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Barmos

Wadif hatte sich mit Icarus unterhalten und Geschichten aus seinem Händlerleben erzählt, als er merkte, wie die Aufmerksamkeit des jungen Draks von ihm abschweifte. Seine roten Augen wurden groß und fast schien es ihm, als würden sie vor Aufregung glühen.

Sie hatten gerade eine vorspringende Klippe umfahren, da tauchte Barmos vor ihnen auf. Wie ein funkelndes Juwel vor rotem Tuch, so wirkte die Stadt im Sonnenuntergang. Noch hoben sich die Fassaden der Wolkenkratzer und Lagerhäuser vor den letzten Strahlen der blutenden Sonne ab, doch schon bald leuchteten sie von selbst.

Als sie in Yachthafen einliefen, war das Sonnenfeuer erloschen. Der Mond versuchte, die Stelle der Sonne einzunehmen, kam aber nicht gegen das Lichtermeer der Stadt an. Barmos wirkte wie ein Tier, die niemals still stehenden Kräne im Hafen tanzten wie Tentakel, der Verkehr der Straßen pulsierte wie Blut in den Gefäßen, und die Hochhäuser streckten sich Krallen gleich dem Himmel entgegen.

Icarus stand nur an der Reling und staunte fassungslos. Er hatte gewußt, daß die Stadt größer sein würde als sein Dorf. Er hatte mit vielem gerechnet, aber das überstieg seine Vorstellungskraft.

Andra stand auf und kam an seine Seite.

,,Barmos ist schön, findest du nicht auch?``

,,Es ist groß, so groß und gewaltig. Ich hätte nicht gedacht, daß es etwas so Großes gibt.``

,,Du magst die Stadt groß finden, aber sie ist im Vergleich zu den Städten in unserer Heimat eine Kleinstadt, trotzdem ist sie die größte Stadt deines Kontinents. Komm' jetzt, wir legen gleich an. Du kannst mir helfen, das Boot festzumachen.``


Sie erreichten das Ufer, und Andra sprang mit der angeborenen Eleganz ihres Volkes auf den Landungssteg. Icarus warf ihr ein Seil zu, das sie mit einem fachmännischen Knoten an einem Poller befestigte. Nachdem das andere Seil ebenfalls befestigt war, ging Andra davon und kam wenige Minuten später mit einem Wagen wieder.

Kaum hatte sie den Wagen angehalten, war Icarus schon da, um ihn sich genauer anzusehen. Auch hier wollte er wieder den Motor sehen, der leise schnurrte, diesmal jedoch konnte Wadif ihm den Wunsch nicht erfüllen, da der Motor unterhalb der Sitze angebracht und nur von unten erreichbar war. Mit einem skeptischen Blick, der wohl ,,und da soll ich reinpassen?`` bedeutete, betrachtete er die beiden Bänke, die sich in diesem kantigen Gefährt befanden, das zwar höher als er selber aber kürzer als seine Spannweite war. Es würde wirklich eng werden.

Andra und Wadif nahmen auf der vorderen Bank Platz, Andra setzte sich wie auch beim Boot auf den Platz mit den Kontrollen. Rado setzte sich auf die hintere Bank hinter Wadif. Icarus entfuhr ein leiser Seufzer, als er einzusteigen versuchte. Rado hatte die Schiebetür von innen geöffnet und weit aufgeschoben, aber trotzdem blieb Icarus beim ersten Versuch mit seinen Flügeln am oberen und seitlichen Türrahmen hängen. Zum Glück bemerkte er es, bevor er sich den Flügel aufriß. Eine Flügelverletzung war schmerzhaft und es dauerte lange, bis sie geheilt war. Beim zweiten Versuch stieg er mit dem Hintern zuerst ein, klemmte sich dabei aber seine Flügel zwischen Sitzbank und Körper ein.

Er stieg noch einmal aus, betrachtete genau die Situation, überlegte und versuchte es ein weiteres Mal. Diesmal stieg er mit dem Kopf zuerst ein, indem er sich tief duckte, mit den Händen am Sitz abstützte und dann seine Beine nachzog, während er sich noch nicht hingesetzt hatte, damit er seine Flügel nicht einklemmte. In der Zwischenzeit war Andra wieder ausgestiegen und knickte seine Flügelspitzen vorsichtig nach vorne ab, damit er weiter nach oben nachrücken konnte. Ein paar Minuten später hatte er es dann endlich geschafft. Andra lächelte ihn entschuldigend an: ,,Dieser Wagen wurde nicht für Drak erbaut``, schloß die hintere Tür, nahm wieder vorne Platz und fuhr los.


