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Arridos

Bei ihrer Landung tobte ein Sturm, der das Flugzeug immer wieder ergriff und es hin und herschleuderte. Icarus fühlte sich hilflos. Sonst war er den Gewalten der Natur zwar direkt ausgesetzt, hatte dafür aber sein Schicksal selbst in der Hand. Hier war er auf das Können eines anderen angewiesen, dadurch wurde er von Minute zu Minute unruhiger.

Er atmete auf, als sie endlich landeten. Sie verließen das Flugzeug über eine Rampe, die direkt mit einer großen Halle verbunden war, dem Abfertigungsgebäude, wie Andra erklärte. Schon im Gebäude fiel ihm auf, daß Arridos anders war. Der Flughafen Barmos war in allen Farben des Regenbogens gestrichen worden und strahlte dadurch Freundlichkeit, ja fast Fröhlichkeit aus. Hier überwog kaltes Weiß und Schwarz. In Barmos waren die Leute fröhlich lärmend durch die Geschäfte am Flughafen gezogen. Hier gingen die Leute mit gesenktem Haupt und schweigend ihrer Wege. In Barmos hatten die Leute sich offen sichtbar nach ihm umgedreht, hier jedoch schauten nur wenige mit vorsichtigen, unruhigen Blicken.

Und überall waren die Priester präsent. Sie trugen weite schwarzen Hosen. Ihre Oberkörper waren bedeckt durch schwarze, knopflose Hemden, ihre Hände steckten in schwarzen Handschuhen. An ihren Gürteln hingen schwarze Funkgeräte und schwarze Schußwaffen. Am bedrückensten waren allerdings ihre Köpfe, denn man konnte sie nicht sehen. Die Priester trugen schwarze Kappen, und nur an den zwei Ausbuchtungen am Kopfende für die Ohren konnte Icarus erkennen, daß es Parden waren.

Sie standen wie unerschütterliche Felsen mitten im Strom der sich ständig bewegenden Parden. Ihre Hände waren auf dem Rücken verschränkt, der Kopf streng nach vorne gerichtet. Icarus hatte das beklemmende Gefühl, daß sie mit ihrem Blick unsichtbar für die anderen von einem Passanten zum anderen wanderten.

Der Weg zum Ausgang führte sie dicht an einem Priester vorbei. Icarus' Beklommenheit wuchs mit jedem Schritt, den er sich ihm näherte und nahm nicht wieder ab.


In der Nähe des Ausgangs stand ein Parde, der sich anscheinend von all dem nicht beeindrucken ließ, er strahlte über das ganze Gesicht. Als er Andra bemerkte, rief er: ,,Andra``, und stürmte auf sie zu. Icarus merkte richtig, wie alle in der Halle gespannt die Luft anhielten. Die Priester ließen sich nichts anmerken.

,,Hallo Ondo! Fröhlich wie immer?``

,,Natürlich, meine Liebe! Wie geht es dir? Hallo Rado! Bist du schon wieder gewachsen?`` Dann wandte er sich Icarus zu.

,,Du mußt Icarus sein. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Man trifft selten neugierige Draks. Kommt, laßt uns diese fröhlichen Hallen verlassen, mein Wagen steht draußen.``

Diesmal zog es Icarus vor, sich in den engen Wagen zu quetschen, denn der Sturm wütete draußen weiter und entlud Unmengen von Wasser über ihnen. Obwohl es erst früher Nachmittag war, war der Himmel dunkel wie in tiefer Nacht. Keine Fußgänger waren zu sehen, nur die unerschütterlichen Priester standen an jeder Ecke. Die Autos schlichen langsam durch die finsteren, engen Straßen. Die Häuser waren noch höher als in Barmos, fast alle waren mehrere hundert Meter hoch, aber durch die geringe Beleuchtung hatten sie etwas Beklemmendes, ja fast Bedrohliches an sich. In Icarus entstand der Wunsch, sofort wieder umzukehren.

Ondo schien seine Gedanken erraten zu haben.

,,Laß dich nicht vom äußeren Schein blenden. In Barmos findet das Leben auf der Straße statt, hier wirkt es im Verborgenen, ist aber dadurch erheblich intensiver und weniger oberflächlich. Ich liebe diese Stadt.``

In diesem Moment bremste er seinen Wagen ab und fuhr in eine Tiefgarage. Es erinnerte Icarus gleich an das Haus, in dem Andra und Wadif wohnten. Auch hier fuhren sie mehrere Stockwerke tief, bevor sie in einer Bucht einparkten. Und es gab den großen Zentralpfeiler mit mehreren Aufzügen.


Sie fuhren bis zur sechzigsten Etage. Wieder führte dieser Fahrstuhl in eine Zentralhalle, von der vier Gänge fortführten. Es erinnerte Icarus gleich an Barmos, aber etwas war anders. Sicher, auch hier waren hunderte von Lampen an der Decke, auch hier war der Fußboden schön weich, nur war alles in dunklem Braun gehalten, was er beim besten Willen nicht als freundlich bezeichnen konnte, und die Hologramme fehlten.

Sie folgten einem der Gänge, bis dieser vor einem Fenster endete. Icarus schaute hinaus und sein Blick stürzte fast in die Tiefe, so weit war der Boden von ihnen entfernt. Sie waren höher, als er normalerweise flog! Ganz unten sah er die Lichter der Autos, die geduckt durch die Straßen schlichen. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Haus, das mindestens genauso hoch war. Je länger Icarus es anstarrte, desto mehr hatte er das Gefühl, es würde auf ihn stürzen und ihn begraben wollen.

Ondo hatte seinen Blick verfolgt.

