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Camp

Die Dunkelheit wich nur langsam. Sanft wie ein Frühlingswind lichtete sich sein Blick. Eine beruhigende Stimme, irgendwie bekannt: ,,Laß dir Zeit, öffne vorsichtig die Augen, es ist alles Ordnung.`` Eine sanfte Berührung, ein Streicheln. Icarus öffnete langsam die Augen, ein Gesicht, dicht vor seinem, ein bekanntes Gesicht, ein Drak.

,,Dawina?`` Icarus war plötzlich hellwach.

,,Ja, Icarus, ich bin es.`` Sie saß auf dem Bett, direkt neben ihm.

,,Was machst du hier? Wo bin ich überhaupt?`` Seine Gedanken überschlugen sich.

,,Du bist in Sicherheit, mach' dir keine Gedanken.``

Icarus sah sich um. Der Raum, in dem er sich jetzt befand, war etwa so groß wie sein Zimmer bei den Radifs, nur unpersönlicher. Die Wände waren weiß und kahl, die Möbel, das waren das Bett, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank und ein Nachtschrank, waren aus einem rötlichen Holz hergestellt worden und versuchten, etwas Wärme hereinzubringen.

Das Fenster, er konnte eine Lichtung erkennen, dahinter einen tiefgrünen Wald. Alles sah so frisch, so freundlich aus, aber etwas störte ihn ... - das Fenster, es war vergittert!

Dawina deutete seinen Blick richtig. ,,Hab' keine Angst, das alles geschieht nur zu deiner Sicherheit. Laß' uns etwas Zeit, dann wirst du verstehen.``

Was bedeutete das ,,uns`` in Dawinas Antwort? Jetzt erst nahm er sich die Zeit, Dawina genau anzusehen. Sie hatte sich entwickelt, sah jetzt noch weiblicher, anziehender aus. Statt ihrer alten Lederkleidung trug sie ein knappes, gelbes ärmelloses Oberteil, das nicht ganz bis zur kurzen, gelben Hose reichte. Auch ihre Ausstrahlung hatte sich geändert. Er wußte nicht in welcher Richtung, aber er war sich sicher, daß sie sich verändert hatte.

,,Was ist passiert? Was ist mit Tinka, was ist mit Ondo geschehen. Wie bist du hierher gekommen? Ist das hier ein Gefängnis? Wo bin ich?``

,,Bitte hab' etwas Geduld. Wir werden genügend Zeit haben, damit ich deine Fragen beantworten kann, deswegen hab' bitte Verständnis, daß ich dir jetzt nicht auf alle Fragen eine Antwort geben kann. Wir sind hier auf Zhad, der Zentrale der Priester und dem Wohnsitz der Beobachter.``

Icarus schoß auf. ,,Du machst mit ihnen gemeinsame Sache! Ihr habt mich eingesperrt!``

Dawina berührte ihn sanft aber bestimmt an der Schulter. ,,Genau das ist der Grund, weshalb du in der Anfangszeit das Zimmer nur in meiner Begleitung verlassen darfst. Bitte hab' Verständnis dafür, du wirst es verstehen. Wenn nicht jetzt, dann später, bitte glaube mir doch!``

Icarus entspannte sich ein wenig, aber nicht ganz. Dawina arbeitete mit den Priestern zusammen. Wieso? Und wieso war sie nicht mehr im Dorf? Er stellte ihr diese Frage.

Sie sah ihn traurig an. ,,Niemand hatte gesehen, wie du das Dorf verlassen hast. Einige dachten, du wärst vor der Verantwortung deiner neuen Aufgabe geflohen, andere dachten, du wärst noch einmal losgeflogen und hättest dich dann verirrt. Wir starteten am darauffolgenden Morgen eine große Suchaktion, konnten dich aber nicht entdecken. Wir haben drei Tage lang die gesamte Gegend nach dir durchsucht. Am Ende des dritten Tages stimmten wir ab. Die meisten waren der Meinung, du wärst davongelaufen, deswegen wurde die Suchaktion eingestellt.``

Sie schaute ihn verzweifelt an. ,,Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß du so einfach davonlaufen würdest, ohne ein Wort, eine Zeile zu hinterlassen. Ich machte mich weiter auf die Suche. Am Strand entdeckte ich dann Spuren, die darauf hindeuteten, daß Parden vor kurzer Zeit da gewesen waren. Gleichzeitig sah ich auch Spuren, die von einem Drak zu stammen schienen.``

,,Richtig, am Strand bin ich Andra und Wadif begegnet. Ich hatte mich total verflogen, und sie boten mir an, mich wieder in das Dorf zurückzubringen, wenn sie zurück in Barmos sein würden.``

Dawina strahlte ihn an. ,,Du wolltest wirklich nicht davonlaufen? Ich hatte Recht. Ich habe es ihnen gesagt, aber sie wollten mir nicht glauben. Ich bin dann acht Tage nach deinem Verschwinden nach Barmos gereist, ich wollte sehen, ob ich dich dort finden würde, denn die Pardenspuren waren das Einzige, das ich hatte und woanders gibt es ja auf Drak keine Parden. Barmos ist groß, viel größer als ich es mir hätte vorstellen können. Ich flog mehrere Tage ziellos umher, schließlich kam ich zur dortigen Vertretung der Priester. Sie vermittelten ein Gespräch zwischen mir und Ollnamo. Er hatte auch noch nichts von dir gehört.``

Unglaube erschien auf Icarus' Gesicht. ,,Aber Andra hatte mir versprochen, im Dorf Bescheid zu geben!``

,,Andra Sorrat, richtig? Wußtest du, daß sie zusammen mit ihrem Mann mit Waffen handelten?``

,,Die beiden? Niemals!``

,,Glaube mir. Der Schein kann trügen. Eine Fassade kann noch so schön sein, dahinter kann sich alles Mögliche verstecken. Weshalb bist du nicht zurückgeflogen, als du dann in Barmos angekommen bist?``

,,Wadif wollte mich ja am nächsten Morgen mitnehmen, wenn er seine Tour über die Dörfer machen wollte. Aber ich wollte mir wenigstens einmal die Stadt ansehen, bevor ich zurückkehren würde. Auch Andra mußte am selben Tag weg, sie hatte einen Termin in Arridos. Also begleitete ich sie, damit ich mir einen Eindruck von der Welt verschaffen konnte.``

,,Bist du auf die Idee der Begleitung gekommen?`` fragte sie nach.

,,Nein, Andra hat es mir angeboten. Sie hat dann auch gleich mit Ondo telefoniert und alles dafür klar gemacht, daß ich ein paar Tage bleiben könnte. Ich fand das toll von ihr.``

,,Hast du das nicht seltsam gefunden? Jemand, der dich nicht kennt, bietet dir an, sie zu begleiten und ein anderer, der dich noch nicht einmal gesehen hat, stimmt darin zu, dich für ein paar Tage zu beherbergen?``

,,Sie sind halt nett, das ist ihre Art.``

Dawina stand auf. ,,Laß' uns für heute Schluß machen. Ich denke, du bist noch ein wenig schwach vom Betäubungsmittel. Ich komme morgen früh wieder vorbei, dann können wir beide frühstücken. Bis morgen!``

Sie klopfte an die Tür, die sich daraufhin einen Spalt öffnete. Sie winkte ihm noch einmal zu, bevor sich die Tür hinter ihr schloß. Er war allein.


Er war tatsächlich noch schwach, das hatte er beim Gespräch festgestellt. Er ging zum Fenster, schaute heraus. Es sah schön aus. Sein Zimmer lag im Erdgeschoß, er konnte die große Rasenfläche sehen, die sich weit vor ihm erstreckte. Weiter hinten konnte er einen großen Wald erkennen. Im Hintergrund sah er ein Gebirgsmassiv. Die untergehende Sonne tauchte alles in einen goldenen, beruhigenden Ton.

Er legte sich wieder auf sein Bett. Dawina arbeitete mit den Priestern zusammen. Er konnte immer noch nicht darüber hinwegkommen. Dawina war so nett, so freundlich, so ehrlich. Wie konnte sie nur?

Was sie über die Sorrats gesagt hatte, er konnte es nicht glauben. Sie konnten, sie durften nicht schlecht sein. Sie hatten ihm so bereitwillig geholfen, als er in Not war. Daß sie ihn dann nicht sofort zurückbringen konnten, war nicht ihre Schuld, es war seine Entscheidung gewesen.

Aber wieso hatten sie nicht Bescheid gegeben? Er hatte sie extra darum gebeten. Vielleicht hatte sie es vergessen? Nein, sie hatte ihm sogar mitgeteilt, daß sie Wadif keine Nachricht an ihn zurückgegeben hätten. Vielleicht hatte Dawina einfach nur nicht mehr nachgefragt, als sie in die Stadt gekommen war. Das war es - bestimmt.


,,Guten Morgen!`` Icarus schrak auf. Dawina stand in der Tür mit einem Tablett in der Hand. ,,Entschuldige, ich hab' gedacht, du wärst schon fertig. Soll ich später nochmal vorbeikommen?``

,,Nein, bleib' einfach hier. Laß' mich nur schnell duschen, dann werde ich wach.``

Er stand auf, ging zur Dusche und stellte das Wasser an. Heute erschien ihm alles schon weniger fremd, weniger bedrohlich. Es mußte wohl an Dawinas Anwesenheit liegen. Wenige Minuten später saß er mit ihr am Frühstückstisch, bekleidet mit einer kurzen blauen Hose und einem ärmellosen Hemd in der selben Farbe. Er hatte die Kleidung zusammen mit der Unterwäsche im Schrank gefunden.

,,Ich hoffe, es gefällt dir? Als ich hörte, daß ein Drak kommen würde, habe ich mich darum gekümmert, daß anständige Wäsche im Schrank bereit liegt. Die Parden vergessen immer wieder, was uns paßt und was nicht.`` Sie lachte. Es war schön, sie lachen zu sehen.

,,Du hast mir gestern soviele Fragen gestellt, ich denke, jetzt bin ich an der Reihe.``

,,Gut, ich bin bereit, stell' mir deine Fragen.`` Sie schaute ihn erwartungsvoll an.

,,Wie bist du hierher gekommen?`` Hatte er einen wunden Punkt getroffen? Ihr Lachen gefror, aber nur für kurze Zeit, dann hatte sie sich wieder gefangen.

