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Drak

,,Wo kommen wir her, Dawina?`` Der warme Flugwind strich durch Icarus' Gesicht.

,,Wie meinst du das?`` Sie ließ sich von einer Böe einfangen, die sie ein paar Meter von Icarus weg trug. Ein paar kräftige Flügelschläge brachten sie wieder neben ihn.

Das Land zog unter ihnen hinweg. Der rötliche Schein der Abendsonne überzog das Land mit einem goldenen Schleier, die weiten Wälder mit den hohen nadeligen Pidiso und den niedrigen großblättrigen Jochtido, die weiten Felder. Keine Straße, kein Haus war zu sehen, nur die Wälder und dazwischen Lichtungen und ausgedehnte Felder. Wieder einmal wunderte sich Icarus darüber, daß nur ihr Kontinent genauso hieß wie die Rasse, die darauf lebte, Drak. Die Namen der anderen sechs Kontinente unterschieden sich von den Rassennamen. Waren es die Parden, die auf Burmasa wohnten, oder die Zenta, die Lasad bevölkerten. Wobei, er wußte nichts über Zhad, denn Zhad war verbotenes Land.

Dawina setzte sich über Icarus, breitete ihre Flügel aus und glitt im Sturzflug an seine Seite, ihr blendendweißer, schulterlanger Zopf, in dem wie bei Icarus nach Art der Drak die hellblauen Fäden der Jugend eingeflochten waren, flatterte dabei im Wind.

,,Wer hat uns geschaffen?``

Dawinas rote Augen glühten im Sonnenschein, als sie ihn erstaunt ansah. ,,Unsere Bruteltern gebären die Kinder, die dann von den Alten aufgezogen werden, das weißt du doch!``

,,Ja, natürlich weiß ich das. Ich meine, wo sind wir alle ursprünglich hergekommen? Irgendwann einmal muß doch alles angefangen haben. Du glaubst doch wohl nicht diese Geschichte von Lota dem Schöpfer!``

Während Icarus steil nach unten flog und mit heftigem Flügelschlagen wieder zu ihr aufstieg, sah Dawina ihn erstaunt an.

,,Bitte? Was hast du gerade gesagt? Doch, natürlich glaube ich an die Geschichte! Glaubst du etwa nicht daran? Laß das ja nicht unsere Lehrer hören, und schon gar nicht die Priester!``

,,Die Priester! Pah. Ich möchte wissen, was die Welt zusammenhält, wieso sie sich dreht, warum wir leben. Ich möchte keine dieser Märchen hören, die die Alten uns erzählen!``

,,Bitte hör' damit auf! Wenn du mir versprichst, nichts mehr davon zu sagen, werde ich auch niemanden etwas davon erzählen. Ich glaube, du bist nur aufgeregt, weil morgen der Tag der Weihe ist. Ich bin gespannt, für was die Alten uns vorgesehen haben.``

,,Was soll daran denn schon spannend sein? Was werden wir denn anderes als Jäger, Viehzüchter oder Bauern? Ich möchte nicht hierbleiben, ich möchte keinen langweiligen Beruf. Ich möchte die Welt kennenlernen, und ich möchte jemanden treffen, der meine Fragen beantworten kann!``

,,Was willst du dort draußen? Dort gibt es nur Städte``, das letzte Wort spuckte sie verächtlich aus, ,,und verpestete Luft, und alles ist überfüllt! Freu' dich lieber, daß du hier leben darfst! Wir leben mit der Natur, die anderen bekämpfen sie! Sie holzen die Wälder ab, um Straßen und Häuser zu bauen!``

,,Woher willst du wissen, wie die Welt außerhalb unseres Kontinents tatsächlich aussieht? Woher willst du wissen, ob es wirklich so ist, wie es uns immer erzählt wird? Warst du schon einmal da?``

,,Nein, natürlich nicht, aber du auch nicht, und ich verlasse mich auf die Geschichten der Alten. Und die haben nur Schlechtes erzählt. Es soll dort sogar Ungläubige geben! Und da möchtest du hin?``

,,Ja! Ich möchte meine Erfahrungen selber machen! Berichte und Erzählungen anderer können doch falsch sein, und wir haben keine Möglichkeit, es zu überprüfen, wenn wir nicht selber das Wissen gesammelt haben. Ich möchte wissen!`` Allmählich regte sich Icarus auf. Kann Dawina denn wirklich so engstirnig sein? Sie ist hübsch, sicherlich. Ihre roten Augen bilden einen wunderbaren Kontrast zu ihrer hellbraunen Haut. Wenn sie so neben mir fliegt, kann ich ihren Körper beobachten, ihre zarten Brüste, die nur durch ein kleines Lederkleid verdeckt sind. Ihre langen, nur leicht schuppigen Beine, ihr kräftiger Schwanz, der immer so unruhig hin- und herschlägt, wenn sie wütend ist, ihre spitzen Eckzähne, mit denen sie ihn neckisch beißt, wenn er zu frech wird. Ja, es könnte so toll mit ihr sein, wenn sie nur etwas aufgeschlossener wäre. Was denkt sie jetzt von mir, wo ich ihr meine innersten Gedanken verraten habe? Wird sie mich verraten, oder ist ihre Freundschaft tief genug? Sie war vorhin kurz zusammengezuckt, sieht jetzt aber wieder so gefaßt aus, als ob ich nichts gesagt hätte.

