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Triadon

Am Abend feierten sie. Zu Ehren von Icarus hatten sie Abusa-Fleisch besorgt und auf traditionelle Art zubereitet. Zum Nachtisch gab es Wadiquark. Icarus erinnerte sich daran, daß er diese Sachen zuletzt am Abend der Weihe gegessen hatte. Er erinnerte sich nicht wehmütig daran, sondern eher wie an ein vergangenes Leben, fast schon wie an die Erinnerung eines anderen. Er konnte sich kaum noch vorstellen, daß er damals in solcher Unwissenheit gelebt hatte. Er konnte es kaum glauben, wie er sich in so kurzer Zeit verändert hatte.

Nach dem Nachtisch saßen sie noch bei einem Glas Gal zusammen und unterhielten sich über seine Zukunft. Hatte Ondo sich bis jetzt fröhlich mit Icarus unterhalten, so wurde sein Ausdruck auf einmal ernst.

,,Icarus, ich habe eine ernste Frage. Du hast dich nach dem Triadon erkundigt, wie mir Tinka erzählt hat. Was denkst du über ihn?``

,,Was soll ich dazu sagen? Ich weiß nicht genügend über ihn, um mir ein Urteil bilden zu können. Ich weiß allerdings, daß der Triadon unsere Schöpfung durch Lota bestreiten. Ich habe mich ebenfalls schon immer gefragt, wo wir tatsächlich herkommen. Ich weiß nicht, mit welchen Mitteln der Triadon versucht, seine Meinung durchzusetzen, deswegen bin ich da vorsichtig.

Der Priester hat von ihm als ,gesetzlose Spinner` gesprochen. Tinka meint, er sei eine ,Geheimorganisation`, das klingt besser, sagt aber auch nichts über die Mittel aus, die er einsetzt. Wenn sie nicht rücksichtslos in blinder Wut alles zerstören, was ihnen nicht gefällt, dann würde ich gerne mehr über sie wissen.``

,,Deine Antwort gefällt mir. Ich biete dir die Möglichkeit, ihn kennenzulernen.``

Icarus schaute Ondo sprachlos an.

,,Heute Abend werden wir ein Treffen besuchen. wir gehen in einer halben Stunde.``

,,Jetzt schau meinen Vater nicht dämlich an, hilf mir lieber, den Tisch abzuräumen. Er muß noch ein paar Sachen vorbereiten, in der Zwischenzeit sorgen wir hier für ein bißchen Ordnung und ziehen uns etwas anderes an.``


Wie betäubt folgte Icarus Tinkas Anweisungen. In seinem Zimmer legte er sich auf sein Bett, um sich zu entspannen und nachzudenken. Tinka hatte ihn die ganze Zeit über betrogen. Sie hatte ihm weisgemacht, sie wisse fast nichts über den Triadon, jetzt hatten beide zugegeben, zu ihm zu gehören. Sie hätten doch schon viel eher bemerken müssen, daß er sie nicht verraten würde.``

Er hatte Tinka Vertrauen geschenkt und war der Meinung, sie hätte ihm ebenfalls vertraut, wie konnte sie ihn dann so lange Zeit belügen? Aber vielleicht war es notwendig gewesen, vielleicht mußten die beiden ja so vorgehen, um sicher zu sein, daß er kein Spion der Priesterschaft war? Konnte er ihr überhaupt noch Vertrauen entgegenbringen? Vielleicht sogar noch mehr als bisher, schließlich hatten sie ihm jetzt ihr großes Geheimnis offenbart, aber war es wirklich ihr einziges Geheimnis? Was verheimlichten sie ihm noch? Was würde er erst in Monaten, was würde er nie erfahren?

Er brach diese verwirrenden Gedankengänge ab, beschloß, sich so zu verhalten, als ob nichts gewesen wäre und stand auf, um sich umzuziehen.


Sie wechselten insgesamt viermal die Bahnlinien, um eventuelle Verfolger abzuschütteln, bevor sie schließlich die Bahn an einer Station mitten im Unterhaltungsbezirk verließen. Die drei hatten Probleme, in dem Gedränge an der Station zusammenzubleiben. Icarus war einen Moment unaufmerksam und verlor seine Freunde - waren sie wirklich seine Freunde? - aus den Augen. Er schaute sich um, aber alles, was er sah, waren stereotype Pardengesichter, die er immer noch schwer auseinanderhalten konnte. Gerade überlegte er, was er nun tun sollte, als er sie die Treppe zur Straße hoch gehen sah.

Icarus kämpfte sich durch die Massen. Oben angekommen sah er sich um. Diese Straßen hatten nichts mit dem übrigen Arridos gemein. Fröhlicher Lärm erfüllte sie, die Parden liefen unbekümmert hin und her, helle Leuchtreklamen strahlten von den kleinen, alten Häuserwänden und nirgends waren schwarze Priester zu sehen.

Am Treppenabsatz warteten Tinka und Ondo.

,,Ich dachte, das Leben würde sich hier nur im Verborgenen abspielen.``

,,Normalerweise schon, mit einer Ausnahme: dieses Viertel. Hier ist alles, was laut Ansicht der Priester verwerflich ist, auf einen Fleck konzentriert. So glauben sie es besser unter Kontrolle halten zu können.


Sie gingen einige Minuten durch die belebten Straßen, bis sie in eine Seitengasse einbogen. Nach ein paar Metern hielten sie vor einer Kneipe mit einem Schild über der Tür - der ,,Pardentränke``. Der Gastraum war klein und eng. Mitten im Raum standen dicke, vom Alter fast schwarze Stützbalken. Parden aller Altersklassen saßen auf ebenso schwarzen Holzbänken in den Raum gequetschten Tischen. Hinter der Theke stand ein alter Parde mit fast weißen Fell. Ondo ging auf ihn zu.

,,Hallo Tantus! Wie geht es dir?``

,,Hallo, Ondo. Ja, das Alter macht mir zu schaffen, ich spüre die Jahrzehnte, wie sie mich erdrücken wollen. Aber bisher halte ich ihnen stand. Ach, da ist ja auch Tinka, hallo, mein Mädel! Gehört der Drak auch zu dir?``

,,Ja, das ist Icarus, ich wollte ihm heute die Welt zeigen.``

,,Glaubst du, daß das gut ist? Draks gammeln doch nur 'rum und sind nicht gerade Schnelldenker.``

Icarus' Miene versteinerte.

,,Icarus, er meint es nicht so. Tantus, es gibt Ausnahmen, Icarus ist so eine. Du wirst ihn ja heute Abend kennenlernen.``

,,Wenn du das sagst.`` Seinem Gesichtsausdruck nach war er nicht überzeugt. ,,Aber jetzt kommt mit.``

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ den Raum durch einen Vorhang hinter der Theke. Ondo und Tinka folgten ihm, Icarus ging hinterher. Als er den Vorhang zur Seite schob, sah er einen langen Gang. Auf der rechten Seite befanden sich drei Türen, Tantus klopfte an der hintersten und sagte etwas, das Icarus nicht verstand. Daraufhin öffnete sich die Tür einen Spalt und ein Parde schaute vorsichtig heraus.

,,Ja, Tantus? Ach, Ondo, da bist du ja endlich. Komm herein.``

Die Tür öffnete sich ganz, Ondo, Tinka und Icarus gingen hinein, Tantus ging zurück an seine Theke.


Als Icarus den dunklen Raum betrat, schauten ihn etwa dreißig Parden jeden Alters mißtrauisch an. Sie saßen an langen Tischen, die wie ein U angeordnet waren. An der Stirnseite befand sich noch ein freier Platz, auf den Ondo zusteuerte. Tinka hingegen ging zu einem der Enden und setzte sich. Icarus, der die mißtrauischen Blicke immer noch auf sich spürte, folgte ihr, setzte sich zu ihr und schaute sich nervös um.

Ondo hatte mittlerweile das Kopfende erreicht. Er stellte sich hinter den Stuhl und richtete sich an die versammelten Parden.

,,Liebe Freunde, bitte setzt euch.`` Er wartete bis alle saßen und nahm dann ebenfalls Platz.

,,Ich begrüße euch zu unserem heutigen Treffen. Wie ihr bemerkt habt, habe ich jemanden mitgebracht. Es handelt sich um Icarus. Er wohnt seit einem halben Jahr bei mir und hat sich als intelligent und neugierig erwiesen und wird uns loyal ergeben sein. Ich denke, wir sollten ihn bei uns aufnehmen. Hat jemand etwas dazu zu bemerken?``

Eine Welle des Murmelns brandete los.

,,Bitte sprecht doch hintereinander. Jendo, du hast das Wort.``

Ein etwas älterer Parde mit ganz wenigen dunklen Punkten auf seinem Fell stand auf. ,,Danke. Ich bin nicht damit einverstanden. Du hast uns vorher zu fragen, auch wenn du der Ortsleiter bist. Und außerdem glaube ich nicht, daß ein Drak uns helfen kann. Wie wir alle wissen, sind Draks uninteressiert am Weltgeschehen. Sie sind damit zufrieden, immer noch wie im Mittelalter zu leben.``

Icarus zuckte merklich zusammen. Tinka legte ihm zur Beruhigung ihre Hand auf seinen Oberschenkel.

,,Jendo, ich denke, daß du voreilig urteilst. Es mag stimmen, daß die meisten Drak in ihrem mittelalterlichen Denken verharren. Dieser Drak ist anders. Tinka und ich, wir beobachten ihn jetzt schon seit über einem halben Jahr. Vertraut' mir, ich kenne ihn mittlerweile. Tinka ist noch häufiger mit ihm zusammen, vielleicht kann sie noch etwas hinzufügen.``

Jendo setzte sich wieder, und Tinka stand auf. ,,Danke, Vater. Es gibt etwas, das ich dir noch nicht mitgeteilt hatte. An dem Tag, an er zu uns kam, fragte ich ihn nach seinen Wünschen und Zielen. Damals schon hat ihn die ungeklärte Frage unserer Herkunft beschäftigt. Ich denke, er ist eine tatkräftige Unterstützung für unsere Sache.``

Jendo erhob keine weiteren Einwände, Icarus konnte aber seinen Gesichtsausdruck nicht recht bestimmen, er hatte bei der Deutung der Gesichtsausdrücke der Parden immer noch erhebliche Schwierigkeiten, da sie im Gegensatz zu den Drak kaum Gesichtsmuskulatur besaßen.

