Icarus fiel wieder ein, was er über die Wulf gehört hatte. Sie aßen kaum Gemüse, dafür aber viel Fleisch, sogar schon am Morgen. Dies stand im Gegensatz zu der hauptsächlich vegetarischen Ernährung der Drak.


Nach dem Essen kamen noch ein paar weitere Wulf vorbei, darunter Yaillia und Resonio, der damals die Menschen entdeckt hatte.

Icarus übernahm die Aufgabe, zu erzählen, was ihnen geschehen war. Da er sich nicht mit den anderen hatte abstimmen können, übersprang er den Ursprung ihrer Schöpfung.

Im Gegenzug erfuhren sie viel über die Wulf, ihre Denkweise und ihre Philosophie. Als gemeldet wurde, daß der Gleiter gleich ankommen würde, wunderte sich Icarus darüber, wie schnell die Zeit vergangen war.

Gemeinsam verließen sie den Gemeindesaal und gingen zum Landeplatz.


Wenige Minuten später landete der Gleiter. Icarus war froh, als er hörte, daß es keine Schwierigkeiten während ihres Flugs gegeben hatte und daß es auch in den Negras keine Probleme gegeben hatte. Einmal waren sie von einem Gleiter überflogen worden, sie hatten aber rechtzeitig Schutz unter dem Felsen finden können.


Am Abend fand ein großes Fest zu ihren Ehren statt. Die Wulf hatten es kurzfristig organisiert und jeder im Dorf hatte mitgeholfen. Die einen dadurch, daß sie das Fleisch vorbereiteten, die anderen dadurch, daß sie Holz besorgten. Auch die Drak halfen dabei.

Vor den Toren des Dorfes schichteten sie einen großen Holzhaufen an, den sie zur Dämmerung entzündeten.

An diesem Abend teilten die Menschen den anderen mit, daß sie am nächsten Tag in ihre Heimat fliegen würden. Sie wußten nun, daß ihre Kameraden auf Zhad gelandet waren und sie waren sich sicher, daß sie es nicht überlebt hatten. Sie hofften zwar noch, daß sie gefangengehalten wurden, aber sie konnten es nicht glauben.

Sie versprachen, nach einiger Zeit wiederzukommen, um ihre neuen Freunde zu besuchen, aber auch, um dann das Schicksal der anderen endgültig zu klären.

Dominga wußte keine Antwort, als sie von Sabrina gefragt wurde, was sie denn vorhatten. Sie schaute nur fragend Icarus an, der ebenfalls keine Antwort wußte.

,,Ihr könnt bei uns bleiben!`` schlug Norsanio vor. ,,In den Bergen gibt es große trockene Höhlen, in denen ihr vor einer Entdeckung sicher seid. Wir können euch mit der notwendigen Technik ausstatten und wir helfen euch dabei, die Räume bewohnbar zu machen.``

Icarus schaute Dominga fragend an, die zustimmend nickte. ,,Es wäre uns eine Ehre, euer Angebot anzunehmen.``

,,Dann sind wir uns ja einig. Schon morgen fangen wir an, gleich nachdem wir unsere Freunde verabschiedet haben!``


Am nächsten Morgen, kurz nach dem Frühstück zog eine Karawane in die Berge zum Landeplatz der Menschen. Karl war mit Frasenio schon vorher aufgebrochen, um das Raumschiff zu prüfen und abflugbereit zu machen.

Icarus stockte der Atem, als er die Rakete sah. Er war der Meinung, davor nie etwas Schöneres gesehen zu haben, was ihm gleich durch einen Seitenhieb von Dawina belohnt wurde. Die Sonne fing sich in der glänzenden Außenhülle, die von keiner Kante und keiner Fuge unterbrochen wurde.

Der Abflug stand kurz bevor, die Menschen verließen ein letztes Mal das Raumschiff, um sich von ihren Freunden zu verabschieden. Sie wußten noch nicht, wann sie wiederkommen konnten. Sie würden dann aber die Drak dabei unterstützen, einen neuen Widerstand aufzubauen, darüber hatten Karl, Dominga, Dawina und Icarus noch bis spät in die Nacht gesprochen.

Nun kam Karl, der sich von jedem einzelnen verabschiedete zu Icarus, der seltsam still war.

,,Icarus, blas' kein Trübsal, wir kommen ja wieder.``

,,Ich bin davon überzeugt, das ist es nicht. Mir geht nur eine Frage nicht mehr aus dem Kopf.``

,,Und die wäre?``

,,Wo kommt ihr her?``


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