,,Laß' uns jetzt nach Hause fliegen, wir sollten nicht zu spät kommen, die alte Mosada wollte uns Mädchen noch einiges wegen morgen erzählen``, antwortete sie.

Wieso nur ist er bloß so wild, dachte sie. Wenn er nur halb soviel Kraft in seine Arbeit legen würde, wie in seine Träume. Aber nein, er bleibt der Träumer, der Spinner. Wenn das nicht wäre, wie gerne würde sie mit ihm Nachwuchs für den Clan zeugen. Hoffentlich beruhigt er sich, wenn er seine feste Arbeit zugeteilt bekommt - ansonsten könnte er bald sogar eine Gefahr für den Clan sein. Was würden die Priester sagen, wenn er öffentlich im Dorf seine Meinung sagen würde? Sie liebte ihn, mehr vielleicht, als er wußte, doch die Gemeinschaft, der Clan, ging vor.

Ihre Gedanken spielten verrückt, wie eine Horde Abusa auf der Flucht.


Sie landeten in der Dorfmitte, direkt beim Zeichen Lotas und trennten sich. Dawina ging nach links, an den Holzhütten der Alten, weiter an der Schule und den Quartieren der erwachsenen Frauen vorbei, wo sie am nächsten Tag einziehen würde. Schließlich kam sie an ihrer jetzigen Behausung an, der Hütte für die jugendlichen Frauen.

In dieser Hütte wohnte sie zusammen mit vier Jahrgängen, fünf Kameradinnen würden morgen zusammen mit ihr geweiht werden. Als sie eintrat, sah sie schon, daß sich ihre neunzehn Mitbewohnerinnen auf ein paar Betten in der hinteren rechten Ecke um eine alte Gestalt versammelt hatten.

Es war Mosada. Ihre Haut war schon ganz verblaßt, ihre Haare waren ausgefallen, aber sie strahlte immer noch die Energie und Kraft aus, die Dawina an ihr bewunderte.

,,Ah, Dawina, da kommst du ja endlich. Wir haben auf dich gewartet``, sagte Mosada mit einem leicht vorwurfsvollen Blick, der aber nur gespielt war, denn sie hatte Dawina viel zu gern.

,,Es tut mir leid, Mosada, aber wir waren weiter weggeflogen, als ich gedacht hatte.``

,,Du warst mit Icarus unterwegs?`` Dawina nickte und Mosada fuhr fort: ,,Er ist ein wirklich intelligenter Bursche, du solltest dich mit ihm paaren, das wäre sicherlich gut für den Clan. Aber jetzt möchte ich meine Geschichte erzählen. Komm, setz' dich hin.``


In der Zwischenzeit war Icarus in seine Schlafhütte zurückgekehrt. Als er die Tür öffnete, sahen achtzehn Augenpaare ängstlich in seine Richtung. Seine Kameraden hatten um den Ofen in der Ecke einen Kreis gebildet. Einige saßen auf ihren Knien, andere lagen auf dem Bauch. Als sie sahen, wer es war, entspannten sich ihre Züge.

Monio drehte sich um und winkte Icarus zu sich.

,,Los, Icarus, setz' dich zu uns. Rano hat einen Krug Gal besorgt!``

,,Ich frage ihn lieber nicht, wo er den her hat, oder?``

Statt einer Antwort lächelte ihn Rano aus glasigen Augen an. Das Gal hatte auch schon bei einigen anderen seine Wirkung hinterlassen. Icarus setzte sich neben Monio, griff sich den Krug und nahm einen langen Schluck. Es brannte angenehm in seiner Kehle, und wenig später spürte er wohlige Wärme in seinem Magen.

,,Habt ihr gar keine Angst, daß die Alten noch einmal vorbeischauen könnten?``

,,Sei' kein Walona``, lallte Monio unbekümmert. ,,Keine Sorge, sie waren schon da. Erst danach haben wir den Krug aus dem Versteck geholt. Außerdem dürfen wir ab morgen ganz öffentlich trinken.``

,,Nicht alle von uns. Rano ist erst in drei Jahren dran. Aber egal. Laß' uns auf das Ende unserer Jugend trinken. Wer außer den Alten weiß schon, was wir bald machen werden?``

,,Ollnamo``, antwortete Rano und fing an zu kichern.