Jetzt erhob sich eine ältere Frau. ,,Ich denke, er ist ein mögliches Sicherheitsrisiko. Auch wenn er uns gar nicht verraten will, kann seine bloße Anwesenheit zuviel Aufmerksamkeit erwecken. Wenn auch nur durch einen dummen Zufall herauskommt, daß ein Drak zum Triadon dazugehört, wird jeder gleich wissen, um wen es sich handelt.``

,,Debra, das ist Schwachsinn. Woher sollte bekannt werden, das dem Triadon ein Drak beigetreten ist? Es ist klar, daß wir bei verdeckten Operationen besondere Vorsicht walten lassen müssen. Aber dies müssen wir doch auch jetzt schon, denn sollte einer von uns gefaßt werden, ist sowieso alles aus. Er wird uns zum Beispiel exzellent bei den Ausgrabungen helfen können. Die ständigen Gleiterflüge, die wir zur Beobachtung benötigen, sind einfach zu auffällig. Sollte ihn jemand dabei beobachten, wird er keinen Verdacht schöpfen, und er wird auch keine Verbindung zum Triadon herstellen können.``

,,Überzeugt bin ich zwar immer noch nicht, aber überredet. Ich habe meine Bedenken geäußert und werde dich bei Bedarf daran erinnern.``

,,Mach' das. Hat sonst noch jemand Einwände, die noch nicht geäußert wurden? Ja, Salena?``

Eine junge Pardenfrau hatte sich zu Wort gemeldet. Sie schien kaum älter als Tinka zu sein, aber ihre Augen trugen einen Schimmer Trauer, Enttäuschung, oder kam es Icarus nur so vor? ,,Ich unterstütze den Antrag, Icarus aufzunehmen. Er wird sicherlich eine hilfreiche Ergänzung sein. Ich denke da nur an die Drak, die ihr Dasein in unseren Straßen fristen. Vielleicht können wir sie mit seiner Hilfe mobilisieren. Wenn es zu einem Kampf kommen würde, wäre ein Drak sicherlich mit zwei Parden aufzuwiegen.``

,,Danke Salena, aber ich hoffe, daß wir nie in den offenen Kampf eintreten müssen. Hat sonst noch jemand etwas zu bemerken? Nein, dann stimmen wir jetzt ab.``


Es war eine knappe Entscheidung. Mit einer Mehrheit von nur zwei Stimmen wurde Icarus in den Triadon aufgenommen. Icarus wurde nach vorne gebeten. Dort stellte er sich vor Ondo.

,,Icarus aus dem Clan Jurgas, sprich' mir nach.`` Ondo sprach den Schwur vor, Icarus sprach ihm, Wort für Wort und Satz für Satz nach.

,,Ich schwöre, daß ich mich mit all' meiner Kraft für die Erlangung des Wissens einsetzen werden. Ich schwöre, daß ich bis zum letzten Blutstropfen die Macht der Priester bekämpfen werde. Ich werde keinem Dritten gegenüber etwas über den Triadon mitteilen. Ich werde lieber freiwillig in den Tod gehen, als den Priestern etwas zu verraten.

Dies alles schwöre ich bei meiner Ehre und bei meinem Leben auf den Triadon, das Zeichen unseres Kampfes.``

Mit diesen Worten legte ihm Ondo ein silbernes Symbol auf die rechte Handfläche. Es hatte die Form eines gleichschenkligen Dreiecks, aber dieses Dreieck sah seltsam aus. Das Symbol war flach, aber räumlich gezeichnet. Wahrscheinlich war es flach, weil es räumlich nicht modellierbar war, denn das Dreieck war rechtwinklig. Icarus fiel sofort ein Lehrsatz ein, den er gerade gelernt hatte: ,,Die Summe der Winkel in einem Viereck beträgt immer 100 Grad, die Winkelsumme eines Dreiecks beträgt immer 50 Grad.`` Dieses Dreieck aber hatte drei rechte Winkel, seine theoretische Winkelsumme betrug also 75 Grad. Es sah verwirrend aus. Als er es länger betrachtete, hatte er das Gefühl, darin zu versinken.

Ondo sprach weiter. ,,Dieses Zeichen ist das Triadon. Es steht für die Machbarkeit des Unmachbaren. Alles ist machbar, es ist nur eine Frage, wie. Auf den ersten Blick erscheint es unmöglich, die Priesterschaft zu besiegen, aber wie bei diesem Dreieck mit den drei rechten Winkeln ist es nur eine Frage des Weges. Es ist das Sinnbild unserer Hoffnung auf eine bessere erkenntnisreiche Zukunft.

Es ist unser Zeichen, und jeder von uns trägt es immer bei sich, unsichtbar für die Allgemeinheit, aber immer präsent, um sich damit ausweisen zu können. Die Priesterschaft weiß nichts von diesem Symbol und darf nie etwas davon erfahren, das wäre unser Ende. Trage den Triadon ab jetzt immer bei dir. Ich empfehle dir, ihn in einer Tasche aufzubewahren. Du hast zuwenig Kleidung um ihn unsichtbar an einer Halskette zu tragen. Nun aber setz' dich wieder, wir setzen das Treffen fort.``

Icarus schloß die Faust um das Zeichen und ging voller Stolz wieder zurück auf seinen Platz. Nun gehörte er wieder einem Clan, einer Gemeinschaft an und wurde geachtet und geschätzt. Wurde er das wirklich? Die Abstimmung war knapp gewesen und er war sich nicht sicher, ob die anderen nicht nur für ihn gestimmt hatten, weil Ondo ihr Anführer war. Egal, er wischte diese Gedanken weg wie ein Regenschauer den Staub auf den Blüten.


,,Nun laßt uns zu einem anderen, zu einem ernsten Thema kommen``, Ondos Gesicht verfinsterte sich. ,,Ihr habt ja auch alle von dem Überfall auf die Zentralbank im Süddistrikt gehört, bei dem drei Katak sowie vier Passanten starben. Die Priesterschaft schiebt uns diese Sache in die Schuhe. Die Frage ist nun, was wir dagegen unternehmen sollen.``

Salena meldete sich. ,,Wieso sollen wir es dementieren? In der Vergangenheit haben uns immer wieder andere Gruppen die Drecksarbeit abgenommen. Es hat bis jetzt keine andere Gruppe behauptet, dahinter zu stecken, also wieso sollen wir nicht einfach diese Tat für uns beanspruchen?``

Ein zustimmendes Grummeln ertönte, genauso wie Worte der Ablehnung.

Ondo ergriff das Wort. ,,Salena! Das waren irgendwelche geldgierige Halunken, aber keine Freiheitskämpfer. Außerdem habe ich gedacht, wir hätten ein für alle Mal festgelegt, mit welchen Mitteln wir unsere Ziele erreichen wollen. Kampf und Gewalt gehören nur im absoluten Notfall dazu!``

,,Ich denke, wir sollten das noch einmal überdenken. Diesen Koloß können wir nicht mit Worten überzeugen, nur Taten können etwas verändern!``

Durch das dann aufbrausende Stimmengewitter konnte schließlich erst Jendo dringen. ,,Salena, ich bin auch häufig anderer Meinung als Ondo, aber hier muß ich ihm Recht geben. Ich denke, wir sind nicht groß genug für solche Taten, außerdem haben wir einfach nicht die Leute dazu. Was sind wir denn? Wir sind in der Mehrzahl kleine Händler oder Schullehrer, wir sind keine ausgebildeten Kämpfer, wir würden gegen die Katak jämmerlich verlieren!``

,,Eben deswegen sollen doch andere Gruppen die Drecksarbeit übernehmen! Wenn wir dann behaupten, wir hätten es getan, dann werden sie glauben, wir hätten endlich mal etwas Bemerkenswertes getan!``

Nun meldete sich Debra zu Wort. ,,Das ist doch Unsinn! Wenn die anderen Gruppen wirklich Freiheitskämpfer wären, dann würden die ihre Taten doch auch unter ihrem eigenen Namen begehen, das ist doch logisch! Das sind aber irgendwelche Gauner, die ihre Raubzüge als Anschläge unter unserem Namen tarnen, oder aber die Priesterschaft will uns einfach nur die Schuld geben.``

,,Das bringt doch alles nichts``, versuchte Ondo die Kontrolle über die Diskussion wiederzuerlangen. ,,Wir haben diese Grundsatzdiskussion schon einmal geführt, und ich denke, wir haben dort unsere Linie ein für allemal festgelegt. Wir werden jetzt abstimmen, ob wir ein Dementi verschicken werden, oder nicht.``

Lediglich sechs der fast dreißig Parden war gegen das Dementi, vier Mitglieder, darunter Icarus, enthielten sich der Stimme.

,,Gut, dann ist der Antrag angenommen, kommen wir jetzt zu einem anderen Thema, unserer Ausgrabung. Debra wollte uns etwas über den aktuellen Stand erzählen.``

Debra stand auf. ,,Ah, es tut mir leid, aber ich befürchte, ich kann heute nichts mehr vortragen. Ich habe niemanden gefunden, der auf meine Kleine aufpassen kann. Meine Nachbarin kümmert sich jetzt um sie, aber sie wollte auch gleich ins Bett, und ich will Sadi nicht so lange alleine lassen. Mir wäre es lieb, wenn wir das Ganze auf das nächste Treffen verschieben könnten.``

,,Nun gut, wenn es nicht anders geht. Dann verschieben wir den Rest auf das nächste Mal, damit du nichts verpaßt. Damit beenden wir jetzt den offiziellen Part und der gesellige Teil kann anfangen. Denen, die nicht mehr bleiben möchten, wünsche ich noch einen schönen Abend, wir sehen uns, wenn Debra uns ihre Ergebnisse vorstellen kann.``


Etwa die Hälfte der Parden stand auf und verließ den Raum. Salena stand ebenfalls auf, und setzte sich auf einen freigewordenen Platz neben Icarus.

,,Hallo, Icarus. Wie gefällt es dir bei uns``, fragte sie freundlich, mit einem fröhlichen Unterton in der Stimme, aber Icarus schien es immer noch, als ob ihre Augen einen dunklen Schimmer tragen würden. ,,Hast du dich hier schon eingelebt?``

,,Ich denke schon. Manchmal denke ich an meine alte Heimat, ich vermisse das Fliegen, außerdem bekomme ich manchmal noch Beklemmungen, wenn ich in engen Gassen bin.``

,,Aha? Du würdest gerne mehr unternehmen, oder? Sag' mal, vorhin hast du dich bei der Abstimmung enthalten, wieso?``

,,Ich bin gerade erst hier eingeführt worden, ich weiß noch gar nichts über die inneren Abläufe, über die Ziele, ich weiß eigentlich noch gar nichts, deswegen konnte ich auch nichts entscheiden.``

,,Das ist doch der ideale Zustand. Du bist unvoreingenommen, wenigstens so unvoreingenommen, wie jemand sein kann, der mit Ondo zusammenlebt.``

Icarus' Miene verfinsterte sich kurz und er fragte vorsichtig: ,,Du hast etwas gegen Ondo?``

,,Von seinem Wesen her nicht, er gefällt mir, wirklich. Aber ich denke, er ist zu vorsichtig. Wir müssen etwas wagen, wenn wir etwas erreichen wollen, aber so, wie wir bis jetzt vorgehen, kann es einfach nichts werden. Aber ich schweife schon wieder ab. Ich wollte ja dich fragen, wie du dazu stehst und nicht dir meine Meinung darlegen.``

,,Ich weiß nicht. Wir müssen sicherlich etwas unternehmen, ich weiß nur nicht, wie schnell wir es mit diesen Leuten erreichen können. Hier sind laut Ondo fast nur Lehrer und Händler vertreten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß solche Leute kämpfen können.``

,,Da hast du wohl recht. Deswegen ist es auch so wichtig, daß du jetzt zu uns gehörst. Du bist anders, vielleicht wirst du uns den nötigen Anstoß geben können, ich hoffe es.`` Ihre Gesichtszüge hatten einen bittenden, fast flehenden Ausdruck angenommen, als sie dies aussprach. Sie schlug ihre Augen nieder, stand auf und ging in eine andere Ecke des Raums.