,,Das ist eine lange, sehr lange Geschichte. Ich werde sie dir irgendwann später komplett erzählen, jetzt reicht aber ein kurzer Abriß. Ich hatte auf der Suche nach dir in Barmos irgendwann herausgefunden, daß ein Drak, dessen Beschreibung auf dich paßte, in ein Flugzeug nach Arridos gestiegen war. Nun, Draks reisen zwar immer wieder nach Arridos, aber mit dem Flugzeug, das war eine Ausnahme. Auch ich konnte nicht mit dem Flugzeug fliegen.

Ich heuerte auf einem Frachter an. Für Unterkunft und Verpflegung half ich beim be- und entladen. Der Frachter fuhr nach Arridos. Einige Tage später kam ich an. Diese Stadt war noch größer als Barmos, aber das weißt du ja selber. Auf der Suche nach dir geriet ich an die falschen Leute. Sie taten so freundlich, gaben mir Essen, besorgten eine Unterkunft. Wenige Tage später meinten sie, nun müsse ich die Schulden abarbeiten. Sie wollten einen Überfall durchführen und ich sollte ihnen helfen, sollte sie aus der Luft unterstützen.`` Sie seufzte.

,,Und, hast du es getan?``

,,Nein, natürlich nicht. Als ich mich nicht bereiterklärte, drohten sie mir - drohten mir mit dem Tod. Auf einmal hatten sie alle Messer in den Händen, ich dagegen war unbewaffnet, es waren fünf gegen eine. Irgendwie hat es dann auf einmal ,Klick` in meinem Kopf gemacht. Als ich wieder zu mir kam, lagen fünf zerfetze Leichen in der Lagerhalle, wo sie mich gestellt hatten.``

Icarus schaute sie ungläubig an.

,,Die Priester kamen kurze Zeit später vorbei, sahen mich starr inmitten der toten Körper sitzen. Ich wurde festgenommen. Sie glaubten mir, daß ich in Notwehr gehandelt hatte, aber ich mußte mich verpflichten, in Zukunft Draks zu helfen, die in eine ähnliche Situation gekommen waren. Ich bekam eine zweite Ausbildung und hier bin ich.``

,,Du hast viel durchgemacht``, meinte Icarus mitleidig.

Sie hatte sich wieder gefaßt. ,,Ich habe es überlebt. Und alles, was wir überleben, hilft uns, in Zukunft diese Fehler zu vermeiden und wenn wir Glück haben, können wir anderen helfen, bevor sie einen solchen Fehler begehen. Hast du sonst noch eine Frage?``

,,Ja, du hattest gesagt, niemand hätte jemals in unserem Dorf Bescheid über mich gegeben. Ich hab' nachgedacht. Kann es denn sein, daß sich dein letzter Kontakt und die Benachrichtigung einfach verpaßt haben? Wann hast du zuletzt mit ihnen gesprochen?``

,,Ist schon ein paar Tage her, ich schätze, es liegt fast einen Monat zurück. Ich hab' 'ne Idee: wollen wir einfach nach dem Frühstück zuhause anrufen? Sie werden sich bestimmt freuen, wenn du dich meldest.``


Als sie fertig waren, stellten sie alles auf dem Tablett zusammen. Dann klopfte Dawina an die Tür. Sie beredete sich kurz mit dem Katak, dann kam eine junge Wulf herein, grüßte Icarus freundlich und nahm das Tablett mit. Dawina winkte Icarus zu sich.

,,Komm' schon, ich habe alles geklärt, wir können mit Ollnamo sprechen.``

Icarus hatte noch nie zuvor eine Wulf gesehen. Sie hatte eine kleine Ähnlichkeit mit den Parden, nur daß ihr Fell länger und komplett in einem dunklen Braunton gehalten war. Außerdem sah ihr Gesicht anders aus. Er schaute ihr nach, als sie den Raum verließ. Auch ihr Schwanz sah anders aus, nicht so zart, sondern buschiger, haariger. Dawina folgte seinem Blick.

,,Du wirst hier viele Vertreter der Rassen Dabos sehen. Du wirst genügend Zeit haben, dich mit ihnen zu treffen. Komm' jetzt.``

Icarus stand auf, folgte ihr. Sie waren in einem Flur, von dem zehn Türen in regelmäßigen Abständen abgingen. An einem Ende des Flurs befand sich ein Stuhl und ein Tisch, am anderen Ende befand sich eine Glastür. Sie gingen durch diese Tür und standen im Freien. Jetzt wußte Icarus, warum ihm Dawina eine so kurze Kleidung gegeben hatte. Es war warm, nicht unangenehm warm, nicht schwül, nein, es war eine anschmiegsame Wärme. Er wußte nicht, wie er es beschreiben sollte, aber wußte, daß es ihm gefiel.

,,Es ist toll hier, nicht wahr?`` meinte Dawina und ging auf ein anderes Gebäude zu. Icarus schaute sich noch um. Er konnte von hier aus verschiedene kleine weiße Häuser, sehen. Die meisten von ihnen hatten nur eine Etage, so wie seine Unterkunft. Dawina ging auf ein Gebäude zu, das die Gegend dominierte. Es hatte vier Etagen und hatte eine Menge Antennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach.

,,Das ist die hiesige Zentrale.`` Sie zeigte auf das Gebäude und ging hinein. Icarus folgte ihr.

An der Tür stand eine Wache. Dawina meinte nur: ,,Er gehört zu mir, wir möchten mit unserem Heimatdorf sprechen.`` Die Wache nickte und ließ sie passieren. Sie kamen in einen Lichthof, von dem aus sie in alle Etagen sehen konnten. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Wie Dawina es schon gesagt hatte, konnte er Vertreter aller Rassen sehen, seien es Lowa, Wulf, Parden oder Berin. Er sah keine Zenta und keine anderen Drak. Darauf angesprochen meinte Dawina: ,,Es gibt hier nur wenige Drak. Sie werden hauptsächlich für andere Tätigkeiten eingesetzt, nicht für Verwaltungsaufgaben. Das Gleiche gilt für die Zenta.``

Sie ging in einen Raum, über dessen Tür ,,Com-Center`` stand. Der Raum war bis unter die Decke mit elektronischen Geräten vollgestopft. Dawina ging zielstrebig zu einem Berin, einer massigen Gestalt mit dunkelbraunem, fast schwarzem Fell.

,,Hallo Dom'Nar. Ich hatte Bescheid gegeben, daß ich mit meinem Dorf reden wollte. Kannst du uns beiden eine Verbindung durchstellen?``

,,Aber natürlich. Für dich tue ich doch alles.`` Seine Stimme war tief und kräftig, aber angenehm. Er ging zu einem Bildschirm, tippte etwas auf der Tastatur ein. Dann rief er sie: ,,So, die Verbindung steht, jetzt muß nur noch jemand 'rangehen.``

Icarus setzte sich etwas hinter Dawina auf einen Stuhl. Der Bildschirm war schwarz, bis auf eine kleine Zeile ,,Verbindungsaufbau, bitte warten``. Dann veränderte sich das Bild, wurde hell, Icarus konnte Ollnamo sehen.

,,Hallo mein Schatz!`` meinte er. ,,Ich freue mich, dich mal wieder zu sehen. Wie geht es dir so?``

,,Gut, danke. Ich habe hier jemanden, der mit dir sprechen möchte``, sagte sie, und rückte zur Seite.

Ollnamos Augen wurden vor Erstaunen größer. ,,Aber ... das ist doch Icarus! Hallo mein Junge! Ich hatte es schon fast aufgegeben, Lota darum zu bitten, dich zu beschützen. Wie ich sehe, hat er meine Bitten erfüllt. Wie geht es dir, was hast du denn die Zeit über gemacht?``

,,Hallo Ollnamo. Ich freue mich auch, dich zu sehen. Es ist viel geschehen, zu viel, um es heute zu erzählen. Ich denke, wir werden in Zukunft die Gelegenheit haben, häufiger miteinander zu sprechen``, mit einer Kopfbewegung schaute er zu Dawina, die bestätigend nickte, ,,aber jetzt habe ich erstmal nur eine Frage. Ist jemals ein Händler bei euch vorbeigekommen, der Wadif Sorrat heißt?``

,,Ich weiß nicht, weshalb du fragst, aber mir ist der Name nicht ganz unbekannt. Es ist aber meines Erachtens schon ein paar Jahre her, daß ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wieso fragst du?``

,,Ich hatte ihn gebeten, euch mitzuteilen, daß ich wohlauf bin.``

Ollnamo schüttelte bedauernd seinen Kopf. ,,Nein, hier hat nie ein Händler eine Nachricht von dir überbracht. Bis zum heutigen Tag wußte keiner von uns, was aus dir geworden ist. Aber ich werde es gleich allen erzählen, sie werden sich bestimmt freuen. Kommst du denn auch mal vorbei?``

Dawina schaltete sich wieder in das Gespräch ein. ,,Das wird wohl noch eine gewisse Zeit dauern. Aber in der Zwischenzeit können wir ja miteinander über Funk sprechen. Wir müssen jetzt Schluß machen. Grüß' alle von mir!``

,,Das werde ich tun, lebt wohl!``

Dawina beendete die Verbindung.

,,Das verstehe ich nicht, was soll das?`` Icarus saß zusammengesackt auf dem Stuhl. ,,Warum nur haben sie gesagt, sie hätten Bescheid gegeben und haben es doch nicht? Weißt du eine Antwort darauf?``

Sie faßte ihn beruhigend bei der Schulter. ,,Ich hoffe, das werden wir gemeinsam herausfinden. Laß' uns ein wenig spazieren, dann können wir in Ruhe miteinander reden.``

Sie standen auf und verließen den Raum. Die Wärme erhellte Icarus' Stimmung ein wenig, aber trotzdem war er bedrückt.