,,Du weißt genau, was ich meine. Morgen wirst du noch hier sein, und jeder von uns Älteren wird in einer anderen Hütte bei seinen Ausbildern wohnen. So werden wir nie mehr zusammensein.``

,,Red' nicht so lang', trink!``

Icarus seufzte. ,,Du hast Recht, gib' den Krug 'rüber.``

Sie tranken, bis der Krug leer war. Einige, besonders die Jüngeren, waren schon vorher auf dem Fußboden eingeschlafen. Die, die noch einigermaßen klar waren, brachten die anderen in ihre Betten und zogen sie aus.

Lange, nachdem das Licht gelöscht war und die anderen schon längst schliefen, lag Icarus noch immer wach. Statt ihn einzuschläfern, hatte das Gal bei ihm das Gegenteil bewirkt.

Seine Gedanken kreisten immer wieder um dieselben Dinge. Wie würde sein Leben in Zukunft aussehen? Konnte er sich anpassen? Und wollte er das überhaupt?


Der Morgen graute, und Icarus fühlte sich wie erschlagen. Abgesehen von kurzen, unruhigen Schlafperioden, in denen sein Geist ihm erschreckende Visionen einer möglichen Zukunft vorführte, hatte er die ganze Nacht über wach gelegen.

Monio, als Hüttenältester von den Alten zum Leiter auserkoren, ging von Bett zu Bett, um die Langschläfer wachzubekommen. Als er bei Icarus ankam, knurrte dieser nur zurück.

,,Bin ja wach. Laß' mich schlafen.``

,,Steh' auf, oder willst du den großen Tag verpassen? Die anderen sind schon aufgestanden.``

,,Will' nicht.``

,,Gut, ich mach' dir einen Vorschlag: Ich laß' dich hier noch etwas liegen, während die anderen beim Frühstück sind. Du mußt mir nur versprechen, wach und aufgestanden zu sein, wenn wir zurückkommen.``

,,Hmm``, Icarus zog seine Beine an die Brust, und schloß wieder seine Augen.

,,Falls jemand fragt, werde ich ihm erzählen, daß du die Nacht über vor Aufregung nicht einschlafen konntest, das klingt doch gut, oder? Und kau' ein paar Kabi-Blätter, das sollte die meisten Nachwirkungen des Gal beseitigen.``

,,Hmm``, kam ein weiteres Mal über seine Lippen, dann schloß er wieder seine Augen.


Icarus döste noch ein wenig, konnte sich dann aber doch wenig später dazu aufraffen aufzustehen. Er schleppte sich mehr als er ging in Richtung der Tür. Als er diese öffnete, schien ihm die Morgensonne direkt ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen und ging zum Duschhaus. Was hatte sich hier eigentlich geändert, seit seine Vorfahren vor über fünfhundert Jahren dieses Dorf gegründet hatten? Nichts! Noch immer wohnten sie in Holzhütten, noch immer lebten sie von dem, was sie anbauten, noch immer belieferten sie die vorbeifahrenden Händler anderer Rassen mit ihren Überschüssen. Dafür bekamen sie von den Händlern allerlei Nützliches, wie Werkzeuge und Waffen.

Die einzigen Zeugnisse des Fortschritts in ihrem Dorf waren das Funkgerät und die Duschen. Das Funkgerät stand in der Hütte von Ollnamo, dem Dorfpriester. Was dieser über das Gerät besprach und mit wem, entzog sich Icarus' Kenntnis. Er vermutete jedoch, daß seine Vorgesetzten ihn so über die Geschehnisse auf Dabo informierten, denn immer wieder erzählte Ollnamo Geschichten über die Welt außerhalb ihres Dorfes, obwohl er es nie verließ.

Tief in Gedanken versunken, war Icarus mittlerweile an der Duschhütte angekommen. Im Vorraum zog er seine Lederweste und seine kurze Lederhose aus, dann betrat er den Duschraum, der um diese Uhrzeit leer war. Als das warme Wasser an seinem Körper herunterlief, mußte er wieder daran denken, wie es wohl gewesen war, als vor achtzehn Jahren die Duschen gebaut worden waren. Das war zwei Jahre vor seiner Geburt, aber er konnte es sich lebhaft vorstellen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Vorfahren immer im Fluß gewaschen. Schon lange hatten Händler versucht, ihnen mehr als nur die notwendigsten Gebrauchsgüter zu verkaufen. Diesmal jedoch war der Zeitpunkt gut gewählt. Gerade einen Monat zuvor war Dokkar zum Dorfältesten ernannt worden, obwohl er mit seinen vierzig Jahren dafür noch recht jung war. Ein Flugunfall hatte seine Flügel und seine Beine verkrüppelt. Kurz zuvor war der bisherige Dorfälteste gestorben, also wurde er zu seinem Nachfolger ernannt, damit er der Gemeinschaft so dienen konnte. In dieser Stellung blühte Dokkar auf. Mit einer Energie, die ihm niemand zugetraut hätte, entwickelte er neue Ideen, warf Altes über den Haufen und bewies schnell ein Gespür für das, was wirklich wichtig für den Clan war.