Tantus kam herein und nahm die Bestellungen auf. Icarus bestellte wie die meisten anderen einen Krug Delal, eine der Sachen, die er so an Arridos schätzte. Es war eine hellrote, schäumende Flüssigkeit, die bei weitem nicht so stark war wie Gal, aber dafür viel aromatischer, herber. Gewonnen wurde es aus einem Getreide, das nur in Burmasa wuchs.

Im Laufe des Abends trank er noch den einen oder anderen Krug und unterhielt sich mit weiteren Mitgliedern des Triadon. Während mit wachsenden Delal-Konsum seine Bewegungen unkoordinierter und seine Sprache schwerfälliger wurden, stellte er fest, daß der Alkohol keinen Einfluß auf seine Beobachtungsgabe zu haben schien. Im Gegenteil, er schimpfte sich selber einen Trottel, daß er zuviel getrunken habe, während er schon zum nächsten Zug ansetzte.

Irgendwann überfiel ihn die Müdigkeit. Er setzte sich auf einen freien Platz und dachte nach. Der Triadon, ein Haufen Terroristen? Nein, niemals! Diese Leute waren keine skrupellosen Mörder. Aber was waren sie dann? Sie wollten die Bevölkerung aufklären, doch die Priester würden das nie zulassen, wäre Gewalt da vielleicht am Ende doch der einzige Weg? Hatte Salena doch Recht gehabt?


,,Aufwachen!`` Icarus schreckte hoch. War er tatsächlich eingeschlafen? Der Raum war leer, nur noch Ondo und eine recht amüsiert wirkende Tinka befanden sich darin. Tinka war es gewesen, die ihn wachgerüttelt hatte. ,,Wenigstens hast du nicht geschnarcht.``

,,Ich schnarche nicht!`` Icarus war halbwegs wach und bis auf ein leicht taubes Gefühl anscheinend auch wieder nüchtern.

,,Soll ich das nächste Mal eine Aufnahme davon machen?`` Sie neigte keck ihren Kopf und schaute ihn herausfordernd an.

Auf ihrem Weg nach Hause stritten sie sich fast die gesamte Zeit darüber, ob Icarus denn nun schnarche, was sie als Schnarchen bezeichnete und was nur normale Atemgeräusche waren.


Am nächsten Morgen war er zwar recht müde, spürte aber ansonsten keine Nachwirkungen des Delal, im Gegensatz zu Tinka, die ihn mit glasigen Augen ansah.

,,Guten Morgen, Schnarchnase, du siehst aber übel aus.``

,,Danke, ich fühl' mich auch so``, antwortete Tinka schleppend mit rauher Stimme. Nach einiger Zeit fügte sie hinzu: ,,Wieso ,Schnarchnase`?``

,,Du hast mich die halbe Nacht wachgehalten. Nee, stimmt nicht, aber einmal bin ich davon aufgewacht, doch gleich wieder eingeschlafen. Erinnere mich daran, daß ich demnächst in meinem Zimmer schlafe, wenn du was getrunken hast.``

,,Hmm`` Tinkas Augen waren zugefallen, wenig später zeugten ihre gleichmäßigen Atemgeräusche davon, daß sie wieder schlief.

Icarus hielt es nicht länger im Bett. Er stand auf und brachte seinen Kreislauf durch eine kalte Dusche in Schwung, bis er sich als ,,munter genug`` bezeichnete. Er zog sich an, ging in die Küche und bereitete das Frühstück vor. Er holte die Brötchen aus dem Tiefkühlschrank, taute sie in der Mikrowelle auf und kochte einen Tee, in den er getrocknete Kabiblätter rieb. Das alles stellte er zusammen mit zwei Tassen und Tellern, sowie Fruchtcreme und Butter auf ein Tablett und ging ins Schlafzimmer.


Tinka war bereits wieder aufgewacht, hatte sich aber noch nicht dazu durchringen können, aufzustehen.

,,Guten Morgen nochmal. Ich hab' mir gedacht, wenn du nicht zum Frühstück kommst, kommt das Frühstück zu dir.``

,,Danke. Ich glaube, ich bleibe heute im Bett. Ich will nicht aufstehen.``

Icarus stellte das Tablett auf den Tisch neben dem Bett, so daß Tinka sich nur auf die Bettkante setzen mußte, um heranzukommen. Icarus nahm sich einen Hocker und setzte sich auf die gegenüberliegende Seite. Sie aß mit einem erstaunlichen Appetit. Entweder schlug das Delal nicht auf den Magen, oder die Parden waren nicht so anfällig.

,,Sag' mal, ist jedes Treffen so anstrengend? Wie häufig finden diese Treffen denn eigentlich statt?``

,,Es war das erste große Treffen seit einem halben Jahr. Meistens werden Informationen von Mund zu Mund getragen, das ist viel weniger gefährlich. Normalerweise wollten wir uns einmal in jedem Monat, aber mindestens jeden zweiten Monat treffen. Nun, diesmal gab es einen triftigen Grund dafür, deine Einführung.``

,,Was ist eigentlich mit Salena los? Irgendwie kam sie mir seltsam vor.``

Tinka atmete tief durch. ,,Salena ist ein Kapitel für sich. Ihre Eltern waren im offenen Widerstand gegenüber den Priestern. Vor vier Jahren wurde sie zusammen mit den Eltern verhaftet. Wenig später wurde sie freigelassen, ihre Eltern hat sie seitdem nie wieder gesehen.``

,,Ich glaube, jetzt verstehe ich, wieso sie so reagiert. Ich kann verstehen, wenn sie die Priester abgrundtief haßt. Was ist danach mit ihr geschehen? Wie ist sie zum Triadon gekommen?``

,,Ondo kannte ihre Eltern, hat sie häufiger gewarnt, vorsichtiger zu sein. Als es dann passiert war und sich abzeichnete, daß ihre Eltern nicht mehr wiederkommen würden, wurde sie von einer Familie aufgenommen, die dem Triadon angehört. So wurde sie schon fast zwangsläufig bei uns Mitglied.``

,,Was macht sie heute?``

,,Sie studiert genauso wie ich Medizin. Sie ist ein bißchen weiter, hat früher angefangen. Was interessierst du dich eigentlich so für sie? Soll ich eifersüchtig werden``, fragte sie scherzhaft.

Icarus nahm den Ball auf und retournierte. ,,Ja, ich bin mir wirklich nicht mehr sicher. Du bist irgendwie viel zu sanft geworden.``

Kaum hatte Icarus das letzte Wort ausgesprochen, war Tinka wie ein Blitz hochgeschoßen und hatte ihn, bevor er überhaupt reagieren konnte, in den Nacken gebissen. In Folge ihres Angriffs fiel er vom Hocker, nicht aber, ohne sich an ihr festzuhalten, so daß sie beide schließlich auf dem Boden lagen und sich aus Spaß balgten.

Nach einigen Minuten lagen sie sich erschöpft auf dem Boden in den Armen.

,,Was machen wir jetzt``, fragte schließlich Tinka.

,,Können wir 'rausfahren? Ich möchte mich mal wieder austoben.``

,,Hmm, heute habe ich glaub' ich sowieso nur Theorie, das kann ich prima nachholen, wenn du bei deinem Lehrplan keine Probleme siehst, können wir meinetwegen los.``

Icarus hatte keine Bedenken, so packten sie ihre Sachen zusammen. Tinka nahm Brote und Getränke mit, Icarus holte die beiden Funkgeräte aus seinem Schrank. Sein Funkgerät handelte sich dabei um einen Kopfhörer mit einem Mikrofon, das an einem Bügel vor seinem Mund geführt war. Die Elektronik und die Antenne waren im Kopfhörerbügel untergebracht. Durch die andere Kopfform der Drak handelte es sich hierbei um eine Einzelanfertigung extra nur für Icarus. Tinkas Funkgerät war ein Standardexemplar mit einem Ohrstöpsel und einem Kehlkopfmikrofon. Die Antenne und die Elektronik waren in einem kleinen Kasten untergebracht, den sie am Gürtel tragen konnte.


Sie fuhren mit der U-Bahn bis zur Endstation. Jedesmal, wenn Icarus die Treppe hinaufstieg, überfiel ihn wieder ein Gefühl der Trauer. Jedesmal war die Stadt weiter in die umgebende Landschaft gewuchert, hatte sie erobert. Die Stadt wuchs mit einer enormen Geschwindigkeit. Die künstlichen Monumente standen den Bäumen gegenüber, die trotz ihrer eigentlichen Größe winzig wirkten.

In diesem Moment wurde ein weiterer Gigamdo gefällt und schlug krachend auf. Icarus hatte das Gefühl, zu spüren, wie das Leben aus dem Giganten entwich. Diese Bäume waren enorm groß, mehrfach größer als alle Bäume in Drak. Ihre Blätter waren so groß wie ein Drakkopf und hatten drei bis vier Einkerbungen. Der Stamm eines solchen Baums hatte den Umfang einer der Hütten aus Icarus' Heimatdorf, und sie waren alt, sie waren wahrscheinlich fast so alt wie die Drak und die Parden selber, wenn Lota Recht gehabt hat, wenn es denn überhaupt einen Lota gegeben hatte.

Was hatten diese Bäume alles gesehen, was alles war um sie herum geschehen, wie stolz hatten sie sich all die Jahre dem Himmel entgegengestreckt, wie jämmerlich, wie erbärmlich lagen sie jetzt dahingestreckt auf dem Boden? Icarus merkte, wie seine Augen feucht wurden, so stark trauerte er um sie.

,,Komm' schon, laß' uns endlich den Wagen mieten``, riß ihn Tinka aus seinen Gedanken. Er folgte ihr zu der Vermietung, die sie immer aufsuchten, wenn sie ihre Ausflüge machten. Sie nahmen einen offenen Wagen mit einer Ladepritsche, auf der Icarus es sich bequem machte. Dann fuhren sie los.


Es führten keine Straßen in die Wildnis, nur ausgefahrene Wege zeugten von den bevorzugten Richtungen der Ausflügler. Als sie den Gigamdowald hinter sich gelassen hatten und sich vor ihnen eine weite Lichtung erstreckte, hielten sie an. Sie legten ihre Funkgeräte an, dann bereitete sich Icarus darauf vor, loszufliegen.

Er spreizte seine Flügel, und stieß sich vom Boden ab. Wieder mußte er feststellen, daß er entweder schwächer geworden war, oder aber an Gewicht zugelegt haben mußte, denn es fiel ihm schon wieder schwerer, aber schließlich hatte er es geschafft. Er schlug kräftig mit den Flügeln und gewann schnell an Höhe. Die Luft umschmeichelte seinen Körper, der Wind pfiff in den Ohren, es war herrlich.