,,Hoch, nicht war? Manchmal, wenn ich aus meiner Wohnung herausschaue, wünsche ich mir, ich hätte keine Fenster. Aber wenn das Gefühl übermächtig wird, lasse ich meine Arbeit stehen und fahre hinaus aufs Land. Falls du noch die Zeit haben solltest, werde ich dir die Umgebung von Arridos zeigen, sie ist wirklich schön.``

,,Gerne, ich sehne mich jetzt schon nach der Natur.``

Ondo schloß die Tür auf. War bis zu seiner Wohnung alles in dunklen, tristen Tönen gehalten, fing hier eine neue Welt an.


Die Tür öffnete sich in einen hellen Raum mit schneeweißen Wänden an denen sich einige der vielen Pflanzen im Raum entlangrankten. Andere befanden sich auf Ständern mitten im Raum. Icarus konnte nicht begründen wieso, aber er hatte sofort das Gefühl, hier zu Hause zu sein.

Große, bunte Kissen in der Mitte des Raums machten aus dem Spiel aus Weiß und Grün ein fröhliches Farbengewitter. Auf einem dieser Kissen räkelte sich bäuchlings eine junge Pardenfrau mit einem Buch zwischen ihren zarten Händen. Ihr hellbraunes Fell mit vielen kleinen schwarzen und weißen Punkten wurde nur durch einen kleinen Slip verdeckt, ansonsten hatte Icarus freien Blick auf ihren Körper. Ihr zarter Schwanz bewegte sich auf ihren schlanken Beinen wie ein selbständiges Lebewesen gleichmäßig hin und her.

Nach einigen Momenten richtete sich zuerst der Schwanz steil auf, dann drehte sie erschrocken ihren Kopf in Richtung der Tür. Nervös wollte sie aufstehen, bemerkte, daß ihr Busen unbedeckt war, zuckte zurück und blickte vorsichtig aber gleichzeitig selbstbewußt auf.

,,Äh, hallo Vater, hallo Andra, hallo Rado. Hallo ... Icarus? Ich würde dich gerne stehend begrüßen, aber, naja, du siehst ja. Ich habe euch nicht so früh erwartet.``

,,Kein Problem, Tinka, bleib liegen. Icarus, das ist Tinka, meine Tochter. Komm, Andra, laß uns in mein Büro gehen, wir haben einige geschäftliche Dinge zu besprechen.``

Mit diesen Worten verließ Ondo, gefolgt von Andra und Rado, den Raum durch eine Tür in einen Nebenraum.


,,Warte kurz, Icarus, ich ziehe mir nur etwas über. Und setz' dich irgendwo hin.``

Tinka stand auf, Icarus konnte ihre zarten, verlockenden Brüste sehen, bevor sie in einem anderen Raum verschwand, den sie nach einigen Augenblicken wieder verließ. Sie hatte sich ein kurzes schwarzes Kleid übergeworfen und setzte sich mit gekreuzten Beinen vor Icarus hin.

,,So, jetzt bin ich bereit. Erzähl' mir was von dir.`` Ihre gelben Augen leuchteten erwartungsvoll.

,,Meinen Namen weißt du ja schon. Ich bin vor sechzehn Jahren geboren worden, stamme aus Jurgas Clan und wurde vor ein paar Tagen zum Erwachsenen geweiht. Wenn ich wieder zurückkehre, werde ich Hirte sein, dann werde ich auch das blaue Band der Hirten tragen. Zur Zeit trage ich das silberne Band der Weihe, weil ich noch nicht mit meiner neuen Aufgabe angefangen habe.``

,,Du meinst dieses silberne Teil da in deinem Haar, oder?``

Icarus nickte, und sie fing an, über sich zu erzählen.

Sie erzählte, daß sie vor achtzehn Jahren in Arridos geboren war. Ondo war ihr Vater, ihre Mutter, Nadira, war vor fast zehn Jahren durch einen Unfall gestorben. Sie hatte das damals nicht richtig mitbekommen. Eines Tages fuhr Nadira los, um etwas zu erledigen. Nach ein paar Stunden kamen zwei Katak zu ihnen und teilten ihrem Vater mit, daß seine Frau bei einem Autounfall gestorben sei. Hier stockte sie in ihrer Erzählung, fuhr dann aber fort zu erzählen, daß sie lange gebraucht hatte, um das zu verstehen, und noch länger, um damit fertig zu werden.

Icarus schien es, als ob ihre Augen einen glasigen Schimmer annahmen. Sie schloß kurz ihre Augen, schluckte, und fuhr mit ihrer Erzählung fort.

,,Mein Vater hörte mit seinen Handelsreisen nach Drak auf, und kümmerte sich fortan um meine Erziehung. Er eröffnete hier ein Zentralbüro für die unabhängigen Drakhändler wie zum Beispiel Andra und Wadif. Seitdem haben die kleinen Händler eine Anlaufstelle, die sich um sie kümmert. Mein Vater organisiert An- und Verkäufe im großen Stil, bietet Rechtsbeistand bei Streitereien und hilft auch mal bei Verkaufsverhandlungen.``

Wie schnell konnte sich ihre Stimmung bloß verändern? Vor ein paar Momenten noch traurig, fließt nun aus jeder Silbe, jedem Wort, das sie spricht, der pure Stolz auf ihren Vater. Icarus wurde nachdenklich. Fühlte man so für seine Eltern?

,,Nach der Oberschule besuche ich seit diesem Sommer die Hochschule mit dem Schwerpunkt Biologie, ich möchte später Ärztin werden, damit ich anderen helfen kann, wenn sie in Not geraten sind.``

Icarus nickte bedächtigt und fragte: ,,Ist der Tod deiner Mutter der Grund dafür?``

,,Kann sein, ich habe noch nie darüber nachgedacht``, sie schwieg einen Moment, ,,aber vielleicht hast du Recht. Und du, wolltest du immer Hirte werden?``

,,Nein! Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen.`` Wie um das zu unterstreichen, versteifte er seinen Oberkörper.