,,Was hatten sie davon, daß sie mich belogen haben?``

,,Überleg' mal. Wenn wir gewußt hätten, wo du dich befindest, hätten wir dann nicht vielleicht versucht, mit dir Kontakt aufzunehmen?``

,,Ja schon, aber was wäre daran denn so schlimm gewesen? Außer ... außer sie hatten von Anfang vor, mich in den Triadon aufzunehmen! Dann wäre es für sie hinderlich, vielleicht sogar gefährlich gewesen, wenn ich wieder zurückgekehrt wäre. Und da sie mich belogen haben, habe ich auch nie versucht, von mir aus Kontakt aufzunehmen.``

Dawina nickte zustimmend. ,,So könnte es gewesen sein.``

,,Aber trotzdem, selbst wenn sie mich in diesem Punkt belogen haben, sie sind deswegen nicht gleich schlecht.``

,,Natürlich nicht. Es gibt kein ,gut` oder ,böse`, kein ,schwarz` oder ,weiß`. Die Welt besteht aus vielen Abstufungen. Auch bei den Priestern ist nicht alles gut. Die Aktion im Wald zum Beispiel. Ein Unterführer hat falsch reagiert und zu schießen angefangen. Dies löste eine Kettenreaktion aus, die zu dem Desaster führte, bei dem viele erschossen oder schwer verletzt wurden. Das kleine Mädchen hat überlebt, seine Mutter wurde leider getötet. Statt ihn für seinen Fehler zu bestrafen, hat die Priesterschaft meines Wissens nach beschlossen, daß er sich von jetzt an um die Kleine kümmern wird. Er hat selber eine Frau, aber noch keine Kinder. So wird er seinen Fehler auf eine gerechte Weise wieder gutmachen.``

Icarus schwieg. Er dachte wieder zurück an diese Nacht, sah das Licht, hörte die Schüsse, dachte an Tinka.

,,Was ist mit Tinka und Ondo?``

,,Ich weiß es nicht, ich werde es aber bis morgen in Erfahrung gebracht haben, versprochen.`` Sie legte eine Sprechpause ein, dann fing sie wieder zu sprechen an. ,,Ich habe dir von mir erzählt, wie ich in diesen Blutrausch geraten bin und diese fünf Parden getötet habe. War es mit dir genauso, als du die beiden Katak getötet hast?``

Icarus schaute finster. Er sah wieder dieses Gesicht vor sich, die sterbenden Augen, die ,,wieso?`` auszusprechen schienen. Er schüttelte seinen Kopf, um die Visionen wieder loszuwerden.

,,Ja, ich glaube bei mir war es ähnlich. Als mich die erste Wache überraschte, erschoß ich ihn, bevor ich überhaupt richtig nachdenken konnte.``

,,Aber wieso hast du seine Kehle durchschnitten?`` fragte Dawina ungläubig.

,,Ich weiß nicht, es geschah wie in Trance, so als ob ich auf der Jagd war. Nur diesmal war das Opfer kein Abusa, es war ein intelligentes Wesen. Aber ich glaube, das war mir nicht bewußt. Ich beendet sein Leiden.``

,,Er hatte eine Frau und zwei Kinder.``

,,Es tut mir leid, aber ich konnte einfach nicht anders reagieren. Ich denke, irgendwie war es auch die Reaktion auf den Überfall in der Nacht zuvor.``

,,Ich hoffe, daß es die Priesterschaft verstehen wird, wenn sie ein Urteil sprechen wird.``

Icarus schaute sie verdutzt an. ,,Ein Urteil? Wie meinst du das?``

,,Dein Aufenthalt hier dient unter anderem dazu, festzustellen, wie du die Dinge aus der Distanz betrachtest, ich muß täglich Bericht erstatten. Aber du mußt keine Angst haben, ich denke, das werden wir schon hinbekommen. Die Tatsache, daß du in Wut und im Blutrausch getötet hast, wird deine Schuldfähigkeit mindern. Ich habe gehofft, daß du nicht aus Lust oder Vorsatz getötet hast, und ich freue mich, daß du mich nicht enttäuscht hast. Du kannst dir kaum vorstellen, wie ich gehofft habe, daß dich der Triadon nicht zu einem Mörder ausbilden würde.``

,,Sie haben mich nicht zu einem Mörder ausgebildet. Wir haben nicht ein einziges Mal irgendetwas mit Waffen unternommen. Im Gegenteil, ich habe an der Hochschule studiert, ich habe gelernt, Wissen zu empfangen und es zu beurteilen. Ich habe gelernt, meine Neugierde zu kanalisieren. Sie haben mich verändert, aber ich bezweifle, daß es unbedingt zu meinem Nachteil war.``

,,Du bist reifer als damals. Früher hast du oft unüberlegt gehandelt, das hat dir viel Ärger bereitet. Du redest auch viel gewandter, du hast dich sicherlich nicht nur negativ verändert, das bezweifle ich nicht. Aber trotzdem stellt sich in mir die Frage, ob du die Katak auch getötet hättest, wenn du nicht mit den Parden am Strand zusammengetroffen wärst.``

,,Blöde Frage. Hätte ich nicht die beiden getroffen, würde ich wahrscheinlich bis auf den heutigen Tag nach dem Dorf suchen.``

,,Soo schlecht ist dein Orientierungssinn nun aber doch nicht, oder?`` Sie grinste. Er grinste zurück.

,,Komm', laß uns die Gegend in der Luft erkunden, wir sind schon viel zu lange Zeit auf dem Boden herumgekrochen. Ich soll dich beurteilen, aber ich habe die Freiheit, mir die Methoden selber auszusuchen, also los!`` Mit diesen Worten breitete sie ihre Schwingen aus und stieg auf. Icarus folgte ihr einen Augenblick später.

,,Etwas wichtiges habe ich noch vergessen``, rief sie ihm zu, ,,solange du hier bist, sind dir gewisse Grenzen in deiner Bewegungsfreiheit gesetzt. Das Gebiet erstreckt sich von hier aus zur Küste und in Westrichtung bis zum Gebirge. Ich hafte für dich, wenn wir unterwegs sind, also bitte enttäusche mich nicht.``

Icarus versprach ihr, sich an die Regeln zu halten. Jetzt, wo er in der Luft war, konnte er sich umsehen. Sie befanden sich an der Ostküste, die Häuser waren scheinbar zufällig verteilt. Wieviele es genau waren, daß konnte er nicht abschätzen, aber es waren nicht viele. Ihr Startplatz lag nur etwa einen Kilometer vom Strand entfernt. In der anderen Richtung schien es bis zum Gebirge, das nach seiner Schätzung etwa zwanzig Kilometer entfernt lag, nur Wald zu geben.

Dawina störte seine Betrachtungen, indem sie ihn von oben herab angriff. Er konnte erst in letzter Sekunde reagieren, schaffte es dann aber doch, abzutauchen. Er flog eine scharfe Wende, um seinerseits zu kontern, aber sie war schneller. Wieder stieß sie von oben herab auf ihn zu.

Ihm fehlte die Übung, das stellte er jetzt wieder fest. Nach ein paar Minuten hatte sich das Bild gewandelt, nun flog er seine ersten Teilerfolge. Nach einer Viertelstunde gab Dawina keuchend auf. Icarus hatte schon lange davor Probleme bekommen, hatte sich aber das Letzte abverlangt, um nicht aufgeben zu müssen. Sie waren im Laufe des Luftkampfes in Richtung des Waldes getrieben worden. Nun suchten sie sich die erste Lichtung, die sie erspähen konnten, und ließen sich einfach bis kurz über dem Boden fallen.

Am Rand der Lichtung lag ein umgestürzter Baumstamm, auf dem sie sich niederließen.

,,Du bist gut geworden``, brachte Icarus zwischen mehreren keuchenden Atemzügen heraus.

,,Unsinn!`` gab Dawina, ebenso keuchend zurück. ,,Ich hab' meinen letzten Luftkampf mit dir gehabt, ich hab' auch nicht mehr geübt. Aber ich glaube, ich bin in der letzten Zeit häufiger geflogen als du. Keine Angst, das bekommen wir schon wieder hin.``

,,Was nun? Es ist Mittag, ich habe Hunger. Was machen wir?``

,,Kannst du immer noch soviel essen? Keine Angst, du bekommst schon etwas zwischen die Zähne. Wenn wir uns etwas erholt haben, fliegen wir zurück. In der Kantine gibt es dann sicherlich auch etwas, das dir gefällt. Am Nachmittag könnten wir zum Strand, es ist dort wunderbar.``


Der Strand war breit und der Sand strahlend weiß. Das Wasser dagegen hatte eine tiefe Bläue. Die Brandung war angenehm, da sie durch eine Sandbank weiter draußen stark gebrochen wurde. Die Sandbank verhinderte auch, daß die Strömung zu stark wurde.

Icarus mochte das Meer sowieso. Diesen speziellen Strand aber, den hatte er sofort in sein Herz geschlossen. Er tollte mit Dawina im Wasser umher, und es wurde eher Abend, als ihm lieb war.


Später, als er wieder alleine im Bett lag, ließ er den Tag in Gedanken noch einmal passieren. Es hatte Spaß gemacht, diese Unbeschwertheit, aber ein dunkler Schatten lag darüber. Er durfte nicht vergessen, weshalb er hier war. Dawina hatte es ihm ausdrücklich gesagt. Es war in einer Art Zwischenschritt. Von diesem würde seine Zukunft abhängen.

Ja, der Tag war schön gewesen, aber Dawina hatte auch ein paar frische Wunden geöffnet. Die Augen, diese fragenden, hilflosen, sterbenden Augen, sie würden ihn wohl ein Leben lang verfolgen. War es wirklich richtig gewesen, ihn zu töten? Wofür das alles? Für seine Freunde, für ihre Sache - war es denn überhaupt seine Sache? Ja, die Freiheit war eine Sache aller intelligenten Wesen, alle mußten danach streben.

Was war Freiheit? Wann fing die Freiheit des einen an, die Freiheit des anderen einzuschränken?


Diesmal war er schon wach, als Dawina eintrat. Er kam gerade aus der Dusche, als sie die Tür öffnete.

,,Du bist ein bißchen dick um die Hüften geworden.``

,,Ich wünsche dir auch einen guten Morgen``, sagte Icarus scheinbar gleichgültig und begann, sich anzuziehen.

,,Ich habe Neuigkeiten über deine beiden Freunde. Sie befinden sich in einem Camp und sind wohlauf. Sie werden dort auch beurteilt, dann wird sich ihre weitere Zukunft entscheiden.``

,,Kann ich mit ihnen sprechen?``

,,Nein, tut mir leid. Aber in dieser Zeit wäre es nicht gut, wenn du den alten Kontakt pflegen würdest. Schau, jetzt in dieser Zeit hast du Gelegenheit, deine Vergangenheit noch einmal zu betrachten, zu beurteilen. Dazu mußt du alles hinter dir gelassen haben, verstehst du? Aber ich konnte etwas anderes erreichen. Wenn alles gut läuft, kannst du in ein paar Tagen in einen anderen Komplex ziehen. Dort sind die Türen nicht verschlossen, die Fenster nicht vergittert. Und das Beste``, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu, ,,ich habe das Zimmer neben meinem schon einmal für dich reserviert.``


,,Warum werden wir dumm gehalten?``

Sie saßen auf ein paar Steinen mitten auf einer Waldlichtung. Dort waren sie hingeflogen, diesmal ohne sich zu jagen.