,,Na du altes Flattervieh, macht es Spaß?`` ertönte es aus dem Funkgerät, ,,Dein Knurren konnte ich bis hier unten hin hören.``

,,Ach, es ist einfach wunderbar hier oben. So frei, so unbeschränkt, wieso können wir nicht einfach hier ins Randgebiet umziehen?``

,,Wir haben schon darüber diskutiert, und das Ergebnis kennst du. In einem Jahr wird die Stadt schon wieder ein weiteres Stück in den Wald vorgedrungen sein. Möchtest du dann wieder weiterziehen? Außerdem ist der Weg in Ondos Büro von hier aus einfach zu lang.``

,,Wieso kann ich dann nicht einfach wie die Stadtclans es auch machen, zwischen den Gebäuden umherfliegen?``

,,Auch das weißt du. Es gibt Regeln, die müssen wir einfach einhalten, sonst gibt es Probleme. Und eine dieser Regeln ist das Flugverbot in der Stadt. Die Stadtclanner leben außerhalb des Gesetzes, sie werden von den Katak ignoriert. Du aber lebst im System. Und möchtest du wegen so einer Sache unsere Ziele in Gefahr bringen?``

,,Ja, du hast schon Recht, aber ich fühle mich manchmal wie angekettet, es ist schrecklich.``

,,Es gibt doch noch ein Problem. Es ist einfach zu gefährlich. Denke daran, wieviele Unfälle Draks schon mit Gleitern hatten. Die Gleiter fliegen nun mal schneller als die Drak und die Piloten nehmen keine Rücksicht, im Gegenteil, du weißt doch spätestens seitdem du bei den Nachtschatten gewesen bist, was man unter dem Begriff ,Drak schießen` versteht.``

,,Du hast ja wirklich Recht, aber bitte versteh' doch auch meine Situation. Das Fliegen gehört zu uns Drak, es ist ein elementares Bedürfnis. Draks, die nicht mehr fliegen können, verbittern innerhalb kürzester Zeit.``

,,Du hast mir doch von diesem einen Clanchef erzählt. Der ist auch nicht verbittert, als er nicht mehr fliegen konnte.``

,,Das ist was anderes. Er hatte eine Aufgabe, außerdem hat er einfach nicht lange genug gelebt.``

,,Eben, es ist etwas anderes. Die Draks, die nichts mehr unternehmen können verbittern natürlich. Haben sie etwas, das sie beschäftigt, können sie damit leben. Es ist letztendlich genauso wie bei uns Parden. Wenn wir nicht mehr laufen können, vegetieren viele auch nur noch dahin. Aber du gammelst doch nicht rum, deswegen besteht die Gefahr nicht.``

Icarus schnaubte in das Mikro. ,,Nein, das ist es nicht. Ich habe etwas zu tun, aber trotzdem. Es ist etwas andere als das Laufen. Fliegen ist mehr als bloße Fortbewegung, Fliegen ist Freiheit, Fliegen ist Austoben, ist Abreagieren. Wir brauchen den Kampf mit den Elementen.``

,,Unsinn! Dieses ganze ,Kampf mit den Elementen`-Gerede ist doch schwachsinnig. Seid ihr intelligente Wesen, oder nicht?`` fragte Tinka provozierend.

,,Ach hör' doch auf! Du verstehst das einfach nicht, kannst es nicht verstehen. Ihr Parden seit einfach zu verweichlicht, ihr könnt gar nicht mehr mit der Natur leben, ihr bekämpft sie.``

,,Und ihr? Wenn wir euch nicht mit Medikamenten und anderen Waren beliefern würden, währt ihr doch auch aufgeschmissen!``

,,Und was würdet ihr ohne unsere Lieferungen anfangen?``

,,Wir kommen auch so zurecht, ihr nicht!``

,,Hör' endlich auf!`` schrie Icarus in das Mikro. Mit einer wütenden Handbewegung schaltete er das Funkgerät ab und genoß die sofort eintretende Stille, jedenfalls redete er sich das ein.


Er versuchte ein paar Flugfiguren und Kunststücke, die ihm jedoch alle mehr oder weniger mißlangen. Er mußte immer wieder an den Streit denken, den er gerade mit Tinka gehabt hatte. Sie hatte nicht ganz Unrecht gehabt, tatsächlich waren die Drak längst nicht mehr so unabhängig, wie sie immer taten. Wenn heute jemand krank wurde, konnte ihm mit Medikamenten schnell geholfen werden, die Werkzeuge, die sie so nie fertigen konnten, waren unabschätzbar wertvoll. War es nicht nur eine Illusion von Freiheit, die sie alle träumten?

Sicherlich stimmte das nur zum Teil. Die Drak waren von den Parden abhängig, nicht umgekehrt. Durch ihre technischen Leistungen konnten sie sehr wohl ohne die Lieferungen aus Drak überleben, sie würden nur ein wenig Luxus entbehren müssen.

Auf der anderen Seite konnten die Drak für die Parden ein Symbol für die Naturverbundenheit werden. Die Parden waren immer noch der Meinung, daß die Natur ein nettes Beiwerk war, aber man auch ohne überleben könne, beziehungsweise ignorierten sie einfach dieses Problem.

Zu dieser Nähe zur Natur gehörte aber auch ein Verhalten, daß näher an der Natur der einzelnen Person lag, und zur Natur der Drak gehörte es nun mal, daß sie flogen. Icarus verstand die Probleme, er erkannte, daß aus Tinka die Sorge um ihn gesprochen hatte, aber er konnte ihr einfach nicht komplett Recht geben, das war unmöglich.


Nachdem er noch einige Minuten ruhig seine Kreise flog, kehrte er zu der Stelle zurück, von der gestartet war. Er atmete auf, als er sah, daß der Wagen noch dort stand, noch erleichterter war er, als er Tinka entdeckte, die auf der Ladefläche saß, und den Kopf gesenkt hielt.

Als er vor dem Wagen hielt, sah Tinka mit einem schuldbewußten Blick auf. Sie stand langsam auf und ging auf Icarus zu. Icarus ergriff das Wort.

,,Tinka, ich ...``

,,Nein, Icarus, hör' mir bitte zu.`` Sie hielt den Kopf gesenkt und fuhr fort: ,,Du hattest Recht. Das Fliegen liegt in eurer Natur. Es war falsch von mir zu verlangen, daß du mit deiner Natur brichst.``

,,Ich muß mich bei dir entschuldigen, nicht du bei mir. Ich darf nicht so eigennützig sein. Ich habe mich einer Illusion hingegeben, ich habe zwar immer gedacht, ich würde darüber stehen, in Wahrheit aber denke ich wohl genauso wie die, die ich wegen ihrer Überzeugung kritisiere.``

,,Ach Unsinn, du bist viel weiter als diese fortschrittsverachtenden Draks, stell' dich bitte nicht mit ihnen auf eine Stufe. Ich denke, wir werden eine Lösung finden, und ich habe auch schon eine Idee. Komm setz' dich erstmal hin, dann können wir viel entspannter reden.``


Icarus legte seine linke Hand auf ihre linke Schulter, Tinka erwiderte die Geste, indem sie das selbe tat, während sie ihre Beine von der hinteren Ladekante hängen ließen.

,,Du erinnerst dich an Debra, die auf dem Treffen etwas zu den Fortschritten der Ausgrabungsarbeiten erzählen wollte?``

,,War das nicht diejenige, die auf ihr Kind aufpassen mußte und deswegen schon so früh gegangen ist?``

,,Ja richtig. Debra leitet eine Ausgrabung. Durch Zufall hatte sie vor einiger Zeit bei einem Ausflug ein paar seltsame Dinge gesehen. Sie hatte hier in dieser Gegend mit ein paar Freunden gezeltet und wollte ein Loch für die Feuerstelle ausheben. Dabei stieß sie auf einen harten Gegenstand.``

,,Und was war es?``

,,Auf den ersten Blick schien es nichts Besonderes zu sein, einfach nur eine metallische Hülse von ein paar Zentimetern Länge, dann hob sie sie auf. Sie war leicht, extrem leicht, aber gleichzeitig war sie unglaublich hart. Sie nahm die Hülse mit und brachte sie zu einem ihrer Bekannten, einem Physiker und ebenfalls Triadonmitglied. Er untersuchte den Gegenstand, so fing das Mysterium an. Er hat bis heute nicht die komplette Zusammensetzung entschlüsseln können, eins ist aber sicher. Wir können soetwas heutzutage nicht herstellen. Es ist eine Art Legierung zwischen einem Metall und einem Polymer.``

,,Soetwas gibt es doch gar nicht! Und wer soll das hergestellt haben, wenn wir es nicht können? Aber kann es nicht sein, daß es das Ergebnis eines streng geheimen Experiments ist?``

,,Nein, das ist nahezu ausgeschlossen. Bredo, der Physiker, entdeckte leichte Verwitterungsspuren auf dieser Hülse. Er hatte natürlich alle möglichen Tests mit dem Material durchgeführt, darunter auch Tests der Stabilität, thermisch, plastisch und chemisch. Er setzte es hoher Temperatur aus, er setzte es hohem Druck aus und brachte es mit verschiedenen Säuren und Laugen in Kontakt. Alles das schien das Material nicht zu beeindrucken. Es blieb die Frage, wo diese Verwitterungsspuren hergekommen waren. Entweder war die Hülse unglaublichen Kräften ausgesetzt gewesen, oder aber sie war schon sehr alt.``

,,Wie alt?``

,,Das kann er nicht genau bestimmen, er schätzt den Zeitraum auf etwa achthundert bis eintausendzweihundert Jahre.``

,,Das ist unmöglich! Wie kann es soetwas Altes geben?``

,,Das ist eben das Unglaubliche. Vor ein paar Monaten schließlich fingen wir an, in der Gegend, in der sie diese Hülse gefunden hatte, nach weiteren seltsamen Dingen zu suchen.``

,,Und? Habt ihr etwas gefunden?``

,,Das weiß ich nicht, ich vermute es aber, denn Vater hat mir nichts verraten, er hat mich auf die Versammlung vertröstet, in der weitere Einzelheiten bekanntgegeben werden sollen. Ich weiß nur eins: Obwohl sie die Ausgrabungen sehr gut tarnen, könnte doch ein zufällig vorbeikommender Spaziergänger oder eine Patrouille der Katak etwas entdecken. An dieser Stelle kommst du ins Spiel. Es wäre zu auffällig, wenn wir die gesamte Zeit über dort einen Gleiter kreisen lassen würden, ein Drak hingegen erzeugt nicht dieses Maß an Aufmerksamkeit. Deine Aufgabe wird es also sein, über der Ausgrabungsstelle zu kreisen, und uns rechtzeitig zu warnen, sollte sich jemand nähern. Hättest du dazu Lust?``

Icarus' Gesicht strahlte. ,,Und ob! Natürlich mache ich das gerne! Wann soll es losgehen?``

,,Nicht so schnell. In den nächsten Tagen wird eine weitere Versammlung stattfinden, auf der Debra nun wirklich die bisherigen Ergebnisse vorstellen wird. Dort wird mein Vater den Vorschlag machen, dich einzusetzen.``

,,Wieso hast du mir das nicht eher erzählt?``

,,Ich habe es nur zufällig gehört, als Vater heute morgen mit Debra gesprochen hat, er hat mir persönlich auch nichts verraten. Deswegen bitte ich dich, sei überrascht, wenn der Vorschlag kommt.``

,,Du kannst dich auf mich verlassen, ich werde mir nichts anmerken lassen, ich werde der am meisten überraschte Drak sein, den du jemals gesehen hast, aber was machen wir jetzt noch mit diesem Tag?``

,,Hast du denn keine Lust mehr zu fliegen?``

,,Das schon, aber ich hätte gerne Begleitung dabei, ich hätte dich gerne an meiner Seite, wenn ich fliege.``

,,Du weißt, daß das unmöglich ist``, bemerkte sie mit leichter Trauer in den Augen.

,,Nicht ganz.`` Das Funkeln in seinen Augen deutete auf eine Idee hin, die er eben gerade bekommen hatte.

,,Was hast du vor?`` fragte Tinka vorsichtig.