In diese Situation platzte ein besonders gewitzter Händler aus Burmasa, dem westlich gelegenen Kontinent. Er gehörte der Rasse der Parden an, wie die meisten Händler. Die Parden hatten keine Flügel, und statt der ledrigen Haut wie die Drak hatten sie ein braun-weiß-schwarz geflecktes Fell, das auch ihren Kopf bedeckte. Wenn sie keine Kleidung trugen und nicht aufrecht gingen, könnte man sie fast für Tiere halten, deswegen gab es wohl auch den Witz über die Parden, daß sie nur deswegen so aufwendige Kleidung tragen, damit die Drak sie nicht aus Versehen auf der Jagd erlegten. Im Gegensatz zu vielen anderen spottete Icarus jedoch nicht über die Parden. Er hatte schon mit einigen Händlern gesprochen, während sie auf dem Weg zu ihren Gleitern gewesen waren, die sie immer außerhalb des Dorfes landeten. Dort hatte er sich unbeobachtet von den anderen Clanmitgliedern unterhalten können. Sie sahen zwar absolut anders aus, aber in ihren großen rundlichen Köpfen mit den großen, spitzen nach oben abstehenden Ohren ging viel vor, viel mehr als bei seinen Kameraden.

Als dieser Händler aus Burmasa sah, daß sich die Dorfbewohner noch immer im Fluß wuschen, machte er den Vorschlag, ihnen für einen Großteil der überschüssigen Ernte eine Duschhütte zu bauen. Er stieß damit bei Dokkar auf offene Ohren.

Das Geschäft war schnell abgeschlossen, und der Händler hielt sich an sein Versprechen. Einen Monat später landete ein großer Frachtgleiter auf dem Landeplatz außerhalb des Dorfes. Der besagte Händler und zehn weitere Parden stiegen aus. Kaum, daß sie sich für den Standort entschieden hatten, machten sie sich schon an die Arbeit. Sie nahmen eine leerstehende Hütte, die sich etwa im Dorfmittelpunkt befand und bauten diese vollständig um. Zehn Tage später waren sie fertig.

Die meisten Alten standen dieser Neuerung skeptisch gegenüber, wenige, darunter der damalige Dorfpriester, hielten sich mit ihrer Meinung nicht zurück, sondern kritisierten Dokkar offen. Es sollte das erste und einzige Mal gewesen sein, daß sich ein Dorfpriester gegen einen Dorfältesten gestellt hat.

Aber allen Predigten zum Trotz nahmen besonders die Jüngeren die Duschhütte sofort an. Leider verstarb Dokkar kurze Zeit danach, wahrscheinlich an den Spätfolgen seines Unfalls. Icarus hatte sich schon häufig gefragt, wie ihr heutiges Leben ausgesehen würde, hätte Dokkar länger wirken können.


Nach der Dusche ging Icarus in den Umkleideraum, trocknete sich ab und stellte sich unter den Fön, der durch ein paar Solarzellen auf dem Dach versorgt wurde. Er nahm einen Kamm, und strich sorgfältig durch seine langen Haare. Dann nahm er die silbernen Bänder, die nur am Tag der Weihe getragen wurden, und flocht sie in seinen Zopf ein. Am Ende begutachtete er sich im Spiegel und war zufrieden. Auch wenn er der Weihe nichts abgewinnen konnte, so wußte er doch, was die anderen davon hielten, deswegen gab er sich Mühe.

Als er seine Hütte betrat, hatte er das Gefühl, in einen Schwarm Zena geraten zu sein, den lästigsten, lautesten und unruhigsten Insekten, die er kannte. Alle liefen aufgeregt umher. Die Älteren waren aufgeregt, weil heute ihre Weihe bevorstand, die Jüngsten waren auch schon da, sie würden heute aus der Kinderhütte hierher umziehen. Sie stritten sich darum, wer welches Bett bekommen würde, schon bevor ihre Vorgänger überhaupt ihre Sachen gepackt hatten. Die angehenden Erwachsenen liefen nervös umher, begutachteten sich, andere fanden noch den einen oder anderen Fleck auf ihrer Kleidung - den niemand außer ihnen selber sah -, polierten die Gürtel und flochten ihre Zöpfe.