Während der Fahrt sah Wadif nach hinten, betrachtete Icarus und fing an zu grinsen. ,,Du siehst aus, als würdest du eine Kaputzenjacke tragen. Mach' doch nicht so ein bedrücktes Gesicht!``

Icarus antwortete verzweifelt: ,,Wenn wir das nächste Mal fahren, bitte, dann irgendwie anders, aber nicht mit diesem Wagen.``

Seine Flügel verdeckten ihm zum großen Teil den Blick durch die Seitenscheiben, so daß er kaum hinausschauen konnte. Wenn er seinen Kopf so weit wie möglich nach vorne neigte und den rechten Flügel ganz weit zurückbog, konnte er zwar mehr erkennen, diese schmerzhafte Haltung aber nicht lange ertragen.

Was er sah und was er entdeckte, entschädigte ihn für alles. Noch nie zuvor hatte er etwas so Großes gesehen. Er hätte nicht einmal für möglich gehalten, daß so etwas existieren könnte. Alleine die hunderte, vielleicht sogar tausende Wagen, die sich durch die Straßen drängten, bannten seine Aufmerksamkeit. Dazu kamen noch die großen und kleinen Gleiter, die sich über ihnen bewegten. Einige entsprachen in etwa den Gleitern, mit denen die Händler die Drak-Siedlungen besuchten, andere erschienen ihm noch gewaltiger, aber die meisten waren fast so klein wie das Fahrzeug, in dem sie sich gerade befanden.

Auch andere Dinge faszinierten Icarus. Diese Hütten, nein Häuser, nein, nicht einmal das war die richtige Bezeichnung für diese enormen Kolosse, die höher waren als jede Steilklippe am Meer und sich drohend den Wolken entgegenzustrecken schienen. Als sie durch eine besonders schmale Schlucht fuhren, ergriff ihn panische Angst, daß diese Giganten ihn erdrücken könnten. Sein Atem ging plötzlich stoßweise und keuchend, und er versuchte vergeblich, sich wieder zu beruhigen. Sein Gesicht war eine Fratze des Erschreckens, aber dann beschimpfte er sich selber, seinen Verstand zu gebrauchen. Er hielt sich die Hände vor die Augen, senkte den Kopf und konzentrierte sich darauf, tief zu atmen. Nach wenigen Minuten hatte er sich zum Glück wieder unter Kontrolle und konnte den Ausblick wieder genießen.

Durch einen kleinen Seitenblick stellte er erleichtert fest, daß seine neuen Freunde anscheinend nichts von seinen Problemen mitbekommen hatten, oder sie schwiegen diplomatisch.


Nach etwa einer halben Stunde Fahrt sagte Andra zu Icarus: ,,Hier wohnen wir``, und verlangsamte den Wagen. Sie bog nach rechts ab und fuhr eine Rampe hinunter, die in ein Haus führte. Sie fuhren einige Meter durch einen engen Tunnel und mußten dann vor einer Barriere halten.

Enge! Icarus hatte wieder das Gefühl, alles würde ihn erdrücken. Draks brauchen freien Raum, die Enge ist nichts für sie. Bevor ihn die Panik übermannen konnte, schloß er seine Augen und atmete langsam und ruhig durch.

Als sie weiterfuhren, wagte er es wieder, aus dem Wagen hinauszuschauen. Sie waren in einem weiten aber flachen Raum mit vielen Stützpfeilern und Wagen der unterschiedlichsten Formen und Größen. Es gab Fahrzeuge, die fast halb so hoch waren wie ihres, nur länger, und aussahen wie ein flacher Keil, andere erinnerten ihn an halbierte Ellipsen. ,,Hier stellen alle Leute, die in diesem Haus wohnen, ihre Fahrzeuge ab. Unser Parkplatz ist in der dritten Unteretage.``

Icarus versuchte anhand der Anzahl der Autos sich vorzustellen, wieviele Parden denn in diesem gewaltigen Klotz lebten, aber schon der Versuch abzuzählen, wieviele Fahrzeuge sich in diesem Stockwerk befanden, war wegen der reinen Menge zum Scheitern verurteilt.