,,Aber wieso wirst du es dann? Hast du denn nichts Besseres zur Auswahl?``

,,Bei uns entscheiden die Alten darüber, was wir werden. Aber ich denke, keine der Möglichkeiten, die es gab, wäre etwas gewesen, was mir gefällt. Mich interessiert die Technik, mich interessiert das Wissen an sich. Ich möchte wissen, was die Welt zusammenhält. Ich möchte wissen, wo wir herkommen.``

,,Du möchtest unsere Herkunft erfahren? Dann schau' in das Buch Lotas, dort steht die Antwort.``

,,Glaubst du den Schwachsinn, der dort steht?`` Er winkte ab. ,,Glaubst du etwa, daß es jemals einen Lota gab?``

Ihre Augen weiteten sich einen Moment, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. ,,Ich gebe dir einen guten Rat: Wenn du diese Äußerung jemals vor den falschen Leuten wiederholst, bist du schneller bei den Katak, als du denken kannst. Und einige sind nie zurückgekehrt!

Aber um dir eine Antwort zu geben: Nein, ich glaube nicht, daß es Lota gab, aber das bleibt unter uns. Sag es niemandem, auch meinem Vater oder Andra nicht.``

Sie machte eine Pause, dann wechselte sie das Thema. ,,Ich habe eine Idee: Um deine Neugier ein bißchen zu befriedigen, kann ich dich nachher in die Hochschulbücherei mitnehmen, dort gibt es gesammelte Informationen zu allem, was wir wissen, beziehungsweise zu allem, was wir wissen dürfen.``

,,Das wäre toll. Ich würde zu gerne so viel wie möglich erfahren, bevor ich wieder zurück muß.``

Sie neigte ihren Kopf, zwinkerte aufreizend mit ihren Augen und verschränkte die Arme vor der Brust und fragte: ,,Mußt du denn zurück?``

,,Ja, denn der Clan braucht mich. Die Alten haben entschieden, mich zum Hirten zu machen, weil wir einen Hirten brauchten, auch wenn mir persönlich das nicht gefällt. Aber ein paar Tage länger können sie wohl schon noch warten. Wadif wollte auf seiner Verkaufsreise in meinem Dorf Bescheid geben, daß ich noch lebe, das dürfte reichen.``

,,Gut, dann laß uns vor dem Abendessen noch in der Bücherei vorbeischauen.``

Sie sagten noch kurz Bescheid, Tinka zog sich ein längeres, züchtigeres Kleid an, dann waren sie auch schon auf dem Weg.


Sie verließen die Wohnung, stiegen in den Fahrstuhl und verließen ihn wieder im Erdgeschoß. Auf ihrem Weg zur U-Bahn begegneten sie einigen Leute, von denen sie zum Teil versteckt, zum Teil aber auch recht auffällig gemustert wurden.

,,Du fällst mehr auf als ich, wenn ich nackt durch die Stadt ginge!``

,,Also, wenn ich die Wahl hätte, würde ich dich lieber nackt sehen!`` antwortete Icarus genüßlich.

Sie grinste. ,,Danke, das merke ich mir.``

Einen Häuserblock entfernt lag die nächste U-Bahnstation. Eine breite Treppe führte hinab in eine helle Halle mit zwei Gleisanschlüssen auf gegenüberliegenden Seiten. Die Wagen kamen und gingen fast im Minutentakt, so daß die Massen, die sich hier befanden, trotzdem zügig befördert wurden.

Sie kamen an ein Drehkreuz, vor dem ein Pfeiler mit einem Schlitz stand. Tinka nahm eine Plastikkarte und steckte sie hinein. Daraufhin summte es, und Tinka konnte passieren. Sie gab Icarus die Karte, der die Prozedur wiederholte.

Zwei Minuten später befanden sie sich in einem der vollgestopften Wagen. Wegen der vielen Parden, die sich bereits darin befanden, konnten sie nur stehen. Icarus hatte wieder Probleme mit seinen Flügeln. Als er einen freien Platz an der Wand fand, atmete er auf.

Vor jeder Station wurde der Name der Haltestelle durch Lautsprecher angesagt. Als ,,Hochschulbezirk`` aus den Lautsprechern erklang, arbeiteten Icarus und Tinka sich zum Ausgang vor. Ein paar Mal war Icarus versucht, mit den Zähnen zu fletschen, er erinnerte sich jedoch rechtzeitig an Andras Ermahnung.

Dieser U-Bahnhof war größer, viel größer. Auf mehreren Etagen kamen und gingen die Züge, sechs Linien kreuzten sich hier, dementsprechend groß war das Gedränge. Sie waren im dritten Untergeschoß und mußten sich über mehrere Treppen nach oben durchkämpfen. Die verkniffenen und angespannten Gesichter strahlten etwas Kaltes, Unsympathisches aus. Auch wenn Ondo diese Stadt liebte, Icarus konnte ihr nichts abgewinnen.


Als sie ins Freie traten, war die Sonne zwischen den Wolken hervorgekommen. Junge Parden gingen in größeren oder kleineren Gruppen über die breiten, mit weißen Kieseln bedeckten Wege. Links und rechts der Wege, auf den weiten Wiesen, zum Teil unter den kleinen und größeren Bäumen, lagen hunderte, vielleicht sogar tausende von Parden auf Decken, saßen im Gras, lasen Bücher oder diskutierten miteinander.

Trotz des regen Treibens strahlte dieser Ort beinahe Ruhe und Gelassenheit aus. Icarus sah nicht einen einzigen schwarzen Priester, obwohl sie sonst überall präsent waren. Diese Idylle wurde von den umgebenden Gebäuden fast wieder zerstört, die so aussahen, als ob ein riesenhaftes Monster schwarze Bauklötze in den Park geworfen hätte. Im Gegensatz zu ihrer enormen Breite waren diese schwarzen, kantigen Gebäude recht flach. Alles an ihnen war schwarz, sogar die Fenster waren dunkel getönt.