,,Beantworte mir bitte ein paar Fragen: Ihr seid auf die Idee des Fliegens gekommen, als ihr uns Drak gesehen habt, richtig?`` Tinka nickte, Icarus fuhr fort: ,,Gut. Die ersten Flugversuche scheiterten, und erst, als ihr Motoren kanntet, habt ihr die Versuche wieder aufgenommen, oder?`` Tinka nickte erneut, sich fragend, worauf Icarus hinaus wollte. ,,Du hast doch außerdem sicherlich schon gesehen, wie ein Blatt Papier im Wind segelte, und du hast gesehen, daß ich beim Fliegen auch nicht immer mit den Flügeln schlagen muß, um mich in der Luft zu halten, richtig?`` Ihr Nicken wurde vorsichtiger, sie ahnte, was er gleich sagen würde. ,,Wieso bauen wir dir nicht einfach ein Fluggerät, mit dem du in der Luft segeln könntest?``

,,Du spinnst! Das kann doch nicht funktionieren, sei kein Drak!`` Sie fügte schnell hinzu: ,,Äh, entschuldige ...``

,,Kein Problem. Ich habe genau diese Idee, eben weil ich ein Drak bin. Wieso solltet ihr nicht diese Schwäche durch eure Technik wieder ausgleichen? Ich hab' ein paar Ideen, die ich gerne am Computer überprüfen würde. Würdest du überhaupt fliegen wollen?``

,,Es klingt verführerisch.`` Nach einem Moment des Zögerns fügte sie hinzu: ``Ich glaube schon. Wenn du mich in die Entwicklung einbeziehst, können wir darüber reden. Ich schätze, du willst jetzt am liebsten sofort nach Hause?``

Icarus wollte. Sie kehrten um, und waren am späten Nachmittag wieder zu Hause angekommen. Icarus fuhr gleich weiter zur Bücherei und besorgte sich alle Informationen, die er über das Fliegen bekommen, sowie ein Programm, mit dem er Strömungsberechnungen durchführen konnte.


Es wurde eine lange Nacht. Als Tinka ins Bett ging, saß er noch vor dem Computer und Unmengen von aufgeschlagenen Büchern, in die er immer wieder einen Blick warf. Als sie am Morgen aufwachte, saß er immer noch an der selben Stelle. Auf dem Bildschirm konnte sie ein Dreieck erkennen, um das mehrere bunte Linien liefen. Auf dem Fußboden lagen Papiermodelle, die diesem Dreieck ähnelten. Icarus lag mit dem Kopf vor der Tastatur und gab Schlafgeräusche von sich.

Als Tinka ihn kurz berührte, schreckte er hoch, meinte: ,,ich habe nicht geschlafen``, und wollte gleich weiterarbeiten. Nach etwas gutem Zureden konnte sie ihn aber dann doch davon überzeugen, daß er im Bett besser aufgehoben wäre.

Als sie am frühen Abend von der Hochschule zurückkam, saß Icarus bereits wieder vor dem Rechner.

,,Hya, Drak, was macht das Fliegen?``

,,Hya, du noch bodengebundener Parde. Es geht voran. Ich habe ein paar Probleme mit der Steuerung, aber ich glaube, sie sind lösbar.``

,,Seit wann sitzt du wieder hier?``

,,Ich bin erst vor ein paar Minuten aufgestanden. Ondo hat mich geweckt, es findet heute abend eine weitere Hauptversammlung statt. Er hat nicht gesagt, wieso, aber er meinte, es hätte einen guten Grund.``

,,Ich schätze, es geht um die Ausgrabungen.``


Tinka hatte Recht.

Icarus fühlte sich dieses Mal erheblich wohler, als er am Versammlungstisch Platz nahm. Die Blicke der anderen waren viel weniger feindlich gewesen. Er war sich nicht sicher, hatte aber das Gefühl, daß die Feindschaft einer gewissen Skepsis gewichen war, eine Skepsis vielleicht, ob er der Gruppe eine Hilfe sein könne? Er wußte es nicht, wahrscheinlich interpretierte er einfach zuviel in diese unbeweglichen Masken, die die Parden ihr Gesicht nannten.

Nachdem alle Platz genommen hatten, eröffnete Ondo die Versammlung.

,,Liebe Freunde, seid willkommen. Wichtige Erkenntnisse haben es erzwungen, daß wir heute erneut eine Versammlung einberufen mußten. Schon gestern wollte Debra uns etwas über den Stand der Ausgrabungen mitteilen. Da leider etwas dazwischen kam, wird sie uns heute unterrichten. Debra, bitte komm' nach vorne.``

Heute trug Debra ein knallrotes enges Oberteil, das ihre Oberweite betonte, dazu eine lange schwarze Hose. In ihren Händen hielt sie eine Schachtel, als sie zum Kopfende ging. Sie stellte die Schachtel auf den Tisch, und begann zu reden.

,,Vor ein paar Tagen haben wir etwas Seltsames entdeckt.`` So konfus, wie sie angefangen hatte, so verhielt sie sich auch. Ihre Hände zuckten unruhig hin und her, zum einen bedingt durch ihre Nervosität, vor der Gruppe zu sprechen, zum anderen aber sicher auch wegen der Entdeckung, die sie jetzt präsentieren wollte.

,,Wir sind ja zur Zeit mit Ausgrabungen in der Nähe der Höhlen im Südwald beschäftigt. Unsere Metallsucher schlugen wenige Meter vor dem großen Eingang aus. Wir fingen an zu graben. In einem Meter Tiefe entdeckten wir dann etwas - das hier.``

Mit diesen Worten öffnete sie die Pappschachtel und nahm eine Hülse heraus.

,,Diese Hülse ist es, die uns Rätsel aufgibt. Schaut sie euch einfach an, in der Zwischenzeit erzähle ich euch, was wir bis jetzt darüber herausgefunden haben.``

Sie gab die Hülse dem an nächsten Sitzenden, der sie neugierig in die Hand nahm.

,,Diese Hülse ist aus einem uns unbekannten Material hergestellt und ist praktisch unzerstörbar.``

Die Hülse war mittlerweile bei Icarus angelangt. Er nahm sie neugierig entgegen. Sie war schwarz, hatte aber einen metallischen Schimmer. Sie fühlte sich hart an, wie ein Metall, gleichzeitig aber war sie einfach zu leicht. Dieser schwarze Schimmer schien kein Lack, keine Beschichtung zu sein, sondern war das normales Material. Er gab die Hülle an Tinka weiter, und hörte Debra wieder zu.

,,... und dann entdeckte Bredo doch leichte Verwitterungen auf der Oberfläche. Daraus können wir nur schließen, daß dieser Hülse wirklich Schlimmes widerfahren ist, oder sie sehr, sehr alt ist.``

,,Wie alt?`` wollte Salena wissen.

,,Das können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Falls sie aber nur im Erdboden gelegen hat und keinen weiteren Belastungen ausgesetzt war ... eintausend Jahre.``

Sekundenlang folgte ungläubige Stille, bis alle gleichzeitig losredeten. Ungläubigkeit löste sich ab mit Erschrecken (und noch ein paar anderen Gefühlen)

,,Das kann nicht sein!`` schrie Salena regelrecht heraus. ,,Wie sollen wir soetwas hergestellt haben? Vor eintausend Jahren können wir noch nicht soweit gewesen sein!``

,,Was wäre, wenn nicht wir diese Hülse erzeugt haben?`` fragte Icarus ruhig. Dadurch, daß ihn Tinka schon vorbereitet hatte, hatte er die Gelegenheit gehabt, sich weitere Gedanken zu machen.

,,Wer soll denn vor so langer Zeit hier gelebt haben?`` kam die Frage auf.

,,Vielleicht gab es eine Rasse vor uns, aus der wir hervorgegangen sind? Vielleicht gibt es doch Leben außerhalb unseres Planeten und vielleicht waren sie hier zu Besuch?``

,,Das kann nicht sein!`` antwortete Salena entbrüstet. ,,Muß ich dich an die gescheiterten Versuche erinnern, als wir vergeblich versucht haben, ins All zu kommen? Die Versuchstiere sind jämmerlich an Strahlenvergiftungen eingegangen. Möglicherweise gibt es auf anderen Planeten Leben, aber sie haben nicht die Möglichkeit, zu uns zu gelangen. Das All würde sie regelrecht braten. Außerdem sind die anderen Planeten viel zu weit entfernt. Nein, das können wir uns abschminken.``

,,Dann bleibt nur die Möglichkeit einer Rasse vor unserer Rasse.``

,,Das ist genauso abwegig. Wenn es etwas vor uns gegeben hätte, dann hätten wir schon viel eher Spuren sehen müssen.``

,,Ich weiß es auch nicht. Aber vielleicht gibt es solche Spuren auf Zhad? Was wissen wir von dieser Insel?``

Salena war regelrecht zusammengezuckt, als sie diesen Namen gehört hatte. Auch die anderen hatten auf diesen Namen reagiert, so als ob Icarus allein durch die Nennung dieses Wortes Unheil produzieren konnte.

,,Zhad``, Salena sprach den Namen leise aus, ,,ist etwas anderes. Der innere Kreis, die Sama leben dort, und wie du weißt, ist diese Insel für alle anderen verboten.``

,,Ja, ich weiß. Aber wieso ist sie verboten?`` bohrte Icarus nach.

,,Weil sie verboten ist! Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wieso das jetzt so interessant ist!`` Salena war plötzlich regelrecht explodiert. Bevor Icarus etwas einwenden konnte, unterbrach Ondo die Diskussion.

,,Niemand von uns weiß etwas, niemand kann etwas wissen. Solange wir nur dieses eine Artefakt haben, können wir nur spekulieren. Damit wir zu einer Lösung kommen können, werden wir deswegen in den nächsten Tagen die Ausgrabungsarbeiten verstärken. Damit wir dabei nicht überrascht werden, wird Icarus die Ausgrabungen aus der Luft überwachen, und dafür sorgen, daß wir rechtzeitig gewarnt sind.``


Zwei Tage nach dem Treffen sprach Icarus mit Tinka erneut über die Versammlung. Es war Abend. Sie lagen im Bett. Am nächsten Tag würden sie zur Ausgrabungsstelle fahren. Es paßte gut, denn sie beide hatten Ferien, die anderen am Projekt Beteiligten hatten Urlaub genommen.

Sie würden statt wie bisher mit drei, mit einem Team von zehn Leuten arbeiten. Darunter waren Debra und ihrer Tochter Sadi, Salena, Jendo, Bredo und ein paar weitere, deren Namen er nicht kannte, und natürlich Tinka und er.

,,Wieso habt ihr so furchtsam reagiert, als ich Zhad erwähnt habe?``

Auch jetzt glaubte Icarus, Tinka zusammenzucken zu sehen, aber das war wohl eine Täuschung. ,,Dieser Ort ist verboten, das wird uns schon seit frühester Kindheit beigebracht, dort sitzt der innere Kreis. Außerdem geht das Gerücht um, daß unbequeme Leute dorthin verschleppt würden. Es verschwinden immer wieder Gegner der Priester - wie auch Salenas Eltern. Viele vermuten, sie wären nach Zhad gebracht worden. Es findet ein reger Flugverkehr zwischen Zhad und Arridos statt. Es sollen schon einige versucht haben, dorthin zu gelangen. Sie versuchten, die Luftüberwachung zu unterfliegen aber sie wurden von der Flugabwehr enttarnt und abgeschossen. Dieser Ort ist die Verkörperung, die Personifizierung des Unbekannten. Ich denke, es ist die Summe all dessen, die uns schaudern läßt ...``


Sie standen früh auf. Am Vorabend hatten sie noch ihre Rucksäcke gepackt. Sie fuhren mit der U-Bahn zum Wagenverleih wo sie immer ihr Fahrzeug mieteten. Dort trafen sie die anderen. Sadi lief aufgeregt umher, für sie war es ein großer Spaß. Aber auch die anderen waren fröhlich und scherzten. Eine Hupe ertönte, und ein Wagen fuhr vor, in dem Bredo saß. Der Wagen hatte für die gesamte Gruppe Platz, außerdem hatte er noch eine große Ladefläche, auf der jetzt schon Zelte lagen. Sie legten ihre Rucksäcke dazu und stiegen ein.