Nachdem sie mehrere Etagen hinuntergefahren waren, hielten sie vor einer Lücke in den Reihen der abgestellten Fahrzeuge an. Andra stieg aus und half Icarus beim Aussteigen. Dies fiel ihm zwar leichter als der Einstieg, es dauerte aber trotzdem wieder Minuten, bis er es geschafft hatte. Endlich befreit, stürmte er zu einer freien Stelle, und breitete seine Flügel mit einem hörbaren Knacken aus. Danach atmete er entspannt auf.

,,Puh, ich hoffe, es gibt bei euch noch andere Möglichkeiten, woanders hin zu kommen. Im Zweifel werde ich einfach fliegen.``

Andra schmunzelte: ,,Das würde ich dir nicht empfehlen. Unsere Stadt ist recht unübersichtlich, du bist hier unkundig und könntest dich zu leicht verfliegen.`` Bei den nächsten Worten verfinsterte sich ihre Miene, ,,Außerdem werden Draks hier nicht gerne gesehen.``

Icarus machte ein bestürztes Gesicht. ,,Wieso?``

,,Wie soll ich es erklären?`` antwortete sie ratlos. ,,Es gibt immer wieder Draks, die von den Städten angezogen werden, wie die Zena vom Feuer. Sei es, weil Händler irgendwelche Geschichten erzählt haben, seien es Legenden, die sich hartnäckig halten. So oder so stranden sie. Entweder hier in Barmos, oder - falls sie es nach Burmasa schaffen - dort. Sie haben kein Geld mehr, um die Rückfahrt zu bezahlen, haben nicht die nötige Bildung, um eine Arbeit zu bekommen, also bekommen sie kein Geld. Und da sie offiziell als Einwohner Draks gelten, sieht die Priesterschaft auch keine Notwendigkeit, ihnen finanziell zu helfen.`` Mit den letzten Worten hatte sie ihre Verzweiflung geradezu hinausfließen lassen. Sie berührte etwas für Icarus Unsichtbares an ihrer Brust unter ihrer Bluse, und plötzlich schien die Kraft, die sie eben noch verlassen hatte, wieder zurückzufließen. Ihre ganze Statur straffte sich. ,,Laß' uns jetzt aber über erfreulichere Dinge reden, für das andere gibt es geeignetere Zeiten und Orte.``


Während des Gesprächs waren sie zu einer großen viereckigen Säule in der Mitte des Parkdecks gegangen, und standen nun vor einer der gelben metallenen Schiebetüren, die sich an jeder Seite der Säule befanden. Als Andra eine viereckige, dunklere Fläche neben der Tür berührte, ertönte ein kurzer Summton und die Fläche leuchtete in einem düsteren Grünton auf.

In den ersten Sekunden leuchtete sie ständig auf, dann wurde sie kurz dunkel und wieder hell. Der Abstand zwischen den dunklen Phasen nahm immer weiter ab, dann hörte Icarus ein Rumpeln, das von oben zu kommen schien. Schließlich erlosch die Lampe, das Rumpeln hörte auf und die Tür öffnete sich in eine Kammer. Nachdem alle eingetreten waren, folgte Icarus, dessen Neugierde jetzt größer war als seine Angst vor engen Räumen.

Neugierig beobachtete er Andra, die auf einer Tastatur eben die Ziffern ,,2`` und ,,3`` eintippte.

Die Tür schloß sich, und Icarus hatte kurz das Gefühl, schwerer zu werden. Gleichzeitig veränderte sich die Anzeige über der Tür, die zuvor G3 angezeigt hatte. Zuerst noch langsam, vollzog sich kurze Zeit später der Wechsel der Anzeige so schnell, daß Icarus Mühe hatte, ihr zu folgen, gleichzeitig wuchs seine Neugier immer weiter an.

Als die vordere Ziffer ,,2`` anzeigte, fühlte sich Icarus leichter und die Anzeige wurde langsamer. Bei der ,,23`` gab es einen Ruck, einen kurzen Summton und die Tür glitt auf.

Schon bevor sie sich ganz geöffnet hatte, drängte sich Icarus hinaus, um sich umzusehen. Ein weicher, grüner Teppich erstreckte sich in einem weiten, rechteckigen Flur mit hellgelben Wänden und einer weißen Decke mit hunderten fingernagelgroßen Lampen, die sternengleich strahlten. Von diesem Flur gingen vier leere Gänge in alle Richtungen ab.