Icarus ging entschlossen auf den Tisch zu, der in der Mitte des Raums stand, ließ alle Hektik von sich abprallen und nahm sich den letzten Weihegürtel. Dieser hatte wohl schon über ein halbes Hundert Weihen gesehen, so zerkratzt war die Schnalle, und so faltig war das Leder des Gürtels. Auf dem Weg zu seinem Platz nahm Icarus ein Tuch und wischte vorsichtig die Silberschnalle blank, die einen Drak darstellte, der eine Kugel in den Händen hielt. Diese Kugel sollte Dabo darstellen, das Bild selber symbolisierte die Bereitschaft der Drak, immer für ihren Planeten und für die anderen Rassen einzustehen.

Auf seinem Bett saß bereits sein Nachfolger und machte es sich bequem, aber ein Zähnefletschen und Fauchen überzeugte ihn recht schnell davon, daß es besser wäre, freiwillig Platz zu machen. Danach setzte sich Icarus auf das Bett und polierte die Schnalle, bis sie fast wieder wie neu aussah.


Die Tür öffnete sich, und eine große Gestalt trat ein, Ollnamo. Er war schon alt, aber immer noch eindrucksvoll, und trotz seiner verblaßten Haut wirkte der Dorfpriester, der dafür sorgte, daß die Weihe traditionsgemäß ablief, immer noch unerschütterlich.

Er verscheuchte die Jüngeren und ließ Icarus und seine vier anderen Kameraden, die heute geweiht werden sollten, vor sich treten. Er ging vom einen zum anderen, richtete hier ein wenig die Kleidung, bemängelte dort den Sitz des Zopfes. Obwohl er mürrisch tat, schien er recht zufrieden mit dem was er sah.

,,Nun, meine Jungen. Heute ist euer großer Tag. Ich will keine großen Reden schwingen, das wird schon Kador für mich übernehmen. Ich wollte euch jetzt nur noch einmal den Zeitplan erläutern. Gleich werde ich euch auf den Dorfplatz führen. Dort wartet bereits das gesamte Dorf auf euch. Anschließend hole ich die Mädchen ab. Die Zeremonie fängt damit an, daß wir Lota huldigen. Ich erzähle die Schöpfungsgeschichte, danach werdet ihr in einer Reihe Aufstellung nehmen.

Kador wird eine Rede halten. Hoffen wir, daß er sich diesmal kurz fassen kann. Anschließend schreitet er euch ab, erzählt etwas über jeden und wird euch schließlich eure zukünftige Bestimmung eröffnen.

Dann gibt es ein Festmahl, die Jäger haben sich diesmal wirklich viel Mühe gegeben, so daß es im Gegensatz zum Vorjahr genug Abusas für alle geben wird. Am Nachmittag werdet ihr dann von den jeweiligen Gruppenleitern eingewiesen. Am Abend zieht ihr in eure neuen Hütten ein. Damit fängt für euch ein neuer Lebensabschnitt an. Nun, dann folgt mir.``

Er trat aus der Hütte, die fünf Jungen folgten ihm in einer Reihe, die von Monio angeführt wurde. Sie gingen an den Hütten vorbei in Richtung Dorfplatz. Dort hatten sich bereits alle vor dem Zeichen Lotas eingefunden, vor dem die Dorfbewohner in den letzten Tagen einen Holzaltar und viele Holzbänke aufgestellt hatten. Die Sonne brach sich in dem Zeichen, der vier Meter hohen, langgestreckten, silbernen Pyramide mit vierzackigem Grundriß und zauberte blitzende Reflexionen auf die Umgebung, die wartenden Drak auf den Bänken und die Jungen, die an den Wartenden vorbeigingen und in der ersten Reihe Platz nahmen.


Ollnamo verschwand und kehrte ein paar Minuten später mit den Mädchen zurück, die sich neben die Jungen in die erste Reihe setzten. Dawina und Icarus tauschten ein paar neckische Blicke aus. Das Tuscheln verstummte, und die Aufmerksamkeit richtete sich auf Ollnamo, der sich mittlerweile hinter den Altar begeben hatte.

,,Liebe Freunde, meine lieben Jungen und Mädchen. Wir haben uns hier versammelt, um wieder einmal ein paar Jugendliche in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufzunehmen. Zur Ehre dieses Tages werde ich euch nun die Geschichte unserer Schöpfung erzählen.

Vor nunmehr fast eintausend Jahren kam Lota, der Schöpfer, auf diese Welt. Er sah sich um und entdeckte, daß diese Welt fruchtbar war und Leben trug. Damit das unbewußte Leben, das bereits existierte, gepflegt werden konnte und diese Welt immer so schön bliebe, erschuf er denkende Wesen und wies ihnen Landstriche zu, die ihnen zur Hege und Pflege übergeben wurden.