,,Was meinst du damit?``

,,Ich meine uns Drak. Was erhalten wir für eine Bildung, was für Chancen haben wir außerhalb von Drak? Keine. Aber in uns ist mehr Potential, das sehe ich doch an dir und mir.``

,,Angst, es ist pure Angst. Wir Draks sind die Bewohner Dabos, die den mit Abstand größten Hang zur Gewalttätigkeit haben. Die Priester fürchten sich schlicht und ergreifend vor uns. Pure körperliche sinnlose Gewalt ist ja gerade bei weniger intelligenten Wesen ausgeprägt, das wirst du auch schon festgestellt haben. Wir beide sind aber sicherlich nicht unintelligent, ich schätze eher, daß wir weit über dem Durchschnitt liegen. Trotzdem haben wir beide uns schon der Gewalt hingeben. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn sich nicht mehr nur wenige hundert Draks in Arridos befinden, sondern Tausende?``

Icarus dachte nach, verarbeitete die Antwort. ,,Ja, sicherlich. Teilweise hast du wohl recht. Ich habe auch gesehen, wie mich die Parden angesehen haben, voller Furcht. Aber trotzdem finde ich es ungerecht, wenn wir nur aus Furcht daran gehindert werden, unsere Talente zu nutzen.``

Dawina nickte. ,,Sicher, ja. Es wird sich in Zukunft etwas verändern, das hängt auch von uns ab. Wie ich schon gesagt habe, gibt es hier sehr wenige Drak und praktisch keinen einzigen mit unserer Bildung. Wir sind ein Experiment, von dem es abhängen wird, was mit uns Drak in Zukunft geschehen wird. Es gibt Pläne, daß die Ortspriester die Begabtesten von uns auf die großen Schulen schicken. Dann können diese sich darum kümmern, daß die alten, starren Strukturen weichen und neue Ideen geboren werden.``

Icarus schaute zweifelnd. ,,Das kann nicht alles von uns abhängen, das kannst du mir nicht erzählen.``

,,Doch, wirklich. Das Problem ist, daß die Drak, die unseren Kontinent verlassen haben, meistens schon nach kurzer Zeit stranden. Es gibt nur ganz wenige, die etwas aus sich gemacht haben. Wir beide, inbesondere du, wir haben gezeigt, daß es auch anders geht. Jetzt müssen wir unter Beweis stellen, daß es auch hält. Sie wollen einfach kein Risiko eingehen, daß ein großangelegtes Experiment scheitern könnte, es ist die schlichte Angst vor den Konsequenzen.``

,,Hmm, mag sein.`` Icarus konnte ihr das immer noch nicht so recht glauben.

,,Glaube mir, es stimmt. Eine Sache solltest du sonst noch beachten: Wie viele aus unserem Dorf sind unzufrieden mit ihrem Leben?``

,,Die meisten sind zufrieden, eigentlich alle, auch du warst zufrieden. Aber trotzdem lebst du jetzt ein anderes Leben und bist doch wohl dabei glücklich, oder?``

,,Ja, natürlich. Aber wie hoch war der Preis? Manchmal, wenn ich schweißgebadet in der Nacht aufwache, mich inmitten der Leichen wiederfinde, dann wünschte ich mir, ich hätte Drak nie verlassen.``

,,Nur dann hättest du mich nie mehr getroffen.``

,,Ja gut. Ich meinte damit auch eher, daß es nicht immer gut sein muß. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, es gibt viele davon. Und wenn einer davon unkompliziert ist, wieso sollte man ihn nicht nehmen?``

Icarus lenkte ein. ,,Einverstanden, aber es muß die Möglichkeit geben, sich den Weg aussuchen zu dürfen, der für einen persönlich der Beste ist. Ich wäre im Dorf nicht glücklich geworden.``

Dawina schmunzelte. ,,Sicher, ich glaube dir. Und genau für solche Drak soll ja das neue Programm eingerichtet werden. Laß' uns unser Bestes tun, damit wir Drak in Zukunft eine bessere Chance erhalten.``

,,Ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen, einverstanden?``

,,Akzeptiert. So, jetzt mal was anderes: Sobald du in das andere Zimmer kommst, fängt die Schule wieder an, das Rumgammeln hat dann ein Ende.`` Sie grinste.

,,Ich hoffe nur, daß ich nicht von vorne anfangen muß, ich habe einiges gelernt in der Zeit.``

,,Keine Angst, am Anfang wird eine Überprüfung stattfinden. Anhand dieser wird entschieden werden, wie hoch du in welchem Fach eingestuft werden wirst.``


Am nächsten Morgen erwartete ihn eine Überraschung. Dawina eröffnete ihm: ,,Wir haben hohen Besuch bekommen, ein Sama ist angekommen. Er ist gekommen, um mit dir zu sprechen.``

Icarus wunderte sich. ,,Wieso denn das?``

,,Ich hab's dir doch gestern gesagt. Wir beide sind wichtig für die Zukunft der Drak. Ich schätze, er will sich einen Überblick verschaffen. Er erwartet dich nach dem Frühstück.``


Sie gingen wieder in die Zentrale, diesmal war ihr Ziel ein Büro im ersten Stock. Vor der Tür standen zwei Katak Wache. Dawina gab ihm noch ein paar Worte mit. ,,Bitte sei' vorsichtig mit dem, was du sagt, du entscheidest über unsere Zukunft. Sei aber auch nicht zu eingeschüchtert, sei einfach du.``

Er grinste: ,,Bist du dir sicher, daß ich das sein sollte?``

Dawina sagte beim einem der Katak Bescheid. Dieser klopfte an die Tür. Nach einem leisen ,,Ja?`` öffnete er diese und sagte Bescheid. Icarus hörte nur ein ,,Er kann hereinkommen``, dann öffnete der Katak die Tür vollständig und bat Icarus, einzutreten.

Das Büro war nicht prächtig eingerichtet, eher schlicht und praktisch. Sicherlich war dies einfach nur das Büro des Lagerleiters, das der Sama nun kurze Zeit für sich beanspruchte. Der Sama saß in seiner roten Kutte auf einem Sofa und lächelte Icarus an. Er schien sehr schlank zu sein, auch war er nicht mehr der jüngste. Allerdings strahlte er Vitalität, Kraft und Stärke aus, aber auch Freundlichkeit.

,,Icarus, sei' gegrüßt. Nimm' einfach hier neben mir Platz.`` Er rückte zur Seite. Icarus sah ihn vorsichtig an, anscheinend zu vorsichtig, denn er fügte hinzu: ,,Ich hasse Förmlichkeiten. Wenn diese Kutte nicht so bequem wäre, würde ich sie gegen etwas anderes eintauschen.``

Icarus setzte sich etwas steif und vorsichtig neben ihn.

,,Ich merke schon, du bist noch etwas reserviert. Damit wir beide wissen, wen wir vor uns haben: Ich bin Sakak und du bist Icarus, richtig?`` Er grinste.

,,Ja, das stimmt.`` Icarus Stimme klang belegt.

,,Wenn ich nicht wüßte, daß du gerade gefrühstückt hast, würde ich dir etwas anbieten, aber wenn du sonst irgendein Bedürfnis hast, dann sag' Bescheid.``

,,Ich werde es tun.``

Er lehnte sich zurück. ,,Gut. Wie gefällt es dir hier? Hast du irgendwelche Fragen oder Probleme? Wie könnte ich dir helfen?``

,,Es ist schön hier, sicherlich``, antwortete er vorsichtig, ,,aber so schön es auch ist, es ist ein Ort, an dem ich nicht freiwillig bin.``

,,Stimmt.`` Diese Antwort war entwaffnend. ,,Überleg' dir mal, an was für Orte wir Leute stecken könnten, die jemanden umgebracht haben. Da empfinde ich es hier nicht unbedingt als die schlechteste Wahl, da wirst du mir sicherlich Recht geben, oder?``

Icarus nickte vorsichtig. ,,Ja, natürlich. Unter diesem Gesichtspunkt stimmt es, wirklich, aber ...``

,,Aber ihr Draks liebt eure Freiheit, ich weiß``, führte er Icarus' Satz fort, ,,ihr seid eine bemerkenswerte Rasse. Wie häufig habe ich mir schon gewünscht, auch Flügel zu haben, die Freiheit zu haben, mich einfach irgendwo in die Lüfte zu schwingen und irgendwo wieder zu landen. Auch euer Wesen, euer Verhaltensmuster, es ist so einzigartig. Es ist eine Schande, daß wir uns früher nie die Mühe gemacht haben, euch wirklich zu studieren und zu verstehen. Ich hoffe zutiefst, daß die Zukunft für uns alle besser sein wird.`` Seine Augen hatten einen Schimmer angenommen, sein Blick schien in die weite Ferne gerichtet zu sein. Mit einem Ruck holte er sich wieder in die Realität zurück.

,,So, und in ein paar Tagen wirst du wieder zur Schule gehen und alles lernen, was du fürs Leben brauchst. Du hattest ja schon eine Ausbildung, jedoch hattest du dich dabei auf wenige Fächer konzentriert. Hier wirst du jetzt eine universelle Ausbildung erhalten.``

,,Hoffentlich keinen Religionsunterricht!`` entfuhr es Icarus, der im selben Moment bedauerte, es gesagt zu haben.

,,Wieso nicht? Hast du etwas gegen unsere Religion?`` fragte Sakak ruhig.

,,Das ist jetzt bestimmt dumm von mir, es zu sagen, aber ich glaube nicht an Lota.`` Was hatte ihn geritten, daß er einem Priester des inneren Kreises eine solche Antwort gab? Er mußte verrückt sein, das war die einzige Antwort.

Sakak lachte lauthals auf, Icarus war absolut verunsichert. Was war an dieser Frage so lustig?

,,Du bist nicht der einzige in diesem Raum, der an keine göttliche Gestalt mit Namen Lota glaubt.``

Icarus schaute verständnislos. ,,Wie? Ich meine, ein Priester ..., nein, das verstehe ich nicht.``

,,Es gab Lota, wirklich. Ich habe Bilder von ihm gesehen.`` Es machte ihm anscheinend Spaß, mit Icarus zu spielen.

,,Bilder? Was für Bilder?`` Icarus hoffte, daß Sakak ihn endlich aufklären würde. Diese Ungeduld zerrte an seinen Nerven.