Einige Gebäude lagen scheinbar willkürlich verteilt in der Parklandschaft, die meisten jedoch umgaben sie trotz ihrer Schwärze wie ein schützender Wall, hinter dem die Kälte der Stadt lauerte.


Tinka ging mit ihm zielstrebig auf ein Gebäude in der Mitte des Parks zu und verschwand in dem Eingang, über dem in großen, weißen Buchstaben ,,Bücherei, Eingang Ost`` stand. Als Icarus eintrat, befand er sich in einer großen Halle, in der sich viele hundert Bildschirme befanden, vor denen einzelne oder Gruppen von Parden saßen.

Tinka nahm vor einem freien Bildschirm Platz, Icarus holte sich einen Stuhl. Neugierig verfolgte er jede Handbewegung Tinkas.

,,Ich muß mich jetzt anmelden, dazu gebe ich über die Tastatur meine ID ein, lege dann meine Hand auf die Glasplatte dort, damit meine Identität überprüft werden kann, jetzt kann ich Suchanfragen stellen. Er zeigt mir dann alle entsprechenden Titel, und ich kann auf Wunsch die Suche einschränken oder erweitern.

Wenn ich das gefunden habe, was ich suche, habe ich die Wahl, es entweder hier am Rechner zu lesen oder, wenn es einzelne Artikel sind, diese auszudrucken. Das meiste ist allerdings auch in gebundener Fassung erhältlich. Ich bekomme dann das Buch dort hinten am Tresen, wenn ich meine Bearbeitungsnummer nenne.

Was möchtest du wissen?``

,,Alles, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen möchte. Ich habe in meinem Buch etwas über Stromerzeugung gelesen. Ich weiß, daß in unserem Dorf der Strom aus Solarzellen stammt, aber ich weiß nicht genau, wie das funktioniert. Dann gibt es noch ,Reaktoren`, da weiß ich nur irgendetwas von Atomen die gespalten oder verschmolzen werden, nur was da passiert oder was Atome genau sind, das stand da nicht.

Ich möchte wissen, wie wir aufgebaut sind, wie unsere Körper funktionieren, wo die Unterschiede zwischen Drak und Parden liegen und wo die Gemeinsamkeiten. Dann möchte ich wissen, wieso die Parden eine solche Technik entwickelt haben, während die Drak immer noch so leben wie vor hunderten von Jahren.

Ich möchte noch mehr wissen. Mich interessiert, wie so hohe Häuser gebaut werden können, wie die Autos und die Flugzeuge genau funktionieren, was die Sterne sind, wieso die Sonne so heiß ist und was sie vom Mond unterscheidet.

Und meine endgültige Frage kennst du ja auch schon.``

,,Bei diesem Wissensdurst und bei der kurzen Zeit, in der du ihn stillen mußt, denke ich, daß dir mit einem allgemeinen Überblick mehr geholfen ist, als mit einem Buch, das in die Tiefe geht.

Ich denke, wir fangen mal mit einem Lehrbuch zum Thema Atomphysik an. Wenn du das verstanden hast, kannst du mit der Astronomie, der Kunde von den Sternen, weitermachen. Das letzte Thema müssen wir mit ziemlicher viel Vorsicht angehen - und Vorsicht kostet Zeit.``

Tinka startete auf dem Rechner Suchanfragen und schachtelte sie soweit, bis sie zufrieden mit der Auswahl war. Am Ende druckte sie einen Zettel aus, auf dem sich drei Anfragenummern sowie ihre ID befanden. Als sie zur Ausgabe gingen, erklärte Tinka ihre Auswahl.

,,Ich habe dir jetzt drei Bücher ausgesucht. Das eine beschäftigt sich mit dem Atom und seinen Möglichkeiten, wie der Spaltung oder der Fusion. Das nächste erklärt unsere heutige Technik, und das letzte beschreibt das, was wir heute über die Sterne wissen. Sie sollen alle recht einfach gehalten sein, die Zielgruppe sind etwas ältere Kinder.``

Er schoß kerzengerade auf, verschränkte die Fäuste in den Seiten, sogar seine Flügel falteten sich spontan auf. ,,Ich bin kein Kind, ich bin ein Erwachsener!``

Die Leute in der Halle sahen nun auf, empört und gestört durch seinen Aufruf. Tinka legte ihre Hand beruhigend auf seine Schulter.

,,Zum einen fehlt dir schlicht die Ausbildung, das Wissen um die grundsätzlichen Sachen, zum anderen bist du laut den Bestimmungen der Parden bis zu deinem neunzehnten Lebensjahr ein Jugendlicher. Versteh' erstmal, was in diesen Bücher steht, dann sehen wir weiter. Äh, und falte deine Flügel lieber wieder zusammen, du hast auf dem Nachbartisch eine ziemliche Unordnung verursacht.``

Icarus schaute zur Seite und bemerkte erst jetzt, daß er mit seinen Flügeln einen Stapel Bücher sowie mehrere hundert Blatt einer Liste auf den Boden befördert haben mußte. Der Parde, dem diese Bücher gehörten, war gerade dabei, das Chaos wieder zu beseitigen.

Schuldbewußt fragte er, ob er helfen könne. Dabei stieß er aber gegen einen anderen Stapel, während Tinka verzweifelt versuchte, ernst zu bleiben.

Bevor er noch mehr Unheil anstellte, packte sie ihn an seinem Kragen, und schleppte ihn weiter zur Bücherausgabe.


Sie mußten einige Minuten warten, bis ihre Bücher kamen. In der Zwischenzeit schaute sich Icarus um. Auch hier hatte er durch sein Erscheinen Aufregung verursacht. Allerdings wurde er nicht wie ein Fremdkörper angestarrt, vielmehr schimmerte in vielen Augen Neugierde, dieselbe Neugierde, die ihn immer beflügelt hatte. Sie schauten ihn an, schienen ihn zu mustern und widmeten sich wieder ihren Tätigkeiten. Hatte sich Icarus in der U-Bahn wie ein Tier in einem Käfig gefühlt, so erfüllten ihn diese Blicke eher mit Freude.