Er schuf die eleganten Parden, die Burmasa bewohnen sollten. Die mächtigen Berin schickte er nach Annando, den flinken Wulf wies er Frantika zu. Nach Lasad entsandte er die vierbeinigen Zenta, und Daris sollte die Heimat der den Parden ähnlichen Lowa werden.

Uns Drak wies er diesen Landstrich zu und gab uns die Aufgabe, immer für das Land da zu sein. Er gab uns als einzigem Volk Flügel.

So würden auf allen Kontinenten seine Schöpfungen leben. Der Kontinent Zhad jedoch würde von ihm und seinen Gefährten, den Beobachtern, bewohnt werden und nur den obersten Priestern, den Sama wäre es gestattet, bei ihnen zu weilen.

Und so entwickelten wir uns. Unter der Führung der Priester und unter den Augen der Beobachter wuchsen wir heran und vermehrten uns. Und so leben wir bis heute und so werden wir auch noch morgen und übermorgen leben!``

Mit diesen Worten schloß er die Erzählung. Nun trat Kador nach vorne und stellte sich vor den Altar. Auch Kador trug die Spuren der Zeit an seinem Körper, im Gegensatz zum kraftvoll wirkenden Ollnamo, sah man ihm die Anstrengung an, die er benötigte, um die wenigen Schritte zurückzulegen. Mit seiner dünnen Stimme begrüßte er ,seine Kinder`, wie er die Mitglieder des Clans bezeichnete.

,,Wieder ist ein Jahr vergangen, wieder werden eine Handvoll junger Drak in den Stand der Erwachsenen erhoben. Nehmen wir dies zum Anlaß, um uns zurückzubesinnen, wie es damals bei uns war. Ich erinnere mich noch genau, so als ob es erst gestern gewesen wäre.``

Nun erzählte er seine Erlebnisse als Jugendlicher und welche Gedanken er damals bei der Weihe gehabt hatte. Icarus, der sich bisher nur mit Mühe wachgehalten hatte, schweifte in seinen Gedanken ab.

Er mußte dann wohl eingeschlafen sein, denn Kador hatte seine Rede beendet, und die meisten anderen waren schon aufgestanden und hatten sich hinter ihm aufgestellt. Monio, der ihn wachrüttelte, meinte nur neckisch: ,,So langweilig war seine Rede nun auch wieder nicht``, und nahm neben den anderen Aufstellung. Icarus folgte ihm noch leicht benommen.

Kador ging zu seinem Platz und entnahm einem Beutel ein Dutzend verschiedenfarbiger Bänder, die als Symbol ihrer zukünftigen Stellung dienten.

Kador ging zunächst zu den Mädchen, Dawina machte dabei den Anfang. Er nahm die Bänder und stellte sich vor ihr auf.

,,Dawina, schon als kleines Kind zeigtest du eine Wildheit, die bis zum heutigen Tag anhielt. Der Rat der Alten ist der Meinung, daß du dem Clan deswegen am besten als Jägerin dienen kannst. Du wirst zusammen mit den anderen Jägern durch unser Land fliegen, um wildes Fleisch zu fangen, und so unserem Clan die notwendige Abwechslung unserer Nahrung zu verschaffen.`` Er nahm ein blutrotes Band, und befestigte es ihr an das Ende ihres Zopfes.

,,Du bist jetzt eine Jägerin.``

Sie antwortete mit der traditionellen Formel: ,,Ich danke für die weise Wahl.``

So ging es weiter, bis er vor Icarus stand.

,,Icarus, dein Name ist etwas Besonderes. Dem ersten Drak, den Lota erschuf, verlieh er diesen Namen. Wie dein Name bist auch du etwas Besonderes. Du bist immer ruhig, immer nachdenklich. Manchmal schläfst du auch ein``, fügte er mit einem Grinsen hinzu. ,,Damit du auch weiterhin die Ruhe hast, deinen Gedanken nachzugehen, wirst du dem Clan als Hirte dienen. Du wirst zusammen mit den anderen Hirten unsere Ziega und Randas hüten, und so unseren Clan mit Milch und Fleisch versorgen.`` Er nahm das blaue Band der Hirten und band es an seinen Zopf.

,,Ich danke für die weise Wahl``, sagte Icarus mit versteinertem Gesicht.

,,Der offizielle Teil ist nun beendet, kommt jetzt alle zum Essen!``


Die meisten Dorfbewohner stürmten sofort zu den langen Tischen, auf denen sich die Köstlichkeiten nur so stapelten, nur Icarus trottete langsam hinterher. Dawina drehte sich um und kehrte zu ihm zurück.

