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Die Weihe

,,...und du bist jetzt ein Hirte.`` Sakak knotete das Band in den Zopf des jungen Draks, der traditionsgerecht antwortete: ,,Ich danke für die weise Wahl.`` Dann ging Sakak zum nächsten Drak.

Icarus saß in der zweiten Reihe neben Dawina und sah dem ganzen zu. Nie hätte er gedacht, jemals wieder bei einer Weihe dabei zu sein, noch dazu in seinem Heimatdorf.

Kurz vor der Sonnenwende hatte Sakak sie besucht und eine Überraschung mitgebracht. Die Begrüßung war herzlich verlaufen. Er zeigte sich äußerst zufrieden über die Fortschritte, die die beiden machten.

,,Habt ihr beide Lust zu einem Ausflug? In zwei Tagen ist Sonnenwende und eure Weihe jährt sich zum ersten Mal. Ich habe vor, die diesjährige Weihe in eurem Dorf selber durchzuführen.``

Dawina starrte ihn erstaunt an. ,,Du willst ... was?``

,,Ich möchte allen zeigen, wie ernst ich es mit meinen Anstrengungen nehme, die Drak endlich so zu fördern, wie sie es verdient haben. Außerdem``, fügte er mit einem geheimnisvollen Zwinkern in den Augen hinzu, ,,außerdem habe ich noch eine kleine Überraschung für euch. Wollt ihr mich begleiten?``

Natürlich waren beide begeistert von dem Gedanken, wieder zu ihren Wurzeln, zu ihrem Ursprung zurückkehren zu können. Sakak ließ ihnen kaum Zeit, ihre Sachen zu packen, schon eine halbe Stunde später saßen sie in seinem kleinen Gleiter und flogen in ihre alte Heimat.

Sakak verbrachte die Flugzeit damit, die beiden zu instruieren. ,,Ihr dürft fast alles sagen, was ihr wißt, nur ein paar Tatsachen behaltet bitte für euch. Zum einen - das ist ganz wichtig - ihr dürft natürlich nichts über unseren Ursprung erzählen. Allerdings dürft ihr sagen, daß ihr jetzt auf Zhad lebt. Ihr dürft auch sagen, was ihr in der Zwischenzeit getan habt. Icarus, du darfst natürlich die Relikte nicht erwähnen, das ist selbstverständlich. Das wäre dann aber auch schon alles.``


Der Gleiter war schnell, sehr schnell. So brauchten sie nur drei Stunden, um in ihre ehemalige Heimat zu gelangen. Sakak hatte den Autopiloten aktiviert und nutzte er die Zeit, um den beiden seine Zukunftsvisionen zu unterbreiten. Seine Augen wurden dabei glasig und schienen auf einen Punkt in der Zukunft fixiert zu sein. Wenige Minuten vor der Landung unterbrach ihn ein Signal, das ihm mitteilte, daß er nun auf Handsteuerung umschalten müsse. Er führte noch ein kurzes Gespräch mit Ollnamo, der schon ganz aufgeregt darüber war, bald einem echten Sama gegenüberzustehen.

Nach dem Gespräch erzählte Sakak Dawina und Icarus grinsend, daß Ollnamo jetzt erst Kador, den Ältesten informieren würde. Sakak hatte ihn darum gebeten, da er Feind von Zeremonien zu seinem Ehren war. Icarus stellte sich vor, wie aufgeregt gleich Kador herumlaufen würde. Er würde wohl versuchen, in größter Eile alle Ältesten herbeizurufen, um am Landepunkt ein Empfangskomitee bilden zu können. Er mußte dabei lachen.

Es war, wie Icarus vermutet hatte. Als sie gegen Nachmittag zur Landung ansetzten, konnten sie sehen, wie Kador, gefolgt von zehn anderen Drak am Rand des Feldes landeten.

,,Der Spaß fängt an!`` meinte Sakak, stand auf und öffnete die Tür. Er trat hinaus. Im selben Moment, in dem der den Boden betrat, knieten sich das Empfangskomitee so tief nieder, daß sie mit ihren Gesichtern fast den staubigen Boden berührten. Icarus und Dawina traten nun ebenfalls aus dem Gleiter und stellten sich hinter Sakak auf. Der wiederum wartete auf eine Reaktion des Komitees. Icarus konnte sich ein Grinsen fast nicht verkneifen, als er sich vorstellte, was nun in den Köpfen der anderen vorgehen mußte. Sakak hatte ihnen noch kurz vor der Landung fast lachend erzählt, daß er solange nichts sagen wollte, bis jemand anderes das Wort ergreifen würde.

Es dauerte Minuten. Minuten, in denen Kador immer wieder vorsichtig einen Blick wagte, ihn aber immer wieder wie von einer Peitsche geschlagen zurückzog, wenn er sah, wie Sakak abwartend dastand. Ollnamo brach endlich die Stille. Er richtete sich auf und ging mit gesenktem Kopf ein paar Schritte auf Sakak zu. Er kniete sich nieder und sprach: ,,In Lotas Namen seid gegrüßt, Ehrwürdiger.`` Die Spannung, die die anderen befallen hatte, ließ wenigstens zum Teil nach. Nun warteten sie auf Sakaks Erwiderung.

,,Seit ebenfalls gegrüßt, meine Freunde. Aber bitte steht doch auf, es dürfte etwas schwierig sein, wenn ihr mich auf Knien in euer Dorf begleiten würdet.``

Ollnamo und die anderen sahen ihn irritiert an. Dawina warf einen amüsierten Blick auf Icarus, der sich ebenfalls ein Grinsen kaum verkneifen konnte.

Nur langsam standen die anderen auf. Als sie endlich standen, verzichteten sie weiterhin darauf, ihm direkt in die Augen zu sehen. Erst nach einer freundlichen Ermahnung richteten sie ihre Köpfe auf, vermieden es aber weiterhin, ihn direkt anzusehen.

Sie gingen ins Dorf. An der Spitze ging Sakak, flankiert von Ollnamo und Kador, die einen Schritt zurückblieben. Dawina und Icarus folgten den dreien. Die übrigen Alten liefen ihnen hinterher. Als die beiden das Dorf betraten, scharten sich alle um sie. Es lag Interesse, aber auch Respekt in ihren Augen. Noch niemals hatten sie einen Sama gesehen. Sie sahen auch Dawina und Icarus voller Interesse an. Icarus versuchte sich vorzustellen, was in ihren Köpfen vorgehen mußte.

Ihm schossen mehrere Gedanken durch den Kopf, als er sich im Dorf umsah. Es kam ihm klein, eng und einfach vor. Er konnte sich kaum noch vorstellen, hier einmal gelebt zu haben. In seinen Gedanken hatte es immer so groß ausgesehen. Auch wenn er sich seine Clankameraden ansah und sie mit seiner Erscheinung verglich. Er trug, ebenso wie Dawina, bunte, luftige Kleidung. Seine Kameraden trugen ihre grobes Lederzeug. Kann ich jemals wieder so leben? Er bezweifelte es. Was ging in den Köpfen seiner Kameraden vor? Sicherlich, Ollnamo hatte sie aufgeklärt, daß er noch lebte, daß er bei Dawina war. Aber nun? War da vielleicht auch eine Andeutung von Neid in ihren Augen? Nein, Icarus konnte in ihren Augen, ihrer Mimik lesen wie in einem Buch. Es war Interesse zu sehen, gleichzeitig Neugier, aber auch Stolz, Stolz darüber, daß zwei der ihren einen Sama kannten. Trotz aller Einfachheit, trotz aller Enge, er fühlte sich hier zu Hause, fühlte sich wohl. Er fragte leise Dawina, die ihm bestätigte, daß sie ebenso empfand.

Mittlerweile hatten sie den Weg in Richtung des Dorfmittelpunkts eingeschlagen, wo sich das Zeichen Lotas befand. Wenige Schritte davor blieben Ollnamo und Kador stehen. Dies war wie ein Zeichen für die anderen, ebenfalls stehenzubleiben. Sakak ging noch ein paar Schritte auf das Zeichen zu und drehte sich dann um. Icarus und Dawina standen nun neben Ollnamo und warteten darauf, daß Sakak anfing, zu sprechen. Noch waren nicht alle Clanmitglieder da, einige der Jäger würden erst spät in der Nacht heimkehren, auch die Hirten mußten sich noch um ihr Vieh kümmern, aber auch so war der Platz randvoll. Ein großer Teil der fast fünfhundert Einwohner des Dorfes warteten nun gespannt darauf, was ihnen der Sama mitzuteilen hatte.