,,Lota hat uns erschaffen, wirklich, glaube mir.`` Er grinste.

Icarus Gedanken spielten verrückt, seine Vorstellung über das, was Sakak ihm hoffentlich bald sagen würde, sprang von einem Extrem ins andere. ,,Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wie geht das? Einerseits nicht an Lota zu glauben, andererseits aber an die Erschaffung durch ihn? Bitte``, er schaute flehend, ,,ich halte das nicht mehr lange aus!``

,,Du verhältst dich genauso, wie ich es mir erhofft habe, das gefällt mir. Das bedeutet, daß meine Meinung über dich stimmen wird.`` In der einen Sekunde grinste er noch, plötzlich wurde er wieder ernst. ,,Das, was ich dir jetzt verrate, dürfte ich dir eigentlich erst sagen, wenn du vereidigt bist, also schweige darüber, erzähle es niemandem, insbesondere niemandem, der nicht auf Zhad war, auch keinem Priester, denn auch sie wissen die Wahrheit nicht immer. Selbst hier sind nicht alle informiert.``

,,Welche Wahrheit? Würdet Ihr die Freundlichkeit haben, mich endlich aufzuklären, nachdem Ihr mich schon neugierig gemacht hast?`` Sein Flehen wurde fordernd.

Er lachte wieder. ,,Natürlich, es hat mir nur Spaß gemacht. Du mußt dir mein Gesicht vorstellen, als ich davon erfahren habe.``

Er holte einmal tief Luft. ,,Lota gab es wirklich. Vor eintausend Jahren hat er uns erschaffen, das stimmt auch. Aber Lota war kein Gott, er war ein normales Lebewesen und er stammte von einem anderem Planeten.``

,,Aber, aber ...`` Es dauerte ein paar Sekunden, bis Icarus wieder klar denken konnte. Im Moment sah er eher aus wie ein Fisch, der auf dem Trockenen lag, sein Mund stand luftschnappend auf, die Augen waren aufgerissen. Irgendwann fing sein Hirn wieder an, einen normalen Gedanken fassen zu können. Er wurde wütend. ,,Ihr Priester habt uns betrogen! Ihr habt uns belogen, wieso habt ihr uns denn nicht die Wahrheit gesagt?``

,,Wieviele Tätigkeiten werden durchgeführt, um Lota zu preisen oder ihm zu gefallen? Unsere Gesetze drohen mit der Rache Lotas, falls wir dagegen verstoßen. Wenn wir im Leben immer gut waren, dürfen wir danach mit Lota zusammen leben, wenn nicht, landen wir im Nichts. Was glaubst du wird geschehen, wenn die Leute erfahren, daß das alles nicht stimmt?``

,,Das ist es nicht, ihr hättet das niemals erzählen dürfen!`` forderte er.

,,Es ist aber geschehen, das ist eine Tatsache! In der Vergangenheit wurden Fehler gemacht, mit denen wir jetzt leben müssen. Es herrschte damals anscheinend die Ansicht, daß ohne diese Drohung von oben keine Ordnung gehalten werden konnte. Es war damals einfach nicht möglich, alle Straftaten zu verfolgen, geschweige denn in den wenig bewohnten Gebieten überhaupt etwas zu tun. So ist wohl die Idee gekommen, mit einer übermächtigen Gestalt zu drohen. Ich weiß es auch nicht so genau, die alten Aufzeichnungen sind ungenau.`` Sakak schien in die Defensive gedrängt zu sein.

,,Das ist damals vielleicht sinnvoll gewesen, aber heute?`` Icarus schaute fragend. In einer stillen Ecke seines Hirns fragte er sich, ob es klug von ihm war, so mit einem Priester umzuspringen.

,,Du kannst nicht so einfach alles kippen. Wie sollte das denn geschehen? Wir gehen jetzt den langsamen Weg. Wir tolerieren es, wenn jemand nicht an Lota glaubt, wir tolerieren auch andere Glaubensrichtungen, wie zum Beispiel den Mondkult der Wulf. Wir können es nicht schneller machen.`` Er schien sich wirklich bei ihm entschuldigen zu wollen.

,,Hat das alles etwas mit den Fundstücken zu tun, die der Triadon entdeckt hat?``

,,Ja. Ihr habt etwas entdeckt, was es eigentlich nicht mehr geben sollte. Die Hülse war schon schlimm genug, aber hättet ihr das andere Teil der Öffentlichkeit gezeigt, wer weiß, was alles geschehen wäre.`` Er sah fast ängstlich aus.

Icarus hatte sich wieder beruhigt, so fragte er ruhig aber neugierig: ,,Was war es denn?``

Sakak griff zu einem Stoffbeutel, der neben dem Sofa stand. Er holte einen Gegenstand heraus und gab ihn Icarus. Groß wie zwei Handflächen, flach, es war ein Bild in einem durchsichtigen Bilderrahmen, stark ausgeblichen, wellig, aber noch erkennbar. Es zeigte ein neugeborenes Drak. Das Neugeborene wurde von jemandem gehalten, einem Wesen, wie es Icarus noch nie gesehen hatte. Es war am ehesten noch mit einem Drak ohne Flügel zu vergleichen, aber seine Haut war viel weißer, sein Haar fast Schwarz. Er hatte schwarze Flecken um seinen Mund herum, waren das Haare? Er trug einen hellen Kittel, so konnte Icarus nur diese blassen Hände und das blasse Gesicht sehen. Er sah irgendwie zerbrechlich aus.

,,Ist das Lota?`` Er fühlte sich, als ob Teile von ihm betäubt wären. Noch realisierte er gar nicht die gesamte Tragweite dieser Sache.

,,Nein, es ist einer seiner Helfer, soweit wir wissen. Das Problem ist, daß wir nur wenige Unterlagen aus diesen Tagen haben. Die Zeit hat dafür gesorgt, daß immer mehr Wissen verschwand. Dreh' mal das Bild um, das wird dich interessieren.``

Icarus tat wie ihm geheißen. Auf der Rückseite konnte er eine Schrift entdecken. Irgendwie anders, aber nicht ganz unbekannt. Das sie so verblichen war, sorgte dafür, daß es noch schwieriger würde, etwas zu erkennen. Schließlich schien er sich sicher zu sein und las vor: ,,Icarus, dritter Tag``

,,Du hast einen sogenannten ,Gründernamen`, Icarus war der Name eines der ersten Drak, die Lota und seine Leute erschaffen haben``, klärte ihn Sakak auf.

,,Was müssen sie für ein Wissen, was für Fertigkeiten müssen sie gehabt haben? Wenn sie schon vor eintausend Jahren soetwas leisten konnten, wieso sind wir nicht dazu in der Lage? Haltet ihr etwas zurück?``

Sakak schaute bedauernd. ,,Nein. Leider hat die Zeit dafür gesorgt, daß das Wissen verlorengegangen ist. Wir wissen nicht mehr, wie sie es, beziehungsweise wie sie uns gemacht haben. Auch haben wir keine Ahnung mehr über den Antrieb, mit dem sie in der Lage waren, uns durch das All zu erreichen. Du weißt ja, wie schrecklich unsere Versuche endeten, keiner hat es jemals überlebt, ins All zu reisen. Möglicherweise sind wir empfindlicher gegen die Weltraumstrahlung als unsere Erschaffer, deswegen habe wir die bemannten Versuche eingestellt.``

Icarus träumte. ,,Was hätte ich dafür gegeben, mit einem Erschaffer zusammenzutreffen.``

Sakak grinste. ,,Vielleicht triffst du ja mal einen. Schau' mich nicht schon wieder so fassungslos an. Ja, ihre Nachfahren leben hier auf der Insel. Gemeinsam lenken wir die Geschicke unseres Planeten.``

,,Weiß Dawina von alledem?``

,,Ja, ich selber habe sie vor ein paar Monaten eingeführt. Sie hat anders reagiert als du. Für sie brach eine Welt zusammen, ihre gesamte Glaubenswelt wurde ja mit einem Schlag zerstört, aber sie fing sich relativ schnell. Aufgrund solcher Reaktionen fühlen wir uns immer wieder darin bestärkt, daß wir die Bevölkerung irgendwie anders aufklären müssen, wir wissen nur nicht, wie das geschehen soll.``

,,Und deswegen unterbindet ihr jeglichen Widerstand?`` Icarus' Augen funkelten gefährlich.

,,Das mißverstehst du. Wir wußten schon die ganze Zeit über von der Gruppe, deren Mitglied du warst. Sie wurden nicht gefährlich, deswegen überwachten wir sie lediglich, hielten uns aber zurück. Wir haben die ganze Zeit über gehofft, daß wir so die militante Abspaltung finden würden, die, die unter dem Namen des Triadons Bomben legt. Die dir bekannte Gruppe war harmlos, im Gegenteil, sie half sogar die Mitglieder davon abzuhalten, Schlimmeres zu veranstalten, half ihnen bei ihrer Unzufriedenheit. Wenigstens den meisten. Wir vermuten, daß ein oder mehrere Mitglieder in der Leitung der Terroristen sind. Ihn oder sie wollten wir haben, vergeblich. Einige sind durch diesen dummen Fehler getötet worden, die meisten anderen sind verhaftet, einige konnten fliehen. Die meisten der Verhafteten werden wir schnell wieder entlassen können, abhängig davon, wie sie sich verhalten.``

,,Es sind gute Leute. Sie werden keine Probleme machen.`` Icarus dachte wieder an Tinka, gleichzeitig aber hatte er den Vertrauensmißbrauch der Sorrats vor Augen. Er schüttelte sich.

,,Hast du etwas?`` Icarus verneinte. ,,Ich denke, wir werden schnell herausfinden, wer keine Probleme machen wird, hab' keine Angst. So, jetzt habe ich Hunger, es ist auch schon Mittagszeit, ich denke, wir sollten alle zusammen etwas essen.``

Er rief eine der Wachen herein und gab ihr Anweisungen. Einige Minuten später kündigte die Wache Dawina an. Die Tür öffnete sich, Dawina stand in der Tür.

,,Hallo, mein Kind, wie geht es dir?``

,,Hallo, Sakak, ich wußte nicht, daß du hier sein würdest, ich hatte gedacht, es wäre ein anderer Sama gekommen.`` Mit diesen Worten hatte sie ihn erreicht und umarmte ihn.