,,Ich bin Jägerin, ist das nicht toll? Ich hab' mir das schon immer gewünscht!`` Als sie sah, daß Icarus überhaupt nicht freudig aussah, fügte sie hinzu: ,,Du bist nicht so glücklich über deine Wahl?``

,,Ich freue mich für dich, aber wieso sollte ich darüber glücklich sein, ein Hirte zu sein? Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, die Auswahl ist ja wirklich gering, aber als Hirte kann ich mich mir wirklich nicht vorstellen.``

,,Sei nicht unglücklich darüber! Die Alten wußten schon, weshalb sie dir diesen Beruf gaben. Mit der Zeit wirst du zufrieden sein und ihnen dafür danken. Komm' jetzt zum Essen.``

Icarus folgte ihr. Sie bekamen noch zwei nebeneinander liegende Plätze. Die Jäger hatten in den letzten Tagen weite Reisen zurückgelegt, um Abusa zu erlegen, große Vögel, die das Fliegen verlernt hatten. Ihr Fleisch war würzig aber nicht streng. Zusätzlich gab es Randa-Fleisch und Wadi-Früchte, kleine rote Beeren, die in Quark eingelegt waren. Es gab noch viele andere Sachen, trotzdem hatte Icarus nicht den rechten Appetit.

Unbeteiligt saß er zwischen seinen Clankameraden, die viel lachten und erzählten. Vor allem erzählten die Älteren über ihre Weihe und wie glücklich sie doch heute waren, genau diese Arbeit ausführen zu dürfen.


Nach dem Essen kamen die Gruppenleiter und sammelten ihre neuen Schützlinge ein.

Zu Icarus kam Argo, ein kleiner Drak, der immer wortkarg war. Wenn er sprach, dann nur das Nötigste und das in seiner langsamen Art.

,,Hallo Icarus, ich zeige dir jetzt die Herde. Komm' mit.``

Sie gingen zu einer freien Stelle an der sie ihre Flügel ausbreiteten. Argo flog zu einem Platz nicht weit außerhalb des Dorfes. Dort befanden sich etwa dreißig Randa, fast mannshohe, massige, aber gutmütige Pflanzenfresser mit braunem zotteligen Fell. Sie standen auf einer mittelgroßen Lichtung, die von großen Pidiso umgeben war. In der Mitte befanden sich einige Wadibüsche, an denen sich besonders die Jungtiere gütlich taten. Sie waren umringt von den Muttertieren, die immer wieder Ausschau nach den aggressiven Togaka hielten. Diese rissen zwar normalerweise Massanos und Walonas, aber griffen auch immer wieder verirrte Jungtiere an und verletzten sie so stark, daß sie meist geschlachtet werden mußten.

Die großen Männchen weideten vorwiegend am Rand des Waldes, um Gefahren sofort melden zu können. Außerhalb der Brunftzeit hielten sie Abstand von den Weibchen, von denen viele jetzt trächtig waren. Das Gras, auf dem sie weideten, war noch recht lang, sie konnten also erst vor kurzer Zeit hierher getrieben worden sein.

,,Das sind meine Kinder. Ab heute werden es auch deine sein. Du sorgst dafür, daß sie gutes Gras haben und zusammen bleiben. Auch wenn sie so mächtig aussehen, sind sie doch sanftmütig. Manchmal hat ein Muttertier Probleme bei der Geburt, dann mußt du ihm helfen. Hilf auch schwachen Tieren. Wenn sie zu schwach werden, schlachten wir sie zum Wohle der Gemeinschaft. Wir treiben jetzt die Tiere in ihre Ställe, danach holst du deine Sachen zu uns in die Hirtenhütte.``

Als sie die Randa zurück ins Dorf trieben, versuchte Icarus ein paar Mal mit Argo ins Gespräch zu kommen. Aber dieser ignorierte ihn oder gab nur einsilbige Antworten, also schwieg Icarus schließlich ebenfalls.

Nachdem die Tiere untergebracht waren, zeigte Argo Icarus seine neue Unterkunft. Die Hütte war kleiner als seine alte. Als er die Tür öffnete, kam ihm ein muffiger Geruch entgegen, den er als Randa-Dung identifizierte, dem typischen Eigengeruch der Hirten. In der Hütte befanden sich nur vier Betten, vier Schränke und ein Tisch. Im Grunde genommen war es dieselbe Ausstattung wie in der anderen Hütte, aber hier wirkte alles viel dunkler, weniger freundlich. In zwei der Betten lagen bereits seine neuen Kameraden und schliefen.