,,Liebe Freunde!`` Seine kräftige Stimme schaffte es mühelos, auch noch den letzten Drak in der hintersten Reihe zu erreichen. ,,Seid gegrüßt. Ich freue mich, hier sein zu können. Vor wenigen Tagen faßte ich einen Entschluß. Ich rief Ollnamo an, und kündigte mein Kommen an. Ich bat ihn aber gleichzeitig darum, niemandem etwas von meiner Ankunft zu sagen, ich möchte euch nicht allzusehr von eurer Arbeit abhalten, ihr müßt schließlich die Weihe vorbereiten. Und genau deswegen bin ich hier. Ich bat Ollnamo darum, die diesjährige Weihe durchführen zu dürfen.``

Ein Raunen ging durch die Menge. Wieso hatte er sich dieses Dorf ausgesucht? Sakak beantwortete die ungestellte Frage mit seinem nächsten Satz.

,,Ihr werdet euch fragen, weshalb ich dieses Dorf wählte. Nun, der Grund steht direkt vor mir. Icarus, Dawina, kommt ihr beide bitte zu mir?`` Sie folgten seinem Ruf und stellten sich links und rechts neben ihn. Icarus konnte ein Gefühl des Stolzes nicht unterdrücken.

,,Diese beiden Draks sind aus eurer Mitte. Sie haben viel in der Fremde erlebt. Einige unerfreuliche Dinge, aber auch Erfreuliches. Ich bin der Meinung, daß den Drak in der Vergangenheit zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, daß ihre Fähigkeiten nicht beachtet wurden. Dawina und Icarus sind ein neuer Anfang. Sie werden zur Zeit ausgebildet, um später der Gesellschaft zu dienen und anderen Draks helfen zu können, sie auszubilden und ihre Fähigkeiten in sinnvolle Bahnen zu lenken. Ich denke, ihr werdet viele Fragen an sie haben. Kador, könntest du mir jetzt eine Unterkunft zeigen?``


Kador und Sakak verließen den Platz, Ollnamo blieb bei Dawina und Icarus. Icarus stellte sich vor, wie Kador jetzt verzweifelt nach einer freien Unterkunft suchen würde. Es gab eigentlich immer leerstehende Hütten, nur waren diese häufig nicht im besten Zustand. Icarus hatte nicht mehr Zeit, darüber nachzudenken, denn er wurde - wie auch Dawina - von Fragen bestürmt. Er erzählte in Kurzform seine Geschichte, wie er sich verflogen hatte, die Parden gefunden hatte. Er erzählte auch, daß sie ihn belogen hatten, betonte aber, daß sie deswegen nicht gleich alle Parden verurteilen sollten.

Er erzählte dann nur, daß er falsche Dinge getan hatte. Welche, das verriet er nicht. Er sagte noch, daß ihm Dawina und Sakak geholfen hatten, den richtigen Weg wieder zu finden.

Dawina war offener, sie erzählte nicht nur, wie sie nach Arridos gekommen war, sondern sie berichtete auch über ihre schlimmste Tat. Icarus sah, wie die anderen zurückzuckten, als sie berichtete, wie sie fünf Parden ermordet hatte. Aber das war nur für kurze Zeit. Das Vertrauen in ihre Reue und das Wissen um ihr wahres Ich half ihnen dabei, sie dennoch nicht zu verurteilen.

Als Icarus das sah, gewann er genügend Selbstvertrauen, um direkt nach Dawinas Bericht seine Greueltat zu beichten. Er konnte nicht erzählen, weshalb er in den Lotanas eingedrungen war, er meinte dazu nur, er habe auf die falschen Leute gehört, aber er berichtete, wie er zwei Priester getötet hatte. Auch jetzt stellte er fest, daß ihn niemand verurteilte. Ja, er war zuhause.


Es wurde dunkel, die Menge zerstreute sich. Ollnamo fragte die beiden, ob sie denn Hunger hätten.

,,Natürlich!`` antwortete der immer hungrige Icarus und auch Dawina pflichtete ihm bei. Ollnamo erzählte den beiden, daß er, als er vom Besuch Sakaks erfahren hatte, sofort dafür gesorgt hatte, daß zwei Hütten bereit gemacht wurden. Er hatte es geschafft, dies unter einem Vorwand und ohne das Wissen Kadors durchzuführen. Als er nun Kador über die bevorstehende Ankunft unterrichtet hatte, hatte er ihn auch sofort darüber informiert, daß bereits Unterkünfte vorbereitet waren.

Sakak hatte aber darauf bestanden, daß nicht zu seinem Ehren irgendwelche Festessen stattfinden sollten, allerdings hatte er nichts dagegen gehabt, am ersten Abend von Ollnamo eingeladen zu werden, Hauptsache, es waren nicht zu viele Leute anwesend.

Sie gingen in Richtung Ollnamos Hütte, als ihnen auf halbem Weg Sakak in Begleitung von Kador über den Weg lief. Sakak freute sich über seine rustikale Unterkunft. Er meinte, es würde ihn an ein paar Jagden erinnern, an denen er teilgenommen hatte. Icarus bezweifelte, daß Sakak am morgigen Tag noch genauso begeistert sein würde, er jedenfalls befürchtete, auf diesen harten Matratzen kaum noch Schlaf finden zu können.


Icarus war das erste Mal in Ollnamos Hütte. Sie war, einmal abgesehen von der Kommunikationsanlage, kaum anders eingerichtet als die anderen Hütten. In der hinteren rechten Ecke befand sich sein Bett. Dem gegenüber an der linken Wand war die Kochstelle, an die Ollnamo gleich ging. Weiter vorne auf der rechten Seite stand ein großes Bücherregal, daneben ein Schreibtisch und die Anlage. Im vorderen Bereich stand ein Tisch, der schon für fünf Personen gedeckt war. Um den Tisch herum standen fünf Hocker. Ollnamo bat sie von der Küchenzeile aus, sich hinzusetzen, er müsse noch einige Vorbereitungen treffen.

Sie taten, wie es ihnen geheißen wurde. Kaum daß sie saßen, wollte Sakak von den beiden wissen, was sie denn nun empfinden würden, da sie jetzt wieder in ihrer alten Heimat seien.

,,Es ist schön``, antwortete Dawina. ,,Ich habe nach langer Zeit wieder das Gefühl, zuhause zu sein, geborgen zu sein.``

Icarus pflichtete ihr bei. ,,Es ist nicht nur das. Nichts gegen euch Parden, aber es ist erleichternd, mal wieder ein paar Draks zu sehen, abgesehen von dir natürlich``, fügte er mit einem zärtlichen Blick zu Dawina hinzu.

,,Ich habe auch nichts gegen euch Draks, aber es wäre bequemer, wenn eure Stühle Lehnen hätten``, meinte Sakak.

Dawina grinste. ,,Das wirst du nicht erleben. Kannst Du dir vorstellen, wie unbequem es für uns ist, wenn wir auf einem eurer Stühle sitzen müssen? Wenn wir uns zu weit nach hinten setzen, klemmen wir unsere Flügel ein, außerdem müssen wir darauf achten, die Flügel immer etwas auszubreiten, damit sie an den Seiten der Stühle vorbeireichen.``

,,Das Schlimmste sind aber diese Wagen. Es vergehen Minuten, bis ich es schaffe, in soetwas einzusteigen``, fügte Icarus hinzu.

,,Wir sind alle Lotas Geschöpfe, trotz der Unterschiede``, rief Ollnamo von der Küche aus herüber.

,,So ist es, und so soll es sein``, beantwortete Sakak automatisch die althergebrachte Formel.


Ollnamo hatte sich Mühe gegeben, ein Essen zuzubereiten, das sowohl Sakaks Wunsch nach etwas Einfachem entsprach, aber trotzdem keine Schlichtheit besaß. Die Drak aßen längst nicht jeden Tag Fleisch. Die Herden hätten viel zu enorm sein müssen, um sie alle täglich zu versorgen.