Icarus kannte die Gegend, genau hier war er immer mit Tinka gewesen - War das Zufall? Er wischte den Gedanken weg wie ein lästiges Insekt.

Kurz vor Ende der Fahrt bogen sie dann von dem ihm bekannten Pfad ab und fuhren in Richtung der Felsen, die er schon aus der Ferne gesehen hatte. Kurze Zeit später hielten sie direkt vor der Felswand an. In dieser Wand starrte sie ein großes Loch an. Davor gab es eine Lichtung von wenigen Metern Durchmesser, dort hatte Debra den Fund gemacht.

Sie luden ab und bauten die Zelte auf, zwei mehrere Meter große Zelte, unter denen die Ausgrabungen durchgeführt, und die Fundstücke untersucht werden sollten. Dazu noch ein Zelt, in dem sie kochen würden, sowie fünf kleinere Zelte, in die sie ihre Schlafsäcke legten. Sie hatten außerdem in der Mitte der Lichtung eine Feuerstelle aufgebaut, indem sie Steine im Kreis aufgeschichtet hatten und einige Schritte um die Steine herum alle Pflanzen beseitigt hatten, damit kein Brand entstehen konnte. Nun setzen sie sich im Kreis um die Stelle herum auf ein paar große Steine, die sie davor aufgestellt hatten, und entspannten sich von der Arbeit.

,,So, das wäre geschafft, was nun?`` fragte Tinka scheinbar völlig unberührt davon, daß sie bis eben hart gearbeitet hatten.

,,Laß' mich bitte etwas ausruhen, danach kannst du wieder über mich verfügen``, kam Icarus' extra gequält klingende Antwort.

,,Aber natürlich, mein Schwabbelbäuchlein.`` Die Gruppe grinste.

,,Ich kann nichts dazu, wenn ich in letzter Zeit so wenig Bewegung hatte. Wenn ich erstmal wieder fliegen kann, wirst du schon sehen, was für einen kräftigen Beschützer du hast.``

,,Aber natürlich, ohne dich wäre ich völlig hilflos.`` Die ersten versuchten verzweifelt, ein Lachen zu unterdrücken.

,,Ja, eben.`` Icarus geriet in die Defensive, was ihm gar nicht gefiel. Er wußte nicht, was er darauf erwidern sollte, also sprang er auf, um sie zu überfallen. Sie hatte anscheinend schon damit gerechnet, packte ihn bei den Händen, ließ sich nach hinten vom Stein fallen, stützte ihren Fuß in seiner Lende ab und schleuderte ihn so über sich hinweg.

Während Icarus noch auf dem Boden lag, stand Tinka bereits wieder. Die letzten hatten angefangen lauthals zu lachen, als Icarus aufzustehen versuchte. Icarus, der Tinka nichts übelnehmen konnte, tat so, als würde er beleidigt sein, und setzte sich wieder auf seinen Platz. Nach einigen Augenblicken konnte er aber ein Grinsen auch nicht mehr unterdrücken, das sich innerhalb von kürzester Zeit in ein Lachen verwandelte.


Es war Nachmittag. Sie hatten eine Suppe gegessen, die Debra gekocht hatte. Heute würden sie nicht mehr anfangen zu arbeiten, den heutigen Tag wollten sie in Ruhe und Freude ausklingen lassen, also saßen sie um den Feuerplatz herum und unterhielten sich. So lernte Icarus auch die anderen kennen. Neben den ihm schon bekannten Leuten waren da Osenia und ihr Mann Dimno. Die beiden hatten zusammen mit Debra die ursprünglichen Ausgrabungen durchgeführt. Die beiden Männer Scubano und Blagmor vervollständigten die Gruppe. Die Liebe der beiden zueinander konnten sie hier offen zeigen - in der Stadt wären sie dafür bestraft worden. Die gleichgeschlechtliche Liebe war zwar nicht regelrecht verboten, jedoch wurde sie auch nicht gutgeheißen. Es war zum Beispiel jegliche Liebesbezeugung, jegliche Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit verboten, viele Arbeitsstellen blieben ihnen verschlossen, da die Priester keine Erlaubnis dazu gaben. Dies waren nach ihrer Aussage die Gründe gewesen, weshalb sie im Triadon waren.


Der Abend kam, das Feuer wurde entzündet. Scubano holte aus seiner Tasche eine Data, auf der er eine Melodie anstimmte. Der zarte Klang, wenn er in eine der Röhren blies, verzauberte alle. Icarus hatte dieses Instrument noch nie gesehen, aber schon davon gehört. Die Wulf aus Frantika hatten es erfunden. Die langen dunklen Tagen des Winters, in denen sie von ihren Vorräten lebten und das Haus nur selten verließen, hatten sie dazu genutzt, um eine Kultur aufzubauen, die ihnen den Ruf verliehen hat, die besten Künstler Dabos zu sein. Die Data bestand einfach nur aus etwa zwanzig Röhren, die zusammengebunden waren. So einfach sie auch zusammengebaut war, so wunderschön fand Icarus den Klang.

Sie saßen einfach nur da und ließen sich vom Klang verzaubern. Als Scubano das nächste Lied anstimmte, fing Tinka an, mitzusingen.

,,Übers Jahr``

Spuren im Schnee führen an dir vorüber
Frostklare Winde im Mondenschein
Endlose Stunden voll gläsernem Schweigen
Wachst du beharrlich in tiefer Nacht

Bricht dann die Stille
Zerfließt ein verschlafenes, karges Verlangen
Leise verweht sich der Nebel
Endlich voller Licht die Welt

Tiefgrüne Wiesen, schattenkühle Wälder
Blühen in der Gunst des Sonnenspiels
Reifende Ähren in wiegendem Tanze
Flüstern ihre Weisen dem Winde zu

Bricht dann die Stille
Neuerlich hernieder, mit diesigem Hauche...
Leise erhebt sich der Nebel
Schließlich tritt die Nacht in die Welt

Wieder sind da Spuren
Im Schnee bei den Bäumen
Der Mond steht alleine
In kalter Nacht

Es ist eine Stille
Ganz tiefe Ruhe
Allmächtiges Schlafen
Leise verliert sich das Leben
Wartet auf den neuen Tag

Tinka hatte zu Anfang nur leise mitgesungen, aus dieser leisen Stimme hatte sich aber ein kraftvoller Gesang entwickelt, der sie anscheinend selber überrascht hatte, denn als die anderen ihr applaudierten, schaute sie nur leicht verschämt nach unten.

,,Das war richtig gut. Ich wußte gar nicht, daß du so schön singen kannst``, Icarus.

,,Du weißt einiges von mir nicht.`` Sie hatte ihre kurze Episode der Scham schon wieder überwunden, ,,leider kenne ich nur dieses eine Lied. Ich habe es mal durch Zufall entdeckt, als ich mich mit der Kultur der Wulf, insbesondere mit dem Mondkult beschäftigt habe. Ich war irgendwie verzaubert, als ich den Text las. Als ich dann später die Noten dazu beschaffen konnte, war ich bestimmt der glücklichste Parde, der auf Dabo lebt. Heute habe ich es das erste Mal auf der Data gehört. Scubano, du spielst es einfach bezaubernd.``

,,Durch deine Stimme hast du den Zauber erst richtig entfacht``, gab er das Kompliment zurück.

Er stimmte ein weiteres Lied an. So saßen sie noch lange beieinander. Irgendwann übermannte sie dann die Müdigkeit und sie zogen sich in ihre Zelte zurück.


Der nächste Tag begann früh. Zu früh nach Tinkas und Icarus' Meinung, aber Debra war unerbittlich. Sie wuschen sich im nahegelegen Bach und frühstückten. Es gab Fruchtcreme und Brot. Bredo hatte genügend Vorräte eingekauft und sogar den Kühlschrank nicht vergessen, den sie mit einer Gasflasche betrieben.

Nach dem Frühstück begann die die Arbeit. Icarus legte sich sein Funkgerät um, und stieg auf. Jeweils einer der neun übrigen würde im Wechsel am anderen Ende sitzen und in Bereitschaft bleiben, falls sich ihnen jemand nähern sollte.

Icarus mußte immer wieder pausieren, seine Muskulatur war in der Zeit, als er sie nicht trainieren konnte, doch erheblich zurückgegangen. In den Flugpausen setzte er sich auf einen Felsvorsprung und konnte so trotzdem die Gegend überblicken. Als Tinka das Mikrofon übernahm, ließ er sich vom Fortschritt informieren.

,,Osenia und Dimno sitzen zur Zeit im Loch und schaufeln sich tiefer. Wir müßten bald die Stelle erreicht haben, an der sie die Hülse gefunden hatten. Scubano und Blagmor nehmen ihnen die Erde ab, sieben sie durch und häufen sie in einer Ecke des Zeltes an. Bredo und Salena laufen mit einem Metallsucher die Gegend ab und hoffen, etwas zu finden. Jendo und Debra sind in die Höhle gegangen, sie wollen sie näher untersuchen.``

Gegen Mittag unterbrachen alle die Arbeit, um zu essen. Dabei unterrichteten sie sich gegenseitig vom ihren bisherigen Erfolgen.

,,Nichts``, war Dimnos kurzer Statusbericht. ,,Wir haben das Loch noch vertieft , wir sind auch mehr in die Breite gegangen, aber anscheinend ist nichts weiter dort vergraben.``

Bredos Zusammenfassung klang ebenfalls nicht ermutigend. ,,Wir sind den ganzen Tag durch die Gegend gelaufen, aber jedesmal, wenn der Detektor ausschlug, handelte es sich um irgendwelche Dosen oder anderen Müll, den Wanderer hier liegengelassen haben.``

,,Laßt den Kopf nicht hängen``, versuchte Debra sie aufzuheitern, ,,ich denke, wir sollten die Höhle untersuchen. Jendo ist der Meinung, sie ging früher viel tiefer, ist aber jetzt teilweise eingestürzt. Die meisten Steine sind recht klein, und ich denke, wir dürften sie ohne große Probleme beiseite schaffen können. Vielleicht finden wir darunter etwas Interessantes.``

Sie beschlossen, noch einen Tag so weiter zu machen, wie bisher. Sollten sie dann nicht fündig werden, wollten sie die Höhle erkunden.


Am Morgen des dritten Tages fingen sie an, die Steine aus der Höhle zu entfernen. Osenia und Dimno gruben weiter, die anderen aber schleppten Geröll. Es waren tatsächlich viel kleine Steine und Sand darunter, jedoch hatten sie es zum Teil aber auch mit Brocken zu tun, die sie nur alle zusammen bewegen konnten.