Bei den Büchern handelte es sich um großformatige, bunte aber dünne Exemplare. Tinka nahm sie in Empfang, dann verließen sie die Bücherei und gingen wieder zu ihr nach Hause.


Die nächsten drei Tage vergingen für Icarus viel zu schnell. Tagsüber las er im Wohnzimmer, abends bis spät in die Nacht legte er sich auf sein Bett im Gästezimmer. Er unterbrach das Lesen nur gelegentlich, um zu essen oder mit Tinka über das Gelesene zu reden. Manchmal paßte er zusammen mit Tinka auf Rado auf, wenn Andra ihn nicht mitnehmen konnte oder wollte. Nach zwei Tagen hatte er die drei Bücher durchgelesen und verstanden, so daß er laut Tinka dazu bereit war, nun auch kompliziertere Themen anzugehen, damit sein Wissen sich vertiefte.

Am Abend des dritten Tages kam Andra zu ihm.

,,Hallo Icarus, was macht das Lernen?``

,,Hallo Andra! Ich lese gerade etwas über die Geschwindigkeit des Lichts. Ich wußte gar nicht, daß es überhaupt eine Geschwindigkeit hat. Morgen möchte ich mir das nächste Buch holen.``

,,Darüber wollte ich mit dir sprechen. Ich wollte morgen zurückreisen, meine Geschäfte sind abgeschlossen.``

,,Nein! Ich möchte noch soviel lesen!``

Andra lächelte zufrieden. ,,Das hatte ich mir schon gedacht. Es gibt eine Lösung für dein Problem. Ich habe schon mit Ondo darüber gesprochen. Du kannst solange bei ihm bleiben, wie deine Studien dauern. In der Zwischenzeit hat Wadif schon in deinem Dorf Bescheid gegeben, sie wissen, daß du lebst.``

,,Prima! Eigentlich kann ich doch dann erstmal hier bleiben, oder?``

,,Das denke ich auch. Ich bin etwa einmal pro Monat hier, dann kannst du mit mir zurück, oder du reist alleine.``

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie Andra und Rado. Anschließend kam Ondo auf ihn zu.

,,So, Icarus. Du bleibst ja jetzt erstmal bei uns, deswegen sollten wir ein paar Angelegenheiten für deinen Aufenthalt hier regeln.

Zum einen benötigst du eine eigene ID, damit du auch alleine Bücher ausleihen kannst, zum anderen sollten wir dich mal ordentlich anziehen. Diese Lederkleidung mag zwar in der Natur recht ordentlich sein, hier wirkt sie ziemlich unpassend.``

,,Und wie soll ich das bezahlen? Ich wohne bei dir, ich esse bei dir ...``

,,Mach dir mal darüber keine Gedanken. Ich habe genügend Geld, und ich helfe gerne. Eines Tages wirst du mir sicherlich helfen können, dann sind wir quitt.``

Nach dem Mittag gingen Tinka und Icarus einkaufen. Dabei fragte er Tinka, wieso sie denn immer zu Hause wäre, obwohl sie doch gesagt hatte, daß sie an der Hochschule lerne.

,,Ich habe die letzten Tage zu Hause gelernt. Das war möglich, weil wir zur Zeit wenig praktische Übungen machen. Ich habe es sowieso hauptsächlich wegen Rado gemacht. Ich werde aber in den nächsten Tagen wieder häufiger weg sein.``


Der Kleidungskauf gestaltete sich schwieriger, als sie zunächst angenommen hatten. Im Körperbau waren sich Parden und Drak auf den ersten Blick recht ähnlich, abgesehen davon, daß Parden um die Hüfte und die Schulter erheblich zierlicher waren.

Die Beine ähnelten sich sehr stark, was sicherlich daran lag, daß die Drak lieber flogen und so im Verhältnis zu ihrem übrigen Körper relativ schmale Beine hatten, während die Parden eine kräftige Beinmuskulatur besaßen, die sicherlich daher stammte, daß Parden auch gerne auf allen Vieren liefen, wenn es wirklich schnell gehen mußte.

Aufgrund dieser Ähnlichkeit paßten die Hosen fast ohne Änderungen, lediglich die Aussparung für den Schwanz mußte etwas erweitert und die Hose in der Länge gekürzt werden. Dies war dann auch schon das einzige Kleidungsstück, das sie ohne Probleme kaufen konnten, die Schuhe wurden eine Einzelanfertigung, da die Drak im Gegensatz zu den Parden nur auf ihrer Fußspitze liefen.

Auch die Oberteile bereiteten Probleme, denn Icarus' Flügel waren im Weg. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu einem Schneider für Spezialanfertigungen zu gehen. Da die Drak durch ihre feste Haut kaum temperaturempfindlich waren, reichte eine Stoffweste aus, die nach dem Muster seiner Lederweste hergestellt wurde. Sie hatte eine Knopfleiste in der Mitte. Am Rückenteil verliefen oberhalb und zwischen den Flügeln drei Stoffstreifen, die wie ein T zusammenstießen. Am Treffpunkt wurden sie von einem Knopf festgehalten.

Sie ließen zwei Westen aus einem leicht glänzenden und fließenden Stoff anfertigen, eine in Gelb, die andere in hellem Blau. Am Ende des Einkaufstages hatten sie zusätzlich drei Hosen aus dem selben Stoff, jeweils eine in Schwarz, Rot und Blau, Unterwäsche sowie zwei Paar Schuhe erstanden. Die ersten Sachen waren schon am späten Nachmittag fertig, so daß Icarus am Abend bereits die neue Kleidung anprobieren konnte.