Zur Vorspeise gab es eine Okesisuppe. Sie schmeckte cremig, hatte aber auch den typischen, feinen Geschmack der Okesi behalten. Icarus liebte besonders die weißen, länglichen Stücke, von denen Ollnamo viele in der Suppe gelassen hatte. Auch Sakak schien es zu schmecken, wie Ollnamo befriedigt anhand seiner Eßgeschwindigkeit feststellte.

Zur Hauptspeise hatte er einen Auflauf aus verschiedenen Gemüsen zubereitet. Auch hier waren Okesi enthalten, zusätzlich Grandoni und als Basis die alleine etwas fade schmeckenden Hetaki. Darüber war eine Soße, die anscheinend hauptsächlich aus Randakäse bestand. Icarus fand, daß Ollnamo mit diesem Gemüse zusammen mit den Kräutern und Gewürzen ein Kunstwerk zubereitet hatte. Ihm hatte lange Zeit nichts mehr so gut geschmeckt.

Wie er nach dem Essen feststellte, hatten alle so empfunden. Ollnamo war glücklich darüber, versuchte aber, das Ganze hinter einer gleichgültigen Maske zu verstecken, was ihm komplett mißlang. Icarus und Dawina halfen, den Tisch abzuräumen. Ollnamo servierte dann zum Abschluß noch eine Flasche Gal, aus der sie nach alter Tradition einen Schluck nahmen und dann weiterreichten. Icarus fühlte sich an den Abend vor einem Jahr erinnert, als er vergeblich versucht hatte, seine Sorgen in Gal zu ertrinken.

,,Hast Du was?`` störte Dawina seine Gedanken.

,,Ich mußte nur an damals denken.`` Damals, das Wort klingt so weit entfernt. ,,Vor einem Jahr, da haben wir auch Gal getrunken, das war am Vorabend der Weihe.`` Als Icarus bewußt wurde, wem er das gerade auch gesagt hatte, kam nur ein ,,Ups`` über seine Lippen, und man sah die Scham in sein Gesicht steigen.

Ollnamo lachte. ,,Du erzählst mir nichts Neues. Das ist eine ganz alte Tradition fast überall. Wir wissen davon. Aber ihr seid dann schon so alt, daß ihr euch über die Folgen eures Tuns bewußt seid. Und ob ihr jetzt ein Tag früher oder später Gal trinken dürft, das ist doch nun wirklich egal.``

Icarus war erleichtert. Nun, er mußte ihm ja nicht erzählen, daß auch die Jüngeren mitgetrunken hatten, oder?

Sakak räusperte sich. ,,Da das Gespräch jetzt sowieso auf die Weihe hinausläuft, würde ich dich bitten, mir mehr über den genauen Ablauf zu sagen``, sprach er Ollnamo an. ,,Ich habe zwar ein paar Aufzeichnungen darüber gesehen, ich hätte aber die Informationen lieber aus erster Hand.``

Ollnamo antworte stolz: ,,Aber natürlich werde ich euch gerne informieren.``

,,Dann denke ich, wir sollten euch nicht dabei stören.`` Kador stand auf. ,,Kinder, folgt ihr mir?``


Sie wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht, dann verließen Kador, Icarus und Dawina die Hütte. Kador führte sie zu der Hütte, in der sie während ihres Aufenthalts übernachten würden. Er wünschte ihnen an der Tür eine gute Nacht, dann verließ er die beiden.

Sie traten ein. Verglichen mit ihrer Unterkunft im Camp war diese hier primitiv, an der Rückwand dieser relativ kleinen Holzhütte standen zwei Betten. Weiter zur Tür hin stand ein Tisch mit zwei Hockern davor. An der linken Wand standen zwei schmale Schränke. Es war primitiv, ja. Aber es erinnerte Icarus an die damalige Zeit, an das Glück, die Fröhlichkeit, die Unbeschwertheit. Es kam wie eine Idylle vor. Er sagte dies Dawina, die ihn angesprochen hatte, nachdem er den Eingang wie versteinert versperrt hatte.

Sie antwortete lachend: ,,Warte bis morgen. Nach einer Nacht auf diesen harten Betten wird dir der Gedanke an die Idylle recht schnell wieder vergehen.`` Ernst fügte sie hinzu: ,,Ja, aber du hast Recht. Ich hatte eben die selben Gedanken. Nun, was geschehen ist, ist geschehen. Und nichts kann es ungeschehen machen. Außerdem hat jede Sache auch ihre guten Seiten, man muß sie nur finden.`` Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: ,,Da wir gerade vom Finden sprechen. Hast du schon unsere Taschen gefunden? Ollnamo meinte doch, sie wären in die Hütte gebracht worden.``

Die Hütte war nicht groß, und es gab nicht gerade viele Stellen, an denen sich zwei Taschen befinden konnten. Dawina schaute unter die Betten, während Icarus zu den beiden Schränken ging. Er öffnete eine der Türen. ,,Hier sind sie! Das hier ist deine.`` Er öffnete den anderen Schrank. ,,Und hier ist meine Tasche.``

Dawina stand auf und ging zum offenen Schrank. Sie wollte sich gerade bücken, um ihr Waschzeug aus der Tasche zu holen, da fiel ihr Blick auf die anderen Dinge im Schrank. ,,Das sind meine Sachen! Das sind die Dinge, die ich zurückgelassen habe, als ich auf die Suche nach dir ging. Ich hätte nicht gedacht, daß sie sie aufbewahren würden, aber das ist eindeutig meine Weste, da ist der blasse Blutfleck an der linken Seite und die Bißspuren vom dem kranken Togaka, den wir damals auf dem einen Ausflug gefunden hatten. Was ist in deinem Schrank?``

Icarus sah sie an. ,,Es sind nicht meine Sachen, die hatte ich ja damals auf meinem Irrflug dabei, aber ich denke, daß sie mir passen. So, jetzt will ich aber ins Bett.`` Sprach's, nahm sein Waschzeug und verschwand aus der Hütte.

Dawina holte ihre Sachen ebenfalls aus der Tasche und folgte Icarus zum Waschhaus. Icarus war gerade dabei, seinen Zopf zu entflechten, als Dawina eintrat. ,,Wieso trägst du eigentlich kein Band in deinem Zopf? Das wollte ich eigentlich wissen, seitdem wir uns wieder begegnet sind.``

,,Welches Band hätte ich den tragen sollen? Das Band der Hirten hätte zu meiner Weihe gepaßt, aber ich hätte es nicht mit Stolz getragen. Das Band der Weihe habe ich noch über einen Monat lang getragen, aber irgendwann habe ich eingesehen, daß ich mich entscheiden muß. Ich habe mich dann dafür entschieden, lieber gar kein Band zu tragen, denn keins entsprach dem, was ich angestrebt habe, außerdem wurde ich zum Hirten geweiht, da kann ich schlecht ein anderes Band als dieses tragen. Kurze Zeit ...``, er stockte, ,,... bei den Nachtschatten ... Aber das ist eine andere Geschichte. Und wieso trägst du immer noch das Band der Jäger?``

,,Du hast es eigentlich selber schon gesagt. Ich habe die Weihe zur Jägerin mit Stolz empfangen. Als ich dich suchte, war ich praktisch auch auf der Jagd, wenn auch das ,Opfer` etwas anders war. Ich habe nie aufgehört, eine Jägerin zu sein.``


Auf ihrem Weg zurück, schaute Icarus verträumt in den sternenklaren Himmel. ,,Ich möchte da oben hin. Ich wollte schon immer einmal dort oben sein. Nachdem ich jetzt weiß, daß es andere dort oben gibt, gibt es nichts mehr, daß mich davon abhalten kann.``

,,Außer der Tatsache, daß wir es bisher noch nicht geschafft haben, dort oben hinzukommen``, meinte Dawina trocken.

Icarus grinste. ,,Jaja, bring mich wieder zurück in die reale Welt, auf den Boden der Tatsache. Ich weiß, daß es unmöglich scheint, aber trotzdem glaube ich, daß ich eines Tages Dabo von oben sehen werde.``


Als die beiden an diesem Abend in ihren Betten lagen, kreisten ihre Gedanken um soviele Dinge. Die Vergangenheit hatte sie eingeholt. Das merkte Icarus auch, als er am nächsten Morgen aufwachte. Er wachte vom Geräusch auf, daß Dawina machte, als sie die Hütte betrat.