,,Wartet!`` rief Tinka am fünften Tag. Die anderen hielten sofort ihre Arbeit an. ,,Schaut euch diesen seltsamen Stein an.``

Er war in der Tat seltsam. Er war grau und porös. Er war auch leichter als die anderen.

,,Das ist kein natürlicher Stein!`` stellte Bredo fest. ,,Das ist künstlich. Seht ihr die braunen Flecken, die sich hier oben und da unten befinden?`` Er zeigte auf zwei Stellen, jeweils knapp am Rand einer relativ glatten Seite. ,,Ich denke, daß es sich hier um Eisenstreben handelt. Geht zur Seite, ich werde es jetzt feststellen.`` Er legte den Stein auf den Boden, nahm einen großen Hammer und schlug auf den Stein ein. Zuerst sprangen nur kleine Brocken ab. Mit einem besonders kräftigen Schlag zerteilte sich der Brocken dann in zwei Hälften.

,,Ich hatte recht!`` Bredo ließ den Hammer achtlos fallen und nahm aufgeregt den einen Stein in die Hand. ,,Hier, seht ihr das? Das ist eindeutig eine Stahlstrebe gewesen, es ist künstlich!``

,,Und was soll das bedeuten?`` fragte Salena eher gelangweilt. ,,Dann hat halt jemand irgendwann einmal hier etwas gebaut, und? Was bringt es uns?``

,,Begreifst du es nicht? Was soll hier denn jemand gemacht haben? In der Nähe ist doch nichts, hier war auch nie etwas, außerdem gibt es keinerlei Spuren, daß hier mal jemand gewesen war, abgesehen von der Hülse und diesem Brocken. Ich denke, daß beides im Zusammenhang miteinander steht. Grabt bitte weiter, ich untersuche in der Zwischenzeit das Fundstück.``

Die Ausgrabung ging weiter. Nun untersuchten sie jeden Stein noch genauer, als sie es bis dahin getan hatten. Dadurch kamen sie immer langsamer voran.


Am Abend des sechsten Tages saß gerade Salena am Mikrofon, als Icarus beobachtet, wie Tinka aufgeregt zur ihr lief. Icarus hörte nicht, was sie besprachen, aber Tinka schien sehr aufgeregt zu sein. Salena sagte nur kurz: ,,Wir haben was!`` dann schaltete sie auch schon wieder ab und verschwand in ihrem Zelt.

Icarus landete vor Tinka, die auf ihn zu warten schien.

,,Salena hat was entdeckt. Es wird immer mysteriöser, komm' mit.``

Salena erwartete sie schon am Höhleneingang. In ihren Händen hielt sie einen handtellergroßen, weißen eckigen Gegenstand. Es schien sich um eine Hülle zu handeln. Alle versammelten sich um sie, auch Salena stieß jetzt wieder zu ihnen, dann nahm sie diese Hülle, und öffnete sie. Sie klappte in zwei Hälften auf. In ihrem Inneren verbarg sie einen etwa fünf Zentimeter im Quadrat messenden Plastikkörper. An der einen Seite befand sich eine Metallklappe, auf der Unterseite ein Metallring. Im Inneren des dursichtigen Körpers konnte Icarus eine glänzende Scheibe entdecken. Auf der Oberseite hatte sich wohl einmal ein Aufkleber befunden, aber jetzt waren nur noch bunte Flecken davon übrig.

,,Das ist eine Diskette``, bemerkte er.

,,Ja, aber so eine Diskette habe ich noch nie gesehen, und ich kenne mich mit Computern aus!`` meinte Bredo.

,,Ja, und was bedeutet das jetzt?`` fragte Blagmor ratlos.

,,Überleg' mal``, meinte Icarus. ,,Wir können wohl jetzt davon ausgehen, daß sowohl die Hülse, als auch diese Diskette nicht von uns hergestellt wurden. Da sprechen viele Dinge für. Das läßt doch wohl nur zwei mögliche Schlüsse zu. Entweder wir hatten vor langer Zeit Besuch von anderen Wesen aus dem All, oder aber es gab eine Zivilisation vor der unseren!``

,,Das klingt einfach zu phantastisch, als daß ich es glauben könnte!`` meinte Tinka.

,,Es wird dunkel, laßt uns für heute Schluß machen, damit wir morgen sofort die Fundstelle weiter untersuchen können``, kam Salenas Vorschlag.

,,Ob ich meinen Vater anrufe, und ihm mitteile, daß wir etwas gefunden haben?``

,,Bist du verrückt, Tinka?`` wandte Salena ein. ,,Was ist, wenn die Priester das Gespräch überwachen? Ich denke, wir sollten morgen alles genau untersuchen. Wenn wir dann fertig sind, können wir alles zusammenräumen und eine Versammlung einberufen.``

Widerwillig gab ihr Tinka recht. Bis auf Debra, die weiter suchen wollte und sich auch nicht umstimmen ließ, legten sich alle hin, abgesehen von Jendo, der die erste Wache übernahm.

Nach drei Stunden übernahm Icarus. Salena, die er ablöste, berichtete ihm, daß Debra immer noch in der Höhle war und nach weiteren Fundstücken suchte. Eine weitere halbe Stunde später hörte Icarus auf einmal einen Aufschrei aus der Höhle. Er wollte schon nachsehen, ob Debra etwas passiert war, da sah er, wie sie hektisch aus der Höhle stürmte, eine Art Scheibe in den Händen hielt und laufend schrie: ,,Das ist unglaublich, das müßt ihr sehen!``

Plötzlich schien die Welt zu explodieren. Grelles Licht überall, ein Lautsprecherruf: ,,Bleiben sie stehen!`` Dann ein Schuß, Debra brach zusammen. Die anderen stürmten aus ihren Zelten. Icarus sprang zu Tinka, er hörte einen Schuß, spürte die Kugel, wie sie ihn knapp verfehlte. Er nahm sich Tinka zwischen die Arme, entfaltete die Flügel, sprang auf den Transporter und flog mit ihr davon. Die Scheinwerfer versuchten, ihnen zu folgen, aber sie hatten sie bald verloren. Sie hörten noch einige Schüsse, dann war Stille, tödliche Stille.

Einen Kilometer entfernt mußte Icarus landen, die Last war einfach zu hoch.

,,Was war das. Was ist geschehen?`` fragte Tinka verzweifelt. Sie zitterte am ganzen Körper. Icarus hielt sie, er war genauso ratlos und verschreckt.

,,Ich denke, das waren die Katak. Ich habe niemanden gesehen, nur die Scheinwerfer, dann diese unpersönliche Stimme, keine Person, niemanden.``

,,Aber wieso?``

,,Wir müssen etwas entdeckt haben, etwas, was so bedeutend ist, daß die Priester einschreiten mußten. Was nun?``

,,Mein Vater! Wenn sie hier waren, wußten sie doch bestimmt auch, wo die anderen sind, Ich muß ihn warnen!``

,,Das tust du nicht! Damit würden wir unsere Position verraten. Die Jungs hören bestimmt den Funkverkehr ab. Wenn sie Bescheid wissen, sind sie garantiert überall zur selben Zeit eingeschritten. Wenn nicht, haben wir noch eine Galgenfrist. Wir suchen uns einen sicheren Unterschlupf. Dann fliege ich los. Wenn ich weit genug entfernt bin, werde ich versuchen, Ondo zu erreichen.``

Sie gingen schweigend in Richtung Norden, die Richtung, in der sie das Leuchten der Stadt sehen konnten. Als die Sonne aufging, konnten sie die schon die Häuser sehen.

Sie entdeckten ein altes Baumhaus in einem Gigamdo. Die Leiter, die einmal heraufgeführt hatte, gab es nicht mehr. Icarus nahm Tinka, flog hoch, setzte sie ab und wandte sich dann in Richtung Stadt. Am Waldrand aktivierte er das Telefon und wählte Ondos Nummer. Während es klingelte, versuchte Icarus, sich zu beruhigen, er hoffte zutiefst, daß es Ondo gut ging.

,,Ja?`` ertönte es am anderen Ende, es war Ondos Stimme. ,,Hier ist Icarus, wir haben nicht viel Zeit. Die Katak haben uns überfallen, ich konnte mit Tinka fliehen, warn' die anderen, bring' dich in Sicherheit, wir treffen uns am Notfallpunkt eins.`` Icarus unterbrach das Gespräch. Er hoffte, daß Ondo alles verstanden hatte. Er flog zu Tinka zurück, die überglücklich war, als sie hörte, daß ihrem Vater bisher nichts geschehen war.


Sie hatten sogenannte Notfallpunkte verabredet. Sollte einmal etwas geschehen, wollten sich dort alle übriggebliebenen Mitglieder treffen. Sie hatten diese Punkte eingerichtet, aber sie hatten nie geglaubt, daß sie sie einmal wirklich brauchen würden.

Notfallpunkt eins war eine Holzhütte, ein paar Kilometer von hier entfernt. Sie war halbverfallen und stand mitten in der Wildnis. In der Hütte, unter der Bodenplatte befand sich ein Versteck, in dem Waffen lagerten.

Sie mußten jetzt so schnell wie möglich dorthin gelangen. Icarus konnte Tinka nicht über die Strecke tragen.

,,Hast du schon einmal einen Parden richtig laufen sehen?`` fragte Tinka verbissen. Seitdem sie wußte, daß es ihrem Vater gut ging, hatte sie wieder etwas Mut geschöpft. Kaum hatte sie das gesagt, sprintete sie los. Icarus stieg auf, hatte aber fast Mühe, ihr zu folgen. Er wußte, daß Parden schnelle Läufer waren, sie waren die schnellsten Läufer des Planeten, aber was Tinka jetzt vorlegte, war von der Verzweiflung diktiert.

Sie lief auf allen Vieren, wobei ihr Laufen eher wie eine Folge langer Sprünge aussah, mit denen sie jeweils mehrere Meter überwand. Sie stieß sich kräftig mit den Hinterbeinen ab, deren Sohlenspitze sie nach vorne abgeknickt hatte. Dann landete sie zuerst auf ihren Händen, fing damit den Schwung ab, landete dann mit ihren Beinen fast auf Höhe der Hände und stieß sich wiederum ab.

Nach zwei Kilometern gönnte sie sich eine Verschnaufpause von wenigen Minuten, dann lief sie weiter.

Zwei Stunden später kamen sie an. Tinka war total erschöpft. Ihr Fell triefte vor Schweiß. Nun gingen sie vorsichtig auf den Waldrand zu, hinter dem, direkt am Rand der Lichtung, die Hütte lag, in der sie sich treffen wollten. Ein unbekannter Wagen stand vor der Tür. Tinka schlich sich vorsichtig an und riskierte ein Blick ins Innere. Sie kam wieder zurück.

,,Ich denke, alles ist in Ordnung. Ich konnte meinen Vater sehen, außerdem Tantus und noch drei oder vier andere.``

Sie gingen vorsichtig auf die Hütte zu. Am Fenster blieben sie stehen. Icarus hielt sich etwas im Hintergrund, als Tinka klopfte. Ondo und die anderen schraken hoch. Dann entspannten sich ihre Züge, als sie entdeckten, wer geklopft hatte. Ondo öffnete das Fenster, um Tinka und Icarus hereinzulassen.