,,Ach, es ist schön, dich wiederzusehen. Kaum ein anderer Sama ist so am Drakproblem interessiert, deswegen war es wieder einmal meine Aufgabe, hierher zu kommen. Hast du schon etwas gegessen?`` Sie verneinte. ,,Gut, dann laß' uns jetzt losgehen. Wenn wir noch länger warten, hängt mein Magen bald so tief, daß er unter der Kutte hervorschauen kann.`` Er lachte schon wieder lauthals.


Zum Essen gingen sie wie alle anderen auch in die Kantine. Von Icarus darauf angesprochen bemerkte Sakak nur: ,,Zum einen bin ich ein Feind von Sonderbehandlungen, zum anderen fang' endlich an, mich zu duzen. Ich fühle mich fast schon wie ein Gott, wenn du mich weiter mit ,Ihr` und ,Euch` ansprichst.`` Er lachte ein weiteres Mal.

Er verursachte in der Kantine einen regelrechten Auflauf. Die beiden Katak liefen immer ein Stück voraus. Er hatte versucht, sie davon abzuhalten, ihn zu bewachen, hatte ihnen gedroht, aber sie blieben treu bei ihrem Auftrag, ihn mit dem Leben zu beschützen. Als sie in der Kantine eintrafen, teilten sich die Massen vor ihnen, was Sakak teilweise peinlich war, er aber andererseits auch fast wieder zu genießen schien.

Absolutes Unverständnis erntete er, als er sich ganz normal in die Schlange einreihen wollte. Jeder wich ihm aus, wollte ihm Platz machen. Erst als er laut wurde, blieben sie in der Reihe stehen, jedoch sichtlich nervös. An ihrem Tisch angekommen grinste Sakak. ,,Es macht mir immer wieder Spaß, die Reaktionen der Leute zu beobachten, wenn ich darauf bestehe, völlig normal behandelt zu werden. Mir reicht diese Sonderbehandlung, wenn ich irgendwo anders bin. Hier bin ich schließlich fast zuhause, da möchte ich nur ein normaler Parde sein.``

Sie aßen eine Weile schweigend, da fragte Dawina vorsichtig. ,,Darf ich erfahren, wie sich Icarus gemacht hat?``

,,Glaubst du, wir würden hier zusammensitzen, wenn er mir nicht gefallen hätte? Icarus, du bist ziemlich bissig und hartnäckig, aber genau das gefällt mir. Ich hoffe, dich in unserem Team aufnehmen zu können, nachdem deine Ausbildung abgeschlossen ist.``

Dawina strahlte Icarus an und gab ihm einen dicken Kuß.

,,Ich habe ihm alles verraten.`` Sakak sah Dawina geheimnisvoll an.

,,Jetzt schon? Es hat bei mir schon lange gedauert, darauf vorbereitet zu werden, und noch länger, darüber hinwegzukommen.``

,,Mach dich nicht kleiner, als du bist. Du bist schnell damit fertig geworden. Wir hatten Fälle bei uns, die dermaßen stark geschockt waren, daß sie versuchten, Selbstmord zu begehen. Icarus hat mich allerdings verwundert. Er ist der erste gewesen, der mich daraufhin fast angegriffen hat.`` Er grinste. Dawina schaute verdutzt Icarus an, der wiederum peinlich berührt auf seinen Teller starrte, ohne aufzusehen.

Sakak ergriff Icarus' Kinn und richtete es auf. ,,Dir muß deine Reaktion nicht peinlich sein, Icarus. Im Gegenteil, es hat mir ehrlich gefallen.`` Der Stolz über Icarus brachte Dawinas Augen zum Leuchten.

,,Jetzt aber genug des Lobes. Ich werde nachher noch in der Zentrale Bescheid geben. Heute Abend wirst du umziehen, ab morgen ist lernen angesagt.``


Nach dem Essen trennten sich ihre Wege. Sakak wollte in die Zentrale und danach wieder nach Hause zurückkehren, Dawina wollte Icarus beim Umzug helfen. Die Verabschiedung war herzlich und lang. Sie umarmten sich, Sakak wünschte allen beiden nochmals viel Glück, dann mußte er gehen.

Arm in Arm gingen Icarus und Dawina in sein bisheriges Heim. ,,Du magst ihn, oder? Sind alle Sama so?``

Dawina bedauerte. ,,Nein, leider nicht. Viele wollen einfach den bisherigen Zustand beibehalten. Sakak will etwas ändern, und er ist offen, deswegen mag ich ihn so. Aber keine Angst, er ist mir zu alt, du bist meine erste Wahl.`` Sie strahlte ihn an, er strahlte zurück. Sie blieben stehen, umarmten sich, liebkosten sich, bissen den jeweils anderen in den Nacken, den Hals oder ins Ohr. Nach ein paar Minuten stellten sie beschämt fest, daß sie ja mitten auf einem öffentlichen Platz standen und die anderen sie mit offener Neugier ansahen.

Sie gingen auf sein Zimmer, Dawina verließ ihn kurz und kam wenige Minuten später mit ein paar Kartons wieder. Sie packten die wenigen Sachen, die er besaß hinein, dann trugen sie sie hinaus. Vor der Tür stand ein kleiner offener Pritschenwagen. Dawina stellte den Karton hinauf und setzte sich auf die Sitzbank hinter das Steuer. Icarus folgte ihr.

,,Du kannst diese Dinger fahren?`` wollte er wissen.

,,Ja, und das wirst du auch noch lernen. Es ist nicht schwierig. Und im Gegenteil zu den geschlossenen Wagen können wir hier wenigstens unsere Flügel ausstrecken.`` Sie fuhr los, kaum schneller als Schrittgeschwindigkeit. Sie mußte dabei ständig irgendwelchen Fußgängern ausweichen.

,,Oh ja, ich kann mich daran erinnern, wie ich das erste Mal in einen Wagen gestiegen bin``, meinte Icarus fröhlich. Er erinnerte sich, gleichzeitig flog ein dunkler Schatten über seine Seele. Er ließ noch einmal den ersten Tag bei den Sorrats vor seinem geistigen Auge passieren. Schließlich fragte er ernst: ,,Gibt es irgendwelche Mittel, die man nicht schmeckt, die einen aber nach einiger Zeit so müde machen, daß man kaum noch wach bleiben kann?``

Dawina stoppte den Wagen ruckartig und schaute ihn verdutzt an. ,,Ja, natürlich gibt es die. Wieso möchtest du das wissen?``

,,Ich mußte eben an den ersten Abend denken, als ich in Barmos angekommen war. Ich war die gesamte Zeit hellwach gewesen, bis ich kurz nach dem Abendessen so müde wurde, daß ich kaum noch ins Bett gefunden habe.``

Dawina schaute ihn fragend an. ,,Und du meinst, sie haben dir etwas gegeben. Wieso denn das? Kannst du nicht einfach auch von den Geschehnissen so erschöpft gewesen sein?``

,,Ja, natürlich. Aber es würde passen. Ich hatte damals das Gefühl, als ob mich Andra ausfragen würde. Später, kurz vor dem Essen war sie kurz in der Küche bei Wadif und tuschelte leise mit ihm. Vielleicht haben sie mir dort etwas ins Essen gegeben.`` Icarus wußte nicht, ob er das wirklich glaubte.

,,Natürlich, das kann schon sein, aber wieso sollten sie es tun? Kannst du mir einen vernünftigen Grund dafür geben?`` Dawina schien ihm nicht zu glauben.

,,Mir würde nur eine Sache einfallen. Sie wollten verhindern, daß ich mich in der Stadt umsehen konnte, damit ich Andra nach Arridos folgen mußte, um noch etwas zu sehen, klingt seltsam oder?``

,,Nun, du bist mit ihnen zusammengetroffen, du mußt wissen, ob du ihnen soetwas zutraust. Ich weiß nur, womit die beiden so handeln. Es gibt Clans im Osten Draks, denen die beiden anscheinend modernste Waffen verkauft haben. Ein Clan hat dann einen Streit mit einem anderen Clan angefangen und ihn dabei fast vollständig ausgerottet.``

Icarus schaute verzweifelt. ,,Ich weiß nicht, was ich von alledem halten soll. Kannst du mir nicht helfen, die Wahrheit herauszufinden?``

,,Das ist eine Sache, die du ganz alleine machen mußt. Nur wenn du alle Fakten selber bewertest, kannst du sicher sein, daß es sich um die Wahrheit handelt, ansonsten bleibt immer ein Rest Zweifel - und Zweifeln untergräbt die Wahrheit oder das, was du als Wahrheit empfindest.``

Sie fuhr wieder weiter. Nach wenigen Minuten, in denen sie schweigsam auf der Sitzbank saßen, waren sie angekommen. Das Gebäude war, wie alle auf diesem Gelände strahlend weiß und kantig. Von außen sah es nicht anders aus als seine bisherige Unterkunft.

Sie nahmen die Kartons und gingen ins Haus. Auch hier gab es wieder diesen langgestreckten Flur, von dem alle Zimmer abgingen. Nur hingen hier an den Wänden abstrakte bunte Bilder, die Icarus nicht so recht deuten konnte, die ihm aber trotzdem gefielen. Außerdem bestand die Decke aus Glas, so daß das Sonnenlicht hineinschien und allem einen fröhlichen Glanz gab. Vor einer Tür, fast ganz hinten auf der rechten Seite hielten sie an. Dawina stellte den Karton ab, öffnete die Tür und stellte fest: ,,Dein Reich.``

Es sah so ähnlich wie das alte Zimmer aus. Jedoch war das Fenster größer, unvergittert, außerdem gab es eine Tür, die ins Freie führte. Auch von hier hatte er den Blick auf den Wald. Die Möbel sahen ähnlich aus, aber irgendwie kam es ihn freundlicher vor, weniger kalt.

,,Mir gefällt es``, meinte er bloß.

Sie stellten die Kartons ab. Dann verschwand Dawina kurz, um den Wagen wegzubringen. In der Zwischenzeit räumte Icarus seine Sachen ein. Wenige Minuten später war er fertig. Nur ein paar Augenblicke danach klopfte es an der Tür und Dawina trat ein.

,,Komm mit zu mir, da ist es wohnlicher.``

Er verließ den Raum. Nur ein Zimmer weiter links blieben sie stehen. Auf der Tür stand in großen Buchstaben ,,Drakhöhle`` geschrieben. Icarus mußte grinsen.