,,Guten Morgen, Langschläfer!`` meinte sie gut gelaunt.

,,Jaja``, knurrte er mürrisch. ,,Du weißt genau, daß ich gerne lange schlafe.`` Er stand mit langsamen Bewegungen auf. Sein Blick fiel auf Dawina. Irgendetwas war anders, was, daß konnte er nicht sagen, dazu war er zu müde. Er ging schlurfend zu seinem Schrank, öffnete ihn und nahm sein Waschzeug heraus. Dabei fiel sein Blick auf die Lederkleidung, die im Schrank hing. Er drehte sich ruckartig um. Jetzt war ihm klar, was an Dawina anders ausgesehen hatte.

,,Du hast ja gar nicht deine normale Kleidung an!``

,,Was ist normal? Diese modernen, bunten Sachen passen zu der anderen Welt, sie gehören nicht hierher. Als ich heute morgen meine Sachen aus der Tasche nehmen wollte, fiel mir auf, wie unpassend sie hier sind. Da packte ich sie wieder zurück und zog das hier an.``

Sie zeigte an sich herab. Sie sah aus wie damals. Sie trug ein kurzes, naturfarbenes Lederkleid, um das sie einen dunklen Ledergürtel geschnürt hatte. Icarus konnte nicht genau sagen wieso, aber so wirkte sie anders, attraktiver, auf ihn.

Er ging zu seinem Schrank. Sein Blick fiel auf die Kleidung, die Ollnamo dort für ihn hatte hinhängen lassen. Er war sich nicht schlüssig. Er nahm erstmal nur sein Waschzeug und ging sich duschen. Dort traf er auf Monio, der sich gerade abduschte. Er ließ sein Handtuch fallen, stürzte auf Icarus, und umarmte ihn kameradschaftlich.

,,Hallo Icarus! Ich freue mich so, dich wiederzusehen! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was wir alle gedacht hatten, als du auf einmal verschwunden warst! Dich jetzt hier gesund zu sehen, daß hätte ich mir nicht mehr zu träumen gewagt. Du siehst gut aus, etwas dick, aber nicht unzufrieden.``

Icarus freute sich, daß Monio ihn so freudig empfangen hatte. Er hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, wegen seines Verschwindens, deswegen fragte er: ,,Seid ihr mir gar nicht böse? Das war meine größte Angst, als wir hierher geflogen sind.``

Monio antwortete unbekümmert. ,,Wieso sollten wir dir böse sein? Ollnamo hat uns nach dem Funkgespräch mit dir, das ihr vor ein paar Tagen geführt habt, erzählt, weswegen du uns nie benachrichtigt hast, er meinte, du wärst von ein paar Parden ausgenutzt worden, und das es nicht deine Schuld sei. Das reicht mir als Erklärung. Ich kenne dich, seitdem ich denken kann, ich weiß, daß du deine Probleme mit vielen Dingen hast, daß du aber auch zuverlässig bist, deswegen habe ich nie an dir gezweifelt, ich denke, niemand im Dorf hat gezweifelt.``

Icarus atmete erleichtert auf. ,,Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mich das erleichtert. Die ganze Zeit, die ich schon von diesem Verrat weiß, hatte ich immer diese schlechte Gefühl. Was hat Ollnamo eigentlich erzählt, was Dawina und ich jetzt machen?``

,,Er meinte, ihr würdet gründlich ausgebildet, um später unserem Planeten helfen zu können. Mehr hat er nicht gesagt.``

,,Das trifft es eigentlich auch recht gut. Sakak, der Sama, möchte in Zukunft dafür sorgen, daß es Drak leichter haben, die mehr wollen und können, als sie im normalen Dorfleben zeigen können. An uns beiden, Dawina und mir, möchte er sehen, ob seine Anstrengungen Erfolg zeigen. Wir lernen viel, es ist anstrengend, aber das Wissen entschuldigt für alles.``

Monio strahlte über das gesamte Gesicht. ,,Das freut mich für dich. So wie du darüber erzählst, hast du zum ersten Mal eine Sache gefunden, die dir wirklich Spaß macht. Ich hoffe, daß es ein Erfolg wird. Aber entschuldige mich, ich muß das Mittagessen für die Älteren vorbereiten. Ich habe übrigens Frühstück für dich zurücklegen lassen. Wenn du gleich zum Essen kommst, komm' zu mir in die Küche, ich geb' dir dann was.``

,,Danke! Ich komme gleich nach dem Duschen vorbei.``


Monio hatte sich während des Gesprächs weiter abgetrocknet, und seinen Zopf geflochten. In seinem Haar hing jetzt das hellrote Band der Verpfleger, die sich darum kümmerten, daß das Essen gekocht, das Brot gebacken und das Fleisch geschlachtet wurde. Nun zog er sich an, während Icarus unter der Dusche verschwand.

Viele Sachen gingen durch seinen Kopf, als er das warme Wasser an sich herabfließen ließ. Diese bedingungslose Offenheit, dieses Vertrauen, das hatte er vermißt. Er hatte sich so gefreut, daß sie ihn nicht ausgestoßen hatten. Er gehörte immer noch zu ihnen, das war ihm klar.

Nachdem er geduscht hatte, unterstrich er es, indem er sich ebenfalls die traditionelle Kleidung anzog. Ollnamo hatte gut geschätzt. Die Lederweste paßte, ebenso wie die Lederhose. Es war ein ungewohntes Gefühl auf der Haut. Schwerer, aber nicht unangenehm. Leider gab es in der Hütte keinen Spiegel, so konnte er sich nicht richtig betrachten. Er überlegte, ob er sich das Band der Hirten einflechten sollte, tat es dann allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Der einfachste war der, daß er gar kein blaues Band hatte. Wichtiger war jedoch, daß er einfach nicht wie ein Hirte empfand. Monio hatte es schon richtig ausgedrückt: Er hatte mit dem Lernen das erste Mal etwas gefunden, das ihm wirklich Spaß machte. Nun gab es jedoch dafür keine Zopfbänder, also konnte er sich keins einflechten.


Er ging in Richtung des Essensaals. Auf dem Weg dorthin traf er auf einige Clankameraden, die auf dem Weg zu ihrer jeweiligen Tätigkeit waren. Sie konnten nicht umhin, ihn allesamt zu umarmen und immer wieder zu betonen, wie froh sie doch waren, ihn wiederzusehen.

Als Icarus endlich angekommen war, atmete er innerlich auf. Nicht daß es ihm unangenehm gewesen war, aber langsam hatte es angefangen, nervig zu sein. Im der großen Hütte, in der sie morgens frühstückten, war es mittlerweile leer. Nur ein paar Jugendliche waren da, und räumten die letzten Reste der Nachzügler ab. Icarus ging gleich weiter in die Küchenhütte. Dort stand Monio an einem Tisch und schnitt ein paar Kräuter in einen großen Topf. Ein paar andere Drak wuschen das Geschirr ab oder putzten Gemüse.

,,Ah, da kommst du ja endlich. Ich hab' schon gedacht, du würdest gar nicht mehr kommen!``

,,Entschuldige, aber jeder Kamerad, dem ich auf dem Weg hierher begegnet bin, wollte mich drücken.``

Monio grinste mitfühlend. ,,Kein Problem. Dort hinten am Tisch habe ich alles aufgebaut, guten Appetit. Den Tee habe ich vorhin erst frisch aufgesetzt.``

,,Vielen Dank!`` Icarus ging zu dem kleinen Tisch, den Monio ihm gezeigt hatte. In einer Schale lagen vier Brötchen und mehrere Scheiben weißes Brot. In einer kleinen Schüssel war Butter, in zwei anderen Schalen war Fruchtcreme. Monio kannte immer noch Icarus' Vorlieben, er hatte verzichtet, ihm Käse oder anderes in der Art aufzutischen. Nicht, daß er soetwas nicht mochte, aber morgens brauchte er etwas Süßes, um den Tag gut angehen zu können.

Es schmeckte einfach hervorragend. irgendwie schien alles kräftiger, unverfälschter zu sein als im Camp. Als er endlich satt war, hatte er alle Brötchen und einen Großteil des Brotes aufgegessen. Monio staunte nicht schlecht über seinen Appetit, er meinte dazu: ,,Kein Wunder, daß du zugelegt hast.``

Als Icarus aufstehen wollte, meinte Monio nur kurz: ,,Moment. Wir sind jetzt fertig mit dem Abwasch des Morgens, du mußt dich schon selber darum kümmern, daß alles sauber wird. Nicht, daß du dich vor der Aufgabe drückst.``

,,Keine Angst, das hatte ich nie vor.`` Er grinste, damit Monio merkte, daß er dies in der Tat vorgehabt hatte.