Nachdem Argo ihm mit einer schlichten Handbewegung sein Bett und seinen Schrank gezeigt hatte, ging Icarus zurück, um seine Sachen zu holen.


Als Icarus seine alte Hütte betrat, überrollte ihn eine Welle des Lärms. Die Neuen hatten es sich schon bequem gemacht und alberten herum oder prügelten sich aus Spaß. Die Älteren versuchten, Ordnung in das Chaos zu bringen, aber bewirkten auch nicht mehr, als daß sie am Ende ebenfalls auf dem Boden lagen und sich prügelten.

Icarus versuchte, möglichst unbeschadet durch die sich auf dem Boden windenden Körper und fliegenden Kissen zu seinem Schrank zu gelangen. Tatsächlich bekam er den ersten Körpertreffer erst direkt vor seinem Ziel. Er drehte sich reflexartig um, um den Werfer des Kissens zu ermitteln, aber keiner sah in seine Richtung oder gab ihm einen Hinweis, also drehte er sich wieder zurück, öffnete seinen Schrank und holte die Tasche heraus, die er am Morgen gepackt hatte.

In der Tasche befand sich seine Kleidung sowie seine beiden Bücher. Eines der Bücher hatte er heimlich von einem Händler erstanden, ein Physik-Lehrbuch. Niemand wußte, daß er so etwas besaß - und bei der konservativen Einstellung seines Clans war das auch gut so. Es war nicht direkt verboten, nur wurde alles, was den überlieferten Lebensrhythmus ändern konnte, als Gefährdung angesehen, dazu gehörte sogar Wissen. Er nahm außerdem seine Jagdausrüstung, die aus einer Armbrust und einem Jagdmesser bestand.

So beladen verließ er die Hütte, ohne daß ihn jemand ansprach. Mit einem wehmütigen Blick drehte er sich noch einmal um, dann schloß er die Tür und ging in Richtung seiner neuen Unterkunft, während ihm der Vollmond den Weg beschien, derselbe Vollmond, der schon für unzählige Generationen zuvor das Licht in der Dunkelheit gewesen war, die einzige Hoffnung auf eine bessere, hellere Zukunft.

Als er in Gedanken versunken auf dem Rückweg zur stickigen Hütte der Hirten war, merkte er, daß er dazu noch keine Lust hatte, er brauchte noch mehr Zeit zum Nachdenken. Wobei konnte man besser nachdenken, als beim Fliegen? Er schnallte sich die Tasche um den Bauch und befestigte die Armbrust am Gürtel. An einer freien Stelle stieg er auf.


Icarus kreiste über dem Dorf, das wie verlassen dalag, selbst mit seinen guten Augen konnte er niemanden mehr sehen. Die kalte Nachtluft tat ihm gut. Der klare Geruch der Nachtpflanzen regte seinen Geist an. Während er ziellos umherflog, bildeten sich in seinem Kopf die verschiedensten Visionen einer mögliche Zukunft. Er sah sich selber als alten, mürrischen Hirten. Er sah sich als Dorfältesten, er sah sich, wie er kleine Kinder aufzog, aber nichts was er sah, gefiel ihm.

In Gedanken versunken, flog er immer weiter. Auf einmal war etwas anders. Er brauchte ein paar Sekunden, um festzustellen, daß der Mond verschwunden war. Ein paar dicke Wolken hatten sich davor geschoben und verhinderten jetzt, daß er etwas von der Gegend erkennen konnte. Statt wie vorher fast bis zum Horizont blicken zu können, glitten nur noch schemenhaft die Bäume unter ihm dahin. Vielleicht hätte er noch zurückgefunden, wenn er gewußt hätte, in welche Richtung er geflogen war. Da es jetzt keinen Sinn machte, noch weiterzufliegen, suchte er sich die nächste Lichtung, die er erahnen konnte und landete.

In der Mitte der Lichtung breitete er seine Wolldecke aus und machte es sich darauf bequem. Zum Glück gab es bis auf die Togaka keine gefährlichen Tiere, und Icarus kannte keinen einzigen Fall, in dem sie einen Drak angefallen hätten. Er wartete wohl über eine Stunde, aber das Wetter wurde nicht besser. Im Gegenteil, der Himmel verdunkelte sich sogar noch mehr, und ein kühler Wind kam auf. Icarus beschloß, hier zu übernachten. Er packte seinen Schlafsack aus und machte es sich darin bequem. Er mußte noch einmal an seine Vorfahren denken, die in so einer Situation gefroren oder ein Feuer gemacht hätten. Zum Glück besaßen sie heutzutage durch den Handel die kleinen, leichten Schlafsäcke. Er mußte an die vielen Ausflüge denken, die er zusammen mit Dawina unternommen hatte und die jetzt auch ein Ende haben würden. Traurig schlief er ein.


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