,,Was ist passiert? Was habt ihr entdeckt?`` überfiel sie Ondo mit Fragen. ,,Ich habe nicht viele erreichen können, das hier sind die kläglichen Reste des Triadon.`` Er zeigte mit einer Handbewegung in die Runde.

,,Debra hat etwas gefunden. Ich weiß nicht, was es ist, sie wurde erschossen, bevor sie es uns zeigen konnte, aber wir haben mehr gefunden.`` Dann berichtete er von dem seltsamen Stein. Ungläubigkeit erschien auf den Gesichtern der Versammelten, als er seine Theorie eröffnete. Dann besprachen sie sich.

,,Wir müssen uns die Sachen holen!`` forderte Nomo, ein älterer Parde.

,,Das wird gefährlich!`` wandte Sella ein.

,,Es ist unsere einzige Chance, daß wir die Wahrheit entdecken und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Priester müssen uns schon die ganze Zeit über beobachtet haben, sonst hätten sie nicht so schnell zuschlagen können, als wir endlich fündig geworden sind.``

Icarus führte fort. ,,Die Priester haben jetzt zugeschlagen, weil wir etwas sehr Wichtiges entdeckt haben. Wir müssen in das Lotanas, uns die Sachen zurückholen, das ist unsere einzige Möglichkeit.``

,,Ich weiß, wo sie sie lagern werden``, vermeldete sich Mita. ,,Als ich noch gearbeitet habe, habe ich im Lotanas geputzt. Es gibt einen Raum in der Spitze der Zentrale, der von einem Katak bewacht wird. Weiter unten befinden sich weitere Katak, die ebenfalls diesen Raum sichern. Dort sollen sich seltsame Dinge befinden.``

,,Wie sollen wir dorthin gelangen?`` fragte Lonkas.

,,Ich werde dort 'reinfliegen!`` warf Icarus in die Runde. ,,Du sagst, daß der Raum von einem einzelnen Katak bewacht wird. Weitere Katak bewachen die Zugänge weiter unten?`` Mita bejahte die Frage.

,,Gibt es ein Fenster, durch das ich ins Innere gelangen kann?``

,,Ja, eine Etage über diesem Raum gibt es eine Terrasse, dort könntest du landen.``

,,Bist du dir sicher, das du das tun willst? Es könnte sehr gefährlich werden``, fragte Ondo.

,,Ich denke, das sind wir unseren Kameraden schuldig. Wir haben etwas entdeckt, was wir anscheinend niemals hätten entdecken dürfen. Wir müssen es der Öffentlichkeit zugänglich machen, die Opfer dürfen einfach nicht vergebens gewesen sein!`` Er dachte an Salena, an die kleine Sadi, an Bredo und alle anderen, die er in der Zeit kennengelernt hatte. Wenn er an sie dachte, verklärte Wut seine Gedanken. Ein Teil von ihm meinte zwar, er müsse jetzt einen klaren Kopf bewahren, dieser Teil wurde aber von seiner wütenden Hälfte einfach ignoriert.


Als es dunkel wurde, flog Icarus los. Außer seiner Armbrust hatte er auch noch eine Gasgranate und einen kleinen Sprengsatz mitgenommen. Die Lichter der Stadt funkelten unter ihm. Früher hatte sie eine nahezu magische Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, jetzt hatte er nur Rache im Kopf. Er fing an, die Stadt zu hassen.

Das Lotanas tauchte vor ihm auf. Mita hatte ihm recht gut beschrieben, wo er landen mußte. in großer Entfernung umrundete er den Turm, dann sah er das Ziel. Nur wenige Etagen unter der Spitze sah er einen Balkon. Er näherte sich ihm, dann landete er. Er überprüfte die Tür, konnte aber keinen Alarmgeber entdecken. Wahrscheinlich hatte niemand mit einem Angriff aus der Luft gerechnet.

Er nahm einen Saugnapf, befestigte ihn am Glas, und schnitt mit einem Glasschneider ein kreisrundes Loch um den Napf herum. Er hatte weder die Erfahrung, noch das richtige Werkzeug. So brauchte er eine Viertelstunde, bis er endlich durch war. Er zog noch einmal kräftig am Saugnapf, dann war ein Loch in der Scheibe.

Er griff hindurch, fand den Hebel für die Entriegelung, und öffnete dir Tür. Auch jetzt kein Alarm. Gut. Er sah sich diesen Raum oberflächlich an. Mita hatte ihm gesagt, daß es das Büro des Stadtleiters war. Es war groß. Es kam ihm beinahe so groß vor, wie die Hütten in seinem Dorf. An zwei Wänden sah er Regale mit Büchern. In der einen Ecke stand eine riesiger Schreibtisch, in der entgegengesetzten Ecke befand sich eine Sitzgruppe mit einem niedrigen Tisch. Mehr konnte er nicht erkennen, wenn er kein Licht machen wollte.

Er ging vorsichtig zur Tür, legte sein Ohr daran, und lauschte. Nichts. Er öffnete sie langsam, steckte seinen Kopf hinein und sah sich um. Ein breiter Flur mit einigen Türen, aber niemand, der ihn zu bewachen schien. Er spannte die Armbrust und trat hinaus. Zur linken sah er den Fahrstuhl, direkt rechts daneben sollte sich die Tür zum Treppenhaus befinden. Er ging vorsichtig dorthin.

Ein Geräusch hinter ihm! Ein Aufschrei: ,,Bleiben Sie stehen, bewegen Sie sich nicht!`` Icarus drehte sich wie ein Blitz um und schoß. Der Pfeil traf den Katak mitten in der Kehle. Er brach röchelnd zusammen. Plötzlich schien ihm alles wie ihn Trance, es schien ihm, als hätte er die Gewalt über seinen Körper verloren, er schien sich instinktiv zu bewegen. Er beobachtete sich, wie er zum Katak ging und den Pfeil wieder aufnahm. Der Priester bewegte sich nur noch zuckend und gab dabei keuchende Geräusche von sich. Icarus nahm sein Messer, und durchschnitt seine Kehle, als sei er eins der Tiere, die er in seiner Kindheit gejagt hatte.

Der Körper hörte auf, sich zu bewegen. Icarus wischte das Messer am Umhang notdürftig sauber. Er spannte die Armbrust wieder und ging ins Treppenhaus. Ein Stockwerk tiefer stellte er sich vor der Tür auf, richtete seine Waffe aus, riß die Tür auf. Die Wache hatte keine Chance. Der Katak saß immer noch auf dem Stuhl, als der Pfeil ihn mitten in der Brust traf. Er fiel zu Boden. Dabei löste sich seine Kapuze. Icarus sah ein junges Gesicht, vielleicht gerade so alt wie er, daß ihn ungläubig ansah. Dann verlor sich der Blick, wurde starr. Er war tot.

Icarus mußte sich dazu zwingen, ihn nicht mehr anzusehen. Er ging zu der Tür und sah sie sich an. Sie war mit zusätzlichen Stahlbeschlägen etwas sicherer gemacht worden, sie würde aber kein Problem für den Sprengstoff sein. Er brachte den Klumpen, eine Art formbare Masse, direkt am Schloß an. Ondo hatte ihm eine kurze Einweisung gegeben. Er nahm den Zünder, steckte ihn in den Klumpen und aktivierte ihn.

Er lief zurück. Ein gewaltiges Rumsen erschütterte das Gebäude, die Treppenhaustür flog von der Wucht auf. Er lief hindurch, konnte feststellen, daß die andere Tür nur noch locker in den Angeln hing. Eine Sirene ertönte. Er würde also nicht viel Zeit haben. Durch den Rauch der Explosion lief er in den anderen Raum. Er war nicht groß, aber an der einen Wand befand sich ein großes Regal, in dem sich viele Kästen befanden. Wie sollte er hier die Sachen finden?

Er hatte Glück. Auf dem Schreibtisch, der an der dem Regal entgegengesetzten Seite stand, befand sich eine kleine Kiste. Er öffnete sie, es war der Gegenstand darin, den Debra in ihren Händen gehalten hatte. Außerdem befand sich die Hülse auch darin.

Icarus nahm die Kiste und lief aus dem Raum. Er hatte die Tür zum Treppenhaus erreicht, da flog eine Tür hinter ihm auf. Er griff die Gasgranate und warf sie in den Flur. Er flog die Stufen nur so hoch, wenige Sekunden später war die Granate explodiert. Oben war noch alles, wie er es verlassen hatte. Der Katak lag verkrümmt auf dem Boden, um seinen Hals hatte sich eine Blutlache gebildet. Icarus stürmte in das Büro, lief auf die Terrasse, breitete seine Flügel aus und flog davon.


Auf dem Rückflug mußte er sich mehrere Male auf Hausdächern verstecken, als Streifengleiter langsam durch die Gegend glitten und sie mit Suchscheinwerfern erhellten. Einmal konnte er einen Straßenclanner sehen, der vielleicht zurück zu seinem Clan flog. Ein Gleiter erfaßte ihn mit dem Scheinwerfer, dann hörte er einen Schuß und der Drak stürzte zu Boden. Icarus beschloß, noch vorsichtiger zu fliegen. Heute Nacht schienen alle Draks der Stadt Freiwild zu sein.

Nach mehreren Stunden, kurz vor Sonnenaufgang, erreichte er völlig erschöpft den Unterschlupf. Er öffnete die Tür, sah in fünf erschrockene Gesichter, die aus ihrem Schlaf aufschreckten und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ondo, der Wache gehalten hatte, kam herein und fragte: ,,Hast du es? Was ist es?``

,,Es ist hier in der Kiste. Die Hülse ist auch dabei, sie müssen schon die Wohnungen von einigen von uns durchsucht haben. Ich habe nur kurz hineingesehen, es ging alles so schnell, ich weiß nicht, was es ist.``

Er berichtete, wie er in den Lotanas eingedrungen war.

,,Wie geht es dir?`` wollte Tinka wissen. Sie legte ihren Arm beruhigend um seinen Körper.

,,Ich habe getötet. Das erste Mal in meinem Leben habe ich ein intelligentes Wesen getötet. Ich habe seine Augen gesehen, sie sahen so, so hilflos aus. War es richtig, was ich getan habe?``

,,Er hat es verdient! Jeder, der für die Priester arbeitet, hat den Tod verdient!`` rief Nomo.

Und Lonkas fügte hinzu: ,,Entweder du hättest ihn getötet, oder er hätte dich erwischt.``

Tinka meinte nur: ,,Gab es denn eine andere Möglichkeit? Die Wache hätte sonst dich getötet. Du bist mir lieber als jeder Katak.``

Ondo hatte sich nicht an der Diskussion beteiligt. Jetzt fiel Icarus auf, daß er völlig ruhig dasaß. Er hatte den Gegenstand in der Hand, es schien eine Art Bilderrahmen zu sein. Ondo saß wie hypnotisiert da und starrte das Bild an.

,,Was ist los, was zeigt das Bild?`` wollte Tinka wissen. Sie nahm den Rahmen aus Ondos Händen und sah sich das Bild an.

,,Was kann an so einem Bild so wichtig ...`` Ihre Augen wurden groß, sie stotterte. ,,Was, was bedeutet das? Nein, das kann nicht sein, das ...``

Die Tür flog auf. Ein Gegenstand kullerte hinein. Es gab einen lauten Knall, dann viel Rauch. Das letzte, was Icarus sah, bevor er ohnmächtig wurde, waren Katak, die in den Raum stürmten.


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