Er nahm ein Tablett, und trug alles zusammen zur Spüle. Monio hatte den Korb mit dem Brot mitgenommen, er konnte die Scheiben für das Mittagessen verwenden.


Nach dem Abwasch verließ er die Küche, um sich auf die Suche nach Dawina zu begeben. Er fand sie schließlich nach langer Suche vor dem Quartier der älteren Frauen. Dort war sie ins Gespräch mit Mosada vertieft, die noch älter aussah als damals, aber immer noch Energie ausstrahlte. Sie bemerkten ihn erst, als er dicht vor ihnen stand. Die beiden saßen auf einer Bank und hatten sich zueinander gedreht. Mosada war die erste, die ihn bemerkte.

,,Icarus, mein Lieber. Komm', laß dich drücken!`` Er ließ sie gewähren, da er wußte, wie sie sich freute. Ihre Umarmung war schwach, jetzt aus der Nähe sah er, wie alt sie geworden war. Er nahm sich einen Hocker und setzte sich vor die beiden.

,,Ich freue mich so über euch beiden, daß ihr beide doch noch zueinander gefunden habt. Es war das beste, was euch geschehen konnte.`` In dieser Art ging es die nächste Zeit weiter. Sie erzählten, was sie so erlebt hatten, sie erzählte, was in der Zwischenzeit alles im Dorf geschehen war. Dies ging solange weiter, bis zwei Jugendliche vorbei kamen, und Mosada zum Essen begleiteten. Sie mußten sie dabei stützen, so schwach war sie geworden.

,,Sie ist alt geworden``, meinte Dawina, als sie aus der Hörweite verschwunden war. ,,Sie glaubt, sie wird ihren letzten Winter erleben, und ich glaube ihr.``

,,Es ist schade um sie.`` Icarus sah ihr nach. ,,Sie war so vielen Jugendlichen eine Hilfe. Aber irgendwann holt es einen immer ein, so ist die Natur.``

,,Gut, du hast schon Recht. Aber ich glaube, du siehst es mal wieder viel zu abgeklärt. Aber egal, was machen wir jetzt?``

,,Laß uns sehen, was Sakak macht, ansonsten könnten wir uns einfach umsehen.``


Dawina und Icarus machten sich zu Ollnamos Hütte auf, in der sie Sakak vermuteten. Sie hatten Recht. Nachdem sie angeklopft hatten, öffneten sie die Tür. Der Tisch war beiseite geräumt Sakak stand vor einem jungen Drak und ließ noch schnell etwas hinter seinem Rücken verschwinden. Ollnamo stand daneben.

,,Was möchtet ihr beiden?`` fragte Sakak.

,,Wir wollten nur sehen, was ihr beide macht und ob ihr uns vermißt``, antwortete Dawina.

,,Nein, nein, ihr könnt ruhig unternehmen, was immer ihr wollt. Ich bekomme gerade von Ollnamo beigebracht, wie ich die Zopfbänder zu übergeben habe. Nachher wollte ich mit ihm die Liste der zu Weihenden durchgehen, und er wollte mit mir die Rede durchgehen. Ich denke, ich werde den ganzen Tag beschäftigt sein. Zum Abendessen hat uns Kador eingeladen. Schaut zur Dämmerung hier vorbei, dann können wir gemeinsam dorthin gehen.``

Sakak schaute die beiden nocheinmal von oben nach unten an. ,,Ihr seht ungewohnt aus, aber es paßt zu euch. Jetzt sieht man, wie wenig euch von den anderen trennt.``

Sie verabschiedeten sich und verließen die Hütte. Als sie die Tür geschlossen hatten, meinte Dawina: ,,Findest du nicht auch, daß er uns regelrecht loswerden wollte?``

,,Ja, ich hab' auch so empfunden. Nun, er wird seine Gründe haben. Laß' uns lieber los, ich möchte etwas unternehmen.


Die beiden stiegen auf und umkreisten das Dorf. In einiger Entfernung konnten sie schließlich eine Gruppe Jäger finden, zu denen sie aufschlossen. Es waren acht. Drei Jäger mit Armbrust und fünf Treiber, die die Abusa ausmachen und treiben sollten. Dawina fragte, ob sie sich beteiligen dürfe. Der Gruppenführer hatte nichts dagegen, zumal er wußte, daß Dawina eine exzellente Schützin war. Icarus gesellte sich zu den Treibern.

Gemeinsam flogen sie, bis sie eine grasende Herde von über einhundert Tieren auf einer großen Lichtung entdeckten. Die Schützen landeten in den Baumwipfeln am Rand der Lichtung und versteckten sich in den Ästen. Die Treiber umrundeten die Lichtung, so daß die Abusa Witterung aufnehmen mußten. Tatsächlich schreckten sie hoch, als sich ihnen die sechs Treiber näherten. Das Leittier richtete seinen Hals steil auf. Der kleine Kopf zuckte nervös zu allen Seiten. Als er die Gruppe bemerkte, krächzte er den Warnruf. Sofort stellten alle das Grasen ein, und liefen so schnell, wie ihre beiden Beine sie trugen. Die Treiber hatten nun eine wichtige Aufgabe. Sie mußten dafür sorgen, daß möglichst viele Tiere zu den Bäumen getrieben wurden, in denen sich die Schützen versteckten.

Immer wieder mußten sie seitliche Scheinangriffe fliegen, um die Richtung des Rudels zu korrigieren. Die Abusa wackelten hilflos mit ihren nutzlosen Flügeln, die sie schon lange nicht mehr trugen.

Kurz vor den Bäumen stiegen die Treiber hoch auf. Kurz danach flogen die Pfeile aus den Armbrüsten in die Herde. Sieben von ihnen wurden getroffen und stürzten zu Boden. Die anderen stoben zwischen den Bäumen davon.

Die Schützen sprangen zu Boden und beendeten die Leiden der Tiere durch schnelle Halsschnitte. Sie weideten sie aus, dann luden sie sie auf ein paar Transportnetze, die sie mitgenommen hatten. Jeweils zwei Drak nahmen ein Netz zwischen sich und flogen zu ihrem Heimatdorf. Zwei Drak blieben zurück, um aufzupassen, daß keine Togaka kamen, die gerne tote Abusa fraßen. Lebende konnten sie nicht anfallen, dazu waren sie zu klein und nicht schnell genug.

So kam es, daß Dawina und Icarus gemeinsam ein Abusa in ihr Dorf flogen.

Sie lieferten es vor der Küchenhütte ab. Dann flogen sechs der Jäger zurück, um die restlichen Tiere zu holen. Die anderen verluden die Kadaver ins Innere der Küche. Monio und ein paar andere Draks holten sofort ihre Messer, und begannen damit, die Tiere zu zerlegen.

Es war noch nicht Dämmerung, also flogen Icarus und Dawina weiter. Sie überflogen die Gegend, und irgendwann trafen sie auf eine Herde Randa. Sie landeten in der Nähe des Hirten, es war Argo, der, der Icarus hätte ausbilden sollen. Er saß auf einem umgestürzten Baumstamm und betrachtete die Herde.

,,Hallo Icarus, schön dich zu sehen.`` Argo war wortkarg wie immer. Er schaute wieder auf seine Herde. Icarus sah Dawina fragend an. Sie zuckte mit den Schultern. Gerade, als Icarus einen weiteren Versuch machen wollte, ihn anzusprechen, sprach er weiter.

,,Hab' dich vermißt, hatte geglaubt, du wärst von 'nem Tier angefallen worden. Ollnamo hat mir gesagt, was du jetzt machst, ist wohl besser so.``

Sie saßen noch ein paar Minuten schweigend nebeneinander auf dem Baumstamm. Die Dämmerung kam, die beiden brachen auf. Sie wünschten Argo einen schönen Abend, er wiederum grummelte etwas Undefinierbares zurück.