Er zog sich die gelbe Weste und die blaue Hose an und begutachtete sich zufrieden im Spiegel. Der Stoff war weicher und anschmiegsamer als das grob gegerbte Leder seiner alten Kleidung. Was würde Dawina sagen, wenn sie ihn so sähe? Schuldgefühle stiegen in ihm auf, Gefühle, seinen Clan alleingelassen zu haben. Er redete sich ein, daß er ja nach einiger Zeit zurückkehren würde und verdrängte schnell alle weiteren Gedanken zu diesem Thema, damit sie ihm nicht seine gute Laune verdarben.

,,Jetzt siehst du nicht mehr nach einem Fremden aus``, meinte Tinka, als er sein Zimmer verließ.


Am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam zur Priesterschaft, um Icarus in Arridos anzumelden und für ihn eine ID zu beantragen. Als Icarus durch die Straßen ging, fühlte er sich schon viel weniger als Fremdkörper.

Die Priesterschaft lag im Zentrum der Stadt, in einem Gebäude, das nach Lotas Zeichen geformt war, einem silbernen Kegel mit dem Grundriß eines vierzackigen Sterns.

Icarus folgte Tinka die mächtige Treppe hinauf, die zu einem breiten, doppelten Tor führte. Auf dem letzten Absatz, direkt neben den Toren, standen zwei regungslose schwarze Priester als Ehrenwache. Icarus hatte ein seltsames Gefühl, als er einen der beiden auf kurze Distanz passierte, er glaubte wieder zu spüren, wie ihn die unter der schwarzen Kappe verborgenen Augen kalt musterten.

Im Inneren des Gebäudes wimmelte es von Tengas, den blauen Priestern, die für die Verwaltung zuständig waren, wie Tinka erklärte. Im Gegensatz zu den Katak hatten diese keine Masken über ihren Gesichtern. Gelegentlich liefen auch Limor, die Lehrer, mit ihren gelben Roben hastig in den breiten, langen und hohen Gängen an ihnen vorbei. Einmal schritt sogar eine Gruppe von fünf Sama, Priester des inneren Kreises, in ihren erfurchtsgebietenden roten Gewändern durch die Gänge, während die anderen respektvoll ihre Köpfe senkten und Abstand hielten. Sogar das Murmeln der Leute, das normalerweise durch die Gänge floß, verstummte.

Sie gingen über mehrere breite Treppen in den dritten Stock und blieben schließlich vor einer Tür stehen, an der ,,ID-Beantragung`` stand. Die Tür öffnete sich in einen Warteraum, in dem schon zwei Parden warteten.

Sie nahmen auf den bereitgestellten Stühlen Platz. Über einer weiteren Tür befanden sich eine rote und eine grüne Leuchte. Jedesmal, wenn die grüne Lampe aufleuchtete, stand eine der wartenden Personen auf und ging in den Raum. Es dauerte nicht lange, bis sie an der Reihe waren.


Der Parde am Schreibtisch murmelte etwas, das wohl ,,guten Tag`` heißen sollte, während er seine Papiere weiter studierte. Tinka und Icarus erwiderten den Gruß, erst dann hob er den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde zeigte er eine gewisse Unsicherheit, dann hatte er sich wieder gefangen.

,,Bitte nehmen Sie Platz. Womit kann ich Ihnen dienen?``

Tinka und Icarus setzten sich auf die Stühle, die vor dem Schreibtisch standen.

,,Wir möchten eine ID für mich beantragen.`` Icarus wunderte sich selber über seine Selbstsicherheit.

,,Gut, dann benötige ich einige Informationen von ihnen. Aber zuerst machen wir einen DNA-Scan, damit wir sehen können, wo sie schon registriert wurden.``

,,Ich wurde noch nicht registriert.``

,,Hmm, und das soll ich ihnen glauben? Sie könnten zum Triadon gehören und ihre Spuren verwischen wollen.``

,,Der Triadon? Was ist das?`` fragte Icarus, während Tinka einen kurzen Moment lang die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stand.

,,Das ist ein Haufen Gesetzloser. Am besten vergessen sie esganz schnell wieder. So, jetzt legen sie einfach ihre Hand auf diese Scheibe, dann sehen wir weiter.``

Auf dem Schreibtisch befand sich eine weiße Glasscheibe, die anfing, grünlich zu glühen. Icarus legte seine linke Hand darauf und ein leuchtend roter Strich erschien, der die Hand entlangfuhr. Der Priester schaute auf einen Bildschirm, den nur er einsehen konnte. Nach einigen Sekunden hörten sie einen kurzen Piepton und der Priester runzelte erstaunt die Stirn.

,,Seltsam, Sie wurden tatsächlich noch nicht registriert. Naja, ich habe auch noch nie einen Drak vor mir gehabt, das wird schon richtig sein. Wie lautet Ihr Name?``

,,Icarus``

,,Und der Vorname?``

,,Ich heiße Icarus, es ist mein einziger Name. Ich bin Icarus vom Clan Jurgas.``

,,Dann tragen wir als Vornamen ,Icarus` ein und als Nachnamen ,Jurgas`. Wann sind sie geboren?``

,,Ich wurde vor sechzehn Jahren geboren.``

,,Und an welchem Tag?`` er verzog genervt seinen Mund. ,,Sie feiern doch wohl auch jedes Jahr, daß sie älter werden, oder?``

,,Wir Drak wissen den genauen Tag unserer Geburt nicht. Wir feiern einmal im Jahr die Sonnenwende, dann werden die Jungen zu Erwachsenen geweiht.``

,,Die letzte Sonnenwende war am 01.05. diesen Jahres, wenn ich mich nicht täusche. Dann trage ich als Geburtstag den 01.05.952 ein. Ihren Geburtsort wissen sie?``

,,Natürlich! Ich wurde in meinem Dorf geboren.``

,,Ihr Dorf hat auch einen Namen, hoffe ich?`` Tinka tat der Mann schon leid, der zusehends gestreßter wirkte.