Wadif wollte eben einen dieser Gänge betreten, da sah er, daß Icarus ihnen nicht folgte, sondern wie hypnotisiert ein Bild anstarrte, das an der Flurwand gegenüber des Eingangs hing.

,,Was ist mit dem Bild?`` fragte Wadif und legte eine Hand auf Icarus' Schulter.

,,Es ... es ist seltsam. Das ist ein flaches Bild, aber es sieht so aus, als ob ich hineingreifen könnte``, er schüttelte fassungslos den Kopf.

,,Das ist ein Hologramm, nichts besonderes - besser gesagt, für uns Parden nichts besonders, du hast so etwas ja wohl noch nie zuvor gesehen, oder?``

,,Nein, wirklich nicht. Werde ich hier noch viele dieser Wunder erleben?``

,,Barmos ist voll von Sachen, die dir wohl unbekannt sind oder die du nur aus Erzählungen kennst. Wenn du möchtest, können wir uns heute abend noch umsehen.``

Icarus' Augen begannen zu strahlen. ,,Ja? Können wir gleich los?``

,,Nicht so ungeduldig. Zuerst einmal gehen wir jetzt in unsere Wohnung, dann essen wir gemütlich, und danach können wir uns auf Entdeckungsreise begeben, einverstanden?``

Icarus nickte leicht widerwillig, fügte sich dann aber und folgte schließlich den anderen in einen der Gänge.

In unregelmäßigen Abständen zweigten schmalere Gänge von diesem ab. Zwischen jeweils zwei dieser Gänge befand sich eine Tür mit einer Nummer und einem Namensschild. Vor einer Tür mit der Nummer ,,2310`` und der Beschriftung ,,Sorrat`` hielten sie an.

Andra nahm eine kleine Karte und steckte sie in einen Schlitz neben der Tür. Eine grüne Lampe darüber blinkte, Icarus hörte ein leises ,,Klick``, dann konnten sie die Tür öffnen.


Was die Flure schon durch ihre kräftigen Farben andeuteten, setzte sich in der Wohnung fort. Bunte, rechteckige Sessel wie übergroße Würfel lagen wild umher. Dazwischen standen Pflanzen, schlanke Gebilde und vieles mehr, das Icarus nicht deuten konnte. Von diesem zentralen Raum führten verschiedene Türen in Nachbarräume. Wie auch schon im Flur, so kam hier die Beleuchtung ebenfalls von vielen winzigen Lampen, die unregelmäßig an der Decke verteilt waren.

Icarus' Blick wanderte durch den Raum, als sich Wadif ihm zuwendete: ,,Willkommen in unserer Wohnung. Ich weiß, daß sie für dich groß und luxuriös erscheinen muß, aber laß dir gesagt sein, daß sie es nicht ist. Wir hatten kein Geld für eine höhere Etage oder für eine Wohnung mit Fenstern. Setz' dich doch hin, mach' es dir bequem. Ich bereite in der Zeit das Abendessen vor. Danach können wir sehen, wie wir den Abend angenehm verbringen.``

Rado war in der Zwischenzeit schon in einen Nebenraum verschwunden, Andra setzte sich auf einen dieser Würfel, und bat Icarus, sich doch neben sie zu setzen. Während aus der Küche geschäftiges Klappern ertönte, kamen die beiden ins Gespräch.

Immer wieder stellte Andra gezielte Fragen, so daß Icarus fast das Gefühl hatte, ausgefragt zu werden, schließlich hatte er das Gefühl, ihr alles von ihm erzählt zu haben, von seinen Ängsten bis hin zu seinen Träumen. Kurz bevor Wadif das Essen servierte, verschwand Andra für einen Moment in der Küche. Icarus hörte die beiden leise sprechen, sie waren aber zu leise, um sie zu verstehen.

Nach dem Essen hätte sich Icarus am liebsten noch die Einkaufs- und Vergnügungsstraßen angesehen, die sich in den oberen Etagen befanden und über die sie sich beim Essen unterhalten hatten, aber er wurde plötzlich so müde, daß er nur noch den anderen eine gute Nacht wünschte. Er ging in das Gästezimmer, das sie für ihn vorbereitet hatten, zog sich aus und fiel in einen tiefen, langen Schlaf.