,,Ein komischer Kerl``, meinte Dawina außerhalb seiner Hörweite, als sie bereits einige Zeit geflogen waren. ,,Wer weiß, wie du geworden wärst, wenn du ihn dauerhaft um dich herum gehabt hättest.``

,,Grummel ...``, antwortete Icarus mit einem Grinsen im Gesicht. Dann fing er an zu lachen.


Sakak und Ollnamo waren bereit zum Aufbruch, als sie dort ankamen. Gemeinsam gingen sie sofort weiter zu Kadors Hütte.

Auch diese Hütte hatten die beiden noch nie von innen gesehen. Sie erinnerte an Ollnamos Hütte. Außer diesen beiden hatte niemand eine eigene Hütte, jeder andere teilte sie mit jemand anderem. Aber dies geschah nicht nur aus Luxus, sondern sowohl Ollnamo als auch Kador hatten Entscheidungen zu treffen und brauchten ihre Ruhe, um arbeiten zu können.

Kador hatte nicht selber gekocht, er hatte keine Kochstelle in seiner Hütte, er hatte in der Küche das Essen zubereiten lassen. Es gab Geschnetzeltes aus Abusafleisch, das er zusammen mit Grandoni servierte.

Das Fleisch stammte aus der Jagd, bei der Icarus und Dawina am Nachmittag geholfen hatten.

,,Dank der Mithilfe von Dawina und Icarus bei der heutigen Jagd, haben die Jäger mehr Tiere erlegt, als sie geplant hatten, deswegen habe ich es mir erlaubt, etwas davon für unser Essen verwenden zu lassen. Noraka hat mir erzählt, Dawina, du hättest zwei Abusa mit sehr präzisen Armbrustschüssen erlegt. Ich konnte ihr richtig ansehen, wie sie etwas traurig darüber war, daß du nicht ständig zu ihrer Jagdgruppe gehörst.``

Icarus sah, wie Dawina Kadors Lob fast schon etwas peinlich war. Sie war eine gute Jägerin, sie hatte aber lange keine Übung mehr gehabt, deswegen relativierte sie sein Lob.

,,Es waren Glückstreffer. Wenn ich mehr üben würde, wäre ich konstant gut.``

Sakak meldete sich zu Wort. ,,Ich wußte gar nicht, daß du überhaupt so gut mit einer Waffe umgehen kannst. Ich werde nach unserer Rückkehr dafür sorgen, daß du üben kannst.`` Er wendete sich Icarus zu. ,,Und wie sind deine Kenntnisse?``

Als Icarus nicht wußte, was er darauf antworten sollte, fiel Dawina ein. ,,Er hat mich ein paar Mal geschlagen, ihm fehlt es aber an der Konstanz. Er ist mal richtig gut, ein anderes Mal ist er erbärmlich.``

Als Icarus widersprechen wollte, meinte sie nur: ,,Soll ich dich an den Walona erinnern?``

Icarus grinste. ,,Ich habe ihn mit einem Schuß erlegt und ein Walona ist nicht gerade groß.``

,,Aber du hattest auf den Baumstamm gezielt, der ein paar Schritte weiter rechts stand.``

Sie lachte, die anderen fielen ein. Icarus war dies ein wenig peinlich, er grinste aber mit.

,,Du warst sicherlich nicht mit voller Konzentration bei der Sache``, vermutete Ollnamo. ,,Das war schon immer dein Problem gewesen.``

,,Ich denke, in dieser Richtung hat er dazugelernt. Ich werde euch beide weiter informieren, ob er Dawina schlagen kann.``

,,Danke Sakak, wir werden es mit Spannung verfolgen, nicht wahr, Kador?`` Er pflichtete ihm bei. Jetzt fiel Icarus erst auf, daß alle drei in einem recht lockeren Ton miteinander sprachen. Anscheinend hatte Sakak dafür gesorgt, daß die beiden ihn jetzt wie jemand Gleichrangigen betrachteten. Das merkte Icarus endgültig an Kadors folgenden Satz.

,,Ich wette, daß Icarus nach zwei Monaten Übung Dawina regelmäßig schlägt. Hältst du dagegen, Sakak?`` Vorsichtig fragte er nach: ,,Ihr dürft doch wetten, oder ist dies den Sama verboten?``

,,Ich werde die Wette nicht halten, nicht weil ich nicht wetten dürfte, wir Sama dürfen einiges nicht, was andere Priester dürfen, aber wir wissen uns eigentlich immer zu helfen. Wetten ist uns nicht verboten, aber ich werde nicht dagegen wetten, denn ich glaube, daß Icarus mit der richtigen Motivation fast alles schaffen kann.``

Icarus, dem das Ganze nun wirklich peinlich wurde, versuchte abzulenken. ,,Was dürfen denn die Sama nicht?``

Mit einem ,,das müßtest du eigentlich wissen``-Blick antwortete Ollnamo für Sakak. ,,Die Sama dürfen keine Familie haben und keinen Nachwuchs zeugen. Dies soll dafür sorgen, daß nicht aufgrund von Familienabhängigkeiten entschieden wird, wer Sama wird, sondern nur aufgrund der Leistung.``

,,Das wußte ich nicht. Ist das nicht einsam, so ohne eine Frau?``

Sakak lachte. ,,Wer hat denn gesagt, daß ich keine Frau habe? Sicher, wir dürfen nicht heiraten und wir dürfen niemanden mit nach Zhad bringen, aber nirgendwo steht geschrieben, daß wir nicht unseren Spaß haben dürfen. Ich habe eine Partnerin in einem kleinen Dorf bei Arridos. Ich sehe sie leider viel zu selten, gerade einmal so sechs oder sieben Tage im Monat, aber es macht immer Spaß mit ihr.``

Icarus schaute verdutzt.

,,Wieso wunderst du dich? Ich bin auch nur ein normales Lebewesen und folge meinen Trieben. Ich bin alleine mit dieser Ansicht. Fast alle der Sama haben einen Partner auf Burmasa. Wir brechen nicht das Gesetz, denn sie wohnen ja nicht mit uns zusammen, wir sind nicht offiziell verbunden, außerdem haben sie keinen offiziellen Anspruch auf irgendwelche Leistungen. Ich habe sogar eine Tochter, Sirina. Sie ist etwa so alt wie ihr beiden. Sie ist sehr intelligent und ich bin wirklich stolz auf sie.``

Ollnamo mußte wohl etwas verwundert ausgesehen haben, deswegen fügte Sakak hinzu: ,,Wieso wunderst du dich Ollnamo? Was wäre denn, wenn wir unsere Triebe unterdrücken würden? Wir wären unausgeglichen und unzufrieden, und das wäre sicherlich nicht gut für unsere Entschlüsse, die ja schließlich über unseren Planeten entscheiden. Hattest du denn nie eine Partnerin?``

,,Ich hatte niemals eine feste. Wir Draks leben normalerweise nicht mit jemandem zusammen, das ist nicht unsere Art. Ich hatte meinen Spaß - damals. Jetzt bin ich dessen müde.``

,,Nun, du mußt wissen, was du tust und es muß dir Spaß machen, das ist das Einzige, was wichtig im Leben ist. Wenn du so glücklich bist, freut mich das für dich.``


In dieser Nacht liebten sich Icarus und Dawina. Sie hatten sich in ihrer Hütte ausgezogen, um ins Bett zu gehen, da fiel Dawina über Icarus her und küßte und liebkoste sie an seinen wichtigsten Stellen. Dann vereinten sie sich.

Später lagen beide getrennt in ihren Betten. Als sie das Licht gelöscht hatten, flüsterte Dawina noch leise zu Icarus: ,,Unsere Kameraden tun mir leid. Auf diesen harten Betten ist es doch unmöglich, zusammen zu schlafen.``

,,Vielleicht ist das einer Gründe, weshalb keine Paare zusammenleben, sondern Kollegen?``

,,Keine Ahnung. Gute Nacht, Icarus. Ich werde dich morgen früh aufwecken, damit du nicht zu spät zur Weihe kommst.``

Icarus fauchte. ,,Danke schon einmal im Voraus, aber eigentlich würde ich viel eher aufstehen, wenn ich aufwache.``


Es war ein warmer Tag, die Sonne stand steil am Himmel, keine Wolke war zu sehen. Icarus flog über die Wälder. Da kam Dawina angeflogen, sie hatte nichts an, genausowenig wie Icarus, wie er gerade feststellte. Sie näherte sich ihm und wich jedesmal zurück, wenn er sich ihr zu stark näherte. Er dachte sich eine List aus. Er tat so, als ob sie ihn nicht interessieren würde und schaute an ihr vorbei. Als sie sich ihm näherte, griff er plötzlich ihre Hand, zog sie zu sich heran. Er nahm ihre andere Hand und zog sie damit immer näher an sich heran. Etwas Kaltes floß seinen Nacken herab.