,,Es ist mein Dorf.``

Die Verzweiflung stand dem Priester ins Gesaicht geschrieben.

,,Sie sagen, Sie kommen aus Jurgas Clan? Dann trage ich bei ,Geburtsort` einfach ,Jurgas Dorf` ein, einverstanden?``

,,Eigentlich ist es ja nicht Jurgas Dorf, sondern das Dorf von Jurgas Clan.``

Der Mundwinkel des Priesters zuckte entnervt. ,,Gut, dann trage ich jetzt ,Dorf von Jurgas Clan` ein. Aber sie wissen wenigstens, wo sie jetzt wohnen?``

,,Natürlich! Ich wohne bei Tinkas Vater.``

Er schloß kurz die Augen. ,,Und wer ist diese Tinka?``

,,Das bin ich. Hier ist meine ID-Karte, da können sie ja alle benötigten Daten auslesen.``

,,Danke!`` er atmete erleichtert aus.

Sie erledigten die weiteren Formalitäten. Am Ende wurde noch einmal Icarus' Hand gescannt, wenige Sekunden danach spie ein Kasten vor dem Beamten eine kleine Plastikkarte aus. Er überreichte sie Icarus.

,,Das ist jetzt ihre ID. Bewahren sie die Karte gut auf, und lernen sie ihre ID möglichst schnell auswendig.``

Sie bedankten sich und verließen das Büro. Auf dem Gang schauten sich die beiden in die Augen und fingen an, leise zu lachen.

,,Hast du bei deinen Antworten die Verzweiflung auf seinem Gesicht gesehen?``

,,Ich wußte es wirklich nicht besser, aber es hat mir auch Spaß gemacht. Kannst du deine ID auswendig?``

,,Ja, es ist nicht mal schwer. Meine ID lautet ,TR95008040001031`. Die ersten Stellen deiner ID lauten ,IJ95205010001`, oder? Die ersten beiden Stellen sind dein Vorname und Name, die nächsten dein Geburtsdatum, danach folgt der Städtecode, wo deine Daten aufgenommen wurden, das ist ,0001` für Arridos, weil es die Hauptstadt ist. Als letztes kommt ein Zähler und eine Prüfsumme.``

,,Interessant! Die letzten Stellen lauten bei mir ,172`. Und jetzt kann ich mir selber Bücher ausleihen?``

,,Ja, aber laß uns vorher nach Hause fahren.``


,,Was ist der Triadon? Ich wollte dich nicht in der Öffentlichkeit danach fragen.``

,,Das war eine gute Entscheidung. Das war das erste Mal, daß ich von einem Priester etwas über den Triadon gehört habe. Offiziell heißt es, daß der Triadon gar nicht existiert, daß es nur immer wieder Störenfriede gäbe, aber keine Organisation, die dahinter steckt.

Der Triadon ist eine Geheimorganisation. Er ist der Meinung, daß die Priester sich irren. Sie glauben nicht an das, was uns die Priester vermitteln wollen. Sie glauben nicht an Lota, der uns alle erschaffen haben soll, sie glauben nicht an die Beobachter, die Lota hier zurückgelassen haben soll, um über uns zu wachen. Sie stellen sich auch gegen die Überwachung und Bevormundung.``

,,Kann ich die kennenlernen?``

,,Sie sind eine Geheimorganisation, es ist von dir aus nicht möglich, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Vielleicht werden sie sich eines Tages mit dir in Verbindung setzen, wer weiß.``

In der nächsten Zeit verbrachte Icarus einen Großteil seiner Zeit in der Bücherei. Er versuchte, alles Wissen zu erlangen, das es gab. Natürlich war dies unmöglich Tinka mußte ihn häufiger trösten, wenn Icarus auf ein Wissensgebiet traf, das ihm bis dahin unbekannt gewesen war.


Die ersten Male, wenn Andra zu Besuch kam, überlegte Icarus noch, ob er zurückkehren sollte. Von Besuch zu Besuch festigte er jedoch seinen Entschluß, in Arridos bei Tinka zu bleiben. Nach fünf Monaten, einem halben Jahr, meldete sich Icarus offiziell in der Schule an. Zum einen war dies die Voraussetzung, damit er Prüfungen ablegen durfte, zum anderen wollte er damit manifestieren, daß ein neuer Lebensabschnitt angefangen hatte, daß er nicht mehr nur der Gast auf Zeit war, sondern hier leben wollte.

Gelegentlich, wenn er seine alten Sachen ansah, die er an die Wand gehängt hatte, die Armbrust und das Lederkostüm, dachte er an seine Vergangenheit, an Monio, an den vorlauten Rano, aber besonders an Dawina. Was machten sie jetzt, was dachten sie über ihn, Icarus, der sie einfach verlassen hatte?

Dann jedoch dachte er daran, was ihm Andra bei ihren regelmäßigen Besuchen erzählt hatte. Wadif hatte in Icarus' Dorf Bescheid gegeben, niemand aber hatte es für nötig gehalten, ihm eine Nachricht für ihn mitzugeben. Nun, entweder sie vermißten ihn nicht, oder sie hatten ihn aus dem Clan verbannt. Egal welche der beiden Möglichkeiten zutraf, so oder so konnte er gar nicht mehr zurück, ganz egal, wie sehr er es gewollt hätte.


Icarus mußte einen Aufnahmetest bestehen, anhand dessen entschieden werden sollte, ob er in die Hochschule aufgenommen würde. Schon seit über einem Monat hatte er mit Tinka hart dafür gearbeitet. Am Tag des Tests war er jedoch erheblich weniger aufgeregt, als er gedacht hatte.