Als Icarus erwachte, beherrschte ihn zunächst nur ein Empfinden: Fremde. Aber nur wenige Augenblicke danach wurde ihm wieder bewußt, wo er sich jetzt befand. Es war ein interessantes Gefühl, am ehesten noch mit dem vergleichbar, das er empfunden hatte, wenn er mit Dawina im Freien schlief. Aber hier war er noch fremder, noch einsamer. Nur, war er hier wirklich einsam? Wadif und Andra hatten ihn wie einen der ihren behandelt, hatten ihm am Abend noch die Freundschaft angeboten. Ja, einsam war er hier nicht, eigentlich schade, daß er bald wieder in seinem Dorf sein würde.

Wie er so ruhig im Bett lag, bäuchlings, und den Unterleib seitlich verdreht mit angezogenen Beinen, seine bevorzugte Schlafstellung, fiel ihm auf, wie seltsam dieses Bett war, in dem er lag. Die Matratzen zuhause waren Stoffsäcke, mit Stroh und getrocknetem Gras gefüllt. Immer wieder fanden einige Halme piekend ihren Weg nach draußen und brachten einen so um den Schlaf.

Hier jedoch gab es kein Pieken. Kein Halm oder ähnliches war zu spüren. Statt dem Schlafenden Widerstand entgegenzusetzen gab die Matratze an den Stellen nach, an denen er sie eindrückte, ohne fester zu werden. Ihm schien es sogar, als ob sie Wellen schlagen würde, wenn er sich bewegte. War sie etwa mit Wasser gefüllt? Parden waren wirklich seltsame Wesen!

Kurz nach dieser Erkenntnis griff ihn die Neugierde und zwang ihn aus dem Bett. Er stieg in die Dusche, die sich im Zimmer befand. Ein weiteres Mal konnte er sich nur über die Parden wundern. In seinem Dorf gab es eine handvoll Duschen für alle, hier aber hatte er seine eigene Dusche, ein Luxus, den er genoß.

Nachdem er sich gewaschen hatte, zog er sich an und verließ den Raum.


Beinahe wäre er mit Rado zusammengestoßen, der mit einem Spielzeuggleiter in der Hand durch die Gegend lief, dann sah er Andra, die in der Küche stand.

,,Guten Morgen, Icarus. Hast du gut geschlafen?``

,,Guten Morgen Andra. Ja, ich glaube, ich habe noch nie so gut geschlafen. Danke noch einmal für eure Gastfreundschaft.``

,,Wenn du das noch häufiger sagst, klebe ich dir ein Pflaster über den Mund. Komm' in die Küche, setz' dich an den Tisch, wenn du noch ein paar Minuten Geduld hast, gibt es gleich Frühstück.``

Er sah Andra zu, wie sie das Frühstück vorbereitete.

Die Drak kannten für die Zubereitung der Speisen nur Herde, die mit Holz befeuert wurden. Fleisch wurde durch Pökeln oder Räuchern haltbar gemacht, andere Methoden gab es nicht, deswegen war Icarus gespannt, welche Wunder er nun miterleben konnte.

Eine Wand bestand aus Schränken, die zum Teil technische Geräte beinhalteten. Andra ging zu einem dieser Schränke, aus dem es beim Öffnen dampfte. Zuerst dachte Icarus, daß es darin so heiß wäre, jetzt holte Andra einige helle Kugeln von Faustgröße heraus, an denen sie sich augenscheinlich nicht verbrannte. Sie bemerkte seinen Blick, und hielt ihm eine der Kugeln hin.

Zuerst war er vorsichtig, dann jedoch siegte seine Neugier, und er griff zu. Heiß! Nein, nicht heiß, sondern ganz, ganz kalt. Er gab die Kugel wieder an Andra zurück, die sie in einen kleineren Schrank mit einer Glasplatte an der Front legte. Sie drückte einen Knopf an der Frontplatte, daraufhin hörte er ein Summen, das von dieser Stelle ausging.

,,Ich mache gerade Brötchen, in zehn Minuten dürften sie fertig sein. Du kennst sicherlich keinen Eisschrank oder Grill, nicht wahr?``

Als er verneinte, fuhr sie fort.