Icarus wachte auf. Das Gefühl der Kälte im Nacken blieb. Dawina kicherte, als er seinen Kopf umdrehte und sie mit einem kleinen Krug in der Hand sah. Er mußte nicht lange raten, um zu wissen, was sich wohl in dem Krug befand.

,,Das werde ich dir nie verzeihen``, knurrte er. ,,Ich hatte einen so schönen Traum.``

,,Ist mir egal, oder hast du von mir geträumt?`` Sie grinste.

,,Ja, und ich hatte dich gerade erobert.``

,,Du hast mich doch schon längst erobert, also war der Traum unnütz. Wenn du nicht jetzt aufstehst, verpaßt du das Frühstück.``

,,Ich hab's auch zur letzten Weihe verpaßt.``

Dawina streichelte sanft seinen Nacken, zog die Hand kurz zurück und goß den gesamten Inhalt des Kruges auf seinen Kopf.

Icarus schrie und sprang auf, Dawina war zur Tür geflüchtet. Als er sie erreicht hatte, lachte sie auf. ,,So, jetzt bist du wenigstens aufgestanden, und naß bist du auch. Jetzt kannst du auch noch den Rest waschen.``

Icarus fauchte sie noch einmal an, dann grinste er auch. In der Dusche war erheblich mehr los als gestern. Besonders die Jugendlichen, die heute geweiht werden würden, liefen hektisch umher. Icarus mußte ein paar Minuten warten, bis eine Dusche frei wurde, er wußte schon, weshalb er immer später gekommen war.


Auf dem Weg zurück traf er auf Dawina, die nicht mehr länger warten wollte. Er konnte sie dann allerdings doch noch dazu überreden, mit dem Frühstück zu warten, bis er sich umgezogen hatte.

Die Hektik, die er auch schon in der Dusche verspürt hatte, schien sich beim Frühstück noch weiter gesteigert zu haben. Es war nicht einmal so sehr das hektische hin- und hergelaufe. Nein, es waren die lauten Gespräche.

Dawina und Icarus gingen zu den Tischen, auf denen das Frühstück stand. Die Schlange davor schien Icarus nicht besonders lang zu sein. Vielleicht lag es an der Aufregung, daß viele nicht aßen, oder aber er zog unterbewußt Vergleiche mit dem Camp, wo der Frühstückssaal erheblich größer war und dementsprechend auch die Schlangen.

Er nahm sich ein Tablett und belud es mit einem Teller, einer Tasse und dem nötigen Besteck. Auf das Tablett legte er drei Brötchen und zwei Scheiben Brot. Den Teller garnierte er mit vier verschiedenen Sorten Fruchtcreme, ließ aber noch genügend Platz für die Butter und eine Ecke zum Schmieren.

Dawina hatte einen etwas anderen Geschmack. Sie nahm sich keine Brötchen, sondern dunkles Brot, dazu viel Käse. Icarus hatte es nie verstanden, wie man am Morgen schon Käse essen konnte, aber es hatte einen Vorteil: Wenigstens aß sie ihm so nicht seine Sachen weg.

An einem langen Tisch fanden sie an der Ecke noch zwei freie Plätze. Heute wurden sie nicht mehr so besonders beachtet, es gab ein wichtigeres Thema: die Weihe. Die Jugendlichen sprachen darüber, was sie wohl werden würden, wenn sie in ein paar Jahren geweiht werden würden. Die Anwärter der Weihe waren aufgeregt, was die Alten sich wohl für sie ausgedacht hatten, und die Älteren erzählten sich Geschichten darüber, wie es damals gewesen war.


Nach dem Frühstück gingen die beiden zuerst zum Zeichen Lotas, dort, wo die Weihe stattfinden würde. Wie Icarus später Dawina sagte, war es seiner Meinung nach ein Fehler gewesen. Denn kaum daß sie angekommen waren, mußten sie schon beim Aufbau mithelfen. Es waren noch nicht alle Bänke aufgestellt worden, außerdem fehlten noch ein paar Tische für das große Essen.

Sie waren mitten im Aufbau, als Ollnamo auf dem Weg zu den Anwärtern vorbeischaute. Er ging zu den beiden und bat sie darum, sich in die zweite Reihe, direkt hinter die Anwärter zu setzen.

Sie hätten kaum später fertig sein dürfen, denn nur wenige Augenblicke, nachdem der letzte Tisch stand, kam Ollnamo schon mit der Mädchengruppe an. Er führte sie zu den Plätzen in der ersten Reihe. Dann brach er auf, um die Jungen zu holen.

Die beiden setzten sich entsprechend Ollnamos Wunsch in die zweite Reihe, direkt am Mittelgang. Kurze Zeit darauf führte er auch die Jungen an ihren Platz.

Es hatten sich mittlerweile alle Dorfbewohner eingefunden, abgesehen natürlich von denjenigen, die sich um die Verpflegung zu kümmern hatten. Kador und Sakak saßen auf Hockern neben den Bänken der ersten Reihe.

Ollnamo trat an den Altar und führte die Huldigung Lotas durch. Dann erzählte er wie jedes Jahr die Schöpfungsgeschichte. Während der Erzählung dachte Icarus: ,,Wenn du wüßtest ...``, und mußte grinsen. Dawina mußte anscheinend ähnliches empfinden, denn auch sie hatte ein leichtes Grinsen im Gesicht.

Dann durchbrach Ollnamo die Tradition.

,,Liebe Freunde! Die diesjährige Weihe wird anders sein, als alle Weihen zuvor. Voller Stolz darf ich verkünden, daß Sakak, einer der Sama, in diesem Jahr die Weihe durchführen wird. Weshalb, daß wird er euch jetzt selber erläutern.``

Sakak trat vor, während sich Ollnamo setzte.

,,Freunde, ihr führt ein gutes Leben. Ihr habt eine intakte Gemeinschaft, ihr haltet zusammen und ihr habt immer genug zu essen. Die meisten von euch sind mit dieser Situation völlig zufrieden. Es gibt jedoch immer wieder einige, denen das nicht genug ist, die unzufrieden sind. Vielleicht sind sie unzufrieden, weil sie sowieso mit sich in Unfrieden leben, jedoch gibt es einige, die mehr möchten und auch mehr können.`` Er warf einen Blick auf Icarus.

,,Ich habe es mir zur Aufgabe gesetzt, solchen Drak dabei zu helfen, mehr aus ihrem Leben zu machen. Damit ich euch richtig verstehe, eure Gedanken, eure Wünsche, möchte ich mir einen Überblick über euer Leben verschaffen. Die Weihe ist eines der Schlüsselerlebnisse in eurem Leben, vielleicht sogar das Schlüsselerlebnis überhaupt. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, heute an diesem Ort, an dieser Stelle zu sein. Aber nun genug der Worte, laßt uns beginnen.``

Die Anwärter standen auf und bildeten eine Reihe in Blickrichtung zu den Dorfkameraden. Sakak stellte sich vor den ersten, Ollnamo stand daneben, den Beutel mit den Zopfbändern in der Hand. Sakak drehte sich noch einmal halb zum Publikum um und meinte formlos: ,,Ich habe gestern den ganzen Tag die Namen, die Farben und die Kommentare geübt, aber bitte vergebt mir trotzdem, wenn ich einen Fehler machen sollte.``

Aber Sakak machte keine Fehler. Er sprach zu den Jugendlichen, so als ob er nicht irgendein Außenstehender, sondern der Dorfpriester persönlich wäre. Die Worte, die er sprach, klangen natürlich und waren voller Freude, es machte ihm offenbar Spaß, fand Icarus.