Das Zimmer sah anders aus. Irgendwie gleich, aber völlig anders. Es standen die selben Möbel darin, auch war das Zimmer exakt gleich groß, aber sie hatte ihm einen eigenen Stil gegeben. Mitten im Raum und überall verteilt standen Blumen. An den Wänden hingen farbenfrohe Bilder, sie erinnerten ihn an die Bilder, die er im Flur gesehen hatte.

,,Es ist schön.``

Sie tat empört. ,,Ich hab' mir voll die Mühe gemacht, hab' aufgeräumt, sauber gemacht, und alles, was von dir kommt, ist ein ,es ist schön`?``

Er griff sich Dawina, zog sie an sich, küßte sie und meinte: ,,Das Schönste im Raum bist sowieso du.``

Sie umarmten sich, küßten sich. Als Icarus sie hochheben und aufs Bett schmeißen wollte, blieb er mit einem Flügel an einer Vase hängen und hätte sie beinahe umgeworfen. Er ließ von Dawina ab und meinte: ,,Entschuldigung, beinahe hätte ich deine Einrichtung ruiniert.``

Sie meinte nur fröhlich: ,,Hier ist es sowieso zu eng, folge mir.`` Mit diesen Worten stürmte sie zur Balkontür, öffnete sie, entfaltete die Flügel und flog davon, Icarus folgte dichtauf.

Er versuchte sie zu erreichen, aber sie war ihm immer ein kleines Stück zu schnell. Dann, mitten über dem Wald verlangsamte sie, so daß Icarus aufschließen konnte.

Über einer kleinen Lichtung blieb sie in der Luft stehen, Icarus hielt direkt vor ihr. Sie zog ihren Rock und ihre Unterhose aus und ließ die beiden Sachen achtlos die fünfzig bis hundert Meter herabsinken, die sie vom Erdboden trennten. Sie näherte sich Icarus weiter, zog ihm seine Hose aus. Kurze Zeit darauf folgte auch seine Unterhose der übrigen Kleidung auf dem Weg nach unten.

Sie umklammerte ihn mit ihren Schenkeln, mit ihren Armen preßte sie ihn ganz nahe an sich heran. Icarus fühlte wie noch nie zuvor. Er machte sich keine Sorge mehr darüber, abstürzen zu können, nur noch der Augenblick war wichtig.

Dawina stöhnte laut, als Icarus in sie eindrang. Sie konnten sich so nicht lange in der Luft halten, sie sanken immer tiefer. Wenige Meter über dem Erdboden ließen sie kurz voneinander ab, landeten, dann ging es weiter.

Einige Minuten danach lagen sie erschöpft nebeneinander. Sie sagten lange kein Wort, bis Dawina die Stille unterbrach.

,,Es war ..., es war so ... schön, nein, schön ist nicht stark genug dafür, es war das Beste, was mir jemals passiert ist.``

,,Mir erging es genauso. Ich habe noch nie so intensiv Liebe gemacht.``

Sie richtete sich halb auf. ,,Soll das heißen, es war heute nicht das erste Mal?``

,,Beruhige dich.`` Er zog sie wieder an sich heran. ,,Das erste Mal war es mit Tinka, aber es war mit diesem nicht vergleichbar. Ich glaube, Draks lieben anders. Nur in der Luft kann es wahre Liebe geben.``

Auf einmal kicherte sie.

,,Was hast du?`` fragte Icarus vorsichtig.

,,Ich hab' mir gerade vorgestellt, wie wir beiden aus der Entfernung ausgesehen haben müssen.``

Icarus stellte es sich jetzt auch vor. Beide Körper, zu einem vereint, mit Flügeln, die verzweifelt versuchten, die Balance zu halten, die aber nicht verhindern konnten, daß dieser gemeinsame Körper langsam aber sicher torkelnd zu Boden sank. Er grinste ebenfalls. Dann, auf einmal lachte er laut los.

Dawina wunderte sich. ,,Was hast du denn jetzt?``

,,Naja, ich habe eben an unsere Wäsche gedacht. Glaubst Du, wir finden sie wieder?``


Sie brauchten fast zwei Stunden, dann hatte sie alles zusammen. Es hatte unter anderem auch so lange gedauert, weil sich Dawinas Rock in einem Baum verfangen hatte, den sie nur schwer erreichen konnten.

Es dauerte allerdings auch deswegen so lange, weil die beiden sich immer wieder liebkosten oder miteinander kämpften. Als sie wieder zu Hause ankamen, wurde es bereits dunkel. Sie flogen direkt zur Kantine, aßen ihr Abendbrot und kehrten auf ihre Zimmer zurück. Icarus fand auf seinem Tisch einen Zettel, auf dem stand, wann und wo er sich morgen zum Test zu melden hatte.

Dawina erklärte ihm noch die Funktionen des Weckers auf seinem Nachtschrank und half ihm, ihn einzustellen, damit er nicht zu spät erscheinen würde. Dann verschwand sie in ihr Zimmer und ließ ihn allein. Sie meinte, sie müsse noch unbedingt für morgen arbeiten.

Icarus wusch sich und legte sich zufrieden ins Bett. Noch nie hatte er so empfunden, war so glücklich gewesen. Die Zeit mit Tinka kam ihm nur noch wie ein müder Abklatsch vor. Es hatte ihm Spaß gemacht, aber sie waren einfach zu unterschiedlich gewesen. Er hatte nur gelegentlich fliegen, und da hatte sie ihn nicht begleiten können. Er hatte mit ihr nie diese Freiheit auskosten können.

Es hatte ihm damals Spaß gemacht, aber im Vergleich zu heute kam es ihm irgendwie fade vor. Im selben Moment wie er dies dachte, rügte er sich selber. Er konnte diese wenigen Tage nicht mit einer Beziehung vergleichen, die immerhin trotz aller Unterschiede Monate gedauert hatte. Es mußte sich erst zeigen, wie und ob er mit Dawina, dieser neuen Dawina zusammenleben konnte. Sie hatte sich verändert, hatte sich dank der Priester verändert. Wo sie früher schüchtern, zurückhaltend, ja fast prüde gewesen war, war sie heute offen, kam aus sich heraus, ergriff die Initiative. Ihr schien dies alles gut getan zu haben.

Jetzt, wo er zur Ruhe kam, hatte er auch Gelegenheit, noch einmal über das nachzudenken, was er am Tag von Sakak erfahren hatte. Seine Vorfahren waren künstlich erzeugt, waren von keinen göttlichen Wesen erschaffen, sondern im Labor entstanden. Das war faszinierend - faszinierend und schockierend zugleich.

Und jetzt erst wurde ihm bewußt, daß seine Suche ein Ende hatte. Seine Suche auf die Antwort der Frage: ,,Wo kommen wir her?`` Nun konnte er sie beantworten, konnte sagen: ,,Wir wurden künstlich erschaffen.`` Aber Sakak hatte wahrscheinlich Recht. Würde die Öffentlichkeit diese Wahrheit erfahren, müßte ein Chaos ausbrechen. Ihrer Götter enthoben, würden viele keine Leitbilder mehr haben. Andere wären zu Recht wütend auf die Priester, die ihnen ihr ganzes Leben lang die Unwahrheit erzählt hatten. Nein, die Wahrheit durfte nicht ans Tageslicht kommen, noch nicht.


Die Sonne schien, es war ein wunderbarer Tag. Die Luft war warm, angenehm warm und spielte um Icarus' Flügel. Er hörte einen leisen Donner, ein weitentferntes Gewitter. Der Donner wurde lauter, Wolken zogen sich zusammen, es wurde dunkel.

Regen fiel - blutrot! Seine Hände, seine Flügel, sein Körper - das ganze Land getränkt in Blut! Er schaute zum Himmel auf. Die Wolken - wie Augen! Hunderte, Tausende fragender, sterbender Augen, das ,,warum`` nicht mehr fähig auszusprechen aber zu zeigen.

Dann hörte er es, die Frage. Zuerst hörte er sie nur wie ein Rascheln, dann wurde sie stärker und stärker. Bald brauste sie wie der Sturm. ,,Warum?`` donnerte es. Icarus hielt es nicht mehr aus, er schrie: ,,Aufhören! Aufhören!`` doch es wurde nur lauter.

Ein Schlag. Stille. Die Erkenntnis, es war ein Traum. Icarus schlug die Augen auf. Dawina saß neben ihm am Bettrand.

,,Wie geht es dir? Du hast so laut geschrien, daß ich davon aufgewacht bin. Du hattest einen Alptraum?`` Die letzte Frage war eher eine Feststellung.

,,Ja, ich glaube, ich hoffe es. Es war schrecklich. Überall Blut - und diese Augen! Sie sahen mich an, fragten mich, aber ich war so hilflos, ich wußte nicht weiter, fand keinen Ausweg. Ich will das nicht!``

Ihre Augen drückten ihr Mitgefühl aus. ,,Ich kenne das. Es passiert mir immer noch. Obwohl es schon Monate her ist und obwohl ich mir immer wieder einrede, daß sie es verdient haben, immer wieder habe ich den Traum, in dem sie mich fragen, wieso ich es getan habe. Du mußt damit leben, es gibt keinen anderen Weg. Laß' ihn uns gemeinsam gehen, dann wird er weniger schwierig werden, versprochen.``

,,Bitte``, seine Stimme klang hilflos, ,,bitte halt mich fest. Ich will diesen Traum nicht mehr erleben, ich will nicht mehr einschlafen, nicht wenn dieser Traum wiederkehrt. Wann wird der Horror ein Ende haben?``

,,Niemals. Meine Schuld verfolgt mich bis auf den heutigen Tag. Ich kann mich nur damit beruhigen, daß ich nun etwas für die Gemeinschaft leiste, um meine Schuld zu sühnen.``

Er sah sie skeptisch an. ,,Und das hilft?``

Sie schaute traurig grinsend zurück. ,,Nein, bis jetzt noch nicht, aber ich hab' die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Schlaf' jetzt wieder ein, der morgige Tag ist wichtig.`` Mit diesen Worten verließ sie den Raum.


Wieder Erwarten fand er doch recht schnell wieder in den Schlaf, der ihn diesmal von den Gespenstern verschonte. Am Morgen wurde er von einem sanften Piepen aufgeweckt. Er duschte, zog sich an und ging zum frühstücken. Er schaute sich nach Dawina um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Entweder schlief sie noch, oder aber sie war mit anderen Dingen beschäftigt. Es war das erste Mal, daß er alleine im Camp unterwegs war. Bisher hatte ihn Dawina stets begleitet. Nun, auch dies gehörte wohl zu den Dingen, die sich mit seinem Umzug geändert hatten.