,,Wie kann es nur sein, daß diese Kluft zwischen eurer Rasse und den anderen so groß ist? Wadif bekommt es ja täglich mit, schließlich handelt er mit euch, nur habe ich davor noch nie mit einem Drak gesprochen. Ich konnte mir manchmal die Geschichten kaum vorstellen, die er erzählt hat.``

,,Wenn ich die Wunder sehe, die ihr hier habt, möchte ich beinahe nicht wieder zurück, euer Leben ist so einfach hier.``

,,Einfach? Sagen wir lieber, es ist anders. Wir müssen nicht jagen oder Pflanzen anbauen, um Essen zu bekommen, aber wir müssen handeln, um Geld zu verdienen und müssen dabei in Konkurrenz mit den großen Händlervereinigungen treten, die uns leicht unterbieten können, weil sie die Drak ausnehmen, indem sie ihnen für ihre Waren billigen Plunder anbieten.`` Sie seufzte, berührte dieses Etwas an ihrer Brust, das unter ihrer Bluse lag, richtete sich auf und wechselte das Thema.

,,Wir werden mit Rado zusammen frühstücken, Wadif ist schon unterwegs, er beaufsichtigt die Beladung des Gleiters, mit dem ihr beiden nachher zurückfliegen werdet.``

,,Wann wird das sein?``

,,Ich schätze, daß er in etwa einer halben Stunde wieder hier sein wird. Dann wollte er dich abholen.``

,,So früh? Ich hab' gehofft, mir noch die Stadt ansehen zu können, es gibt so viel, was ich noch nicht gesehen habe.``

,,Das tut mir leid, wirklich. Aber er hat einen Termin in einer anderen Händlerstadt, den er einhalten muß. Ich würde dir ja gerne vorschlagen, noch ein paar Tage bei mir zu bleiben, aber ich muß heute auch noch weg, denn ich habe Verhandlungen in Burmasa zu führen.``

,,Ich werde wohl nie mehr die Gelegenheit haben, mir die Stadt anzusehen. Wenn ich erst mal in meinem Dorf bin, werde ich für den Rest meines Lebens Tiere hüten. Ich würde nur zu gerne etwas Schönes haben, an das ich mich erinnern kann.``

Andra schaute ihn nachdenklich an. ,,Hmm, laß mich überlegen. Wenn ich rüberfliege, werde ich Rado in die Obhut von ein paar Freunden geben. Nach dem Essen werde ich sie anrufen und fragen, ob sie etwas gegen einen Gast haben.``

,,Ja? Danke! Das wäre toll, aber wir müssen meinem Clan unbedingt eine Nachricht übermitteln.``

,,Mach dir keine Sorgen, das wird Wadif schon erledigen. So, jetzt hol' Rado, wir können gleich essen.``


Nach dem Essen glaubte Icarus, der glücklichste Drak der Welt zu sein, denn Ondo, der Bekannte in Burmasa, hatte zugestimmt, als Andra kurz zuvor mit ihm gesprochen hatte. Seine Tochter Tinka würde sich während der paar Tage, die er bleiben wollte, um ihn kümmern.

Kaum, daß Wadif nach Hause gekommen war, empfing ihn Icarus mit dieser Nachricht. Wadif freute sich für ihn, wand aber noch ein, daß er in der anderen Stadt seine Armbrust nicht öffentlich tragen solle, da Waffen dort nur den schwarzen Priestern, den Katak, vorbehalten waren. Wadif sprach dieses Wort mit einer solchen Abscheu aus, daß Icarus nachfragte, wer diese Katak denn seien.

,,Die Katak geben vor, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen, aber ich denke, daß sie in erster Linie dafür sorgen sollen, daß niemand etwas gegen die Priester sagt. Ihre Erscheinung alleine reicht schon aus, die Bürger einzuschüchtern. außerdem sind schon mehr als einmal Leute, die von den Katak festgenommen wurden, nie wieder aufgetaucht, meistens waren es Personen, die in aller Öffentlichkeit ihre Meinung sagten.``

Er wünschte ihm aber trotzdem viel Spaß. Icarus gab ihm noch eine Nachricht an sein Dorf mit, damit sie wußten, daß er noch lebte. Insbesondere sollte er Dawina beruhigen, die sicherlich ansonsten nicht ruhen würde, ihn zu finden. Er würde in spätestens zehn Tagen mit Wadif oder Andra in sein Dorf zurückreisen.


,,Wieso kann ich nicht einfach hinter euch herfliegen?``

Sie standen wieder neben Andras Wagen und wollten zum Flughafen fahren.