Nachdem er beim Letzten angekommen war und ihn geweiht hatte, erklärte er die Weihe noch nicht für beendet, stattdessen drehte er sich um und sprach: ,,Die Weihe ist noch nicht ganz zuende. Wie ich vorhin schon sagte, möchte ich den Drak helfen. Wir haben hier zwei unter uns, die zu meinem Projekt gehören, es praktisch erst möglich gemacht haben. Icarus und Dawina, kommt ihr bitte nach vorne?``

Die beiden traten vor, ohne zu wissen, was Sakak vor hatte. Er sprach weiter. ,,Ihr beide werdet in Zukunft anderen Drak helfen, dies wird also eure zukünftige Beschäftigung sein. Wenn ich aber auf eure Zopfbänder sehe, muß ich feststellen, daß du, Dawina, eine Jägerin bist und du, Icarus, anscheinend gar nichts kannst. Nun, ich denke wir müssen diesen Zustand ändern. Hiermit möchte ich eine neue Beschäftigungsart, eine neue Zopfbandfarbe einführen.``

Ollnamo reichte ihm zwei gelbe Zopfbänder. ,,Diese gelben Zopfbänder stehen für die Berufung der Ausbilder, die anderen Drak helfen sollen, ihre Zukunft zu meistern.``

Er band Dawina und Icarus die gelben Bändern in den Zopf und sprach: ,,Ihr seid ab jetzt Ausbilder.``

Voller Stolz sprachen beide zusammen: ,,Ich danke für die weise Wahl.`` Und diesmal waren es für Icarus keine leeren Worte, diesmal war er wirklich stolz.

Er bekam kaum mit, daß inzwischen Kador nach vorne getreten war und verkündet hatte, daß jetzt das Festessen beginnen würde. Erst Sakak riß ihn aus seinen Gedanken. ,,Ich hoffe, ich habe euch überrascht?``

,,Und ob! Vor ein paar Tagen kommst du einfach vorbei, fragst, ob wir Lust auf einen kleinen Ausflug haben, und plötzlich stehen wir hier und werden geweiht. Wenn ich dir nicht so dankbar deswegen wäre, würde ich dich am liebsten mit dem Schwanz erschlagen.`` Icarus grinste über das ganze Gesicht und unterstrich damit, daß er dies natürlich niemals tun würde. Stattdessen breitete er seine Arme aus und riß Sakak an sich und flüsterte: ,,Danke.``

Kurz nachdem Icarus ihn losließ, wurde er auf einmal von hinten gepackt. Dawina riß ihn zu sich herum, umarmte ihn und gab ihm einen dankenden Kuß auf die Wange. Sakak wirkte gerührt, und um davon abzulenken, rief er halblaut: ,,Will mich sonst noch jemand umarmen?``

Lachend gingen sie zu den Sitzbänken, wo Ollnamo extra drei Plätze direkt neben ihm freigehalten hatte. Auch in diesem Jahr hatten alle wieder ihr bestes gegeben, um dieses Fest zu einem Ereignis werden zu lassen. Als Icarus ein weiteres Mal aufstehen wollte, um sich erneut Essen nachzunehmen, tätschelte Dawina sanft seinen Bauch. Dies reichte, um ihn zum Sitzenbleiben zu überreden. Als Dawina aufstand, bemerkte Icarus: ,,Ich darf nicht mehr, aber du nimmst dir schon wieder etwas?``

Wortlos stand sie auf und kehrte wenig später mit zwei Schalen voll mit Dindikompott wieder. Sie meinte: ,,Ich wollte doch dafür sorgen, daß du noch ein bißchen hiervon probieren kannst, ich weiß doch, daß du Dindis so gerne magst.``


Das Essen dauerte noch bis in den Nachmittag. Dann sammelten die Bereichsleiter ihre neuen Schützlinge ein. Auch Sakak stand auf, und bat die beiden, ihm zu folgen. Gemeinsam gingen sie zu seiner Unterkunft.

Sie unterschied sich in nichts von der Hütte, in der Dawina und Icarus übernachteten. Er bat die beiden, sich an den Tisch zu setzen. Als alle drei saßen, fing er an zu reden. ,,Wir sitzen hier, weil ich euch etwas über eure erste Aufgabe erzählen möchte. Ich weiß, ihr seid noch mitten in der Ausbildung, aber diese Sache könnt ihr schon heute erledigen und sie duldet auch leider keinen Aufschub. Dies wird eine Aufgabe sein, die weniger mit eurer neuen Berufung zu tun hat, sondern mehr mit der Tatsache, daß ihr Draks seid und ich euch vertrauen kann.``

Dawina wurde neugierig, sie fragte: ,,Und worum geht es?``

,,Leider leben nicht alle Clans so im Einklang miteinander wie euer. Es gibt einen Clan im Osten, der von einem Händler aufgewiegelt wurde. Der Händler hat sie mit Waffen versorgt und plant anscheinend irgendetwas gefährliches. Was, das wissen wir nicht, genausowenig, wie wir wissen, um welchen Händler es sich handelt. Diese Informationen sind die einzigen, die wir vom Dorfpriester erhalten haben. Er sendete noch einmal einen Notruf, als sie seine Unterkunft stürmten, dann verstummte er. Das war vor sechs Tagen. Wir vermuten, daß der Händler die Drak dazu benutzen möchte, eine Aktion gegen unsere Gemeinschaft durchzuführen. Nach den Informationen des Dorfpriesters ist die Anzahl der Waffen enorm. Es handelt sich dabei durchweg um Sturmgewehre, wie sie die Katak besitzen.``

,,Wieso stürmt ihr nicht einfach das Dorf? Dann sind die Waffen wieder in sicheren Händen``, meinte Icarus.

,,Aus zwei Gründen. Da kein Diebstahl dieser Waffen gemeldet wurde, kann es nur sein, daß der Händler die Waffen in einer illegalen Fabrik herstellt. Wenn wir also das Dorf stürmen, können wir zwar diese Waffen aus dem Verkehr ziehen, er kann jedoch ständig neue herstellen. Der andere Grund liegt auch auf der Hand. Wenn wir das Dorf stürmen, wird es zu einem schweren Feuergefecht kommen. Zwangsläufig wird es zu vielen Toten auf beiden Seiten führen, das kann nicht unser Ziel sein. Zumal wir vermuten, daß der Priester und andere, die gegen diesen Plan sind, irgendwo eingesperrt sind. Möglicherweise würden diese dann zuerst erschossen, oder aber als Geiseln mißbraucht.``

,,Hmm ...``, war alles, was Dawina dazu sagte.

,,Es gibt praktisch nur eine Möglichkeit: Ihr beide schleicht euch in das Dorf ein. Ihr könnt zum Beispiel behaupten, vor der Weihe geflohen zu sein, und jetzt Schutz in ihrem Dorf zu suchen. Wenn ihr im Dorf seid, müßt ihr versuchen, herauszufinden, was sie vorhaben. Außerdem solltet ihr in Erfahrung bringen, wo die Geiseln sind und schließlich, das ist wohl das Wichtigste, ihr müßt den Namen des Händlers herausbekommen, der die Waffen geliefert hat. Wer weiß, was für schlimme Sachen ansonsten geschehen werden.``

,,Und was geschieht dann?`` wollte Dawina wissen.

,,Nun, der Händler wird natürlich festgenommen und wir werden versuchen, ihn davon zu überzeugen, daß er falsch gehandelt hat. Die Waffen und die Fabrik werden zerstört. Die meisten Drak jedoch sind wahrscheinlich an der Sache praktisch unschuldig, deswegen werden sie nichts zu befürchten haben. Die Anführer jedoch, die werden sich zu rechtfertigen haben. Wenn sie aber ihre Fehler eingestehen, werden auch sie keine Konsequenzen zu tragen haben, das verspreche ich euch.``

Sakak fragte sie, ob sie diesen Auftrag annehmen wollten. Die beiden baten um etwas Bedenkzeit. Sie gingen hinaus und stiegen auf. Dort oben, unter freiem Himmel kamen sie schließlich zu einem Ergebnis. Das Versprechen Sakaks, daß niemandem etwas geschehen würde, überzeugte die beiden davon, diesem Auftrag zuzustimmen.

Sakak war sehr froh, als er davon hörte.


Am nächsten Morgen, kurz nach dem Frühstück, flogen sie los. Der Abschied war lange und herzlich gewesen. Icarus und Dawina merkten, daß sie trotz allem, was geschehen war, immer noch zum Dorf gehörten und sie immer noch mit ihm verbunden waren. Sie freuten sich darauf, bald wieder vorbeischauen zu können.


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