Pünktlich auf die Minute stand er vor dem Prüfungszimmer. Der Raum befand sich im Lehrgebäude, daß sich in der Nähe der Zentrale befand. Von außen hatte es wie eins der Wohngebäude ausgesehen. Durch die Fenster, an denen er vorbeigegangen war, hatte er gesehen, daß die Räume größer waren und sich darin Tische und Stühle befanden, die teilweise in Reihen, teilweise auch in Gruppen angeordnet waren. An der Stirnseite jedes Raums befand sich ein großer Bildschirm, so wie ihn auch die Lehrer an der Hochschule von Arridos benutzt hatten. Einige Räume waren leer, in anderen wurde anscheinend unterrichtet.


Er klopfte an und hörte von innen ein ,,herein``. Er trat sein und sah sich um. An einem Tisch, der mit dem Rücken zum Bildschirm stand, saß ein einzelner Limor in seiner gelben Kutte. Er sah auf.

,,Hallo, du mußt Icarus sein.``

Er bestätigte und der Limor fuhr fort.

,,Ich bin Nando. Ich bin einer der hiesigen Vermittler. Setz' dich da vorne hin``, er zeigte auf den Tisch, der direkt vor seinem stand, ,,dann werden wir erstmal ein bißchen miteinander reden, um uns zu entspannen, dann fange ich an, dir ein paar Fragen zu stellen. Hast du etwas, daß du mich fragen möchtest?``

Icarus wollte einiges über den Lehrablauf wissen, er wollte wissen, wie er geprüft werden würde, wie der zukünftige Unterricht aussehen würde, eigentlich wollte er alles wissen.

Nando beantwortete alle Fragen ruhig und ausführlich. Dabei fiel Icarus wiederum eine Sache auf: Hier im Camp wurde sich verstärkt um den Einzelnen gekümmert. Seine bisherigen Prüfungen hatten im großen Rahmen stattgefunden, genauso wie die Vorlesungen oder Übungen. Hier jedoch fand der Unterricht in kleinen Gruppen statt, und diese Prüfung, die er gleich absolvieren würde, würde er sogar als einziger durchführen. Das Individuum wurde hier besonders beachtet und gefördert, eine Einstellung, die Icarus gefiel.

Dann, es mochte eine Viertelstunde vergangen sein, beendet Nando die lockere Unterhaltung und fing mit dem Test an. Er holte einen Computer aus seiner Tasche, der etwa so groß wie ein normales Stück Papier und so dick wie ein Buch war. Er nahm einen Stift aus einer Vertiefung an der Seite und tippte damit auf dem Gerät umher. Nando stellte ihm Fragen aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten, die er vom Bildschirm abzulesen schien. Icarus kam es so vor, als ob Nando zuerst analysieren wollte, wie weit er in etwa in den einzelnen Gebieten gekommen war, bevor er detaillierter fragen würde. Einige der Fragen waren geradezu banal leicht, einige andere mußte Icarus leider unbeantwortet lassen. Dies traf vor allem auf Fragen aus den Sozialwissenschaften zu.

Diese Art der Befragung dauerte in etwa eine Viertelstunde. Dann legte Nando den Rechner beiseite. ,,Nun wird der Computer deine Antworten analysieren. In spätestens fünf Minuten sollte er damit fertig sein, dann werde ich dich nocheinmal ausführlicher befragen. Wenn du möchtest, kannst du solange Pause machen.

Icarus wollte. Es gab im Unterrichtsraum eine Tür, die ins Freie führte. Icarus trat heraus, spreizte seine Flügel und stieg auf. Er flog ein paar Kreise, um sich zu entspannen, dann kehrte er zurück. Als er wieder den Raum betrat, hatte der Rechner gerade seine Untersuchung beendet. Er nahm Platz und die eigentliche Prüfung begann. Sie dauerte zwei Stunden, in denen er abwechselnd an der Tafel oder mündlich die Fragen beantworte. Nach einer Stunde hatte er ein weiteres Mal Pause machen dürfen. Nando hatte in der gesamten Zeit immer wieder Bemerkungen niedergeschrieben. Er beschloß die Prüfung mit den Worten: ,,So, das reicht.``

Er tippte noch ein bißchen herum, schien sich seine Notizen nocheinmal anzusehen. Dann sah er auf und schaute Icarus in die Augen. ,,Es ist so, wie ich es anhand der Daten, die ich vorab von dir bekommen habe, schon geahnt habe.``

Icarus wußte nicht, worauf er hinaus wollte. War das positiv oder negativ gemeint?

,,Du mußt dir keine Sorgen machen. Dein Wissen im technisch-mathematischen Bereich sind wirklich exzellent. Sicher, es gibt einige Dinge, an denen es noch etwas zu verbessern gäbe, jedoch stehst du dort fast auf dem Stand wie ein gleichaltriger Parde. Das ist wirklich bemerkenswert, da du ja erst seit so kurzer Zeit intensiv lernst, denn den Unterricht, den du zuvor in deinem Dorf absolviert hast, kann kaum als Grundlage gedient haben.``

Icarus atmete auf.

,,Jedoch sind deine Kenntnisse im medizinisch-biologischem Bereich und erst recht im sozialen Bereich kaum weiter ausgeprägt worden. Dort herrscht dringender Nachholbedarf. Aus diesem Grund wirst du in diesen beiden Bereichen in einem D-Kurs erst einmal Wissen erlangen, während du in den technisch-mathematischen Kursen einen A-Kurs besuchen wirst. Ich denke, du wirst es recht schnell schaffen, dich in den schlechteren Fächern zu steigern, da bin ich bester Hoffnung.``

Er stand auf. ,,So, und jetzt begleitest du mich ins Sekretariat, dort wirst du deinen Stundenplan bekommen.``


Gemeinsam verließen sie den Raum und gingen zu einem Zimmer in der Nähe des Ausgangs. Dieser Raum beherbergte kaum mehr als einen Schreibtisch mit einen Computer darauf, sowie eine Theke, vor der sie jetzt standen. Am Schreibtisch saß ein junger Wulf. Nachdem sie sich begrüßt hatten, nahm er Nandos Computer entgegen, nahm den Stift und gab ein paar Kommandos ein. Der große Rechner piepte einmal kurz, dann war die Datenübertragung beendet.

Icarus hörte ein leises Surren, als der Drucker einen Zettel ausspie. Der Wulf nahm ihn heraus und gab ihn Icarus, der ihn sofort betrachtete. Wie schon in der Hochschule, war auch hier der Monat in Bereiche von fünf Tagen, den sogenannten Wochen eingeteilt worden. Am ersten der fünf Tage hatte er Unterrichtsfrei, dies war pro Schule jeweils einheitlich, jede Schule hatte jedoch ihren eigenen Ruhetag. Alle anderen Berufsgruppen verteilten den Ruhetag umschichtig. Icarus stellte sich vor, was geschehen würde, wenn es einen festen Tag gäbe, an dem niemand arbeiten würde. Er schüttelte einmal seinen Kopf, um ihn frei von solch' dummen Gedanken zu bekommen, dann sah er wieder auf den Plan: Er hatte insgesamt drei Stunden Unterricht pro Tag, zwei am Vormittag, eine am Nachmittag. Der Unterricht fing um drei Uhr an. Um fünf Uhr war Mittagessen. Der Nachmittagsunterricht fing eine halbe Stunde danach an, und dauerte nocheinmal eine Stunde. Er überschlug im Kopf, wann er aufzustehen und ins Bett zu gehen hatte. Um auf seine drei Stunden Schlaf zu kommen, mußte er spätestens gegen neun daran denken, ins Bett zu gehen. Um eine halbe Stunde nach zwei würde er sich wohl dann wecken lassen, das hatte zu reichen.

Nando unterbrach seine Überlegungen, indem er ihm viel Spaß wünschte, bevor er den Raum verließ. Icarus sah ebenfalls keinen Grund zu bleiben und ging in die Kantine. Dort traf er Dawina, die ihn sofort mit Fragen bestürmte. Sie hatte extra ihren Nachmittagsunterricht nicht besucht, weil sie so neugierig auf seine Ergebnisse war. Sie war erfreut, als sie von seinen A-Kursen hörte. Genauso verzog sie aber kurz das Gesicht, als er erzählte, daß er ebenfalls D-Kurse belegen würde.

,,Naja``, meinte sie. ,,Ich hab' auch mit einem Haufen D-Kursen angefangen. Mittlerweile habe ich überall B-Kurse, außer in Mathe, da hänge ich noch in einem C-Kurs. In der Sozialkunde besuche ich einen A-Kurs. Das, und die Tatsache, daß ich hier der einzige Drak war, waren der Grund dafür, daß ich deine Erstbetreuung durchführen durfte. Normalerweise ist das den fertig Ausgebildeten vorbehalten.``


Dawina betreute Icarus auch weiterhin, wenn auch auf eine eher persönliche Art. Die beiden verbrachten ihre gesamte freie Zeit miteinander. Gemeinsam lernten sie, sie gaben sich gegenseitig Nachhilfe, mit dem Ergebnis, daß Dawina bald auch in der Mathematik einen B-Kurs besuchte und Icarus keinen einzigen D-Kurs mehr hatte.

Der Unterricht machte ihm Spaß. Seine unbändige Neugier hatte ihm in seinen Lieblingsfächern geholfen, aber bei Fächern, die ihn nicht besonders interessierten, doch eher behindert. Nun allerdings kümmerten sich die Limor um einen, wenn man Probleme mit dem Lernen hatte. Außerdem war hier die Kameradschaft untereinander höher als in Arridos. Alle Rassen Dabos mit Ausnahme der Zenta waren vertreten, und vielleicht sorgte diese Mischung dafür, daß niemand Vorurteile dem anderen gegenüber zeigte.

Vielleicht war es dieses Kurssystem, das die unterschiedlichsten Schüler zusammenbrachte, vielleicht lag es an der vielen Zeit, die Icarus zusammen mit Dawina verbrachte, aber mehr als eine lockere Kameradschaft wollte sich zwischen Icarus und Dawina auf der einen Seite und den anderen auf der anderen Seite nicht entwickeln. Wenn sie aufeinandertrafen grüßten sie sich, am Strand spielten sie zusammen, aber eine feste Freundschaft entwickelte sich nicht.

Icarus vermißte das nicht, er hatte mit Dawina die Partnerin gefunden, mit der er am liebsten sein ganzes Leben verbringen wollte.


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