,,Es ist zu gefährlich. Du könntest uns zu leicht aus den Augen verlieren. Unser Auto sieht kaum anders aus, als die vielen anderen Fahrzeuge.``

,,Ich habe gute Augen.``

,,Lügner.`` Andra lachte. ,,Drak sind dafür bekannt, die schlechtesten Augen aller Rassen Dabos zu besitzen. So oder so ist es nicht nur das. Außerdem gibt es auch noch die Gleiter, mit denen du zusammenstoßen könntest. In der Zeit, in der du hier bist, bin ich für dich verantwortlich, und ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du durch meine Schuld zu Schaden kommen würdest.``

Widerwillig mußte sich Icarus eingestehen, daß Andra vielleicht Recht haben könnte, sie sich aber auf alle Fälle Sorgen um ihn machte.

Im Flughafengebäude erlebte Icarus zum ersten Mal die Reaktionen der Parden auf Draks. Zuerst empfand er Stolz dabei, daß sie ihn alle anstarrten. Doch als er hörte, was sich die Leute hinter vorgehaltener Hand zuflüsterten, bereute er schon fast wieder den Entschluß, hierher zu kommen.

,,Andra, warum sagen sie so böse Sachen?``

,,Wenn sie Drak sehen, denken sie gleich an diejenigen, die in unserer Stadt dahinvegetieren. Sie sehen, daß ihr immer noch so lebt wie vor hunderten von Jahren, und schließen daraus, daß ihr für das moderne Leben zu dumm seid.

Hast du auch bemerkt, wie sie vor dir zurückweichen? Ihr seid viel kräftiger als wir Parden, das flößt vielen Angst ein. Es ist eine seltsame Mischung aus Angst und Überlegenheitsgefühl, die sie euch Drak gegenüber empfinden.``

,,Aber du hast keine Angst, wieso nicht?``

,,Ich weiß, daß ihr friedfertig seid, und seitdem ich dich traf, weiß ich ebenfalls, daß wenigstens einige von euch das besitzen, das wahre Intelligenz ausmacht.``

,,Und das wäre?``

,,Die Neugierde. Intelligenz ohne das Verlangen nach Wissen ist wie ein großes Faß, in das niemand etwas tut, oder wie ein Brunnen in einer unbewohnten Gegend. Sie ist unnütz, und mit der Zeit verfällt das Wissen, ohne etwas geleistet zu haben.``

Endlich. Endlich gab es jemanden, der ihn verstand, jemand der seine Sehnsucht teilte. Icarus begann zu ahnen, daß es noch andere außer ihm gab, die sich nicht mit den Gegebenheiten abfanden, die nach dem ,,Wieso`` fragten und die Zusammenhänge finden wollten. Auf einmal fühlte er sich nicht mehr so alleine.

Als sie das Flugzeug bestiegen, wanderte sein Blick ständig hin und her, pausenlos nahm er Neues auf. Er hatte einen Fensterplatz bekommen, so hatte er die Gelegenheit, sich einen der beiden Flügel anzusehen, unter dem die mächtigen Triebwerke hingen. Zum Glück war der Innenraum des Flugzeugs recht hoch, so daß er die Flügel wenigstens nach oben hin ausstrecken konnte. Leider gab es keine nach hinten offenen Bänke, so daß er seine Flügel auch dort hin hätte ausstrecken können. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf seinen unteren Flügelenden zu sitzen, aber diese kleine Unbequemlichkeit nahm er ruhig in Kauf, hatte er doch die Gelegenheit, sich eine richtige Großstadt anzusehen.


Von den Motoren ertönte ein leises Sirren, dann wurde dieser Ton von einem Fauchen übertönt, und Icarus sah, wie die Luft hinter den Triebwerken auf einmal anfing, zu flimmern. Das Fauchen wurde lauter, immer lauter, Icarus spürte, wie sein Sitz, wie alles anfing zu vibrieren, da fuhren sie los. Zuerst langsam, dann immer schneller rollten sie, das Rumpeln nahm immer mehr zu, dann endete es auf einmal, sie waren abgehoben.

Das Fauchen der Triebwerke nahm ab, oder es wurde von den pfeifenden Windgeräuschen übertönt, da war sich Icarus nicht sicher. Sie flogen jetzt schon schneller und höher, als er das jemals getan hatte, und sie stiegen immer noch höher. Dann flogen sie in die Wolken.

Icarus war noch nie in den Wolken gewesen. Manchmal hatte er versucht, so hoch zu fliegen, aber er hatte es nicht geschafft. Bei schlechtem Wetter waren die Wolken niedriger, bei Gewitter hätte er sie vielleicht sogar erreichen können, aber er war nicht dumm genug, es dann zu versuchen, er kannte die Geschichten, die die Alten erzählten, und diese eine Geschichte glaubte er ihnen.