Der Test fand in einem Gebäude im Schulbereich statt. Zusammen mit ihm wurden etwa zwanzig Parden getestet, die aufgrund ihrer vorherigen Benotung nicht automatisch aufgenommen worden waren. Der Test dauerte vom späten Morgen bis in den frühen Nachmittag. Es wurden alle Wissensbereiche abgefragt, beginnend bei den Geisteswissenschaften wie Religion und Sprache, über Sozialwissenschaften bis zu den technischen Wissenschaften wie Chemie und Physik.

Als Icarus am Nachmittag nach Hause kam, war er völlig erschöpft. Er ging in das ehemalige Gästezimmer, das jetzt endgültig sein Zimmer geworden war, und legte sich mit dem Rücken auf das Bett. Er war immer noch fasziniert davon, daß er Dank dieses Wasserbetts sich auch auf den Rücken legen konnte, ohne daß seine Flügel unangenehm drückten.

Seine Flügel. Sie waren richtig schwach geworden, jetzt, wo er sie nicht mehr täglich gebrauchen konnte. Auf Bitten von Tinka verzichtete er darauf, zur Schule zu fliegen, sondern fuhr stattdessen U-Bahn. Meistens fuhr er zwar an freien Tagen mit Tinka hinaus, so daß er wenigstens ein paar Minuten fliegen konnte, aber niemand begleitete ihn bei seinen Flügen, niemand konnte ihn begleiten.

Bei diesen Gelegenheiten vermißte er Dawina schmerzlich, die ihn bei ihren Flugübungen nie zu Luft hat kommen lassen. Manchmal tat ihm die Sehnsucht nach ihren Spielen, ihren Ausflügen fast körperlich weh. Dann fielen ihm ihre Meinungsverschiedenheiten, ihre Streitereien wieder ein. Dawina war einfach zu naiv, sie glaubte im Gegensatz zu Tinka einfach alles, was ihr die Priester erzählten. Tinka war in vielem seiner Meinung, und es machte einfach Spaß, stundenlang mit ihr zu diskutieren, wobei dies nicht der einzige Spaß war, den sie miteinander hatten.

Dawina war immer so reserviert gewesen, sie hatte das Gesetz aufs Wort befolgt, das sexuelle Kontakte vor der Weihe aufs Schärfste verbot, das größte Zugeständnis ihrerseits waren ihre sanften Bisse in sein Ohr gewesen, aber schon bei einer zärtlichen Berührung seinerseits war sie meistens instinktiv zusammengezuckt. Tinka war ihm da manchmal wiederum viel zu munter. Manchmal hatte er Mühe, sich ihrer zu wehren.


Ein Rumsen weckte Icarus aus seinen Taggedanken. Er sah nur noch die offene Tür und einen Schatten, der in seine Richtung geflogen kam, da war Tinka schon neben ihm gelandet. Während die Wellen der Matratze noch ausliefen, hatte sie schon ihre Zähne in seinen Hals gegraben.

Zur Revanche biß er ihr sanft ins Ohr. Dann legte sie sich auf ihn und fragte: ,,Wie war es?``

,,Anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich bestanden habe, besonders bei den Geisteswissenschaften wußte ich einfach zu wenig.``

Sie machte es sich auf ihm bequem und kraulte sanft die Stellen, von denen sie wußte, daß er dort empfindlich war. ,,Das ist nicht weiter schlimm. Du weißt doch, daß du nur in einem Bereich bestehen mußt, damit du ihn studieren darfst. Entspann' dich, in zehn Tagen wissen wir Bescheid.`` An diesem Nachmittag liebten sie sich das erste Mal.

Es sollte nicht das einzige Mal bleiben. Icarus war in den darauffolgenden Tagen zu unruhig, zu gespannt auf die Prüfungsergebnisse, so daß er nur selten in den Bücher las. Tinka zog es vor, ihre Studien soweit wie möglich nach Hause zu verlagern, so daß die beiden sehr viel Zeit miteinander verbringen konnten.

Dieses Erlebnis war für sie beide neu gewesen. Icarus war es bis nach der Weihe verboten worden, und Tinka hatte ihrer Aussage nach noch nicht den Richtigen gefunden, den Richtigen, der sie verstand, der ihre Auffassungen teilte.

Sie verbrachten jede freie Minute damit, ihre neuen Gefühle auszukosten, und bald darauf benutzte Icarus sein Zimmer nur noch, wenn Tinka oder er in Ruhe studieren wollten, ansonsten schlief er bei ihr.


Genau zehn Tage nach der Prüfung, sie lagen noch im Bett, klopfte es an der Tür. Nachdem sich Tinka neben Icarus gelegt hatte, riefen sie ,,herein`` und Ondo trat in den Raum.

,,Entschuldigt, wenn ich euch störe, aber Icarus, du hast Post von der Prüfungskommission bekommen!`` Mit diesen Worten gab er ihm einen Umschlag.

Tinka legte ihren Kopf neben den seinen, damit sie, neugierig wie sie war, sofort alles selber sah. Noch bevor er richtig gelesen hatte, was denn in dem Dokument stand, schrie Tinka schon freudig auf und biß ihm vor Freude in seinen Hals.

,,Du hast es geschafft, genial! Du hast es allen gezeigt, du hast gezeigt, daß du nicht nur genauso intelligent bist wie die Parden, nein, du hast sogar in ein paar Monaten Wissen von Jahren aufgeholt!``

Icarus wußte gar nicht, was er darauf erwidern sollte, also sah er sich den Brief immer und immer wieder an. Ja, hier stand es: die Geisteswissenschaften hatte er mit 51% zwar nur knapp bestanden, bei den Sozialwissenschaften hatte er aber immerhin 62% geschafft, und auf sein Ergebnis in den technischen Wissenschaften war er besonders stolz.

,,84%! Das ist besser als die meisten meiner Prüfungen. Langsam werde ich eifersüchtig auf dich und deine Leistungen``, meinte Tinka scherzhaft. Um das zu unterstreichen, biß sie ihn erneut, diesmal zur Abwechslung ins Ohrläppchen.


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