Es war vor etwa dreißig Jahren gewesen. Ein junger Drak, vierzehn Jahre alt, wollte die Wolken berühren. Er hatte es häufig versucht, aber sie nie erreicht. Dann war gewittriges Wetter und Icarus, wie der andere Drak ebenfalls hieß, sah seine Chance gekommen. Er sah die Gefahr, die von diesen Wolken ausging, er sah aber auch gleichsam die dunklen Wolken, die so nah waren wie noch nie zuvor. Vernunft und Versuchung kämpften in ihm. Schließlich stieg er auf, obwohl ihn alle davor gewarnt hatten. Die anderen Drak flogen nicht hinterher, um ihn abzuhalten, denn das Fliegen bei Gewitter war zu gefährlich, und alle hofften, daß Icarus sich noch eines Besseren besinnen würde.

Aber Icarus flog und flog, höher und höher, den Gewitterwolken entgegen. Die gesamte Dorfgemeinschaft hatte sich jetzt auf dem Platz versammelt und schaute in den Himmel. Sie alle beteten zu Lota, daß ihn die Blitze verfehlen würden, die jetzt anfingen, ihr grelles Licht zu verbreiten.

Und Icarus stieg und stieg, und die Gedanken des Clans waren bei ihm. Entgegen aller Vernunft wünschten sie ihm, er möge die Wolken erreichen. Und da hatte er es geschafft! Plötzlich verschwand seine Gestalt, wurde von der dunklen Wolkenwand verschluckt, und das Dorf jubelte. Sie umarmten sich gegenseitig und dankten Lota für seine Gnade. Da erschien Icarus' Gestalt wieder.

Ein gleißender Blitz erhellte den Dorfplatz, so daß sie geblendet die Augen schließen mußten. Das nächste, was sie sahen, nachdem sie ihre Augen wieder öffneten, war etwas, das einer brennenden Fackel gleich vom Himmel stürzte, es war Icarus.

Als sie ihn schließlich fanden, war alles, was von ihm übrig geblieben war, nur noch ein schwarzer unförmiger Haufen. Er hatte nie erzählen können, wie es in den Wolken gewesen war.


Und jetzt war wieder ein Icarus in den Wolken, was für ein Zufall! Diesmal würde der Icarus aber wieder sicher landen können und er würde erzählenkönnen, was er entdeckt hatte.

Er war enttäuscht, als er feststellte, daß die Wolken nichts anderes als Nebel waren. Er wußte selber nicht, was er erwartet hatte, aber Nebel?

Sie durchstießen die Wolkendecke, und er hatte einen phantastischen Blick auf diese unendliche, weiße Weite, die von der strahlenden Sonne gleißend beschienen wurde, und über ihm spannte sich ein blauer, fast etwas ins Schwarze gehender Himmel auf. Die Wolken waren langweilig gewesen, aber dieser Ausblick hatte etwas Erhebendes an sich.

,,Es ist schön, nicht wahr?`` störte Andra seine Gedanken. ,,Icarus, ich möchte dir noch ein paar Verhaltensregeln für Arridos geben. Barmos ist eine junge Stadt, wir leben hier sehr freizügig und unabhängig. Arridos ist das Gegenteil. Diese Stadt ist sehr alt, die Priester sagen, daß sie von Lota gegründet worden sein soll. Die Katak sind überall auf der Straße vertreten, um zu gewährleisten, daß niemand das Wort Lotas lästert.

Wenn du also in der Stadt bist, achte darauf, dich mit Ehrfurcht zu bewegen. Laute Musik und grelle Lichter werden außer im Vergnügungsviertel nicht geschätzt. Die Priester haben das Recht, Leute, die ihnen aufgefallen sind, zu ermahnen, oder sie sogar mit in die Zentralen zu nehmen. Und es gibt Einige, die nie wiedergekehrt sind.``

,,Ob die Priester auch etwas gegen mich haben werden?``

,,Ich denke nicht. Wir sind Lotas Geschöpfe, deswegen wirst Du wohl von dieser Seite aus keine Probleme zu erwarten haben. Sie unternehmen nichts gegen die vagabundierenden Drak, wieso also sollten sie etwas gegen einen Drak haben, der einfach nur zu Besuch ist? Und falls doch, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen.`` Mit diesen Worten griff sie wieder an ihre Bluse.


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icarus@dabo.de